Denkanstöße - Den "Gott" brauch' ich auch nicht ...
Ich habe als Theologe (und Neuropsychologe) mit den meisten Texten in Edgar Dahls religionskritischer Anthologie „Brauchen wir Gott?“ (2005 erschienen im Hirzel Verlag; erw. Neuauflage von: ders., Die Lehre des Unheils, Fundamentalkritik am Christentum, 1993) kein Problem und lehne den Theismus, so wie er von den Autoren des Bandes dargestellt wird, ebenfalls ab. Allerdings hat der hier kritisierte philosophische Theismus mit dem jüdisch-christlichen Glauben meines Erachtens nur wenig zu tun; wie die fehlenden Referenzen belegen, findet eine Auseinandersetzung mit klassischer und moderner kontinentaleuropäischer jüdischer und christlicher Theologie nicht statt.
Die folgende Rezension werde ich daher als theologischen Kommentar zur Theismus-Atheismus-Debatte anlegen. Besonders berücksichtigen werde ich die Frage nach der Möglichkeit einer nichttheistischen Grundlegung der Ethik sowie das Théodicée-Problem; auf diese beiden Aspekte konzentrieren sich die meisten Beiträge der Anthologie.
Existenz Gottes?
Der moderne, deutlich angelsächsisch geprägte Theismus-Atheismus – die beiden sind dialektisch aufeinander bezogen und daher unzertrennlich wie siamesische Zwillinge – missversteht Gott als ein weiteres Wirkliches (hinter, unter, über anderem Wirklichen), dessen Existenz behauptet bzw. bestritten wird. Dieses Missverständnis geht Hand in Hand mit dem Missverständnis, dass religiöser Glaube im wesentlichen darin bestehe, trotz fehlender Beweise der Überzeugung zu sein, dass es außer allem, was es sonst gibt, auch noch „Gott“ gibt.
Der jüdisch-christliche Glaube ist jedoch keine philosophische Weltanschauung, sondern eine Lebenspraxis von Personen und Gemeinschaften, die darin ihr konkret-geschichtliches Verhältnis zur Wirklichkeit bestimmen und zum Ausdruck bringen. Die Wirklichkeit wird (in unterschiedlichen Graden der Bewusstheit) am konkret-alltäglichen Wirklichen erfahren, also weder als abstrakte Idee („Welt“, „Natur“, „Kosmos“) noch als ein selten in Erscheinung tretendes, außerweltliches Wirkliches (theistischer „Gott“). In dieser Wirklichkeit ist und wird alles und jedes überhaupt erst wirklich. Die Wirklichkeit können wir nur im Singular, als die eine Wirklichkeit denken („in Wirklichkeit …“); sie ist daher notwendig allumfassend und unbedingt.
Die Einheit der Wirklichkeit ist weder die Einheit der Natur als die je jetzige Konstellation aller physischen Teilchen (Naturalismus) noch die Einheit des Bewusstseins im Hier und Jetzt momentanen Erlebens (Buddhismus). Denn in der ursprünglichen Einheit existiert die Möglichkeit einer Differenz, ohne dass die Wirklichkeit dadurch dualistisch in zwei Wirklichkeiten zerfiele: die Differenz von Erkennendem und Erkanntem im Erkennen (also Andersheit), die Differenz von Jetzt und Zeit (mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) in der Erfahrung, und die Differenz von Sein und Vorstellung in Sprache und Denken. Diese Unterscheidungen innerhalb der einen Wirklichkeit sind Bedingung der Möglichkeit der Existenz von Personen, Naturwissenschaft und Philosophie. Der Mensch ist Person insofern er als winziges Teil der Wirklichkeit in Berührung, Begegnung und Beobachtung offen ist für die Wirklichkeit.
Die Wirklichkeit alles Wirklichen nennt der jüdisch-christliche Glaube Gott. Gottesglaube ist wesentlich Glaube an die Wirklichkeit der Wirklichkeit und die Vernünftigkeit menschlicher Vernunft – im vollen Bewusstsein ihrer Irrtumsanfälligkeit. Das religionskritische, ja „atheistische“ Potential dieses Glaubens wird intern und extern verkannt.
