brainlogs WIRKLICHKEIT

Ein Stein rollt ...

von Christian Hoppe, 04. Februar 2009, 16:40

Mich beschäftigt derzeit folgende Frage:

Man stelle sich vor, wie ein Stein einen Berg hinunter rollt. Der Stein sieht nichts, weiß nichts von seinem Ort, noch weniger von seinem früheren Ort, bevor er ins Rollen geriet, und er hat deswegen auch keine Empfindung einer Bewegung (oder überhaupt nur einer Veränderung); er wüsste auch nicht, wenn er sich nicht bewegt hätte.

Ich aber beobachte das Rollen des Steins - obwohl ich, streng materialistisch gedacht, prinzipiell nicht etwas völlig anderes als ein Stein bin: eine Wolke aus Atomen. Ich beobachte überhaupt ständig Veränderungen und Bewegungen - und diese Wahrnehmungen setzen voraus, dass ich, während ich den aktuellen Zustand und Ort eines Objektes sehe, mir seiner früheren Zustände und Orte bewusst bleibe. Ich könnte also sagen, dass mein Bewusstsein Gedächtnisfunktionen umfasst, dass daher frühere Eindrücke nachklingen, sodass ich einen Vergleich ziehen und zum Beispiel Veränderungen oder Bewegungen feststellen kann.

Was aber ist nun die physische Wirklichkeit? Ist sie nicht die je jetzige Konstellation aller Elementarteilchen und der Wechselwirkung ihrer Kräfte genau jetzt? Die Welt von gestern existiert in einem strengen Sinne nicht mehr, die Welt von morgen noch nicht. Dieses Jetzt aber ist der unendlich kurze Moment eines Umschlagens von Zukunft in Vergangenheit, vom Noch-nicht in das Nicht-mehr. In einer gewissen Weise existiert die Welt, die die Physik beschreibt also gar nicht bzw. niemals; sie ist immer schon vergangen bzw. noch gar nicht existent.

Wie ist nun in einer Welt, die ich mir als je jetzige Konstellation von Teilchen oder Energien vorstelle, Zeiterleben, Veränderungs- und Bewegungswahrnehmung, Physik möglich? Nehmen wir an, das Jetzt dieser materiellen Realität sei ein "bloßes Jetzt" - dann wäre die Vergangenheit einfach weg, sobald sie vergangen ist. Es scheint jedoch, dass der je jetzige Zustand frühere Zustände *als vergangene Zustände* gegenwärtig erhalten kann, dass er sie bewahrt. Mindestens im Gehirn - zugegeben einem kleinen Fleckchen Materie in den Weiten des Kosmos - müsste eine derzeitige Bewahrung früherer Hirn- bzw. Weltzustände *als vergangenen Zuständen* im je gegenwärtigen Gehirn angenommen werden.

Ich kann mir zwar überhaupt nicht vorstellen, wie das gehen soll und wie Zeit in eine reine materielle Jetzigkeit kommen kann - und wäre für Ideen sehr dankbar -, aber nehmen wir einmal an, es ginge: Wäre die Materie dann noch "bloße Materie"? Käme ihr nicht vielmehr eine geistige Funktion zu: nämlich sich etwas zu merken, die Vergangenheit als Vergangenheit in der Gegenwart zu bewahren?

In diesem Fall wäre das Jetzt der Physik ein "bewahrendes Jetzt" (nunc stans) - genau wie das Jetzt des bewussten Erlebens. Mit Blick auf die Gegenwart könnte man Materie "geistiger" und den Geist "materieller" (verkörpert, neuronal realisiert) verstehen.

In Richtung eines kruden Materialismus: Macht es Sinn, sich Vorstellungen von einer Welt und ihrer kosmischen und evolutionären Geschichte zu machen, in der Vorstellungen (und Physik) gar nicht vorkommen könnten?



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Kommentare

  1. Helmut Wicht kein Betreff
    04.02.2009 | 18:22

    Nun ja, es gibt immerhin "shape memory alloys", also metallische Legierungen, die sich - wenn man sie verformt - ihrer ehemaligen Form "erinnern" und temperaturabhängig wieder in sie zurückkehren können. Und manche würden wohl auch die Atavismen als solch eine "Erinnerung der Gene" bezeichnen.

    Ich werd' später versuchen, noch was zur metaphysischen Seite des Problems zu schreiben.

