Neuro-Enhancement: Kein Verbot, aber bitte auch keine Empfehlung!
Die namhaften Autoren des G&G-Memorandums zum Neuro-Enhancement vertreten die Auffassung, dass pharmakologische Leistungs- und Befindlichkeits-„Verbesserer“ keine prinzipiell neuen ethischen Fragestellungen aufwerfen werden. Vielmehr werde man sie wie Substanzen beurteilen können, die schon heute auf neurochemischem Wege unser Verhalten, unser Erleben und – zeitweise – unsere Persönlichkeit in einer gewünschten Richtung verändern: Alkohol, Nikotin oder Kaffee; und man könnte ergänzen: Aphrodisiaka, Parfüm, Duftstoffe in Supermärkten usw. Allerdings ergeben sich die wesentlichen Schlussfolgerungen der Autoren tautologisch aus ihren anfänglichen Voraussetzungen; teilt man die Voraussetzungen wird man den Autoren kaum widersprechen können.
Die Frage, die sich mir nach der Lektüre aufdrängt, ist, warum wir eigentlich nicht bestimmte bereits heute schon verfügbare Substanzen, die positive kognitive und emotionale Effekte entfalten können, zum Gebrauch durch freie autonome Erwachsene freigeben. Man hört zum Beispiel, dass Haschisch biologisch, psychisch und sozial letztlich geringere toxische Wirkungen entfaltet als Alkohol. Oder Amphetamine: Sie helfen bei der Gewichtsreduktion (einem gesundheitsökonomischen Riesenproblem), sie halten wach und aktiv, fördern Kreativität und Leistungsbereitschaft, und – wer weiß – vielleicht machen sie ja nur einen kleinen Prozentsatz von ungünstig disponierten Menschen abhängig, während viele gesunde Menschen diese Drogen als Neuro-Enhancer vernünftig nutzen würden. Auch LSD und Psilocybin haben praktisch kein Suchtpotential und der Rausch hat Menschen immer wieder zu einer spirituell vertieften Lebenshaltung geführt. Die illegale, aber dennoch weit verbreitete tatsächliche Praxis im Umgang mit diesen Substanzen zeigt eines auf jeden Fall: dass eine Nachfrage für pharmakologische Enhancer mit verschiedenartigen Effekten existiert. Das Beispiel der Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern (und zunehmend auch Erwachsenen), die mit Methylphenidat (Ritalin®, Concerta®) erfolgreich behandelt werden, zeigt, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit und mithin zwischen Therapie und Enhancement immer Definitionssache bleiben wird. Wenn Helmut Kohl mit vier Stunden Schlaf auskommen konnte, warum ist es dann nicht krankhaft, dass ich doppelt so viel Zeit im Bett verbringen muss, bis ich mich richtig ausgeschlafen fühle?
Meines Erachtens bleibt das G&G-Memorandum zum Neuro-Enhancement noch sehr vorläufig und unvollständig – und daher auch irreführend –, wenn lediglich festgestellt wird, dass keine prinzipiellen ethischen oder rechtlichen Gründe gegen die Entwicklung und Nutzung von Neuro-Enhancern (unter verschiedenen Voraussetzungen) sprechen, dass man die Nutzung von Neuro-Enhancern also getrost der autonomen Entscheidung des Einzelnen überlassen kann. Denn man könnte und müsste auch entschlossener fragen: Sollten wir solche Substanzen entwickeln, gibt es dafür positive ethische Gründe? Und sollte ich persönlich diese Substanzen einnehmen? Hierzu vermisse ich eine klare Stellungnahme der Autoren des G&G-Memorandums. Die Verneinung des Verbots wirkt dadurch implizit wie eine ethische Bestätigung oder gar Empfehlung zur Entwicklung und Nutzung dieser nichttherapeutischen Pharmaka.
Ich aber gehe davon aus, dass gesunde Personen in der Lage sind, auch ohne Hilfe von Psychopharmaka mit Stress, Konflikten und schwierigen Gefühlslagen klar zu kommen. Wir können uns natürlich entschließen, in Zukunft einfach schnell eine Pille einzuwerfen, wenn es mal brenzlig wird – aber wir könnten alternativ auch einen Umgang mit Stress und Gefühlen kultivieren, der es uns erlaubt, aus uns selbst heraus, ohne seligmachenden Beistand der chemischen Industrie handlungsfähig zu bleiben, selbst wenn es dicke kommt.
