Ist Naturalismus widerspruchsfrei vertretbar? Ein philosophisches Gedankenexperiment
In der traditionellen und zurzeit neu aufflammenden Debatte zwischen selbsternannten Verfechtern von Religion und Wissenschaft geht es um Erklärungsansprüche und die Deutungshoheit über die Welt. Da stehen auf der einen Seite die scheinbar modernen Menschen, die sich in aufgeklärter Bescheidenheit selbst „die Gescheiten“ nennen; auf der anderen die scheinbar noch im geistigen Mittelalter lebenden „Supers“, die sich einfach nicht mit dem zufriedengeben wollen, was ihnen die Naturwissenschaft bietet, also „super“ (lat. darüber, darüber hinaus) sind.
Auf der Homepage von The Brights erfahren wir gleich an erster Stelle, dass ein Gescheiter ein naturalistisches Weltbild hat. Daneben blinken die Konterfeis von ein paar besonders Gescheiten, beispielsweise von Daniel Dennett, einem US-Philosophen, oder Steven Pinker, einem US-Kognitionswissenschaftler. Die Frage, was man hier unter Naturalismus versteht, wird jedoch nicht beantwortet. Es muss aber schon eine sehr schlaue Weltsicht sein, wenn sie von so gescheiten Menschen vertreten wird.
Hierzulande vertritt beispielsweise der Philosoph Michael Schmidt-Salomon mit seinem Evolutionären Humanismus ein naturalistisches Weltbild. Vertreter dieser Sicht „gehen vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Forschung von einem Bild des Kosmos aus, in dem 'alles mit rechten Dingen zugeht', in dem es keine metaphysischen Fabelwesen gibt“, erklärt er (S. 55). Wer von dieser Haltung abweicht, für den sieht es offenbar schlecht aus, nimmt er doch an, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht, manches also mit falschen Dingen zugeht – und wer will das schon?
So viel Realismus wie möglich, so wenig Metaphysik wie nötig. (Harald Lesch, 12. September 2009)
Natürlich ist – wie könnte es sonst sein – auch unter Philosophen umstritten, was Naturalismus bedeutet. Mit wechselnden Anteilen versteht man darunter die Ablehnung von Religion, einen Realismus, einen Physikalismus und ein Bekenntnis zu den Verfahren der Naturwissenschaft. In einem Vortrag des Münchner Physikers Harald Lesch, Moderator der ZDF-Sendung Abenteuer Forschung, habe ich am Wochenende diese Formel gehört: So viel Realismus wie möglich, so wenig Metaphysik wie nötig.
Unter Realismus versteht man hier die Annahme, es gebe eine von uns unabhängige Außenwelt. Die Wirklichkeit ist dann nicht von Geschichte, Kultur und den nach Erkenntnis suchenden Lebewesen in ihr abhängig, sondern eben so, wie sie ist – und wie sie ist, das verrät uns nach Meinung der meisten Naturalisten am besten die Naturwissenschaft. So weit so gut. Tatsächlich wird der Naturalismus aber oft noch stärker vertreten, nämlich mit einem Alleingeltungsanspruch. Dann wird so getan, als hätten allein die Methoden der Naturwissenschaft die Erkenntnis gepachtet. Wer sich nicht auf Naturwissenschaft beruft, der braucht dann gar nicht mehr mitzureden, ist doch von vorneherein klar, dass er sich irren muss. Untersuchen wir daher einmal die folgende, starke Annahme:
(1) Wir lassen nur solche Annahmen zu, die sich zumindest prinzipiell naturwissenschaftlich überprüfen lassen und dieser Überprüfung standhalten.Als kritisch denkende Menschen hätten wir aber auch hierfür gerne eine Begründung. Auf den ersten Blick bietet sich dafür der bereits geschilderte Alleingeltungsanspruch an, denn wieso sollten wir (1) annehmen, wenn es noch andere erkenntnisstiftende Verfahren gibt?
(2) Nur naturwissenschaftliche Verfahren stiften Erkenntnis, das heißt, sie sind der einzige Weg, Wissen von der Welt zu erlangen.
Davon abgesehen, dass diese Annahme im Licht unserer Lebenswelt intuitiv völlig unplausibel ist, da wir ständig Wissen über uns und unsere Umwelt zu erhalten und zu verwenden glauben, auch ohne dass wir naturwissenschaftlich vorgehen müssten, fragen wir im Interesse des Arguments, wie sich (1) und (2) zueinander verhalten.
Wenn wir (1) mit (2) begründen und deshalb (1) gilt, dann müssen alle Annahmen, also auch (2), naturwissenschaftlich überprüfbar sein (zumindest prinzipiell). Wie könnten wir aber naturwissenschaftlich herausfinden, ob (2) stimmt, ob also nur naturwissenschaftliche Verfahren erkenntnisstiftend sind? Wir müssten zunächst einmal wissen, wie die Welt „wirklich“ ist, um beurteilen zu können, ob das naturwissenschaftlich gewonnene Wissen – und kein anderes – damit übereinstimmt. Nach (2) kann es aber keine nicht-naturwissenschaftlichen Verfahren geben, die Erkenntnis stiften. Unter Annahme, dass (2) stimmt, haben wir also keine Möglichkeit, (2) zu überprüfen; wir können (2) nur glauben.
Die Situation ist aber tatsächlich noch gravierender, denn (1) schließt ausdrücklich solche Annahmen aus, die sich nicht naturwissenschaftlich überprüfen lassen. Wie wir gerade festgestellt haben, ist (2) so eine Annahme. Wenn also (1) gilt, weil wir (2) annehmen, dann kann (2) nicht gelten, weil (1) gilt – die beiden Annahmen widersprechen sich gegenseitig. Die Begründung (2) kann also noch nicht einmal widerspruchsfrei geglaubt werden, solange man an (1) festhält.
Reicht Erfolg als Begründung für den Naturalismus?
Es mag andere Begründungen für (1) geben. Beispielsweise könnte man auf den enormen Erfolg der Naturwissenschaften verweisen. Diesen Erfolg muss man zwar zugestehen, doch ergeben sich aus dieser Strategie zwei Folgeprobleme: Erstens sind für uns lebensweltliche und alltagspsychologische Annahmen, beispielsweise darüber, wie unsere Mitmenschen mit uns umgehen und wie sie auf uns reagieren, wie wir in unserer Umwelt vorankommen, auch oft erfolgreich, sonst wären wir gar nicht lebensfähig; zweitens müsste geklärt werden, wieso Erfolg das Kriterium für Wahrheit sein sollte.
Je nachdem, wie wir Erfolg verstehen, können auch Lügen manchmal sehr erfolgreich sein. Selbst wenn sich dieser Standpunkt, der Naturwissenschaften aufgrund ihres Erfolgs verteidigt, sicherlich starkmachen lässt, bezweifle ich doch, dass er stark genug sein kann, um (1) zu rechtfertigen – denn (1) verteidigt nicht nur naturwissenschaftliche Verfahren, sondern schließt alle anderen ausdrücklich aus. Solange man an (1) festhält, wirft das die unumgängliche Frage auf, warum naturwissenschaftliche Untersuchungen allein erkenntnisstiftend sein sollen. Es ist außerdem fraglich, ob eine hinreichende Begründung noch dem starken Kriterium von (1) selbst standhält oder in einen Widerspruch führt, wie wir es bei der Annahme von (2) gesehen haben.
Wer alle Annahmen, die sich naturwissenschaftlich nicht überprüfen lassen, generell ausschließen will, handelt sich damit also eine ganze Reihe von Begründungsproblemen ein. Mit dieser Analyse im Hinterkopf lässt sich auch die Frage stellen, wie überzeugend der Standpunkt der Organisation „The Brights“ oder von Schmidt-Salomons Humanismus ist. Anhand der Probleme, (1) zu rechtfertigen, können wir erahnen, dass auch der gescheite Naturalismus vor ähnlichen Problemen steht. Wenn „Naturalismus“ hier bedeutet, nur naturwissenschaftlich bestätigtes Wissen zu akzeptieren, dann fällt nämlich nicht nur ein Großteil unseres lebensweltlichen und alltagspsychologischen Wissens heraus, sondern stellt sich erneut die Frage, ob sich diese Position begründen lässt, ohne dabei auf Annahmen angewiesen zu sein, die nicht naturwissenschaftlich überprüfbar sind. Mir scheint daher auch dieser Naturalismus nicht vollständig und widerspruchsfrei vertretbar zu sein. Ist das wirklich so gescheit, wie die Gescheiten glauben?
Ein toleranter Ausweg
Die Situation lässt sich freilich dadurch entschärfen, neben dem naturwissenschaftlich überprüfbaren Wissen noch andere Formen zuzulassen, beispielsweise kritisch-rational, oder intuitiv überprüfbares. Dadurch würde auch die starke und, wie ich finde, unnötige und künstliche, Gegenüberstellung von religiösem Glauben und Naturwissenschaft vermieden. Würde man sich nicht nur aufklärerisch nennen, sondern Aufklärung ernst nehmen, dann wäre das eine Selbstverständlichkeit und könnte man sich so eine lange philosophische Denkübung auch sparen.
Quellen: Schmidt-Salomon, M. (2006). Manifest des Evolutionären Humanismus. Aschaffenburg.
Foto: © Rike (Sternschnuppe1) PIXELIO
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Hallo,
ich versuche es mit Logik, auch wenn es mir schwer fällt (nur logisch zu denken). Ein wie auch immer geartetes Jenseits muss sich vom Diesseits unterscheiden. Wenn es also verschieden vom Diesseits ist, dann muss eine Trennung (Abgrenzung) bestehen. Das, was sich von etwas anderem unterscheidet, sich abgrenzt, existiert also als solches für sich selbst. Alles Existierende muss jedoch als dem Diesseits zugehörig betrachtet werden, auch wenn es für sich selbstständig existiert und wir vielleicht nur eine „Grenze“ (Übergang oder wie auch immer) „wahrnehmen“ können und uns das Innere verborgen bleibt.
So bleibt uns mit Sicherheit auch die Vorstellung eines NICHTS verwehrt, denn sobald wir zu einer solchen Vorstellung (oder sogar „Erfahrung“) gelangen, würde sich dieses NICHTS als solches abgrenzen und existent werden.
Jede Art Wissenschaft beschreibt die Welt, ohne sie jedoch erklären (herleiten) zu können. Ebenso ist jedwede Wissenschaft Erfahrungssache (Messen, Beobachten …). Zu dem Model, das wir uns über unsere „Außenwelt“ machen, gehören wir also mit dazu … und schon werden wir mit dem Beobachter- oder Meßproblem konfrontiert. Sicher ist diese Welt von uns unabhängig, insofern sie sicher auf uns verzichten kann.
Davon abgesehen reflektieren wir die uns bekannte Welt als solche durch unser Gehirn. Unser Model über die Welt „entsteht“ in unseren Köpfen (Gehirnen). Das ist weder ein Widerspruch, noch ein Anspruch, wie gut unser Model von der Welt mit dem Existierenden übereinstimmt.
Es ist wirklich an der Zeit, unsere Vorstellungen über die Welt gründlich zu hinterfragen und keiner Antwort aus dem Weg zu gehen. Vor allem ist es an der Zeit, die Gräben zwischen Religion und Wissenschaft, besser geistigen (oder beseelten) und materiellen Vorstellungen zu überwinden.
mfG
Ich denke, naturwissenschaftlich lässt sich gar nicht über ein "Jenseits" sprechen, so lange überhaupt nicht klar ist, wie man dies mit naturwissenschaftlichen Methoden untersuchen könnte. Behauptungen, ein "Jenseits" sei mit unserem naturwissenschaftlichen Wissen unvereinbar, halte ich daher weder für richtig, noch für falsch, sondern einfach nur für unsinnig.