  2. Steffen Rehm kein Betreff
    04.02.2009 | 19:45

    Lieber Christian Hoppe,

    schnell, bevor Helmut metaphysisch wird:

    von einem Stein unterscheiden Sie sich unter Anderem durch die Fragen, mit denen Sie die Zukunft mitgestaltend (in Form von Antworten) hervorrufen.
    Ihre Frage: „Wie ist nun in einer Welt, die ich mir als je jetzige Konstellation von Teilchen oder Energien vorstelle, Zeiterleben, Veränderungs- und Bewegungswahrnehmung, Physik möglich?“

    Meine Antwort: „Diese Möglichkeit besteht, weil sehr viele Vorgänge in der Welt und in unserem Körper, auch im Gehirn, rhythmisch vor sich gehen. Rhythmen bilden die Grundlage zum Zählen und Messen von Zeit, aber nur für einen geeigneten „Beobachter mit Gedächtnis“

    Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie an unserem bewußten Gedächtnis die besondere Fähigkeit hervorheben, daß zeitliche Sequenzen darin gepeichert werden können und das Bewußtsein durch das Gedächtnis in einer chronologischen Ordnung vorliegt. Kein Wort reden, kein Lied singen könnten wir ohne dieses „episodische“ Gedächtnis. Was ein Pianist oder Dirigent aus dem Kopf auf die Reihe bringen kann ist schon beachtlich.

    Sie schrieben: „Dieses Jetzt aber ist der unendlich kurze Moment eines Umschlagens von Zukunft in Vergangenheit, vom Noch-nicht in das Nicht-mehr“

    Meine Meinung: Dieser Moment ist nur in mathematischer Abstraktion unendlich kurz. Es gibt viele Untersuchungen zur „Gegenwartsdauer“, die beim Menschen nicht unendlich kurz sondern circa 0,05-0,1 Sekunde lang ist.

    Diese Zeitdauer korrespondiert mit der Zeit, die eine Alpha bzw. Betawellenphase benötigt, sodaß ein Zusammenhang unserer Zeitempfindung mit dem corticalen Arbeitsrhythmus denkbar ist.

    Bekanntlich ist unser Zeitempfinden nicht konstant, sondern kann je nach Situation
    langsam oder schnell sein. Diese Veränderlichkeit korrespondiert mit der Variabilität des corticalen Arbeitstaktes, der „Unruhe“ der inneren Uhr, die wir im EEG beobachten.

    Sie wollen wissen: „wie Zeit in eine reine materielle Jetzigkeit kommen kann - und wäre für Ideen sehr dankbar“

    Na dann:
    Z.B. die Jahresringe eines Baumes sind für mich „geronnene“ Zeit in materieller Form, aber auch ein bespieltes Videoband oder Tonband, die gute alte Schallplatte ebenso wie die CD oder DVD, und sogar die Speicherkarten können als rein physikalische Speicher zeitliche Vorgänge fixieren und wiedergeben.

    So weit für heute

    S.R.

  3. Karl Bednarik Der Stein weiß nicht,
    04.02.2009 | 20:12

    Der Stein weiß nicht, daß er v=at und s=t^2a/2 machen soll.

    Warum macht er das dennoch?

  4. steffino @karl
    04.02.2009 | 20:44

    weil v=at und s=t^2a/2 nur beschreibungen der realität sind, der rollende stein hingegen IST realität - was auch immer realität sein mag...

    eine spannende frage ist auch: wie kann eine rein materielle realität so etwas wie bewusstsein (oder gar freien willen) erzeugen?

  5. steffino woher wissen wir eigentlich...
    04.02.2009 | 20:50

    ...das der stein kein bewusstsein hat?

  6. Helmut Wicht @ steffino
    04.02.2009 | 22:29

    "Der geworfene Stein, hätte er ein Bewusstsein, würde sagen, dass er habe fliegen wollen." (Spinoza, nach Schopenhauer)

    Ja, wer sagt denn, dass er KEINES habe? Bewusstsein misst man anderen aufgrund von Kriterien zu. Ob der/die/das andere wirklich eines HAT, ist eine andere Frage (Turing Maschine, Searls Chinese Room etc...).

  7. Vinzenz (lebt noch) Gegenwartsdauer und bewusste Steine
    04.02.2009 | 23:22

    Eine kurze Anmerkung zur menschlichen Gegenwartsdauer: Was genau ist damit gemeint? In psychologischen Experimenten, etwa zum Hören oder Sehen, kann ich sehr gut zwischen Reizen unterscheiden, die 5, 10, 20, 40 Millisekunden dauern. Wären das dann Reize, die ich in einem einzigen Moment der Gegenwart wahrnehme, da sie unterhalb der zitierten Werte zur Gegenwartsdauer liegen? Auf deren Beginn ich also an ihrem Ende noch nicht (in die Vergangenheit) zurückblicken kann, weil sich ihr Anfang und Ende gleichzeitig in der Gegenwart befinden?

