brainlogs Anatomisches Allerlei scilogspreis

De nihilo

von Helmut Wicht, 30. Juni 2008, 11:52

Das ist jetzt frech: von nichts eine Ahnung haben, aber über das Nichts schreiben wollen. Die Geburt der Tragödie: eine Unterhaltung mit Christian Hoppe, hier im Blog. Bei der Gelegenheit habe ich festgestellt, dass das "Nichts" ein spannendes Thema ist. Und dass es nichts - na, sagen wir mal: weniges, oder zumindest nicht viel, was mir bekannt wäre - dazu zu lesen gibt. Allerdings hab' ich auch, wie schon gesagt, wenig Ahnung und keine richtige Literaturrecherche betrieben. Also, faul wie ich bin, dacht' ich: schreib' ich mal einen Blogbeitrag. Vielleicht kann ich ja Leute anlocken, die Ahnung haben und mich auf die entscheidende Literatur verweisen.

Was weiss ich vom "Nichts"? Dass Parmenides meinte, dass es nicht sei. Und dass Heidegger seine Tätigkeit, wenn sie schon nicht "sein" kann, als "nichten" bezeichnete. Das Sein ist. Das Nichts nichtet. Bin ich jetzt schlauer? Nicht wirklich.

Lassen wir das Nichts für den Moment mal sein und/oder nichten, stellen wir die Frage, ob es ist oder nicht ist, mal hintenan. Lassen wir es in der Schwebe. Wenn ich also im folgenden schreibe "das Nichts ist". oder "es gibt nichts", dann will ich damit keine Existenzaussagen machen - ich will von Konzepten, von Ideen reden.

Im Gespräch mit einem Theologen hier in Frankfurt - Professor Trocholepczy - hab' ich den Unterschied zwischen dem "Ni(hi)l permissivum" und dem "Nil absolutum" kennen gelernt. Holla! Es gibt also sogar verschiedene Arten von "Nichtsen"! Das "permissivum" ist so eine Art von "warmem Nichts", zwar ist (noch) nichts, aber es könnte jederzeit etwas werden. Ein Nichts, das immerhin die Möglichkeit des Seins in sich trägt. Also doch nicht ganz leer ist. Vielleicht so etwas wie ein "Feld" aus der (Quanten)physik. Das "absolutum" ist das "kalte Nichts". Keine Chance, keine Möglichkeit, nichts. Das Vakuum, das die Natur perhorresziert - nequaquam vacuum, nirgendwo ist Leere.

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy trägt unter dem Eintrag "nothingness" aber einen logischen Einwand gegen die Theorie der verschiedenen "Nichtse" vor. Es kann, so heisst es da, nur ein Nichts geben (wenn es das Nichts überhaupt "gibt", s.o.). Denn wenn das Nichts eine "leere Menge" ist, dann hat es keine Attribute, keine Inhalte, die es erlauben würden, verschiedene Nichtse zu unterscheiden. Prinzip der Ununterscheidbarkeit des Identischen, auf die Identität der Leere angewendet. Logisch sauber. Aber wenn die Physiker nun doch an verschiedenen Orten in der Welt Löcher, Vakua fänden, in denen einfach nichts ist, noch nicht mal ein Feld - was dann? Hätten wir dann viele Nichtse mit verschiedenen Koordinaten? Ist die Koordinate ein Bestandteil der leeren Menge? Hat ein Emmentaler ein Loch oder viele?

An dieser Stelle kommt man natürlich nicht drum herum, einen Abzweig zum grandiosen Abhandlung von Kurt Tucholsky über die soziologische Psychologie der Löcher anzulegen. Ich will aber nicht ins Feuilleton (ausnahmsweise mal nicht), ich will in die Philosophie. Als ich nämlich über die offensichtliche A-logik der multiplen Nichtse nachdachte, da frug ich mich auf einmal, mit welchem Recht wir die Prinzipien der Logik auf das "Nichts" anwenden. Es könnte ja sein, so dachte ich mir, dass es gerade DAS ist: das Nichts könnte a-logisch sein. Und vor meinem inneren Auge erstand ein ganzer Zoo von Nichtsen. Eines, in dem die Logik einfach umgedreht ist, in dem zum Beispiel der Satz vom ausgeschlossenen Dritten nicht gilt. Dieses Nichts wimmelt von eckigen Kreisen und vierschenkligen Dreiecken. Eines, in dem der Satz vom Grund nicht gilt: in ihm macht es dauernd "poff", und irgendwas erscheint ex nihilo, und wieder "poff", und es ist spur- und folgenlos weg. Es macht zumindest Spass, sich diese Nichtse vorzustellen.