Mir ging es in dem Artikel um die Untersuchung, wie konsistent ein starker Naturalismus vertreten werden kann. Ich stimme zwar Ihrer Schlussfolgerung zu, keine künstlichen Gräben zwischen Religion und Wissenschaft zu konstruieren, sehe im Inhalt aber auch vieles, was an meinem Anliegen im engeren Sinn vorbei geht. Beispielsweise könnte man jetzt darüber streiten, inwieweit wissenschaftliche Gemeinschaften die Subjektivität überwinden können und durch intersubjektive Beobachtungen, also Beobachtungen, die von mehreren Subjekten gemacht werden (daher ist das "inter", also "zwischen", eigentlich nicht ganz zutreffend), sich so etwas wie einer "Objektivität" annähern können; doch um diese Frage geht es mir hier gar nicht.
Vielleicht reicht es ja, in These (1) die Worte prinzipiell und naturwissenschaftlich zu streichen und in These (2) „Naturwissenschaftliche Verfahren“ zu ersetzen durch „Verfahren die widerspruchsfrei sind und mit Messtechnik oder Sinneserfahrungen unabhängig vom individuellen Beobachter belegbar sind und reproduzierbar sind“
Guter Vorschlag -- aber wie ist es dann um historische Ereignisse bestellt, die eben nur einmal auftreten, wie z.B. der Fall der Berliner Mauer? Das lässt sich nicht mehr reproduzieren -- ist deshalb der Mauerfall nicht wissbar?
Wo ist der Unterschied zwischen naturwissenschaftlich überprüfbaren und kritisch-rational überprüfbaren Wissen?
Intuitiv überprüfbar? Etwa wie:
Astrologie, Homöopathie, Gebetswirkung, Rassenkunde, Kreationismus, „The Secret“, Verschwörungstheorien, Klimawandel, Geisterglaube, der Wille Gottes/der Götter…
Der Naturalismus mag nicht widerspruchsfrei sein. Aber er ist halt doch die beste Methode um etwas über die Welt und uns in Erfahrung zu bringen. Erfolg ist durchaus ein Kriterium.
Mit der lebensweltlichen Annahme, dass Globuli gegen Schweinegrippe helfen, kann man ein langes Leben führen. Oder morgen streben.
Genauso kann man mit alltagspsychologischen Annahmen wie unsere Mitmenschen mit uns umgehen, Jugendliche vor ein paar Schlägern schützen. Oder erschlagen werden.
Welche lebensweltlichen und alltagspsychologischen Annahmen eher schaden oder nutzen, lässt sich wohl nur wissenschaftlich klären.
PS
Ein „Bright“ ist genauso wenig ein „Gescheiter“, wie ein „Gay“ ein „Fröhlicher“ ist.
Vorweg erst einmal eine Gratulation zu einem schönen Artikel über ein interessantes Thema. :-)
"lässt sich auch die Frage stellen, wie überzeugend der Standpunkt der Organisation 'The Brights' oder von Schmidt-Salomons Humanismus ist."
Das würde ich vielleicht gar nicht so eng sehen: Nachdem ich die angegebene website überflogen habe, hat die Stiftung sich selbst die Aufgabe gestellt, zu polarisieren und die Gesellschaft zu verändern. Wissenschaft mag dafür das Motiv sein, aber sie ist nicht die Methode. Das scheint auch legitim zu sein, solange die Leute sich mit den Aussagen, auf die sie ihre Motive stützen, der entsprechenden Wissenschafts-community stellen, um sie zu diskutieren.
Die von Ihnen aufgeworfene, hochspannende Frage nach einer glaubwürdigen Konzeption des Naturalismus, ist natürlich von diesem politischen Aspekt unabhängig und ein Thema, über das man getrennt reden muß.
Nahezu jeder Mensch wird schon einmal ein Puzzlebild aus einem ungeordneten Haufen von Bruchstücken zusammengesetzt haben.
Wahrscheinlich hat er darin eher einen Zeitvertreib als eine wissenschaftliche Tätigkeit gesehen, aber wenn er nach vielen konzentrierten Versuchen das komplette Bild vor sich hatte, in dem alle Grenzen der Fragmente haargenau zueinander passten und ein sinnvolles Muster ergaben, dann war er sich vermutlich völlig sicher, daß jedes Teil an seiner richtigen Stelle plaziert war und das komplette Bild das einzig richtige Ergebnis war.
Die gleiche Überzeugung, das richtige Ergebnis aus einem Haufen von Fragmenten zusammengesetzt zu haben, hat auch der Archäologe, der aus Tonsplittern eine antike Vase zusammensetzt, oder der Paläontologe, der aus fossilien Knochen einen Dinosaurier rekonstruiert.
Die Evidenz des fertigen Puzzles ( der Vase, des Dinosauriers), das einzig richtige Ergebnis zu sein, kann durchaus der Gewißheit gleichwertig sein, mit der ein Mathematiker das Ergebnis einer Gleichung aufschreibt. Der Unterschied zwischen Puzzle-Evidenz und mathematischer Gewißheit liegt hauptsächlich darin, daß die mathematischen Ergebnisse durch Nachrechnung beweisbar sind, während sich die Überzeugung von der Richtigkeit des Puzzlebildes nur auf zwei Beobachtungen stützen kann:
1.Alle Grenzen der Bruchstücke passen haargenau zusammen
2.die Fragmente ergeben in dieser Anordnung ein sinnvolles Bild.
Wenn diese Bedingungen erfüllt sind besteht kein Grund, an der korrekten Zusammenfügung der Teile zu zweifeln.
Damit will ich sagen: Mein Weltbild ist wie ein Puzzle zusammengesetzt aus unendlich vielen empirischen Bruchstücken, die nur zum Teil der Wissenschaft entstammen.
Es ist noch nicht vollkommen fertig, neue Fragmente kommen dazu, manche Korrekturen sind noch nötig, aber für den groben Unsinn, der von den drei „Offenbarungsreligionen“ behauptet wird, ist in diesem Puzzle kein Platz,
S.R.
Kritisch-rational kann ich etwas überprüfen, ohne auch nur ein Experiment zu machen, beispielsweise indem ich seine innere Stimmigkeit oder seine Begründungsdichte überprüfe.
Intuitiv kann ich etwas überprüfen, indem ich überlege, wie plausibel und überzeugend es im Lichte meiner Erfahrung darüber ist, was sich bewährt hat. Auch dafür brauche ich kein Experiment zu machen. Astrologie gehört für mich nicht dazu; Homöopathie hat sich in einem Fall, in dem ich es ausprobiert habe, nicht bewährt (die Schulmedizin übrigens auch nicht). Andere Menschen können andere Intuitionen haben; ich will das niemandem vorschreiben.
Dass die Namensgebung der "Brights" so unschuldig ist, wie Sie meinen, kaufe ich Ihnen nicht ab; natürlich will man Assoziationen wecken. Sonst hätte man sich ja auch "Stupids" nennen können oder "QIRTXs".
Ich habe ein paar dieser Leute persönlich kennen gelernt und ich glaube, dass in diesem Streit, gerade die Motive (Interessen?) oft nicht genauer hinterfragt werden.
So finde ich es interessant, dass die doch ziemlich gewaltige These, die ich in mein Eingangsstatement verpackt habe, hier noch niemandem aufgestoßen ist. Nimmt also niemand Anstoß daran, dass es in der Diskussion zwischen Glauben und Wissenschaft gar nicht um Erkenntnis geht, sondern um Macht?
Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg beim weiteren Puzzlen. Ich habe auch ein paar Vorberhalte gegen die Kirchen, die mir bisher noch niemand, auch kein Pfarrer oder Theologe, plausibel ausräumen konnte.
Ich weiß aber, dass es auch innerhalb der Theologie Denker gibt (und wohl schon immer gegeben hat), die sich damit womöglich ein Leben lang auseinandergesetzt haben, wie die religiösen Inhalte begreifbar sind. Daher versuche ich, diesen Menschen mit Respekt zu begegnen und nicht per definitionem alles, was sie äußern, als "groben Unsinn" abzustempeln.
Man braucht sich beispielsweise nur einmal anzuschauen, wie in weiten Teilen der akademischen Theologie der Junge-Erde-Kreationismus oder auch Intelligent Design auseinander genommen werden, um sich davon zu überzeugen, dass man sich dort auch kritisch mit religiösen Thesen auseinandersetzt.
Die geistige Minderbemittlung, die man im "wissenschaftlichen" Diskurs gerne den Vertretern von Religionen unterstellt, ist mir tatsächlich extrem selten begegnet; aber natürlich muss man den Leuten erst mal zuhören, um das zu kapieren. Einen Versuch kann man beispielsweise in Michael Blumes Blog starten.
Hallo,
ich hab´s verstanden … und stimme überein, dass über „jenseitiges“ zu diskutieren an sich sinnlos ist. Mein Beispiel war etwas hölzern. Mir geht es vor allem darum, dass alles, was erfahrbar ist, also auch Gefühl, Bedeutung, Beziehung, Glaube usw. real und von dieser Welt ist! Insofern benötigen wir über die von uns erlebbare Welt auch keinerlei und irgendwie geartete andere Welten, gleich welche (seitens naturwissenschaftlich überprüfbare) Erfahrung wir gerade machen.
Eine objektive Wissenschaft immer eine Fiktion bleiben. Jedes Beobachten, Messen oder schlicht Erfahren ist immer unsere persönliche, also subjektive Erfahrung. Auch wenn wir z. B. die Uhrzeit als nackten Wert so genau wie möglich darstellen können, so hat z. B. der Wert 12 Uhr mittags durchaus eine unterschiedliche subjektive Bedeutung, z. B. für den der einen wichtigen Termin verpasst oder der sich auf ein hübsches Rendezvous freut. Und dies wiederum hat auch mit subjektiven Gefühlen zu tun. Ohne Bedeutung bleibt jede Messung ebenso Bedeutungslos.
Meiner Meinung nach zieht die heute „gültige“ Naturwissenschaftslehre ihre eigenen Grenzen viel zu eng. Es wirken halt immer noch die viel zu deterministischen und mechanistischen Weltbilder. Damit, die Welt möglichst detailiert genau und exakt darzustellen, hat sich die Naturwissenschaft selbst ein Bein gestellt. Denn je genauer (im klassischen Sinn von Genauigkeit) gemessen wird, umso mehr Unterschiede tauchen auf … ganz zu schweigen von der Definition des Genauen und Exakten. Z. B. Wer immer genauer misst, wir immer weniger exakt gleiche „Versuche“ oder Ergebnisse erzielen. Jede (noch so exakte) Formel ist eine Vereinfachung! Wer z. B. die (exakte) momentane Geschwindigkeit eines Autos bestimmen will, gerät in arge Bedrängnis. Jede Messung benötigt eine endliche Zeit. Wer den zurückgelegten Weg bestimmen will, muss das Auto notgedrungen für die (exakte) Ortsbestimmung anhalten. Wenn ein Wissenschaftler also die wirkliche Momentangeschwindigkeit messen will, muss er das Auto in unendlich kurzen Zeitabständen für eine Ortsbestimmung immer wieder anhalten … welcher Wissenschaftler hätte damit keine Probleme?
Also hat die Wissenschaft bei der Überprüfbarkeit ganz alltäglicher Gegebenheiten, für den der hinterfragt, bereits schon arge Probleme. So erfolgreich die Naturwissenschaft bei der Abbildung der Welt ist und arbeiten kann, funktioniert dies nur deshalb, weil sie vereinfacht und verallgemeinert und dabei immer wieder viele Details einfach ignorieren oder vernachlässigen muss. Um diesen Problemen aus dem Weg zu gehen sollten wir uns daran gewöhnen mehr von Ähnlichkeiten, Verwandtschaften oder Beziehungen zu sprechen.
Ich bin der Meinung weder die Annahme (1) noch (2) stimmen so, wie sie oben definiert sind. Ich könnte mich aber auch mit beiden Annahmen anfreunden, wenn das Wort „Naturwissenschaftlich“ durch das Wort „Erfahrung“ (es gibt ja auch rein „geistige“ oder gefühlsmäßige Erfahrungen) ersetzt wird. Dann könnte eine Überprüfung z. B. an Hand der Vielzahl an Erfahrungen stattfinden, ohne dass durchweg alle vorhandenen Erfahrungen übereinstimmen müssen. Selbst wenn es nur zwei Übereinstimmungen gäbe, wäre dies zumindest im konkreten Erlebnisfall eine gemeinsame Basis einer möglichen Realität. Darauf kann eine solch geartete Erfahrungswissenschaft aufbauen.
mfG
"Nimmt also niemand Anstoß daran, dass es in der Diskussion zwischen Glauben und Wissenschaft gar nicht um Erkenntnis geht, sondern um Macht?"