    Besitzen wir überhaupt ein überzeugendes Konzept von Zeit, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, um so etwas wie Gegenwartsdauer zu definieren, erst recht wissenschaftlich zu messen. Was genau meinen wir denn mit Zeit, in der Physik, wie im Alltag?
    Dem sei auch hinzu gefügt, dass die Konzepte von Materie und Energie, wie wir sie alltäglich verwenden, vielleicht noch zu Newtons Zeiten galten, aber in der modernen Physik längst ad acta gelegt sind. Anders als im Alltagsverständnis existieren gar keine handfesten Elementarteilchen oder Atome, sondern im besten Falle nur Felder, Wellenfunktionen,...

    Zu den bewussten Steinen habe ich – inzwischen vor einigen Jahren, aber das passt hier so gut – in einem "Das Bewusstsein der Steine" betitelten Studien-Essay geschrieben:

    "Soviel wir jetzt wissen, ist Bewusstsein eine Eigenschaft die wir einem Objekt zubilligen können, weil es gute Gründe dafür gibt, oder nicht. Es gibt keine naturwissenschaftlich korrekte Antwort auf die Frage ”Ist sich ein Mensch/eine Maus/ein Bakterium/ein Stein dessen bewusst, was er/sie/es tut?”. Naturwissenschaft kann, mit ihrem Anspruch eines objektiven Blicks, nicht entscheiden, ob wir unseren Beobachtungen die Bedeutung zumessen, dass dahinter ein Bewusstsein wirkt. [...] Anders als in der Philosophie existiert in den Naturwissenschaft Semantik nicht. Das Bewusstsein mag mehr sein als Syntaktik, den Naturwissenschaftlern aber ist allein dieser Teil zugänglich."

  8. Helmut Wicht @ Rehm
    04.02.2009 | 23:24

    Nee,
    ich werd' nicht gleich metaphysisch.

    Alles soweit wahr, wenn ich auch das subjektive "Jetzt" des Bewusstseins mit ca. 3-4 Sekunden in Erinerung habe (Pöppel).

    Wir müssen nur verschiedene Arten von Zeit unterscheiden: sog. A-, B-, und C-Reihen (MacTaggert). Die A-Reihe ist "Zeit mit einem Jetzt", die B-Reihe "Zeit mit Richtung ohne ausgezeichnetes Jetzt", die C-Reihe eine Ordnung von Dingen nach graduierter Ähnlichkeit ohne (Zeit-)richtungsangabe.

    A scheint mir ein bewusstes Wesen vorauszusetzen, B und C sind maschinell konstruierbar. Zu B oder C: man gebe einen Bildverarbeitungsprogramm eine Reihe von Momentaufnahmen des Kosmos und lade einen Algorithmus, der die Bilder nach Ähnlichkeit reiht. Es wird eine Reihe entstehen...

    Die Physiker sind, nach allem was ich weiss, an A-Zeiten nicht interessiert. Ihre Zeitrelationen sind: "früher als"/"später als"/"zugleich", das "Jetzt" hat nicht den Sonderstatus, den es in der Perspektive der ersten Person sehr wohl hat.

    Sowie das "Jetzt" dazukommt, das wir unzweifelhaft erleben, wird's in der Tat problematisch. Ich kann auf eine beliebige Ordungsreihe der Physiker gucken, sogar das "später als" und das "früher als" konzidieren, aber eine Bestimmung des "Jetzt" folgt aus diesen Reihen nicht. Vielmehr brauche ich eine Bestimmung, die mir sagt, dass dieser oder jener Zustand "nicht mehr" oder aber "noch nicht" ist. Ich brauche, mit anderen Worten, Erinnerungsvermögen und Antizipation UND das Vermögen der Negation ("NICHT mehr/noch NICHT").

    Ich sehe keine Möglichkeit, die A-Zeit aus den B/C-Zeiten herauszuwickeln. Ja, natürlich: wir kennen die rhythmische Taktung unseres Cortex, unserer circadianen Uhr im Hypothalamus (da forsch' ich selber dran). Aber zu sagen, dass man nun das "Jetzt" oder gar das Wesen der Zeit verstanden habe, weil man diese Mechanismen kennt, wäre, als ob man sagte, man habe die Zeit und das "Jetzt" verstanden, weil man auf ein Uhrwerk geschaut habe und dessen Mechanismus verstanden...

    Es besteht übrigens durchaus die Möglichkeit, dass Uhren die Zeit nicht "messen", sondern "machen". B- und C- Zeiten, notabene. Manche Thermodynamiker sagen, der Kosmos sei eine Uhr...