Anna, die junge Frau im Beispiel des G&G-Memorandums, die sich morgens vor der Hochzeit ihrer besten Freundin mit ihrem Freund Roland überwirft und entsprechend gelaunt ist, könnte und dürfte natürlich eine Tablette schlucken, oder auch einen Schnaps trinken und ähnliches: wenn es hilft, wenn es ungefährlich ist – wer sollte das warum verbieten? Aber – das wäre die weitergehende ethische Frage – ist dies die beste Weise mit so einer Situation umzugehen? Sollte man ihr also positiv raten, eine Pille zu schlucken? Oder gibt es alternative Möglichkeiten, auf die man Anna hinweisen sollte, damit sie mit ihren eigenen Ressourcen diese schwierige Situation meistern und einen entsprechenden Gewinn auf ihrem Selbstwert-Konto verbuchen kann? Alternativ zur Droge könnte Anna zum Beispiel erst einmal eine Stunde im Wald rennen gehen, um ihren ganzen Frust rauszuschreien; wenn sie ihren MP3-Player mitnimmt, könnte sie das ganze noch mit einer superlauten Prise Heavy Metal optimieren – danach sollte sich die Wut hinreichend lang erschöpft haben. Vielleicht hat sie aber auch noch eine andere Freundin, mit der sie reden kann und der sie keinen Hochzeitstag verdirbt. Oder sie sagt sich energisch: Ist zwar schade um den süßen Roland, aber ich werde mir und meiner Freundin von dieser Dumpfbacke ganz sicher nicht diesen lang ersehnten Tag kaputt machen lassen! Sie reißt sich also zusammen – aus Freundschaft zu ihrer Freundin.
Unter dem Eindruck des Erfolgs der modernen Hirnforschung geraten pädagogische, psychologische und soziale Methoden der Selbstkontrolle und der Unterstützung anderer Personen zunehmend ins Hintertreffen. Sicher ist den Neurowissenschaftlern zuzustimmen, dass geistig-seelische Zustände ohne Biochemie nicht auftreten. Daher ist es sicher auch möglich, unsere mentalen Zustände pharmakologisch zu manipulieren. Aber – und das ist die Frage – ist das ratsam, und ist es, unter der Voraussetzung psychischer Gesundheit, der effektivste Weg, unsere persönlichen Ziele nachhaltig zu erreichen? Die Antwort lautet eindeutig: Nein. Das Gespräch, die körperliche Aktivierung oder Entspannung, die richtigen Gedanken usw. – das ist bei Gesunden in den meisten Fällen hocheffektiv. Wir sollten uns darauf konzentrieren, diese Fähigkeiten zu kultivieren und weiterzuentwickeln. Hier erwarte ich einen Beitrag der Ethik. Die Beseitigung vermeintlicher Ressentiments in der Öffentlichkeit gegenüber Neuro-Enhancern sollte man dagegen besser den Marketeers der Pharmafirmen überlassen.
Die gleiche Überlegung greift übrigens auch in Richtung Drogen. Vielleicht hat man heute tatsächlich keine Handhabe mehr, erwachsenen Menschen die Einnahme einigermaßen sicherer Substanzen zu verbieten. Aber – und da sehe ich die Aufgabe der Ethik – man kann deutlich machen, dass es bessere und effizientere (auch preiswertere) Wege zu den jeweils gewünschten Zielen gibt: Man braucht schlicht und einfach keine Drogen! Denn es ist psychologisch nicht so schwierig, eine gewisse Schüchternheit zu überwinden, sich wach und aktiv zu halten, oder besondere Bewusstseinszustände zu erlangen; insbesondere dann nicht, wenn wir uns dabei gegenseitig unterstützen und ermutigen.
Drogen sollten bleiben, was sie sind: überflüssig für Gesunde, aber segensreiche ultima Ratio im Falle psychischer Erkrankungen.