Ich habe es - ehrlich gesagt - nie verstanden, wenn in den üblichen Uni-Diskussionen und manchmal sogar in beziehungsklärenden Gesprächen von "Machtspielchen" geredet wurde: Wenn Macht zu haben besagt, die Fähigkeit zu haben, etwas ohne die Zustimmung oder das Mitwirken anderer verändern zu können, dann ist die Macht nicht der Zweck oder das Ziel des Handelns, sondern das Mittel. Das bedeutet aber, daß die Frage, um was es geht, weiterhin offen ist.
Daher gibt es ein ernstes, sachliches Problem, nämlich den irgendwie in der Luft hängenden Geltungsanspruch wissenschaftlicher Behauptungen zu rechtfertigen, und - aber das ist natürlich nur eine Vermutung - die Menge der Potemkinschen Dörfer, die von den genannten websites an den Himmel gemalt werden: Was diese Leute wirklich wollen, wissen wir nicht. Aber wir können uns vielleicht an Hand ihrer Tarnung, die aus ihrer Selbstdarstellung besteht, vielleicht überlegen, wen sie beeindrucken wollen.
Natürlich wird hier eine Lobby geschmiedet: Tun sie das nicht, werden sie überrannt von Leuten, die sich um eine Begründung für ihr Handeln nicht scheren und das wäre keine Welt in der ich leben möchte.
Bitte sagen Sie uns, was Sie daran problematisch finden.
Ich verstehe die Logik nicht, warum ein Mittel nicht auch ein Zweck sein kann. War das nicht schon in Aristoteles' Ethik schön aufgezählt, dass man über viele Mittel-Zweck-Brücken schließlich zu einem Endzweck kommt, womöglich dem, glückselig zu sein?
Zweck meiner Arbeit kann es sein, Geld zu verdienen; das Geld kann dann ein Mittel sein, Rechnungen zu bezahlen. Das Bezahlen von Rechnungen kann ein Mittel sein, ehrlich zu sein und Ärger zu vermeiden usw.
Daraus, dass Macht als ein Mittel gebraucht werden kann, folgt also nicht, dass sie kein Zweck sein kann; aber die Kette muss hier natürlich nicht abbrechen -- vielleicht will man mächtig sein, um sich großartig zu fühlen.
Problematisch finde ich es, etwas als wissenschaftlich darzustellen, was nicht wissenschaftlich ist. Ein starker Naturalismus kann, aufgrund meiner hier dargelegten Überlegungen, nicht wissenschaftlich sein. Dennoch zu behaupten oder zu suggerieren, er sei wissenschaftlich, womöglich als einzige Weltsicht wissenschaftlich, halte ich für falsch und unehrlich.
"schön aufgezählt, dass man über viele Mittel-Zweck-Brücken schließlich zu einem Endzweck kommt, womöglich dem, glückselig zu sein?"
Gute Frage.
Meiner Ansicht nach liegt der sonst außergewöhnlich kluge Aristoteles in diesem Fall falsch: Mittel und Zwecke können keine geordneten Reihen bilden derart, daß Zwecke Mittel sind von irgendwie nachgeordneten Zwecken, so daß innerhalb solcher Reihen die Rede von Mitteln und Zwecken nur einen relativen Sinn hat, wie dies bei Ursachen und Wirkungen charakteristischerweise der Fall ist.
i) Mittel und Zwecke sind keinesfalls Ereignisse: Es ist eine Tatsache, daß eine Ereignis als Mittel fungiert, aber das Auftreten eines Mittels ist nicht per se ein unwiederholbares Einzelding. Die ontologische Verschiedenheit von Ereignissen und (sprachabhängigen) Tatsachen ist daher ein Riegel vor der Reihenbildung von Mitteln und erreichbaren sowie erfüllbaren Zwecken wie sie bei Kausalrelationen vorkommt.
ii) Erreichbare Zwecke bilden intensionale Kontexte, i.e. Kontexte, die davon abhängen, mit Hilfe welcher Worte wir z.B. über unsere Intentionen reden. Kausalrelationen als Relation zwischen Ereignissen aber immer extensionale Kontexte, bei denen es egal ist, mittels welcher Beschreibungen wir auf die betreffenden Ereignisse Bezug nehmen.
iii) Zwecke sind nicht ihrerseits Mittel für nachgeordnete Zwecke, weil Zwecke, die erreicht wurden, einfach verschwinden, ohne ihrerseits Folgen zu haben, wie dies z.B. bei Ereignissen der Fall ist.
v) Auch kann etwas ein Mittel für einen zu erreichenden Zweck sein, ohne daß dieser Zweck auch tatsächlich erreicht werden würde. Ereignisse aber, die keine Wirkungen haben, können unter keinen Umständen Ursachen sein. Wenn also etwas aufgereiht wird, dann ist es die Tatsache, daß das Mittel (z.B. via Kausalität) erfolgreich war, nicht das Mittel selbst.
Aristoteles Behauptung ist vielleicht nur eine sprachliche Verkürzung, die sachlich unzulässig ist.
"vielleicht will man mächtig sein, um sich großartig zu fühlen."
Diese Vermutung ist populär. Was hier aber eigentlich gewollt wird, ist die Anerkennung im konkreten - und zwar so oft wie möglich. Von Macht zu sprechen, faßt viele solche Bemühungen approximativ zusammen, aber daraus folgt nicht, daß es etwas Neues gibt, nämlich das Gewünschte als Gegenstand eines neuen Wunsches, der diesen Wunsch erfüllt.
"Dennoch zu behaupten oder zu suggerieren, er sei wissenschaftlich, womöglich als einzige Weltsicht wissenschaftlich, halte ich für falsch und unehrlich."
Ein schöner Standpunkt - und jemand wie ich, der hier im Hinblick auf praktische Philosophie in aller Naivität schreiben muß, sollte jetzt ganz vorsichtig sein: Doch auch der Rechtstaat schränkt Grundrechte der Verurteilten ein, um die Rechte anderer zu schützen. Ist dieser Fall nicht dem Vorgehen der "gifted naturalists" analog?
Es tut mir leid, daß wir uns durch unsere Diskussion so weit vom Schicksal des Naturalismus wegbewegen.
Verzeihen Sie mir bitte, dass ich mich auf diesen ontologischen Spagat nicht einlasse; übrigens haben Sie die "Zwecke" eingeführt, ich habe von "Motiven" gesprochen.
Mir scheint es zumindest alltagssprachlich sinnvoll zu sein, nach dem Motiv einer Handlung zu fragen; in der neuen Ausgabe von G&G gibt es sogar einen ganzen Artikel über Motivationspsychologie. Ich möchte hier keine philosophische Habilitation anfertigen, sondern für ein breites Publikum schreiben. Wenn Macht oder Machtgewinn hierfür nicht infrage kommen, scheint mir das sehr idiosynkratisch zu sein. Man denke mal an Machiavellis Fürsten, der sich genau an solche Menschen richtet, deren Motiv vor allem Macht ist (für die, denen der Verweis auf G&G nicht als Beleg ausreicht *g*).
Ich verstehe die Analogie dazwischen, (a) die Freiheit einzelner im Interesse der Freiheit anderer einzuschränken und (b) etwas als wissenschaftlich darzustellen, das nicht wissenschaftlich ist, nicht.
Wenn wir es alternativ damit zu tun hätten, (c) die Freiheit von jemandem einzuschränken und dabei zu behaupten, wir würden die Freiheit nicht einschränken, dann könnte ich die Analogie verstehen -- denn in beiden Fällen, (b) und (c), ginge es um mangelnde Ehrlichkeit; und deshalb lehne ich beide Fälle auch ab.
"Verzeihen Sie mir bitte, dass ich mich auf diesen ontologischen Spagat nicht einlasse."
Ok, wir müssen das ja nicht hier weitertreiben. Auf Dauer scheinen mir solche Dinge allerdings unumgänglich zu sein.
"dem Motiv einer Handlung zu fragen; in der neuen Ausgabe von G&G gibt es sogar einen ganzen Artikel über Motivationspsychologie."
Ja, ich muß mir dazu mal was überlegen. (Ich bin natürlich dagegen.) Vielleicht können wir die Zweck-Mittel-Diskussion dort führen?
"Wenn wir es alternativ damit zu tun hätten, (c) die Freiheit von jemandem einzuschränken und dabei zu behaupten, wir würden die Freiheit nicht einschränken, dann könnte ich die Analogie verstehen."
Stimmt, mein Fehler.
"Problematisch finde ich es, etwas als wissenschaftlich darzustellen, was nicht wissenschaftlich ist. Ein starker Naturalismus kann, aufgrund meiner hier dargelegten Überlegungen, nicht wissenschaftlich sein. Dennoch zu behaupten oder zu suggerieren, er sei wissenschaftlich, womöglich als einzige Weltsicht wissenschaftlich, halte ich für falsch und unehrlich."
Und das stört mich gewaltig. Es gibt Standpunkte, Weltanschauungen und wenn sich viele Menschen organisieren, um Einfluß auf die Gesellschaft zu nehmen, dann ist das legitim. Nennt sich Demokratie oder so ähnlich, was ich mal gehört habe. Doch wenn der Eindruck erweckt wird, als wäre es keine Weltanschauung mehr, sondern eine (natur)wissenschaftlich erarbeitete Position, dann ist es "falsch und unehrlich". Leider durchschauen so einige dieses Treiben nicht. Wahrscheinlich weil sie selbst dran glauben wollen.
In ihrem Post wollen stellen Sie die Frage, ob Naturalismus, also Erkenntnisgewinn allein durch naturwissenschaftliche Methoden (die allerdings nicht näher beschrieben werden), die alleinige Deutungshoheit beanspruchen sollte.
Diese Frage möchte ich mit "Ja" beantworten. Dies möchte ich begründen, indem ich den Erfolg, den Sie den Erkenntnissen der Naturwissenschaften zuschreiben, definiere:
Es handelt sich bei diesem Erfolg darum anhand einer Erkenntnis eine VERLÄSSLICHE AUSSAGE ÜBER DIE ZUKUNFT zu treffen.
Meiner Meinung nach ist dies Grund, Mittel und Zweck (ohne mich da jetzt der ontologischen Diskussionen anschließen zu wollen) allen Strebens nach Erkenntnis!
Sämtliche Technologie und Fortschritt, aber auch persönliches (intuitives) Wissen kann nur dann als solches aufgefasst werden, wenn es dienlich ist gute Prognosen zu erstellen (wie gewichtig oder unwichtig diese auch sein mögen). Wissen ist somit eine Beschreibung der kausalen Zusammenhänge der Welt. Und gerade den Begriff der Kausalität vermisse ich in Ihrer Diskussion.
Denn alle nicht-naturalistischen "Wissensgeneratoren" vermögen eben nicht Kausalketten zu bilden und in die Zukunft fortzuführen. Alle Beschreibungen dessen, was "die Welt im innersten Zusammenhält", dienen doch nur diesem Zweck...?
Natürlich ist es ein Zeichen von Wohlstand und kultureller Blüte, wenn es sich eine Gesellschaft leisten kann, Menschen dafür zu bezahlen, sich über Metaphysik den Kopf zu zerbrechen.
Bei meinem tieferen Einstieg in die Leib-Seele-Ontologie habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Welt unter meinen Fingern aufgelöst hat, als ich sie mit genaueren, begrifflichen Instrumenten erfassen wollte. Am Ende kam ich zum selben Ergebnis wie Sellars, dass es eigentlich keine Tische, Stühle, Laptops usw. geben kann.
Wenn Sie sich besser mit dem Fundament der Welt beschäftigen können als ich, dann glückwunsch. Ich finde aber, in der Lebenswelt gibt es schon genügend interessante und wichtige Probleme.
Ja, natürlich, Martin: Die Geblendeten, das sind immer nur die anderen!