Materialistische und idealistische Entwürfe betonen die Einheit (gegen einen undenkbaren Dualismus), übergehen aber deren Differenziertheit. Dabei sind die in den Konzeptionen jeweils hervorgehobenen Pole (z.B. Materie oder das Jetzt) überhaupt erst in ihrer dialektischen Spannung zu dem vermeintlich illusionären Gegenpol verständlich (i.B. Geist oder Zeit). Die frühjüdische Weisheitsspekulation und in deren Gefolge die christliche Logos- bzw. später Trinitätsspekulation reflektieren auf Gott als die eine, unbedingte und allumfassende Wirklichkeit, die in sich Differenz und Andersheit und dadurch die wirkliche Geschichte wirklicher Personen in einer wirklichen Welt ermöglicht.
Man kann nun schlecht – theistisch – sagen, dass es außer allem, was es gibt, auch noch die Wirklichkeit (Gott) gibt; umgekehrt kann man jedoch auch schlecht – atheistisch – sagen, dass es die Wirklichkeit (Gott) in Wirklichkeit nicht gibt. Daher ist die Theismus-Atheismus-Debatte über die Frage, ob es auch noch „Gott“ gibt, aus theologischer Sicht verfehlt.
Grundlegung der Ethik
Der Theismus sieht die Ethik offenbarungspositivistisch (bzw. mythologisch) in göttlichen Geboten begründet oder hält Ethik ohne Aussicht auf ein göttliches Gericht für unmöglich. Die Theismuskritik wendet dagegen überzeugend ein, dass die Anerkennung der Gebote ein Urteil verlange, welches ethische Kriterien bereits voraussetzt (vgl. Euthyphron-Paradox, Beitrag von E. Dahl). Ferner verkehre die Aussicht auf jenseitige Belohnungen/Bestrafungen den ethischen Gehalt einer Handlung ins Gegenteil. Ich stimme diesen Überlegungen zu und möchte im Folgenden den Gedanken vertiefen, dass Ethik selbst in der Wirklichkeit grundgelegt ist und nicht aus opportunistischen Überlegungen abgeleitet werden kann.
Die konkrete Wirklichkeit unseres alltäglichen Lebens ist nicht einfach nur so da: sie geht uns vielmehr etwas an, sie will etwas von uns. Wir sind nicht nur kognitiv-deskriptiv auf sie bezogen (Sein), sondern zugleich immer auch schon konativ-evaluativ (Sollen), was sich u.a. in Emotion und Motivation zeigt. Die Wirklichkeit verpflichtet uns in eins auf das Wahre und Gute: Sätze sollen wahr sein, weil die Wahrheit gut ist – umgekehrt sind ethische Urteile ethisch, insofern sie wahr sind.
Dass wir im Rahmen naturwissenschaftlicher Forschung auf rein deskriptive Aspekte eines Phänomens fokussieren können, bedeutet keinesfalls, dass die evaluative Dimension des menschlichen Wirklichkeitsbezuges irrational ist oder durch naturwissenschaftliche Erkenntnis ersetzt werden könnte. Aus dem Sein folgt kein Sollen, der empirische Durchschnitt ist keine ethische Norm (Humesches Gesetz). Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wissenschaft und Technik verdanken sich dem von Grund auf evaluativ geprägten Wirklichkeitsverhältnis; denn dass es wünschenswert ist, die Welt zu erforschen oder Krankheiten zu heilen, geht der Forschungsbemühung notwendig voraus. Im Sinne der Sachgerechtheit sind evaluative Urteile von empirischer Forschung abhängig – aber offensichtlich kann Empirie Ethik nicht ersetzen.