LINKTIPP: Gehirn&Geist-Sonderseite "Neuro-Enhancement" mit zahlreichen Artikeln und weiteren Informationen zum Thema
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sind Drogen a priori der schlechtere Weg, ein Ziel zu erreichen? Warum sind die pädagogischen, psychologischen etc. Methoden automatisch besser? Gibt es dafür eine vernünftige Begründung oder ist das einfach so?
Danke erst einmal, dass Sie auf das Problem mit den Voraussetzungen der Autoren hingewiesen haben und auch die ethischen Defizite thematisieren. Das sehe ich ganz genauso.
Natürlich kann man die Konsistenz der Drogenpolitik kritisieren. Das wird auch in wissenschaftlichen Kreisen wieder diskutiert. (Da war ein gutes Paper im Lancet, das kann ich gerne noch mal heraussuchen.)
Man hört zum Beispiel, dass Haschisch biologisch, psychisch und sozial letztlich geringere toxische Wirkungen entfaltet als Alkohol.
Leider scheint Haschisch aber auch das Risiko von Schizophrenie zu steigern und nach langfristigen Konsum zu Gedächtnisproblemen zu führen. Aus eigener Erfahrung möchte ich hinzufügen, dass man dadurch auch emotional abstumpft und umgekehrt in Angstzustände (Paranoia) geraten kann. In meinem Fall -- darf ich das von mir behaupten? -- hat das mit dem Ende des Konsums aber zum Glück wieder aufgehört.
Hier schon mal eine Quelle: Murray et al., 2007, Cannabis, the mind and society..., Nature Reviews Neuroscience 8: 885-895.
Bei allem Respekt, aber die Fragen, die Du von der Ethik beantwortet haben möchtest, sind bestenfalls Fragen an den Pfarrer. Als "Ethiker" sehe ich meine Aufgabe jedenfalls nicht darin, Moral zu predigen.
"sind Drogen a priori der schlechtere Weg, ein Ziel zu erreichen?"
Nein - aber alternative Wege unerwähnt zu lassen, finde ich irreführend.
"Warum sind die pädagogischen, psychologischen etc. Methoden automatisch besser?"
Was will ich lernen? Dass ich Stress selbst in den Griff bekomme - oder dass ich dazu eine Pille brauche?
"Gibt es dafür eine vernünftige Begründung oder ist das einfach so?"
... Eure "ethischen Probleme" möchte ich haben ...
"Bei allem Respekt, aber die Fragen, die Du von der Ethik beantwortet haben möchtest, sind bestenfalls Fragen an den Pfarrer. Als "Ethiker" sehe ich meine Aufgabe jedenfalls nicht darin, Moral zu predigen."
An dieser Einlassung scheint fast alles falsch zu sein:
- "bei allem Respekt" wird zur Einleitung für einen argumentfreien Kommentar
- ich will auch keine Fragen von der Ethik beantwortet haben, schon gar nicht von Ethikern
- mir leuchtet nicht ein, welche spezielle Qualifikation (oder welch speziell disqualifizierendes Merkmal) Pfarrer zur Beantwortung der vermeintlichen Fragen mitbringen
- und ich sehe in meinem Blogbeitrag auch nirgendwo eine Moralpredigt.
Viele Menschen interessieren sich für die Frage, was sie am besten tun, wie sie ihr Leben gestalten, woran sie sich orientieren sollen. Ich vermute, dass diese ethischen Fragen für Eltern noch einmal eine andere Brisanz bekommen, auch im Hinblick auf die Notwendigkeit einer überzeugenden Begründung.
Eine Ethik jedenfalls, die nur den Ist-Stand des menschlichen Verhaltens berichtet und allenfalls noch zu fragen wagt, ob wir das Recht haben, dies oder jenes zu verbieten, statt einfach alles jedem zur freien Entscheidung zu überlassen - braucht niemand. Eine derartige Ethik wird faktisch zum Erfüllungsgehilfen z.B. der Pharmaindustrie, die diesen Job gefälligst selbst machen soll, statt dafür die öffentliche Hand zahlen zu lassen.
Für mich gibt Ethik nicht die Antworten, aber sie ist ein Forum, in dem wir darüber sprechen (also Argumente austauschen und uns von besseren Gründen überzeugen lassen), wie wir leben und was wir (positiv) tun sollten.