Erst einmal würde ich es von jemandem, der den Naturalismus ernsthaft annimmt, erwarten, präziser die naturwissenschaftlichen Methoden zu beschreiben, die erkenntnisstiftend sein sollen. Der Beitrag war so außerdem schon sehr lang und beinahe unlesbar, weswegen ich im Nachhinein noch die Zwischenüberschriften hinzugefügt habe. Ich denke aber, dass für mein Argument die Frage nicht so zentral ist; ich kann, glaube ich, recht frei darin sein, welche Verfahren ich als naturwissenschaftlich zulasse.
Ich kann auch eine Prognose darüber machen, dass der nächste Bus in Richtung Stadt um 16:17 Uhr fährt; und der übernächste um 16:37 Uhr; usw. Diese wird auch sehr erfolgreich sein, weil ich den Fahrplan kenne. Dennoch habe ich hier noch nie ein wissenschaftliches Experiment durchgeführt.
Das Prognosekriterium ist auch in folgender Art und Weise unzulänglich: In einem Beitrag an adesonine habe ich schon auf historisches Wissen hingewiesen. Ich gehe beispielsweise davon aus, zu wissen, dass die Berliner Mauer gefallen ist. Damit kann ich aber überhaupt nichts prognostizieren.
Und wenn Sie ein Beispiel aus der Naturwissenschaft wollen: Evolutionstheorien sind zwar sehr erfolgreich in dem Sinn, dass sie rückblickend sehr viel erklären; sie erlauben es uns aber so gut wie gar nicht, außer sehr rudimentär im mikrobiologischen Bereich, Prognosen über den weiteren Verlauf der biotischen Evolution zu formulieren: Welche Mutationen werden auftreten? Welche Umweltbedingungen werden vorherrschen? Welche Lebewesen werden sich darin durchsetzen? Wann wird eine neue Spezies entstehen?
Was Sie da beschreiben, das machen sich beispielsweise die Ingenieure zu nutze, wenn sie etwas konstruieren. Die naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten sind zuverlässig. Dennoch konstruieren Ingenieure auch nur nach Wahrscheinlichkeiten, denn das fertige Produkt wird danach erstmal getestet, weil die Vorgänge ungemein komplex sind und nicht exakt bestimmt werden kann.
Das ist das eine Thema. Ein anderes wäre eine erfolgreiche Ehe. Was wäre eine gute Startbedingung für eine gute Ehe? Daß der andere Partner einen liebt. So und nun bringen Sie das mal mit naturwissenschaftlichen Methoden in Erfahrung. Falls der andere Partner einen geliebt hat, dann wäre das womöglich das Ende.
Lange Rede kurzer Sinn. Die Welt ist sehr vielfältig und die naturwissenschaftliche Methodik für viele Sachen einfach nicht geeignet. Mit einem Hammer kann ich auch kein Fahrrad aufpumpen.
Wissenschaft und Religion sind für die meisten Menschen kein wirklicher Gegensatz, da beide unterschiedliche Lebensbereiche ansprechen.
Wissenschaft bildet die Grundlage für sachliches, nachprüfbares Fachwissen. Religion dagegen wirkt sich mehr im zwischenmenschlichen Bereich aus, da sie die moralische Begründung für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft liefert.
Ein Mensch ist keine leblose Maschine, daher ist Fachwissen zwar sehr nützlich - geht aber an essentiell wichtigen Bedürfnissen von Menschen vorbei. Menschen sind soziale Wesen, daher haben sie Bedürfnisse nach Nähe, Zuneigung, Geborgenheit, Liebe, usw. Die Religionen sind es, welche durch ihre Regeln dafür sorgen, dass Gemeinschaften mit gleichen Werten ´versorgt´ werden, um diese Bedürfnisse zu befriedigen.
„Man braucht sich beispielsweise nur einmal anzuschauen, wie in weiten Teilen der akademischen Theologie der Junge-Erde-Kreationismus oder auch Intelligent Design auseinander genommen werden, um sich davon zu überzeugen, dass man sich dort auch kritisch mit religiösen Thesen auseinandersetzt.“
Mit welcher Begründung nehmen denn die Theologen den Junge-Erde-Kreationismus oder auch Intelligent Design auseinander?
Intuitiv? Oder erkennt man vielleicht doch stillschweigend die Überlegenheit der naturwissenschaftlichen Methode an?
Es wäre auch schön, wenn man den Erkenntnisgewinn in der Wissenschaft vom Erkenntnisgewinn zur Bewältigung des täglichen Lebens besser auseinander hält. Auch wenn es da Überschneidungen gibt.
Außerdem sehe ich das „kritisch-rationale Überprüfen“ als einen wesentlichen Bestandteil der Wissenschaft und des Naturalismus. Ein Wissenschaftler stellt eine Hypothese auf, macht das Experiment oder die Beobachtung. Andere Wissenschaftler prüfen die „innere Stimmigkeit“ und „Begründungsdichte“.
Es ist halt nur von Vorteil, wenn Hypothese, Beobachtung und Experiment „mit Messtechnik oder Sinneserfahrungen unabhängig vom individuellen Beobachter belegbar sind und reproduzierbar sind“ (@adenosine: schöne Formulierung).
Dies gilt auch für historische Ereignisse. Diese mögen nicht reproduzierbar sein. Aber manchmal mehr (Mauerfall von Berlin) manchmal weniger (Mauerfall von Jericho) belegbar. Hier hilft nur kritisch-rationales Überprüfen.
Aber doch nicht Intuition!
Das mit der Liebe ist doch ganz leicht; Person in den Hirnscanner schieben, Bild von dem Partner/der Partnerin anzeigen, Aktivität der dopaminergen Neuronen im nucleus accumbens beobachten und schon hast du deine Antwort. :-))
Und meinen Sie, das menschliche Zusammenleben und ihre Moral kann auch ohne Religion geregelt werden? Oder regelt sich das gar von selbst?
Am besten fragen Sie den Theologen Ihres Vertrauens, den ich nicht ersetzen kann. Da Sie vermutlich keinen haben, gebe ich Ihnen als Laie zwei Hinweise an die Hand: 1) Könnte man an ID kritisieren, dass die These einen göttlichen Eingriff in die Zeit der Schöpfung verbannt und Gott danach keinen Platz mehr in der Welt bekommt (eben nur ein Designer ist). 2) Könnte man Kreationisten dafür kritisieren, dass sie die Bibel wörtlich auslegen, dabei seien die Prophezeiungen metaphorisch zu verstehen.
Habe ich dafür jetzt Naturwissenschaft gebraucht? Nein. Tatsächlich könnte man das nicht nur so machen, man macht es so auch. Sie irren sich.
Auch wenn Sie die kritisch-rationale Methode in die Naturwissenschaft aufnehmen, heißt das noch lange nicht, dass sie eine naturwissenschaftliche Methode ist; Ihre Strategie geht nicht auf. Historisch gab es sie schon lange vor der Naturwissenschaft; Sie können sie auf dem Papier (oder von mir aus gar im Kopf) anwenden, auch ohne die Natur anzuschauen.
Ich stelle außerdem keine Hypothese auf und mache kein Experiment, auch keine wissenschaftliche Beobachtung, um zu wissen, dass die Berliner Mauer gefallen ist. Ich erinnere mich ganz einfach; und ich habe auch damals, als ich es gelernt mache, nichts davon gemacht. Auch hierbei irren Sie sich.
Hallo,
Die oben geführte Debatte zeigt mir, wie wir uns über die Frage des vermeidlich (subjektiv) richtigen „Ansicht“ im Grunde nur mit uns selbst beschäftigen und dadurch (objektiv) nur wenig Wissen von unserer Welt erlangen können, obwohl wir doch recht gut mit ihr zurechtkommen (Wir gehören schließlich zu den überlebenden der Evolution). Das wiederum sagt mir, dass wir sicher mit dem notwendigen(!!!) Informationen über unsere Welt ausgestattet sind, um zu überleben! Wir wechselwirken mit unserer Umwelt in dem wir uns selbst reflektierend an sich verändernde Möglichkeiten anpassen (oder auch nicht). In diesem Sinne sind weder unser bewusstes Dazutun noch hochgeistige erkenntnistheoretische Wissenschaften notwendig. Die hinsichtlich Evolution oder schlicht für das Überleben notwendigen Informationen werden durch das Wechselwirken an sich bereits verfügbar. So gesehen bedeutet dies für die Frage nach dem, was die die Welt ausmacht und zusammenhält, dass Evolution auch eine Zunahme an verfügbarer Information, bzw. an zunehmender Informationstiefe bedeutet (wozu ein Prozess wie das sich selbst bewust(-)sein in dieser Welt natürlich zusätzlich beiträgt). Grundsätzlich tragen wir unsere Welt ohne jegliche Wissenschaft oder Ideologie und Metaphysik bereits in unseren Köpfen herum. Und diese Welt wächst mit uns mit.
Die Frage nach der „richtigen“ Methode zur Beantwortung der Fragen über unsere Welt ist also eher eine gesellschaftliche und politische Frage und damit natürlich auch eine Machtfrage, denn (mehr zu) Wissen bedeutet nun mal Macht! Und Macht ist wiederum eng mit Ideologien verknüpft. Damit schließt sich der Kreis, das die oben gestellten Argumente (1) oder (2) und vieles andere im Grunde ideologisch betrachtet werden müssen. Und darüber lässt sich vortrefflich streiten, wie über Geschmack … und der Streit um Ideologien ist ebenso so alt wie die Menschheit (genau so wie die eigentlichen Fragen nach dem, was die Welt zusammenhält). Jeder muss also für sich entscheiden, was ihn weiter bringt oder zufrieden stellt.
mfG
Stephan, das ist eine gute Idee mit dem Hirnscanner. Aber irgendwie doch auch zu aufwendig. So viele gibt es davon nicht. Außerdem wäre es ungerecht, weil die armen Leute sich nur die alten, groben Geräte leisten können. Die reichen Leute hingegen, die modernen ganz feinen Geräte, womit sich eine Wahrscheinlichkeit in Prozent bezüglich der Dauer der Ehe angeben läßt.
Nein, ich habe eine bessere Lösung. Es gibt keine Liebe. Das ist alles nur Biochemie. Wir wissen zwar nicht genau, warum die Stoffe im Körper ausgestoßen werden, die uns so in Verzückung geraten lassen. Warum nur bei dieser Person und bei der anderen nicht, aber wir wollen uns doch jetzt nicht an so Kleinigkeiten aufhalten. Ganz sicher werden wir das bald alles herausgefunden haben.
Der neueste Beitrag von Gunter Dueck paßt auch ganz gut zur Thematik.
Der Profit der Anerkennung und mein Hass auf Hobby-Statistiker
Man kann auch einfach die starke Annahme gar nicht erst machen. Ihr Argument wurde ja schon von Popper gemacht, und er gestand ein, daß sich der Rationalismus selbst nicht rational begründen läßt. Deshalb nannte er seine Philosophie Kritischen Rationalismus. Ich kenne eigentlich nur Brights ("scheinbar moderne Menschen, die sich in aufgeklärter Bescheidenheit selbst „die Gescheiten“ nennen"), die eine solche entspannte Version vertreten, so die angesprochenen Pinker, Dennett und auch mich selbst.
Übrigens halte ich die Selbststilisierung als tolerant oder gemäßigt, die Sie oder Michael Blume oder David Sloan Wilson betreiben, für eine Immunisierungsstrategie, die nur dazu dient, die eigene Position vor Kritik zu schützen. Ich würde im Interesse einer konstruktiven Diskussion darauf verzichten. Ein so großartiges Buch wie Darwin's Cathedral hat sie auch gar nicht nötig.
Der Widerspruch zwischen Raligion und Wissenschaft besteht in der Art ihrer Begründung: Wissenschaft gründet auf Evidenz, Religion auf Offenbarung. Evidenz kann intersubjektiv überprüft werden, wogegen der Gott im brennenden Dornbusch nur Moses erschienen ist.Das Ereignis ist nicht überprüfbar und kann nur geglaubt oder nicht geglaubt werden.