    Die zitierten "Spuren" der Vergangenheit im Jetzt sin nicht sehr hilfreich, weil sie ihrerseits eine Definition dessen, was "Jetzt" ist, voraussetzen. Deja und jamais vue sind da nur die bekanntesten Komplikationen.

    Der Jahresring des Baumes ist nichts "damaliges". Er ist ganz und gar jetzt. Er ist vor allem nicht - jetzt im Sinne der Physiker gesprochen - die konservierte Ursache für die Wirkung, die ihn bildete, also keine "damalige" Wirklichkeit.

    Bah, ich mach mal Schluss.

    Man müsste über Newton reden, "tempus verum et absolutum" und so ... und über den ontologischen Status der Zeit, der mir nachrangig zu sein scheint.

  9. adenosine kein Betreff
    05.02.2009 | 07:24

    Mir entzieht sich das Problem. Die Gegenwart ist das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses und über physikalische Gesetze mit der Vergangenheit verbunden und deshalb ist auch die Vergangenheit existent und das auch ohne Gehirne. Es wird wegen der stetige Zunahme der Entropie wahrscheinlich an jedem zeitlichen Punkt der Vergangenheit nur einen möglichen Zustand der Welt geben, der exakt zu dieser Gegenwart führen kann, von diesem Gegenwartspunkt aus ist jedoch die genaue Entwicklung der Zukunft offen.

  10. Christian Hoppe @Alle
    05.02.2009 | 08:17

    Sie sind ja alle keine Materialisten, jedenfalls keine strengen!

  11. Helmut Wicht @ Hoppe
    05.02.2009 | 08:41

    "Sie sind ja alle keine Materialisten, jedenfalls keine strengen!"

    (gespielte Entrüstung):
    Was ham' Sie von mir erwartet?

  12. Steffen Rehm Jetzt
    05.02.2009 | 12:56

    Jetzt

    Der russische Physiologe v. Baer verwies als Erster auf jene Gegebenheit, die später von Jakob v. Uexküll im „physiologischen Augenblick“ beim Menschen mit einer Dauer von etwa 0,18 sec. konzipiert wurde. Dieser „physiologische Augenblick“ ist das biologische Zeitquantum, das die Gegenwart, das „hic et nunc“ ausmacht.
    Zum Beispiel beim Betrachten eines Bildes oder beim Lesen eines Textes gehen die Augen in spunghaften Bewegungen (Sakkaden) voran mit ca. 3-5 Schritten pro Sekunde.

    Ernst Pöppel hat zusätzlich noch eine Zeitdauer untersucht und beschrieben,
    die ungefähr drei Sekunden lang ist und jener Dauer entspricht, deren Ereignisse wir zusammenhängend auffassen können.

    Zum Beispiel bei dem Verstehen von gesprochener Sprache muß am Satzende noch die Verbindung zu den ersten Wörtern bestehen, um den Satz als Ganzes zu überschauen. Deshalb sind Unterteilungen der Sprache oft in dieser 3-Sekunden-Länge, besonders auffällig in Gedichten.

    Pöppel konnte nachweisen, daß die Fähigkeit zum Wiederholen von Rhythmen
    nur bis zu Intervallen von ca. 3 Sek. exakt ist, darüber wird das Nachklopfen zunehmend ungenau.
    Diese biologische Grenze bezeichnet also ungefähr diejenige Menge an „physiologischen Augenblicken“, die mit Hilfe des Kurzzeitgedächtnisses
    als Ganzheit zusammengefasst werden können, ungefähr 3x5=15 einzelne Momente.

    Deshalb kann ich z.B. eine siebenstellige Telefonnummer lesen und sofort danach aus dem Kopf in eine Tastatur eingeben, ohne noch einmal nachzusehen.
    Mit zwanzig Zahlen wäre mir das unmöglich.

    Es sind diese Grenzen, aus denen sich leicht weitere Erkenntnisse ergeben können.

    S.R.

  13. Andreas Müller Denkfehler im Ansatz
    05.02.2009 | 14:40

    Lieber Herr Hoppe,

    Sie schreiben gleich zu Beginn:
    ...Der Stein sieht nichts, weiß nichts von seinem Ort, noch weniger von seinem früheren Ort, bevor er ins Rollen geriet, und er hat deswegen auch keine Empfindung einer Bewegung;...