Maßgeblich sind hier überzeugende, lebenserfahrene Persönlichkeiten - akademische Grade korrelieren damit nur geringfügig.
Mein zugegebenermaßen etwas dreister Kommentar bezog sich auf Ihre Bemerkung:
"Sollte ich persönlich diese Substanzen einnehmen? Hierzu vermisse ich eine klare Stellungnahme der Autoren des G&G-Memorandums!"
Von einem Memorandum, dass sich ausschließlich der Frage der rechtlichen Zulässigkeit des Neuro-Enhancements widmet, darf man wohl schwerlich eine Antwort auf Ihre Frage erwarten.
Die alles entscheidende Frage lautet nun einmal: Verletzen die Erzeugung und die Einnahme von NEPs die Rechte anderer? Schließlich heißt es in unserer Verfassung eindeutig: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt."
Von einem Memorandum, dass sich ausschließlich der Frage der rechtlichen Zulässigkeit des Neuro-Enhancements widmet, darf man wohl schwerlich eine Antwort auf Ihre Frage erwarten.
Da irrst du dich, lieber Edgar, meines Erachtens ganz deutlich. Der Projektgruppe ging es ganz ausdrücklich auch um ethische Aspekte -- warum wäre denn sonst z.B. deine Chefin an Bord? Sie ist doch Medizinethikerin und keine Rechtsphilosophin.
Du kannst gerne auch mal die Projektbeschreibung auf der Homepage der Europäischen Akademie sowie die dortige Pressemitteilung studieren. Dort ist ganz ausdrücklich auch von der Ethik die Rede. Hättest du Recht, dann hätten doch Prof. Merkel und sein Mitarbeiter alleine an dem Text arbeiten können.
Außerdem wirst du im Memorandum zahlreiche verweise auf die Ethik finden; unter der Überschrift der "prinzipiellen Einwände" wirst du beispielsweise Argumente finden, die sich ganz wesentlich auf die ethischen Aspekte beziehen.
Das ist schon komisch, wie unterschiedlich wir den Text verstanden haben: Ich habe ihn vor allem als eine ethische Diskussion gelesen, der ich, im Einklang mit Herrn Hoppe, die Defizite für die Handlungsebene des Lesers attestiere (immerhin ist das in einem populären Magazin, in keiner Fachzeitschrift für Berufsethiker oder Juristen erschienen). Du siehst darin eine Diskussion der ausschließlich rechtlichen Fragen.
Wie kann das sein?
Lieber Stephan, richtig, es geht nicht nur um das Recht, sondern auch um die Moral. Im Vordergrund steht aber doch eindeutig die Frage der rechtlichen Zulässigkeit, anderenfalls hätten die Autoren nicht explizit auf den rechtsphilosophischen Ausgangspunkt hingewiesen:
"Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist das Recht eines jeden entscheidungsfä-
higen Menschen, über sein persönliches Wohlergehen, seinen Körper und seine Psyche selbst zu bestimmen. Diese Perspektive ist weder willkürlich noch verhandelbar: Sie ist durch das Grundgesetz vorgegeben und entspricht ethisch wie politisch der gesellschaftlichen Grundüberzeugung in einem liberalen Rechtsstaat. Begründungsbedürftig ist demzufolge nicht die Freiheit, NEPs zu nehmen – begründungsbedürftig sind vielmehr
Einschränkungen dieser Freiheit! Sie kön-
nen nur durch den Schutz anderer Rechte
oder Interessen Dritter gerechtfertigt werden."
Meines Wissens ist die Menschenwürde die unverhandelbare Basis des Grundgesetzes. Diese schränkt die Selbstbestimmung des Einzelnen ein, auch wenn er nicht Anderen, sondern sich selbst schadet, sprich: gegen seine Würde handelt.
Mein Punkt ist jedoch, dass die Ethik zu kurz springt, wenn sie nur nach der Rechtfertigung von Verboten fragt, statt positiv zu ermitteln, welches Verhalten denn der Würde des Menschen zuträglich wäre.