Daraus ergibt sich auch eine ethische Differenz: Religion braucht Autorität, während es in der idealen Wissenschaft "keine Autorität außer der Wahrheit gibt", um noch einmal Popper zu zitieren.
Diese Diskussionen fanden ja in den scilogs schon häufiger statt, aber bisher nicht auf dem Niveau, das Thomas Mann ihnen im Zauberberg gegeben hat, wo Settimbrini, der Humanist, sie mit Naphta, dem Jesuiten führt. Als Thomas Mann den Roman zu schreiben begann, neigte er eher Naphta zu und verteidigte die deutsche "Kultur" gegen die angloromanische "Zivilisation". Er änderte dann allerdings seine Ansicht und ließ im Duell der beiden Kontrahenten Settimbrini in die Luft und Naphta daraufhin sich selbst erschießen, womit er Poppers Formulierung vorwegnahm, Rationalismus hieße, Ideen anstelle von Menschen sterben zu lassen.
Ich glaube, es könnte der Diskussion um den Neuen Atheismus guttun, sich der komplexen und differentierten Argumentation Thomas Manns noch einmal zu erinnern. Bisher ist es doch etwas billiges Atheisen-bashing.
Klasse Text, Herr Schleim; klasse Debatte - seit langem mal wieder in den BrainLogs!
Zunächst ein Link zu einem Vortrag von Prof. A. Beckermann, der eine dezidiert naturalistische Position vertritt: hier. (Obwohl ich kein Naturalist bin, teile ich weitgehend seine Auffassungen und Argumente.)
Der Naturalismus ist sicher keine Naturwissenschaft; ich vermute, hier sind wir uns einig. Richard Dawkins hat z.B. m.W. nie selbst im Labor gearbeitet.
Der Naturalismus stellt sicher eine Art Popularisierung von Naturwissenschaft dar, eine weltbildliche Zusammenfassung oder - warum auch nicht? - quasi-mythische Erzählung über Ursprung und Wesen der Welt und des Menschen.
Als Philosophie definiert er sich vor allem negativ durch Ablehnung bestimmter Erkenntnismethoden (was auf ihn selbst zurückbezogen kaum funktioniert) und bestimmter Entitäten (z.B. Seelen, Engel, Götter usw.). Aber reicht das, um Philosophie zu sein? Genauer noch ist meine Frage: Haben Naturalisten überhaupt den Mut zur Philosophie?
Der Naturalismus räumt zurecht mit einem oberflächlichen Verständnis philosophischer Konzepte auf, die in Fachkreisen allerdings nie wirklich dermaßen missverstanden wurden (z.B. Seelen, Willensfreiheit, Gott). Das weit verbreitete Missverständnis besteht in der quasi-physikalischen Deutung dieser Konzepte. Zu behaupten, dass es eine Seele gibt, bedeutet natürlich nicht zu behaupten, dass es sie so gibt wie Schreibtischstühle oder Quarks. Usw.
Insofern ist der Naturalismus vielleicht auch eine Erinnerung an Philosophie, eine Frage nach Philosophie: Wie können wir im Zeitalter moderner und erfolgreicher Naturwissenschaft noch über Wahrheit, Schönheit, das Gute, über Seelen, Freiheit und Gott sprechen?
Es könnte ja sein, dass wir es jetzt - nach Ausräumung oberflächlicher Missverständnisse - besser könnten denn je. Aber der Naturalismus belässt es bei der Negation; man hat den Eindruck, seine Anhänger wollen uns die Philosophie ausreden: Schlagt Euch die alten Fragen aus dem Kopf! Ich finde seine negativen Kernaussagen - das sage ich als Theologe - größtenteils trivial und keinesfalls revolutionär, und das Gesamtkonzept halte ich für fade und unausgegoren.
Mir fehlt alles, was philosophisches (und theologisches) und letztlich existenzielles Ringen auszeichnet: Woher die unbedingte Wahrheitsverpflichtung? Was ist "Subjektivität"? Was bedeutet das Sollen, die ethische Verpflichtung? Was ist Wirklichkeit?
Es stimmt: Wenn ich jemandem in die Augen schaue, dann sehe ich seine Augen - aber ich sehe eben auch den Blick. Ich sehe nicht nur etwas, sondern jemanden, eine Person. Obwohl da physisch nichts anderes ist als lauter Etwas.
"Ich sehe nicht nur etwas, sondern jemanden, eine Person. Obwohl da physisch nichts anderes ist als lauter Etwas."
Und ich sehe nicht nur etwas, ich empfinde dabei sogar. Je nachdem was für ein Blick der andere hat, empfinde ich anders.
Sind das eigentlich MSS' Thesen oder hast Du die selbst formuliert? Das wird mir oben nicht ganz klar.
Kannst Du mir mal ein Beispiel für (1) nennen: eine Annahme, die nicht zugelassen wurde? Mir fallen spontan nur Annahmen ein, die ständig weiter betrachtet, für die aber keine Belege vorgebracht werden. Wozu werden diese Annahmen nicht zugelassen? Und was meint der zweite Halbsatz "und dieser Überprüfung standhalten", wenn wir schon nur prinzipiell überprüfbare Annahmen doch zulassen?
Ich befürchte, ich verstehe den 1. Punkt nicht und kann darum den Widerspruch nicht nachvollziehen.
Der zweite Punkt ist interessanter und eigentlich dreht sich ja nur darum die ganze Diskussion. Der erfasst meiner Meinung nach nur nicht den Naturalismus. Ich kann mir vollkommen naturalistisch ablaufende Welten vorstellen, in denen weise Frauen in Kristallen mehr über die Welt sehen als weise Frauen in der Kristall-Röntgenspektroskopie. Das stört doch den Naturalismus nicht, der nur besagt, dass die Welt nach Regeln abläuft und diese Regeln nicht gebrochen werden. Nicht-Naturalistisch sind doch nur die Weltanschauungen, die einen solchen Bruch behaupten: durch einen über der Natur stehenden Gott, durch ein im Kern keinen Regeln unterliegendes "Ich"...
Durch welche Wege sich in einer naturalistischen Welt Wissen über die Abläufe der Welt sammeln lässt, ist erst mal offen und sollte argumentatorisch auch getrennt behandelt werden.
Aber nehmen wir den Naturwissenschaftlichismus, den Du hier angreifst. Der ist falsch, sage ich als Hardcore-Naturalist. Der Grund liegt in der künstlichen Betrachtung einer Erkenntnisform Naturwissenschaft, die von allen anderen Erkenntnisquellen grundsätzlich verschieden sein soll. Das ist sie aber nicht. Ich habe heute noch zwei Vorträge über die Biophysik und -chemie im Auge gehört, auf welchen Wegen Lichtsignale von photosensitiven Molekülen aufgenommen werden und wie sich dadurch die Proteinstrukturen verändern und Zyklen durchlaufen, nur damit am Ende Nervensignale entstehen und man das Auge nicht sofort operativ entfernt werden muss. Davor gibt's ein ganzes Linsensystem mit Instandhaltungs- und Notfallmechanismen.
Glaub mir, ob Du da eine zusätzlich Linse als Brille davorsetzt oder drei als Mikroskop, das macht keinen Unterschied darin, wie naiv (im Sinne des "naiven Realismus" der uns Physikern gerne vorgehalten wird) die Vorstellung ist, ich könnte einfach aus dem Fensten schauen und gucken, zu welchen Zeiten der Bus kommt, und ich hätte damit kein wissenschaftliches Experiment durchgeführt. Die Natur des Schließens liegt im Kern der Wissenschaft, nicht die Einfachheit des Instruments oder die vermeintliche Unmittelbarkeit der (auch nur erlernten) Wahrnehmung.
Und wenn man stattdessen, um im Beispiel zu bleiben, in den Fahrplan schaut, macht man genau das, was Wissenschaftler auch tun. Warum für einen Monat ins Labor stellen, wenn schon acht andere Gruppen darüber publiziert haben?
Das ist im Mauerfall-Beispiel nicht anders. Als die Mauer gefallen ist, wirst Du vielleicht mehrere Sender angeschaltet haben, ob die alle dasselbe zeigen; oder jemanden in Berlin angerufen haben; oder als Berliner selbst hingegangen sein. In allen Fällen hast Du es überprüft, bis Du Dir sicher genug warst, dass Du bei Deinem nächsten Ostbesuch nicht mehr in die sozialistisch-diktatorische DDR einreisen müsstest. Dass Du Dich heute daran erinnert oder jemanden fragen kannst, unterscheidet sich doch in nichts davon, wie Naturwissenschaftler die ersten Stellen von Pi oder die Ruhemasse des Elektrons auswendig kennen oder im Falle geistiger Verwirrung jemanden im Nachbarbüro fragen können. Das funktioniert, solange Du selbst den Mauerfall heute nicht in Frage stellst. Wenn doch, dann ist man ganz schnell wiedr bei einer Diskussion nach wissenschaftlicher Spielart, siehe die Mondlandungsleugner, und Du musst selber einen Weg finden, für Dich Evidenz zu finden -- eben ein Experiment durchführen.
Darum ist (2) einfach nur falsch formuliert: es gibt keine Probleme, wenn Du schriebest "Nur durch das Überprüfen von Behauptungen können überhaupt richtigere von falschen getrennt und Wissen über die der Welt zugrunde liegenden Zusammenhänge erlangt werden". "Wissen von der Welt" habe ich hingegen schon, bevor ich das selbst überhaupt auseinanderklamüser und nach Regelmäßigkeiten untersuche, und kein Naturalist würde das bestreiten.
Das ändert an zwei Punkten nichts. Einmal ist das Wissen von den Regeln nicht das vollständige Wissen über die Welt, wie sie ist. Wenn ich eine Computersimulation schreibe, dann kenne ich alle Regeln, aber ich kenne das Ergebnis in der Regel nicht. Die Argumente bzgl. historischer bzw. bei der Evolution zukünftiger Kontingenz widerlegen darum weder Naturwissenschaften und schon gar nicht den Naturalismus. Sie messen beides nur an einem schon prinzipiell nicht erfüllbaren Ziel, selbst wenn die Welt vollständig naturalistisch und kritisches Überprüfen die einzige Erkenntnisform wäre.
Zum Zweiten. Es ist mir egal, ob Du eine bestimmte Überprüfbarkeit naturwissenschaftlich, kritisch-rational oder intuitiv nennst. Meiner Meinung nach sind das künstliche Unterscheidungen. Es ändert aber nichts daran, dass Du Kriterien brauchst, was Du für eine Überprüfung hälst. In der Wissenschaft sind das dieselben wie in Deinen Beispielen Busfahrplan und Mauerfall. In Deinen religiösen Beispielen finde ich keine:
1) Könnte man an ID kritisieren, dass die These einen göttlichen Eingriff in die Zeit der Schöpfung verbannt und Gott danach keinen Platz mehr in der Welt bekommt (eben nur ein Designer ist). 2) Könnte man Kreationisten dafür kritisieren, dass sie die Bibel wörtlich auslegen, dabei seien die Prophezeiungen metaphorisch zu verstehen.
Woher hast Du diese Erkenntnisse? Wie hast Du sie überprüft oder wie überprüft der Theologe die, damit Du es ihm abnimmst? Irgendwie muss er ja wissen, was Metapher sind und was nicht. (ID ist übrigens das Gegenteil von dem, was Du kritisterst, weil Gott da ständig eingreift; du kritisiert theistische Evolution).
Solange ich die Kriterien für die Überprüfbarkeit theologischer Annahmen nicht kenne, kann ich auch deren Wahrheitsgehalt nicht anerkennen. Und der Wahrheitsgehalt einer Annahme richtet sich ganz sicher nicht danach ob (a) ich möchte, dass sie wahr ist, (b) die Wahrheit mir nützen würde oder (c) die Wahrheit meinen Genen nützen würde. Ich kann da sofort Annahmen konstruieren, die alle drei Kriterien erfüllen, aber trotzdem, nach allerbestem Wissen, nicht wahr sind.
An welcher Stelle soll es gegen die Aufklärung sein, bei religiösen Annahmen trotzdem eine Überprüfung einzufordern?