Natürlich, so dacht' ich mir weiter, ist auch die Negation der Logik eine Logik. Das "Nil a-logicum" darf die Spielregeln nicht einfach auf den Kopf stellen, darf nicht einfach ein Spiegelbild sein - es darf gar keine Spielregeln haben. Noch nicht einmal die Regel: "es gibt keine Regel" darf gelten. Anything goes. Nothing goes. Gleichzeitig und am selben Ort. Nein, natürlich nicht: nirgendwo und nie jemals, denn Zeit und Raum haben im Nichts nichts zu suchen. Oder doch? Wir wollten doch keine Regeln, auch keine negativen: also überall und immer.

Schick! Ich habe ein Nichts. In ihm passiert überall gleichzeitig nie jemals irgendwo etwas nicht oder immer doch.

Mir gruselt es ein wenig vor diesem Nichts, vor allem, weil ich fast glaube, dass ich nicht das "Nichts" sondern das "Sein" entdeckt habe.



Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. Christian Hoppe Sein, Nichts, Wirklichkeit
    30.06.2008 | 13:02

    Dann stelle ich die Frage - als ernst gemeinte Frage - gemeinerweise auch hier ... Ist das Nichts eine Wirklichkeit? Ist Wirklichkeit ein Oberbegriff von Sein und Nichts? Wie käme dem Nichts Wirklichkeit zu? Oder zerbricht die Vorstellung von einem Nichts am Begriff/an der Frage nach der Wirklichkeit (was ich vermute)?

  2. Dietmar Hilsebein @Hoppe
    30.06.2008 | 13:28

    Das "Nichts" dürfte jetzt aber klar umrissen sein. Es ist "das Loch", welches den Schaum der Möglichkeiten in sich trägt. Also ein warmes Loch -ui, ui -da werden manche Erinnerungen wach. :-)
    Vielleicht wäre es gut, dem halb verschlossenen Loch mehr Respekt zu zollen. Wenn etwas Neues entstehen soll, so muß man sich in das Loch hineinversetzen. Manche Löcher verweigern sich aber und das ist gut so. Aber schwer ist das schon, wenn die Löcher nichts sagen und man(n) auf Rätselraten angewiesen ist. Na ja -das muß jetzt mit viel Humor aufgefaßt werden!

  3. Helmut Wicht @ Hoppe
    30.06.2008 | 14:41

    Das ist genau die Frage, die ich mir auch stelle. Wenn ich den Parmenides recht verstehe, argumentiert er so wie Sie: das nichts KANN nicht sein, es "zerbricht" (schön!) an der schieren Tatsache, dass etwas ist, und wo das "Nichts" ein Teil der Wirklichkeit ist (mein "nil permissivum"), da ist es immer schon etwas, und nicht nichts.

    Und ja, ich versuche mich hier an etwas irrwitzigem: einer "Niholodizee", einer Rechtfertigung des Nichts angesichts des Seins. Ich kann dem Nichts also schlecht "Wirklichkeit" zugestehen, weil das (da würd' ich Ihnen folgen) eines der zentralen Seinskriterien ist.

    Der Ausweg, den ich momentan suche, ist mein "Nichts" irgendwie so zu positionieren, dass das "Sein" nicht an es heranreicht. Warum soll es logischen Kriterien unterworfen sein? Warum soll es nicht so "existieren", wie ein schwarzer Schimmel - als Oxymoron? Warum soll es nicht der Raum sein, in dem sich nichts um "Wirklichkeit" schert? In dem "Sein" nicht die allerabstrakteste, umfassendste Kategorie ist, die alles umgreift, sondern in dem "Sein" ein belangloses, lästiges Attribut ist, sozusagen der ansteckende Fusspilz, der Aussatz, der manchen Bewohnern dieses Nichts anhaftet (weswegen sie aus ihm vertrieben werden, bis sie geheilt sind). Es gibt so unendlich viele Unmöglichkeiten: könnten sie nicht mein Nichts bevölkern?

    Das Nichts - kann man es unter den Begriff der "Wirklichkeit" zwingen? Tut man es, geht es kaputt. Es IST dann ja auf einmal. Letztendlich läuft es doch dann auf die Frage hinaus, ob man vom Ausserweltlichen und -wirklichen überhaupt reden kann. Kann man natürlich nicht, denn sowie man davon redet, ist's ja wirklich. Nicht als materielles Objekt natürlich, aber selbst das übelste Oxymoron ("vierschenkliges Dreieck") hat begriffliche Wirklichkeit, selbst wenn man es sich nicht vorstellen kann.