(Ich verbinde damit keine bestimmte Position bzgl. Drogen/Enhancern, aber dass ein abhängiger, suchtartiger Umgang mit diesen Substanzen mit der Menschenwürde nicht vereinbar wäre, sollte klar sein.)
"Diese schränkt die Selbstbestimmung des Einzelnen ein, auch wenn er nicht Anderen, sondern sich selbst schadet, sprich: gegen seine Würde handelt."
Herr Eibach hat in seinem Artikel einen ähnlichen Standpunkt vertreten, den die Juristen selbst für falsch halten:
Der Staat wird verpflichtet die Menschenwürde zu achten und zu schützen. Die Artikel I GG ist weder allein individualistisch noch allein kollektivistisch zu deuten, sondern der Mensch wird verstanden als Person von unverfügbaren Eigenwert, zur freien Entfaltung bestimmt sowie simultan Mitglied von Gemeinschaften wie Ehe, Familie, Kirche, politischen und sozialen Gruppen etc. wo er zu anderen Personen in den unterschiedlichsten Beziehungen steht. Die Artikel 1 ist allein eine Schranke für staatliche Gewalt und eine Schutzverpflichtung des Staates gegenüber seinen Staatsbürgern.
Daß Grundrechte direkt gegenüber Dritten wirken, so daß z.B. die BRD verpflichtet ist, mich strafrechtlich zu verfolgen und für Schadensansprüche von Ausländern gegen mich grade zu stehen, weil ich im Ausland gegenüber Ausländern Straftaten verübt habe, bezeichnet man als Drittwirkung der Menschenrechte. Das ist im Völkerrecht relativ neu und noch nicht allgemein anerkannt. Man kam zum ersten Mal auf diese Idee, als in den 80ern CIA-Angestellte im Regierungsauftrag in Mittelamerika mordeten und man die Regierung selbst dafür haften lassen wollte.
Eine Beschränkung der Selbstbestimmung wie sie Ihnen vorschwebt, würde eine zusätzliche Ausweitung der Drittwirkung von Grundrechten bedeuten und hat schon deshalb keine Chance auf Anerkennung, weil sie der Wesensghaltsgarantie in Artikel 19 Absatz II GG widerspricht.
Ist Ihre Ansicht unter Theologen verbreitet oder ist das ein Zufall?
"dass ein abhängiger, suchtartiger Umgang mit diesen Substanzen mit der Menschenwürde nicht vereinbar wäre, sollte klar sein."
Nein, mir ist das nicht klar. Würden Sie mir das bitte erläutern?
Vielen Dank
Mein unmittelbares Anliegen war, einen rein rechtlichen Zugang zum Thema "Neuro-Enhancement" auf einem höheren Niveau zu verankern als dem, das mit dem Stichwort "Selbstbestimmung" markiert wird, nämlich dem eines positiven, rechtlichen Wertes wie der Menschenwürde nach GG Art. 1.
Mein eigentliches Anliegen ist aber, dass eine ethische Auseinandersetzung nicht nur rechtlich argumentieren, sondern dem Einzelnen und der Gesellschaft für ihr Handeln und für ihre Entscheidungen Argumente an die Hand geben sollte.
Wenn jemand z.B. sagt, dass er als Rechtshänder seine linke Hand nicht mehr braucht und sie sich abhacken will, dann wird man vermutlich rein rechtlich gesehen nichts dagegen unternehmen können (oder?). Aber hätte der Staat - bzw. seine Vertreter, auch Ärzte - nicht dennoch die Pflicht, diese Selbstverstümmelung, zu der sich die Person frei entscheidet, möglichst zu verhindern? Ein einfacher Rückzug auf die Position "das ist ja schließlich nicht verboten" und "soll doch jeder machen was er will" wäre einfach zu wenig!
Ihre zweite Frage lässt vermuten, dass man sich Ihrer Meinung nach frei und autonom zu Sucht und Abhängigkeit entscheiden kann - statt, wie üblich und von mir impliziert, Sucht und Abhängigkeit als Einschränkung der Autonomie zu verstehen. Mindestens in Bezug auf harte, abhängig machende Drogen sieht der Staat sich derzeit verpflichtet, freie erwachsene Personen auch vor sich selbst zu schützen. Ich halte das für richtig - Ihre Frage erscheint mir dagegen reichlich theoretisch ...