Zuletzt, natürlich ist der Naturalismus ein Weltbild, eine Weltanschauung. In einer Welt begrenzten Wissens und der Unmöglichkeit deduktiv-logischer Letztbeweise (inkl. der logischen Axiome selbst) ist alles letztendlich Weltanschauung. Das ist ein beliebig schlechtes Argument dafür, dass alle Weltanschauungen gleich gut oder schlecht wären oder welche sich plausibler mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen denken lassen und welche nicht.
Nöh, Liebe ist Magie, und wir werden nie herausfinden, wie und wieso in der Natur ein System von Paarbildung unter Menschen entstehen konnte.
Lieber Stefan Schleim,
Ich habe das Gefühl, von Ihnen missverstanden zu werden.
Das Puzzlen eines widerspruchsfreien Weltbildes wird von mir nicht als Vergnügen betrieben, sondern als eine sinnvolle Alternative zum rein naturwissenschaftlichen oder religiösen Weltbild gesehen. Das Weltbild soll zur Orientierung dienen, eine ernste Angelegenheit.
Das wichtige an der Puzzle-Evidenz ist das Phänomen „Sinn“, für das es in der Naturwissenschaft gar keinen Platz gibt, keinerlei naturalistische Deutung.
Für die Auslegung von „Sinn“ werden die Philosophen und die Religionen als zuständig gehalten, aber seit Aristoteles (sensus communis) kam nicht viel Neues dazu und die Religion bezieht allen „Sinn“ immer nur auf das Wort „Gott“.
Die Aufmerksamkeit ist beim Puzzlen immer auf die Grenzen gerichtet, die als Unterscheidungen das Sinn-Ganze einteilen. Die Grenzen müssen genau passen, es darf keine Ecke überstehen oder fehlen. Wenn solche „Fehler“ im Puzzle auftreten, heißt es sofort „hier stimmt etwas nicht“, oder „das macht keinen Sinn“, ist „widersinnig“. also ein sicherer Indikator für Unstimmigkeit und die Notwendigkeit von Korrekturen.
Diesen Hauptteil meines Beitrags übergehen Sie mit einer Floskel (..viel Spaß und Erfolg), um dann einen Nebensatz von mir in falscher Auslegung zu kritisieren.
Ich schrieb nicht über die einzelnen Mitglieder der religiösen Gemeinschaften, sondern über die drei Offenbarungsreligionen, also über das geistige Fundament des jüdischen, christlichen und islamischen Glaubens, dessen Kernaussagen m.E. purer Unsinn sind.
Zum Beispiel ein Unsinn mit verheerenden Folgen ist das Dogma von einem Gott, der die Sprache der Menschen spricht. Dieses Dogma ist das Fundament der drei monotheistischen Religionen. Es wurde von Abraham und Moses errichtet, weil diese Stammesführer gelegentlich in der Wüsteneinsamkeit eine göttliche Stimme hörten.
In gleicher Weise bekam der Epileptiker Mohammed von Allah die Suren des Korans in arabischer Sprache diktiert; Allah spricht nach islamischem Dogma nur arabisch und kann nur in diese Sprache verstanden werden.
Die schädlichen Auswirkungen solchen religiösen Unsinns zeigen sich in einer breiten Blutspur, die der monotheistische Fanatismus durch die Jahrtausende gezogen hat und täglich auffrischt, siehe Tagesschau.
Ich weiß, daß in religiösen Gemeinschaften auch sehr gute Eigenschaften gedeihen und hervorragende Menschen darin leben, aber dabei denke ich, das diese nicht auf Grund sondern trotz der Religion gut sind.
Noch einmal zurück zum Puzzle: Ihre Floskel „Viel Spaß und Erfolg.. .. “
sagt mir, daß Sie das Puzzlen als mein Privatvergnügen betrachten, aber nicht gerade als brauchbare Metapher für die Konstruktion einer widerspruchsfreien Weltanschauung, die Sie ja ausdrücklich anstreben.
Nehmen Sie als Beispiel diesen Blog: Jeder Beitrag kommt wie eine Tüte voller Puzzlesteinchen daher. Wahrscheinlich lesen Sie alles hier Geschriebene auch nach dem Puzzle-Prinzip, wonach manche Gedankenfragmente genau in ihr Weltbild passen, andere jedoch nicht, oder manche müssen erst gedreht werden, von allen Seiten betrachtet werden, damit sie Sinn ergeben, kurzum:
Viel Spaß und Erfolg beim Puzzlen wünsche ich Ihnen auch, in diesem lebhaften Blog und im täglichen Leben, das Weltbild wird lebenslänglich erweitert, Stein um Stein....
Nebenbei: Die intensive Ausübung von Musik hat auch einen bemerkenswerten Effekt auf das Weltbild, den Beethoven so beschrieb: „Musik ist höhere Erkenntnis als alle Philosophie“.
S.R.
Bei einem Religionsstifter (Moses), der „Stimmen hört“ und als Massenmörder 3000 der eigenen Leute in einer Nacht abschlachten ließ, nachdem er gerade zuvor mit den 10 Geboten ( Dusollst nicht töten!) vom Berg zurückkam, bei einem derartig schizophrenen Tyrannen ist eine ungesunde Grundlage seiner Religion nicht zu übersehen. Strenge Rassengesetze, Verbot der Mischehe, Tötung Andersgläubiger, das waren keine Erfindungen der Nazis. Moses bekam die strengen Gesetze immer von Gott persönlich eingeflüstert.
Ich weiß, daß in religiösen Gemeinschaften auch sehr gute Eigenschaften gedeihen und hervorragende Menschen darin leben, aber dabei denke ich, das diese nicht wegen sondern trotz der Religion ohne Schaden bleiben.
Auf jeden Fall geht es auch ganz ohne Religion und ohne Naturwissenschaft, das man sich ein widerspruchsfreies Weltbild zusammenbastelt, mit dem man anständig und erfolgreich über die Runden kommt. Selbstverständlich ist die Integration der Wissenschaften und Religionen auch im gepuzzleten Weltbild möglich und von Vorteil, wobei auch dabei die Grenzen Beachtung erfordern.
Ich habe Herrn oder Frau "itz" schon geschrieben, dass nur, weil (viele) Naturwissenschaftler etwas machen, das nicht automatisch als naturwissenschaftlich gilt (bsp. Zähneputzen). Deine Darstellung, die in ähnlicher Form regelmäßig von Naturalisten versucht wird, führt zu einer völligen Entleerung des Begriffs der Naturwissenschaft.
Das ist auch mein Hauptpunkt, dass eben nicht jede Form der Überprüfung darum automatisch schon eine naturwissenschaftlcihe Form der Überprüfung ist.
Wenn ich unter meine Tastatur schaue, ob dort das Passwort für die Banking-Seite steht, führe ich kein Experiment durch; und dennoch gewinne ich dadurch handlungsrelevantes Wissen. Wenn ich etwas über Geschichte lernen will, führe ich auch kein Experiment durch. Selbst theoretisch arbeitende Naturwissenschaftler führen oft keine Experimente durch, sondern definieren, denken, fassen zusammen, verallgemeinern. Lebens ist nicht nur Experimentieren; oft ist es nicht einmal das; es ist viel mehr.
Ein derartiges Verständnis macht uns alle zu Naturwissenschaftlern; das ist nicht nur historisch unzutreffend, wenn wir uns die Entwicklung der Naturwissenschaft anschauen, es ist nicht nur alltagssprachlich unzutreffend, wenn wir anschauen, wie wir Praktiken der Naturwissenschaft von anderen abgrenzen, sondern es ist auch dann unzutreffend, wenn wir uns die akademische Trennung von Disziplinen vor Augen führen, die als Wissenschaften eben nicht nur die Naturwissenschaft vorsieht, die sogar erst ziemlich spät zu einer eigenen Fakultät wurde.
Anders als du anzunehmen scheinst, ist Überprüfbarkeit eben nicht mit Naturwissenschaftlichkeit gleichzusetzen. Es wird ständig überprüft, vor Gericht, am Zollhafen, beim Gemüsehändler, im Philosophiekurs, in der Psychologieklausur, in der Politikdiskussion usw. usf. Noch einmal: nur weil Naturwissenschaftler auch überprüfen heißt das nicht, dass nur Naturwissenschaftler überprüfen und ergo jeder, der Überprüft, ein Naturwissenschaftler sei. In den üblichen Definitionen von Naturalismus geht es eben nicht nur ums Überprüfen allgemein, sondern auch um die dafür zulässigen Methoden, nämlich die der Naturwissenschaft.
Noch ein paar Nebenpunkte:
In meinem Text geht es nicht nur um die Brights und Schmidt-Salomon; wo ich mich auf deren Ansichten beziehe, habe ich das ausdrücklich gemacht. Es ist bedauerlich, dass sie keine genauere Beschreibung liefern, was sie unter "Naturalismus" verstehen. Wie meine Überschrift besagt, geht es im Artikel darum, in einem Gedankenexperiment die Widerspruchsfreiheit eines Naturalismus zu prüfen; und wie ich im Artikel schreibe, kann man unter "Naturalismus" ganz unterschiedliche Ansichten verstehen. Es würde für Klarheit sorgen, wenn sich die Brights und Schmidt-Salomon hier etwas genauer positionieren -- aber natürlich wird man dadurch auch angreifbarer, dass man präziser und klarer wird, denn dann können die Gegner einen auch leichter fassen. Vielleicht werden wir also absichtlich im Unklaren gelassen (nicht sehr "bright" also).
Deine Vorstellung von dem Regel-Naturalismus finde ich sehr komisch. Wieso könnte es nicht auch Seelen- oder Gottesregeln neben Naturregeln geben? Das würden meines Erachtens aber die meisten Naturalisten ablehnen. Außerdem gehen manche Evolutionstheorien davon aus, es gebe Zufallsereignisse, die Mutationen hervorrufen -- das Auftreten dieser Ereignisse wäre dann also gerade nicht regelhaft.
Ich denke, der Rationalismus hat es hier aber einfacher als der starke Naturalismus. Der starke Naturalismus erfordert, wie ich gezeigt habe, dass auch seine Begründung naturwissenschaftlich ist, was meines Erachtens in einen Widerspruch führt.
Der Rationalismus hingegen könnte beispielsweise mit Kohärenz ein plausibles Rationalitätskriterium annehmen, in dem sich in einem System von Annahmen die Annahmen gegenseitig stützen und auf keine weitere Letztbegründung angewiesen wären. Natürlich könnten Sie dieses Rationalitätskriterium hinterfragen (auch Märchen können kohärent sein, zum Beispiel); aber ich sage ja auch nicht, dass man den Rationalismus so "beweisen" könnte, sondern nur, dass er dann nicht in sich widersprüchlich wäre -- das scheint mir beim starken Naturalismus anders zu sein und genau darum geht es.
Die Frage der Vollständigkeit ist eine andere als die der Widerspruchsfreiheit.
"Man kann auch einfach die starke Annahme gar nicht erst machen.
Ja genau, zu diesem Fazit komme ich ja auch.
Ihre Rede vom "Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft" gefällt mir nicht; es gibt erstens nicht "die" Religion oder "die" Wissenschaft; zweitens geht es mir um religiöse und naturwissenschaftliche Annahmen und ich will darauf hinaus, dass sich diese oft gar nicht widersprechen müssen, was oft daran liegt, dass die religiösen Annahmen nicht den nötigen empirischen Gehalt haben. Dann wäre es unsinnig, zu behaupten, dass dies der Naturwissenschaft widerspricht, wenn es sich um eine prinzipiell nicht naturwissenschaftlich überprüfbare Annahme handelt. Die Rede von einem allgemeinen Widerspruch ist daher falsch; man muss sich schon die konkreten Aussagen vorknöpfen, um den Widerspruch zu finden -- oder eben auch nicht.
Ich halte es auch nicht für zutreffend, dass Religion allgemein Autorität braucht. In den frühen buddhistischen Schriften beispielsweise ist überliefert, der historische Buddha habe die Menschen dazu aufgefordert, alles kritisch zu prüfen, selbst seine eigenen Aussagen; sie sollten nichts aus Grundlage der Autorität glauben. Natürlich haben sich auch dort im Lauf der Geschichte autoritäre Strukturen gebildet -- wie sehr das noch mit der ursprünglichen Lehre zu tun hat, darf jeder selbst beurteilen. So gibt es auch Christen, welche die großen Kirchen aufgrund ihrer Autorität kritisieren. Nach Ihrer Definition wären das aber keine Religionen. Das finde ich falsch.