    Das ist nun aber - wenn ich mich hier mal weiter als Advocatus nihili aufspielen darf - ziemlich gemein gegenüber meinem Mandanten. Er hat ja gar keine Chance. Sowie man das Wort "Sein" in den Mund nimmt - schon ist er seiner schuldig (hö!). Retten wir ihn mit Heidegger? Lassen wir ihn "nichten"?

    Nö, "nichten" ist blöd. Ich weiss nicht, was das sein soll (schon wieder in die Seins-Falle getappt...). Lieber dem "Sein" auf die Finger klopfen und darauf hinweisen, dass es zwar die allerumfassenste, aber auch die bedeutungsloseste Kategorie ist, die wir haben. So bedeutungslos, dass sie keine Distinktionsmerkmale besitzt und daher von nichts unterschieden werden kann...

  4. adenosine kein Betreff
    30.06.2008 | 15:35

    Ich sehe das so, dass die Bedeutung des -nichts- von dem Umgebung abhängt, in der es benutzt wird. Wenn untersucht wird, ob eine Brieftasche nichts enthält, also leer ist, dann ist sie auch leer im Sinne der Untersuchung, wenn sie Luft enthält. Wenn bei einem homöopathischen Produkt gefragt wird ob es den Wirkstoff oder nichts enthält, dann ist der Wirkstopp für einen Homöopathen auch dann da, wenn kein Atom des Wirkstoffes nach Verdünnung mehr enthalten ist. Alles eine Frage des Glaubens und der Fantasie.

  5. Helmut Wicht @ Hilsebein
    30.06.2008 | 15:39

    Dietmar,

    das ist jetzt aber gemein, aus meinem schönen "Nil permissivum" ein "Foramen generativum" zu machen, um's mal vornehm zu formulieren.

    Anderseits ist's mir um _dieses_ Nichts nicht schade. Es ist ja gar keines, wie Du und der Christian zu recht anmerken.

  6. Mathias Wölfelschneider kein Betreff
    30.06.2008 | 15:44

    Eigentlich ist dem ja NICHTS hinzuzufügen (und wenn das dann wieder weggenommen wird? Was dann?).

    Damit "Nichts" existiert, müßte man erstmal eine Unterscheidung treffen. Aber welche Unterscheidung determiniert das "Nichts"? Darüber muss ich nach Feierabend mal genauer grübeln....

  7. Helmut Wicht @ adenosine
    30.06.2008 | 15:44

    Brieftaschenbeispiel

    Dann wäre das "Nichts" aber tatächlich das Gegenteil von dem, was man gerade als "Sein/Seinend" definiert hat, mithin also nicht in diesem Begriff vom Sein enthalten, sondern dessen Negation.

    MIR gefällt das - dem Herrn Hoppe, glaub' ich, weniger. Spannende Frage ... ist "Sein" ein Definitionssache? Oder eine nicht hintergehbare Tatsache?

  8. Michael Wald kein Betreff
    30.06.2008 | 15:46

    Ich bin versucht zu behaupten, dass diese Betrachtung hier zu nichts führt, allerdings könnte dass missverstanden werden ;-)...

  9. Dietmar Hilsebein @ Wicht
    30.06.2008 | 15:52

    "Sein" ein Definitionssache?"

    Dann muß erlaubt *sein* zu fragen, wer oder was den Begriff Definition definiert. Und ab da befinden wir uns im Münchhausentrilemma. Das ist wieder von "oben" gedacht und bringt herzlich wenig. Es ist wichtig, so meine ich, immer unsere Begriffe mit einer sinnlichen Wahrnehmung zu koppeln (->Kant) Wenn ich also auf der Brücke stehe und in den Abgrund sehe, dann mag ich mich vll. daran berauschen können, aber irgendwann geht man halt weiter, weil das Stieren in den Abgrund auf Dauer auch nicht be-fried-igt.

  10. Dietmar Hilsebein Nachtrag @ Wicht
    30.06.2008 | 17:34

    Ei -der liebe Thomas. Ein äußerst genialer Jünger Jesu! Im Grunde hat er Kant vorweggenommen! Denn er hatte zwar den Begriff, aber er glaubte nicht. Er wollte eine sinnliche Wahrnehmung -die Hände in die Wunden legen. In die Wunden legen? Den Finger in die Wunde legen mag schmerzen, aber es ist die einzige Möglichkeit, um zur Erkenntnis zu gelangen!