Ich finde es sehr bezeichnend, dass in der Diskussion hier Ethik zu "Recht" bzw. "Rechtsphilosophie" zusammenschrumpft - beides steht aber in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander. Diese reduktionistische Tendenz wird bei Theologen, und ich hoffe auch bei Philosophen/Ethikern, sicher auf Widerstand stoßen.
"Sollten wir solche Substanzen entwickeln, gibt es dafür positive ethische Gründe? Und sollte ich persönlich diese Substanzen einnehmen?"
Warum brauchen wir eigentlich eine ethische Aussage, die uns legitimiert, unser Leben zu gestalten? Es gibt so viele Dinge, die ich tue, und die ethisch völlig irrelevant zu sein scheinen - wie z.B. in der Sonne eine Liedchen zu pfeifen. Wie kommt es, daß ich mir den Gebrauch von NEPs irgendwie genehmigen lassen muß?
"wir könnten alternativ auch einen Umgang mit Stress und Gefühlen kultivieren, der es uns erlaubt, aus uns selbst heraus, ohne seligmachenden Beistand der chemischen Industrie handlungsfähig zu bleiben, selbst wenn es dicke kommt."
Klar könnten wir. Aber statt eines Kaffees am Morgen können wir uns auch einfach ausschlafen. Sollten Sie in diesem Fall nicht dieselben Fragen stellen wie bei NE?
"Wir sollten uns darauf konzentrieren, diese Fähigkeiten zu kultivieren und weiterzuentwickeln. Hier erwarte ich einen Beitrag der Ethik."
Warum? Was wäre daran schlimm, wenn pädagogische, psychologische und soziale Methoden der Selbstkontrolle wirklich ins Hintertreffen geraten würden?
"Aber hätte der Staat - bzw. seine Vertreter, auch Ärzte - nicht dennoch die Pflicht, diese Selbstverstümmelung, zu verhindern?"
Rechtlich nicht. Ob es eine ethische Pflicht gibt, bezweifle ich, aber ich bin da auch nicht so der Experte.
"Ein einfacher Rückzug auf die Position 'das ist ja schließlich nicht verboten' und 'soll doch jeder machen was er will' wäre einfach zu wenig!"
Hm. Eine völlig unbegründete Aussage. Vielleicht können Sie das noch ein bißchen erläutern?
"Ich finde es sehr bezeichnend, dass in der Diskussion hier Ethik zu 'Recht' bzw. 'Rechtsphilosophie' zusammenschrumpft."
Für was halten Sie es bezeichnend?
Ganz grundsätzlich ist staatliches Recht keineswegs die ultima ratio der Moral: Die Diskussionen um Straftatbestände z.B. der Tötung auf Verlangen und der Abtreibung zeigen das sehr deutlich.
Dass ich die Frage "Was soll ich tun?" von der Philosophie auf die Theologie abzuwälzen geneigt bin, liegt schlicht und einfach daran, dass es - außer "Du sollst nicht lügen!", "Du sollst nicht stehlen!" oder "Du sollst nicht töten!" - kaum moralische Normen gibt, die sich als für jedermann verbindlich erweisen lassen. Solange jemand die moralischen Rechte anderer respektiert, möge er nach seiner eigenen Facon selig werden.
Das ist doch Blödsinn, Herr Dahl. Selbstverständlich lässt sich auch rein philosophisch zum Beispiel für soziale Pflichten (z.B. Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums u.ä.) argumentieren. Ein Gemeinwesen könnte auf der Basis rein negativ-rechtlicher Bestimmungen gar nicht funktionieren; es ist auf Engagement aller Bürger angewiesen. Es ist möglich, ethisch für mehr zu argumentieren als die sinnleere Position "Jeder soll nach seiner Facon selig werden".
Mein Eindruck ist: Sie sind gerade dabei, sich und ihren Berufsstand selbst abzuschaffen - und zwar ohne Not ...
Ich bin kein Ethiker, aber vielleicht könnte man soziale Pflichten im Ausgleich für soziale Rechte (sozial i.S.v. 'gegenüber anderen Personen') aufleben lassen.