Danke auch für den schönen Vergleich zum Zauberberg; ich habe den Roman zwar gelesen aber will mich jetzt nicht dazu äußern, inwiefern dort unser Streitthema widergegeben wird. (Persönlich kann ich anmerken, dass Settimbrini mein Lieblingscharakter des Romans ist.)
Danke, dem möchte ich weder etwas entgegensetzen, noch etwas ergänzen.
Ich habe das keinesfalls abwertend gemeint, als ich Ihnen viel Spaß und Erfolg beim Puzzlen wünschte; das wünsche ich Ihnen (und allen anderen Menschen) ganz aufrichtig, ist das Puzzlen doch eine Metapher für die Suche nach Erkenntnis.
Aus der Tatsache, dass bis heute Gewalttaten im Namen von Religionen stattfinden, folgt aber nicht, dass Gewalttaten religiös sind. Beispielsweise haben Nazis Gewalt gegen Linke mit der Dolchstoßlegende gerechtfertigt, nicht durch religiöse Motive. Für Gewalttaten werden schlicht aus propagandistischen Gründen die verschiedensten Rechtfertigungen herangezogen, die religiös sein können es aber nicht sein müssen. Die Kritik verdienen dann die konkreten Machthaber, die sich dieser Propaganda bedienen, nicht die abstrakten Religionen. Das kommt mir wie eine Art Sippenhaft vor, wenn man jetzt alle Christen (Muslime, Juden usw.) für die Verbrechen verantwortlich machen möchte, die im Namen des Christentums (usw.) begangen wurden.
Viele täten gut daran, sich von diesen Gewalttaten zu distanzieren. Ich denke, dann ginge die einfache Rechnung mancher "neuer Atheisten" auch nicht so gut auf; manche Christen distanzieren sich ja aber auch ausdrücklich davon.
Ich persönlich habe übrigens genau deshalb große Probleme mit Kirchen, weil ich religiöse Annahmen nicht bloß durch Autorität glauben kann, sondern sie selbst prüfen muss, wobei mein Prüfkriterium aber reichhaltiger ist als das des starken Naturalismus.
Ich schätze, Sie würden mir hier zustimmen, worüber streiten wir dann eigentlich? Das Puzzlen möchte ich nicht als Ihr Privatvergnügen bezeichnen aber doch letztlich als Ihre private Aufgabe -- kann man jemanden dazu zwingen?
Ich gehe davon aus, daß Mißverstehen in der Kommunikation die Regel ist und ein Verstehen eher die Ausnahme bildet, um die wir uns dennoch immer wieder bemühen, gleiche Ge-Sinn-ung als unerreichbares Ziel.
Diese Probleme übergehen die Religionen durch Dogmen, die schon in frühester Kindheit eingetrichtert werden, bis kein Raum für Zweifel mehr ist.
Eine Religion, die als oberste Tugenden Gehorsam, Keuschheit und Demut fordert, ist nichts für freiheitsliebende Menschen, zutiefst inhuman, oder wie Nietzsche sagte: eine Sklavenreligion.
S. Freud schrieb von den „religiösen Denkhemmungen“,
„Opium fürs Volk“ (Lenin) war auch nicht schlecht,
„Servolenkung für Diktatoren“ kam mir gerade in den Sinn, sinnierend,
und da bin ich wieder bei meinem eigentlichen Thema, dem Flickenteppich des „sensus communis“, in dem Religion nur eine Nebensache ist, eher die Musik eine Hauptrolle spielt.
Deshalb möchte ich J.S. Bach, A. Bruckner und Mahalia Jackson hervorheben, deren Musik mir das religiöse Gefühl mit großer Intensität vermitteln kann, und da kann ich es genießen. Aber: die katholischen Messen bringen das auch ganz prächtig rüber, die Nürnberger Parteitage profitierten auch davon wenn der Führer sprach, ja das religiöse Gefühl ist ein Genuß ohne Reue, „und dann gehen wir in diesen Krieg wie in einen Gottesdienst“ (J.Goebbels 1943 im Sportpalast).
S.R.
Wenn Sie religiöse Dogmen kritisieren wollen, könne Sie das gerne tun, nur passt das nicht wirklich zu meinem Beitrag.
Ich denke, so wie Sie "die" Religion (also alle Religionen) darstellen, scheren Sie viel Unterschiedliches über einen Kamm. Ich habe ein Beispiel für eine religiöse Sicht genannt, für die es zentral ist, nichts ohne eigene Prüfung zu glauben; selbst dann nicht, wenn es das "Oberhaupt" sagt. Damit ist doch Ihre Redeweise schon als zu einseitig entlarvt.
Ich bin auch gegen Dogmen. Hier habe ich mir ein paar naturalistische vorgeknöpft. Wenn man darüber hinaus noch so tut, als würden diese Dogmen aus naturwissenschaftlicher Forschung selbst folgen, halte ich das für unseriös und unehrlich.
Wir missverstehen uns da. Ich habe ja ausdrücklich nicht alles Begründen zur Naturwissenschaft erklärt, sondern andersherum eine von Dir als zu widerlegende These aufgestellte Behauptung, nur Naturwissenschaft bringe Erkenntnis, abgelehnt. Schließlich ist die Unterscheidung zwischen Natur- und anderen Wissenschaften eine rein künstliche, historisch bedingte. Wieso sollten wir ausgerechnet die in der Erkenntnistheorie wiederfinden?
Wie ich schrieb, der Kern, warum Naturwissenschaft Erkenntnis liefert, ist in ihrer Methode begründet -- in der Methode des Schließens und Überprüfens und Aussortierens, nicht in der experimentellen Methode, ob man ein Elektronenmikroskop benutzt, ein Linsenmikroskop oder den Augenschein. Wo immer Menschen nach ähnlichen Kriterien forschen, erlangen sie Erkenntnis, ob wir das als Naturwissenschaft bezeichnen oder nicht. Und wenn der Kristallpendler nachweisen kann, dass er mittels seiner experimentellen Methode schließen und begründen und falsche Annahmen aussortieren kann, liefert er damit auch Erkenntnis. Das tut er bloß nicht.
Dass Naturwissenschaft heute oft als Begriff benutzt wird, um die Methode zu beschreiben, liegt nur daran, dass sie die am konsequentesten anwendet und anwenden kann.
Wenn Du aber ernsthaft denkst, dass starker Naturalismus die Festschreibung einer im 19. Jahrhundert willkürlich getroffenen Unterscheidung zwischen Natur- und anderen Wissenschaften in die Erkenntnistheorie vornehmen will, hätte ich schon gerne ein Beispiel dafür, wo einigermaßen einflussreiche Naturalisten dass so behaupten. Im Moment hast Du ja nur durch Deine Thesen einen Widerspruch formuliert, den Du jetzt für den Widerspruch des Naturalismus hälst.
Wieso könnte es nicht auch Seelen- oder Gottesregeln neben Naturregeln geben?
Ein Gott, der sich nur regelmäßig verhält, wie wäre der von der Natur getrennt und wieso könnte man den nicht wissenschaftlich als Teil der Natur beschreiben? Wieso sollte man den dann überhaupt Gott nennen, anstatt ihn nach dem Wissenschaftler zu benennen, der zum ersten Mal die Regeln vollständig beschreibt, nach denen er handelt :-)
Wir halten Elektrizität doch nicht deshalb für natürlich, weil irgendwo ein Schild steht, dass sie es sei; sondern weil wir ihre gesamten Zusammenhänge beschreiben und damit ihr Verhalten vorhersagen können. Dass so an Regeln gebundene Phänomen bezeichnen wir eben deshalb als natürlich. Wenn das Verhalten eines Gottes nur nach Regeln abliefe, wir könnten es von Natur gar nicht unterscheiden.
Außerdem gehen manche Evolutionstheorien davon aus, es gebe Zufallsereignisse, die Mutationen hervorrufen -- das Auftreten dieser Ereignisse wäre dann also gerade nicht regelhaft.
Wie gesagt, selbst in einer vollkommen naturalistischen, vollkommen wissenschaftlich beschreibbaren Welt hast Du notwendigerweise aus einer nicht vollständigen Innenperspektive dieser Welt Kontingenz-Erlebnisse. Schon allein aufgrund der fehlenden Vollständigkeit des Wissens. Das heißt nicht, dass die Prozesse keinen Regeln folgen. Ich kann das Ergebnis eines einzelnen Würfelwurfs nicht vorhersagen, aber das spricht nicht dagegen, dass er rein naturalistisch funktioniert und wissenschaftlich vollkommen beschreibbar ist bzw. wäre (nicht dasselbe). Außerdem gehorcht der Würfelwurf natürlich Regeln, nämlich statistischen, so dass ich einen normalen Würfel von einem gezinkten unterscheiden kann. Genauso unterliegt z.B. die Häufigkeit von Mutationen denselben statistischen Regeln.
Wenn ich unter meine Tastatur schaue, ob dort das Passwort für die Banking-Seite steht, führe ich kein Experiment durch;
Was ist Deine Definition des Wortes Experiment? Ernsthaft. Mir ist es etwas zu wenig, nur darüber zu reden, warum es sich im Umgangssprachgebrauch nicht richtig anfühlt, das Wort Experiment hier zu benutzen; ich verstehe den prinzipiellen Unterschied, das Kriterium, ab wann etwas ein Experiment ist, hier nicht.
Zuletzt, bis jetzt hast Du nur darüber geschrieben, was für Dich eine zu starke Einschränkung der Methoden des Wissensgewinns wäre (nur Naturwissenschaft). Nach welchen Kriterien unterscheidest Du, ob ein Verfahren potenziell erkenntnisstiftend ist? Ich würde nur gerne wissen, inwieweit wir uns da überhaupt unterscheiden.
Wenn man hier die bisherigen Texte so liest, dann scheint es, als ob die Naturalisten die Religion unbedingt brauchen, um die eigene Existenz zu rechtfertigen.
Umgekehrt scheint es Religionen egal zu sein, ob es Naturalisten gibt.
Da kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen: :-)
Sollte ein Naturalismus nicht durch ein eigenständiges Weltbild überzeugen?
Wenn du gegen eine These argumentierst, die ich mit der Schlussform reductio ad absurdum widerlegt habe, dann haben wir hier tatsächlich einen Konsens, keinen Dissens.
Eines meiner Argumente war, dass die Methode "Schließen, Überprüfen und Aussortieren" gar nicht das Wesen der naturwissenschaftlichen Methoden sein kann, weil wir schon lange vor dem Beginn der Naturwissenschaft diese Methode überliefert haben. Ein anderes Argument war, dass dies auch dem Sprachgebrauch widerspricht, weil wir diese Methode ständig in Kontexten anwenden, die wir als nicht-naturwissenschaftlich ansehen. Ein weiteres Argument war, dass auch andere Wissenschaften, die nicht Naturwissenschaften sind, von dieser Methode gebrauch machen. Wenn dir alle diese Argumente keine Erwiderung wert sind und du wieder von "der Methode der Naturwissenschaft" sprichst, dann kann ich das auch nicht ändern.
Zur Gottesregel bzw. statistischen Gesetzen: Wieso sollte sich ein Gott nicht regelhaft äußern, nur vielleicht eben nach göttlichen Regeln? Und wieso du den Gott nicht Gott nennen solltest, das kann ich dir nicht sagen; aber bei Phänomenen, bei denen unsere Kausalerklärungen versagen, kann man auch nicht ausschließen, dass hier andere Regeln vorherrschen. Natürlich lässt sich daraus kein Gottesbeweis stricken aber darum geht's mir auch gar nicht. Das ist die Aufgabe von Theologen.