  11. Richard Aporie
    30.06.2008 | 18:05

    Die Frage nach dem NICHTS ist eine Aporie.
    Aporien sind philosophische Probleme, die auf Grund eines in sich selbst liegenden Widerspruchs unlösbar sind.

    Denn: Wenn es das NICHTS gibt; dann gibt es doch etwas - nämlich das NICHTS.

  12. Dietmar Hilsebein @ Richard
    30.06.2008 | 18:08

    Sorry -aber da waren wir schon!

  13. Monika Armand "Etwas" reden über "nichts"????
    30.06.2008 | 19:03

    Kann man denn überhaupt darüber reden - über das Nichts?

    Denn dann wäre das Nichts doch etwas, nämlich worüber man reden kann.....
    ...worüber man Nachdenken kann...

    Ich behaupte daher, dass wir nicht in der Lage sind, sich das "Nichts" vorzustellen, so wie wir auch nicht in der Lage sind an "Nichts" zu denken....

    Hmm....irgendwie landet man bei dieser Geschichte im Zirkelschluss???? Oder?

    Oder vielleicht in kurzschlüssigen Gedanken?.....

    Ach ja, es gab - so glaube ich mal eine Fernsehsendung, welche versuchte das schwäbische Wort "Ebbes" zu erklären. So richtig hat das auch nicht geklappt, denn es stand einfach für alles..... Ist vielleicht Nichts das Gegenteil von Ebbes?

  14. Dietmar Hilsebein Nachtrag 2 @ Wicht
    30.06.2008 | 19:12

    Alles, was wir das Natürliche, Materielle nennen, ist nur Symbol und Gleichnis für innere Zustände!

  15. Uwe Kauffmann rekursiver Charakter?
    30.06.2008 | 21:58

    Hallo,
    das ist lustig hier, führt aber wohl zu nichts.

    Gruß Uwe Kauffmann

  16. Michael Wald Was sagt Lesch?
    30.06.2008 | 22:32
  17. Helmut Wicht @ Kaufmann
    01.07.2008 | 08:35

    "Das ist lustig hier, führt aber wohl zu nichts."

    Wenn's zum Nichts führte, würde ich es als einen grossen Erfolg ansehen

  18. Helmut Wicht @ Hilsebein, Begriff und Anschauung
    01.07.2008 | 08:53

    Ja, auch Freund Schopenhauer ist da auf Deiner Seite:

    "...denn eben Begriffe erhalten alle Bedeutung, allen Inhalt, allein aus ihrer Beziehung auf anschauliche Vorstellungen, aus denen sie abstrahirt, abgezogen, d.h. durch Fallenlassen alles Unwesentlichen gebildet worden; daher, wenn ihnen
    die Unterlage der Anschauung entzogen wird, sie leer und nichtig sind. Anschauungen hingegen haben an sich selbst unmittelbare und sehr große Bedeutung..."

    Ich aber nicht. Denn es gibt sehr wohl Begriffe (die schon mehrfach angeführten Oxymora, die Absurditäten, die ich so liebe), die niemals Gegenstand der Anschauung werden können. Sie sind aber deshalb nicht wertlos. Vielleicht sind sie, um im Allegorischen zu bleiben, flüchtige Besucher aus jenem Kosmos des Nicht-Seins, dem ich nachträume.

  19. Helmut Wicht @ Wölfelschneider - Distinktionen
    01.07.2008 | 09:03

    "Aber welche Unterscheidung determiniert das "Nichts"?"

    Eben!

    Aber genau andersherum - auf das "Sein" bezogen - wird ein Schuh 'draus. Das parmenidisch/hoppesche Argument vom allumfassenden Sein, das dem Nichts keinen Raum lässt, funktioniert nur deshalb, weil ihr "Sein" eine Kategorie ist, diekeine Unterscheidung mehr zulässt. Sie umfasst einfach alles. Wäre mal interessant, dazu einen Mengen-Theoretiker zu hören - ist das nicht die berüchtigte "Menge aller Mengen", die sich selbst enthält? Ist nicht das "Sein" selbst ein Oxymoron?

  20. Dietmar Hilsebein @ Wicht
    01.07.2008 | 09:26

    Dann ist Welt dasjenige, was den Widerspruch in sich ertragen muß. Lieber Helmut: Irgendeinen Sinn muß ich aber gebrauchen, um etwas wissen zu können -auch wenn es eben nicht die fünf Sinne sind!

Artikel kommentieren
szmtag