Personale Wirklichkeitsoffenheit umfasst gleichursprünglich die deskriptive und die evaluative Dimension, und beide haben materiell-biologische Voraussetzungen: Der Rot-Grün-Blinde kann beim besten Willen rot und grün nicht unterscheiden, der Psychopath kann gut und böse nicht handlungswirksam unterscheiden. Man kann jedoch weder sagen, dass Wahrnehmung eine Tatsache erst konstituiert (denn eine Rose ist rot, ob jemand das nun richtig erkennt oder nicht), noch kann man sagen, dass die Tatsache gänzlich unabhängig von der Wahrnehmung existiert (Farben sind Wahrnehmungsphänomene). In analoger Weise kann man meines Erachtens von einer „Objektivität der Werte“ sprechen – und daher von der Wahrheit oder Falschheit evaluativer Urteile, von der Kultivierung der ethischen Urteilskraft oder von ethischer Expertise.
Religiöse Fundamentalisten wollen uns weismachen, dass die heilige Schrift im Wortlaut die Lösungen für aktuelle ethische Probleme bietet. Tatsächlich entbindet der theologische Hinweis auf die Grundlegung der Ethik in der Wirklichkeit (Gott) jedoch mitnichten von den Mühen eines sachgerechten ethischen Diskurses über Einzelfragen; ganz im Gegenteil wird damit der hohe ethische Stellenwert des besseren Arguments (auch gegen vermeintlich offenbarte Wahrheiten) begründet und betont.
Das Problem des Leidens
Das Trilemma des Leidens in der von einem zugleich allgütigen und allmächtigen „Gott“ geschaffenen Welt – also das so genannte Théodicée-Problem – ist einfach lösbar, wenn man entweder das Leiden für illusionär erklärt oder „Gott“ die Güte oder Allmacht abspricht. Allerdings besteht das wirkliche Problem des Leidens nicht in diesem Trilemma; denn es ist überhaupt kein spekulatives Problem. Man sagt, das Leiden sei der „Fels des Atheismus“ (G. Büchner); aber die atheistische Leugnung „Gottes“ trägt zur Bewältigung der Leidensproblematik genauso wenig bei wie das theistische Geplapper.
Betrachtet man die Welt (wie die meisten Atheisten) rein naturwissenschaftlich-deskriptiv, wird Schmerz – Inbegriff unbestreitbar realer Erfahrung – zur bloßen Illusion: Es ist aus naturwissenschaftlicher Perspektive nicht nur widersinnig, sondern ganz unmöglich zu urteilen, dass bestimmte Ausschnitte des physischen Geschehens Leiden sind und nicht sein sollten. Schmerz ist objektiv betrachtet nichts anderes als Typ-C-Nervenfaseraktivierung – so what? Auch die Klage erscheint in dieser Perspektive als unvermeidlicher Reflex bzw. hysterisches Geheul.
Aber um ein Mensch zu sein, muss man dem ursprünglichen, umfassenderen Wirklichkeitsverhältnis trauen und wenigstens dies glauben: dass das Leiden wirklich Leiden ist, dass Helfen sinnvoll ist und dass die Klage ihr Recht hat. Man wird dem jüdisch-christlichen Glauben nicht absprechen können, dass er leidgeprüft ist und im vollen Bewusstsein menschlicher Sterblichkeit praktiziert wird. Darin ist er realistischer, als es vielen Zeitgenossen lieb ist. Dieser Glaube fordert auf, sich dem Leiden und dem Bösen entgegen zu stellen, und findet immer wieder in der Klage seinen Ausdruck. Geduldig erhofft wird das Aufscheinen von Sinn- und Bedeutungshorizonten mitten in der Wirklichkeit gemeinsam ertragenen Leidens und Sterbens – aber keine akademisch-spekulative Erklärung. Der Tod wird das wirkliche, das heißt in Gott gelebte und erlittene Leben beenden – aber was je wirklich war, kann auf Zeit und Ewigkeit nicht mehr ungeschehen gemacht werden.
Lesetipps
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N. Kermani. Der Schrecken Gottes: Attar, Hiob und die metaphysische Revolte. DTV, 2008.
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G. M. Hoff. Religionskritik heute. Topos, 2010.
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K. Müller. Dem Glauben nachdenken. Eine kritische Annäherung ans Christsein in zehn Kapiteln. Aschendorff Verlag, 2009.

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