Die wunderbaren Methoden der Statistik erlauben es uns, durch jede Reihe von Messpunkten eine Kurve zu legen -- so what? Wird das damit sofort zum Naturgesetz? Und was heißt das, die Häufigkeit von Mutationen zu berechnen? In einer bestimmten Zeitspanne die Anzahl der Mutationen (freilich unter Laborbedingungen) zu beobachten und das zu Extrapolieren; du teilst also die beobachtete Anzahl durch die Zeit und glaubst damit, eine Mutationsrate zu haben; du sagst jetzt einfach, das seien "natürliche Regeln". Tatsächlich erlaubt uns dieses "Gesetz" aber weder, zu sagen, wann Mutationen passiert sind, noch, wann sie passieren werden; und es kann sehr gut sein, dass sich für den prognostizierten Zeitraum die Rate ändert.
Dann würde man freilich die neue Beobachtung zur neuen Berechnung verwenden und glauben, jetzt eine noch bessere Beschreibung zu haben; das kann man unendlich oft fortsetzen aber wieso aus dieser Beschreibung plötzlich ein Naturgesetz werden sollte, das leuchtet mir nicht ein. Dann könnte man auch jede Zeitreihe eines Aktienkurses nehmen und behaupten, ein Naturgesetz entdeckt zu haben. Fakt bleibt, es sind Zufallsereignisse, über die wir nicht viel wissen.
Wenn ich unter meine Tastatur schaue, dann schaue ich nach, was unter meiner Tastatur ist. Wir benutzen hierfür allgemeinsprachlich nicht das Wort "Experiment". Wenn mich jemand fragte, was ich da gemacht hätte, und ich nicht antwortete, unter die Tastatur geschaut, sondern ein Experiment gemacht, dann würde er sich erst mal am Kopf kratzen und nachdenken, was ich meine. Wahrscheinlich würde er es für einen Scherz halten. Experimente finden im Labor statt, unter besonderen Bedingungen, mit bestimmten Annahmen und vor dem Hintergrund von Theorien. Ich orientiere mich hier an der Alltagssprache -- ich bin kein Wissenschaftsphilosoph. Wer einen anderen Begriff von "Experiment" hat, der möge ihn bitte definieren und erklären.
„Alles messen, was sich messen läßt,- und alles messbar machen, was sich nicht messen läßt“ sagte ANAXAGORAS vor ca. 2500 Jahren, oder “Das Sichtbare ist die Quelle zur Erkenntnis des Unsichtbaren“,....
und mehr als dieser Lehrmeister des Sokrates wollen die heutigen „Naturalisten“ auch nicht,
also:alter Wein in neue Schläuche.
Nebenbei: Wegen Gottlosigkeit wurde Anaxagoras in Athen zum Tode verurteilt, aber von Perikles gerettet durch Verbannung.
Mit diabolischem Lächeln
S.R.
Sie schreiben: "es gibt erstens nicht "die" Religion oder "die" Wissenschaft; zweitens...usw."
Glauben Sie im Ernst, daß wir hierüber unterschiedlicher Ansicht sind? Wenn ja, muß ich Sie enttäuschen: ich bin nicht George W. Bush.
Es stört mich nur, wenn Sie mir, z.B. als Mitglied der Brights, Intoleranz gegenüber religiösen Menschen unterstellen, die ich nicht habe, wie es mich auch umgekehrt stört, wenn Hardcore-Atheisten dasselbe mit Religiösen machen. Ich gebe allerdings die Hoffnung nicht auf, dieses Thema vielleicht einmal in den scilogs ohne diese albernen Dichotomien und die sich daraus ergebenden überflüssigen Konfrontationen diskutieren zu können. Immerhin sind ja die Diskutanten hier nicht nur scharfzüngig sondern mitunter auch -sinnig, wie Helmut Wicht einmal wunderbar konstatierte.
Lieber Stephan,
das ist ein wunderbarer Beitrag, dem ich aus ganzem Herzen zustimmen kann und von der Debatte in meinem Blog (die Dich mit angeregt hat? ;-) ) auch gleich verlinke!
Erlaube mir noch eine Bestärkung Deines Erfolgsargumentes: Ich ringe nun seit Jahren mit dem Befund, dass sich oft gerade jene Gemeinschaften "evolutionär erfolgreich" verhalten, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren oder ablehnen! Sehr viele evolutionswissenschaftlich Gebildete haben keine oder kaum Kinder - die Amischen (und unzählige andere Religionsgemeinschaften) pflanzen sich dagegen seit Jahrhunderten erfolgreich fort, geben ihre Gene weiter. Wissenschaftlicher und biologischer "Erfolg" fallen hier ganz klar auseinander und ohne metaphysische Zusatzannahmen lässt sich das wohl nur erklären, indem man - wie Du es ja auch anregst- andere "Wissensarten" gelten lässt. Ohne erkenntnistheoretisch-philosophische Reflektion lassen sich m.E. die eindeutigen Befunde gerade aus naturalistischer Sicht nicht verarbeiten.
Ich würde mich freuen, wenn wir hier gemeinsamer Ansicht sind und wollte Sie keinesfalls provozieren. Sie haben aber ausdrücklich geschrieben:
Der Widerspruch zwischen Raligion [sic] und Wissenschaft besteht in der Art ihrer Begründung: Wissenschaft gründet auf Evidenz, Religion auf Offenbarung. Evidenz kann intersubjektiv überprüft werden, wogegen der Gott im brennenden Dornbusch nur Moses erschienen ist.
Was man davon nun auch halten mag, Sie schreiben allgemein von Religion und Wissenschaft -- und machen Ihren Punkt dann an einem sehr reduzierten Verständnis des Christentums deutlich. Was Sie schreiben, gilt aber noch nicht mal allgemein fürs Christentum, geschweige denn für alle Religionen! Beispielsweise gab es auch in der christlichen Tradition Mystiker, die in die Einsamkeit gegangen sind, um Gott zu erfahren. Das ist mir persönlich wesentlich sympatischer, als etwas zu glauben, weil man gesagt bekommt, dass es so ist.
Wenn Sie nicht intolerant wirken möchten, wäre es vielleicht besser, den Gegner etwas fairer zu behandeln und zuzugestehen, dass es auch dort sehr unterschiedliche Meinungen gibt (manche der Mystiker wiederum wurden, wenn ich mich nicht irre, als Ketzer verfolgt oder wenigstens aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, eben weil sie ihre eigenen Fragen und Antworten hatten).
Was ich vor allem erstaunlich finde: wie sehr Du Skepsis hochhälst, wenn es um Naturwissenschaft oder um die Weltanschauung Naturalismus geht, aber wie stumm und tolerant Du wirst, wenn es um behauptete andere Erkenntniswege geht. Da reicht Dir ein einziges selbstkonstruiertes Beispiel einer angeblich starken naturalistischen Behauptung, um darüber zu setzen: Ist Naturalismus widerspruchsfrei denkbar. Die Antwort kann dann wohl nur lauten: ja sicher, aber nicht Deiner. Da schreibst Du gegen Brights an "Ist das wirklich so gescheit, wie die Gescheiten glauben?", aber Du kannst nicht zeigen, dass irgendwelche "gescheiten" Naturalisten Deine Behauptungen überhaupt so teilen, wie Du sie widerlegst. Damit erfasst Du dann nicht mal einzelne Naturalisten, geschweige denn die Idee des Naturalismus.
Auf der anderen Seite, nachdem Du den vermeintlichen Widerspruch im Naturalismus aufgedeckt hast, kommen Toleranzaufrufe gegenüber Religionen und anderen Erkenntniswegen, aber selbst auf Nachfrage kommen keine Kriterien, die solche angeblichen Erkenntniswege erfüllen müssen, damit wir sie als Erkenntnis auch erkennen können, und anstelle Untersuchungen, welche dieser Erkenntniswege überhaupt widerspruchsfreie Grundlagen und Ergebnisse aufweisen kommen fast Entschuldigungen, wie man die ja doch denken könnte, aber man weiß ja auch alles nicht genau.
Ist das nicht ein Missverhältnis? Bist Du sicher, dass Deines Position und Argumentation da überhaupt widerspruchsfrei ist?
Ansonsten wird das zunehmend zu einer Auseinandersetzung über Worte.
- Natürlich kann ich von der "Methode der Naturwissenschaften" spreche. Nur weil Menschen seit der Entdeckung der Schrift Käse schreiben und weil viele anderen in ganz anderen Zusammenhängen Käse schreiben, kann es doch auch meine Methode sein, Käse zu schreiben. Ich dachte, ich hätte es eher schon zu breit ausgeführt, warum ich die Methode nicht als irgendwie magische Beigabe der Beschäftigung mit der Natur verstehe, sondern als die altbekannte und in anderen Kontexten bewährte Methode in einem besonders exemplarischen Zusammenhang.
- Was göttliche Regeln sein sollen, verstehe ich nicht. Was ist die gotthafte Beigabe, die Dich veranlasst, das "göttlich" davorzusetzen, wenn das Göttliche sich nur regelhaft äußert? Wir nennen die Gravitation doch auch nicht "göttliche Graviation"; weil wir nämlich keinen Grund dafür haben. Wie sollte der bei einer anderen Regelhaftigkeit aussehen und was macht eine Regelhaftigkeit göttlich?
- Ich will doch nicht das Wort Experiment in die Alltagssprache zwingen. Ich wollte zeigen, analog zu oben, dass die Methode des Erkenntnisgewinns dieselbe ist wie in den Naturwissenschaften: das Nachschauen und Überprüfen der Ergebnisse, um das Du auch in Deinem Beispiel nicht herumkommst. Natürlich schaffen wir Laborsituationen, um möglichst viele Parameter genau kontrollieren und ihren Einfluss auf das Ergebnis bestimmen zu können -- aber das sind graduelle Unterschiede, keine, die eine besondere Erkenntnismethode konstituieren. In Deinem Beispiel sind es nur weniger Parameter und die so alltäglich, dass Du sie nicht mehr wahrnimmst.
Tatsächlich erlaubt uns dieses "Gesetz" aber weder, zu sagen, wann Mutationen passiert sind, noch, wann sie passieren werden;
Weil diese Art von Wissen rein logisch gar nicht möglich ist, solange Du nicht alle Ausgangswerte exakt kennst. Ich finde das nicht so schwierig zu verstehen, aber ich weiß nicht, gegen was sich Dein Argument eigentlich richtet? Evolutionsbiologie ist keine Wissenschaft oder kein Erkenntnisgewinn, solange sie nicht den Zustand jeder Aminosäure in jedem Organismus zu jedem Zeitpunkt prognostizieren kann? Das bräuchtest Du doch, um über den zukünftigen Verlauf von Evolution mehr als statistische Aussagen machen zu können, selbst wenn Du alle Zusammenhänge perfekt kennen würdest. Wie sich solche Moleküle z.B. unter Strahlung verhalten, ist doch schon wunderbar erforscht.
und es kann sehr gut sein, dass sich für den prognostizierten Zeitraum die Rate ändert [...] Fakt bleibt, es sind Zufallsereignisse, über die wir nicht viel wissen.
Über sowas ärgere ich mich dann echt, das ist mir zu billig. Der naturwissenschaftliche Ansatz ist nicht "wer weiß schon, ob die Rate sich nicht ändert", sondern "von welchen Einflüßen ist die Rate (reproduzierbar/prognostizierbar) abhängig". Willst Du echt bestreiten, dass auf dem Weg kein Erkenntnisgewinn erbracht wurde bzw. Erkenntnisgewinn so gar nicht möglich ist, weil es sich um Zufallsereignisse handelt? Alle Angaben in jedem wissenschaftlichen Lehrbuch entnehmen kannst, waren ursprünglich Zufallsereignisse, die man so lange studiert und überprüft hat, bis man die Zusammenhänge erkannt hat. Selbst in der Astronomie haben wir es mit regelmäßigen, aber im Einzelfall zufälligen, statistischen Teilchenbahnen und -wechselwirkungen zu tun, damit Du im Teleskop was siehst.
Aber das ist wieder die alte erkenntnistheoretische Debatte, keine Debatte über den Naturalismus -- der ist, wie Du selbst schreibst, eine weltanschauliche Position, bevor Du dann eine erkenntnistheoretische konstruierst und die Naturalismus nennst.