Und zwar deshalb, weil ich den Eindurck habe, daß ethische Normen meistens optimal sind, und zwar optimale Lösungen für ein Entscheidungsproblem in einer standardisierten Situation.
@Dahl: Oder hat schon irgendeiner gezeigt, daß diese Idee Unsinn ist?
"Es ist möglich, ethisch für mehr zu argumentieren als die sinnleere Position 'Jeder soll nach seiner Facon selig werden'." Das kann auch nur ein Theologe sagen. Als Philosoph halte ich es mit Schopenhauer, der einmal treffend schrieb "Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer."
Wie Sie als Theologe die Forderung, dass "jeder nach seiner Facon selig werden möge" als "sinnleer" bezeichnen können, ist mir vollkommen schleierhaft. Dass sich der Staat bereit erklärte, weltanschauliche Neutralität zu üben und niemandem eine bestimmte Religion oder eine bestimmte Moral aufzuzwingen, ist eine der größten Errungenschaften der Aufklärung.
Merken Sie gar nicht, wie Sie sich selbst andauernd in Widersprüche verrennen, Herr Dahl? Wer verpflichtet mich denn Ihrer Ansicht nach, aufgeklärt zu sein - wenn es doch gar keine positiven Festlegungen mehr gibt und ich "nach meiner Facon selig werden" darf? Wie kann man dafür argumentieren, dass wir gerade nicht auf irgendwelche mittelalterlichen Moralpredigten hören, die Sie mir andauernd unterstellen, sondern dass wir konsequent überzeugend und aufgeklärt begründeten Handlungsoptionen folgen - worauf ich schon die ganze Zeit aus bin und wo ich den Beitrag der Ethik erwarte?
(Ich glaube, Sie sind derzeit mehr mit den unangenehmen Auswirkungen Ihrer Theologie-Allergie beschäftigt, den "Ekzemen" gleichsam, als mit der Theologie selbst oder als gar mit unserem Thema. Vielleicht lindert es die Symptome, wenn ich daran erinnere, dass ich in erster Linie als klinischer Neuropsychologe in der Bonner Uniklinik arbeite und forsche.)
Nein, tut mir leid, aber das sehe ich nicht. Dass man jeden nach seiner Facon selig werden lassen soll, ist keine positive Pflicht, sondern eine negative Pflicht. Sie verlangt von uns lediglich, dass wir etwas unterlassen, nämlich anderen unsere Weltanschauung aufzuzwingen.
Dass ich eine Allergie gegenüber der Theologie habe, ist wohl wahr. Ich glaube aber nicht, dass ich dies hier in irgendeiner Weise thematisiert hätte. Meine Allergie beruht darauf, dass Theologen nie sagen, woher sie eigentlich wissen wollen, was sie zu wissen meinen.
Arbeiten Sie an dem Institut von Henrik Walter? Wenn ja, richten Sie ihm bitte schöne Grüße aus.
Herr Dahl, es gibt nichts Moralischeres als Aufklärung! Der Inhalt der Aufklärung und der in ihr grundgelegten Ethik besteht sicher nicht nur darin, dass jeder doch machen soll, was er will, wenn er die anderen nur nicht über Gebühr damit behelligt: Kantischer Imperativ, Goldene Regel (in positiver und negativer Variante im Neuen Testament zu finden), usw. usw.
Nein, Ihre negative Minimalethik (die ich ja nicht für falsch, sondern für unvollständig und unnötig verschüchtert halte) macht sich selbst überflüssig. Gerade für die Frage, wie wir mit uns selbst umgehen sollen (z.B. in Bezug auf Neuro-Enhancer), brauchen wir nachvollziehbare, argumentative Diskurse - und dafür brauchen wir Ethik.
Ihre Bemerkung zur Theologie bestätigt nur meinen Eindruck, dass Sie sich bisher nicht die Mühe gemacht haben, sich mit moderner Theologie und theologischer Ethik zu beschäftigen. Zwingt Sie ja auch niemand dazu!
Ich bin bei Prof. Elger (Epileptologie), bestelle Herrn Walter aber gerne Grüße, wenn ich ihn hier einmal im Hause treffe.