    Ich denke, dass in diesem Ansatz schon physikalisch betrachtet ein Fehler steckt. Der Stein hat vielleicht kein Bewusstsein im gängigen Sinne, aber die Materie des Steins hat eine Art "Erinnerung" an das Vorher. Er rollt den Berg hinunter, weil ihm jemand oder etwas einen Schubs gegeben hat. An den Schubs "erinnert" sich der Stein und nun bestimmen physikalische Gesetze die Zeitentwicklung. Physikalische Gleichungen sind nichts anderes als Zeitentwicklungsgleichungen. In der Physik ist das "Jetzt" ein Zeitpunkt, zu dem ich die Gleichungen auswerte. Das präparierte System (in Ihrem Beispiel der Stein, der einen Stoß bekommt) stecke ich in Form von Anfangsbedingungen (das ist der Terminus der Physik) in die Gleichungen hinein. Als Physiker kann ich zu beliebigen Zeiten den Zustand des Steins mit der Gleichung ausrechnen und etwas über seine Vergangenheit erfahren oder Prognosen für seine Zukunft erstellen

    Viele physikalische Gleichungen sind "zeitsymmetrisch", d.h. sie unterscheiden nicht, ob die Zeit vorwärts oder rückwärts abläuft. Das gilt zum Beispiel für Einsteins Gleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie oder für die Maxwell-Gleichungen in der Elektrodynamik. Physiker nennen diese Eigenschaft zeittranslationsinvariant. ABER: Der Ablauf der Zeit ist offenbar nicht beliebig, wie unsere Erfahrung lehrt. Die Thermodynamik gibt den so genannten "thermodynamischen Zeitpfeil" vor, weil eine physikalische Größe namens Entropie nur konstant bleiben oder zunehmen kann. Wäre das nicht so, würden Scherben spontan vom Boden auf den Tisch springen und sich zu einer Tasse zusammenfügen. Oder ein zweikomponentiges Gas würde sich spontan entmischen, wobei sich eine Komponente in der einen Ecke und die andere Komponente in der anderen Ecke des Behälters ansammelt. Solche Absurditäten heißen Perpetuum mobile 2. Art. All das passiert nicht in der Welt, die wir beobachten. Ich bin in meiner Argumentation da ganz bei dem Kommentar von adenosine.

    In der mikroskopischen Welt deutet sich an, dass die Zeit quantisiert ist in endliche "Zeithäppchen" wie das Ticken einer Uhr. Vielleicht gibt es auf einem bestimmten Level die Zeit gar nicht, und sie ist nur in unserer mesoskopischen Welt erfahrbar. Vielleicht finden Sie weitere Denkanstöße in meinem Web-Essay: Was ist Zeit?

    Beste Grüße,
    Andreas Müller
    (Astrophysiker und KOSMOlogger)

  14. Christian Hoppe @ Rehm
    05.02.2009 | 14:56

    Vielleicht ist mein eigentliches Problem noch nicht deutlich geworden. Ich bestreite natürlich nicht, dass unser Gegenwartsbewusstsein eine durée, eine "Dauer" aufweist - wobei ich die zeitliche Messung dieser "Dauer" ein wenig naiv finde, da diese Gegenwart dem Erlebenkönnen von Zeit notwendig voraus liegt, aber sei's drum.

    Nein, das Problem entsteht, wenn Sie konsequent materialistisch bzw. naturalistisch argumentieren wollten, z.B. in dem Sinne, dass auch mentale Phänomene (Wahrnehmungen usw.) ausnahmslos neurophysiologisch in Hirnprozessen realisiert sind und Eigenschaften oder Funktionen von Hirnzuständen darstellen.

    Streng genommen, stößt man hier auf die reine Jetzigkeit der je tatsächlich existenten materiellen Wirklichkeit. Wie kann es aber zu Zeiterleben, zeitgebundenen Vorstellungen, Zeiterleben im Bewusstsein kommen, wenn es nichts anderes als das Jetzt kruder Materie gibt?

    Betrachten Sie es einmal von außen: Wie kann ein beliebiges rein materielles System vergangene Zustände als vergangene Zustände markieren und so gegenwärtig halten? Ein rollender Stein kann es vermutlicht nicht. Bei einem Computer übernehmen bewusstseinsfähige menschliche Konstrukteure, Programmierer und User diese Entscheidung; ein Computer hat für sich genommen keine Vergangenheit, er erlebt nichts, schon gar nicht Zeit; nur wir können bestimmte Vorgänge in einem Rechner als "Speichern" klassifizieren.

    Kann also das reale, je jetzige Gehirn, das ebenfalls ein rein materielles System ist, seine vergangenen Zustände aus sich selbst heraus als vergangen markieren und in einer Weise gegenwärtig halten, die Zeiterleben und Veränderungsbewusstsein erlaubt - und wenn ja, wie?

  15. Christian Hoppe @ Müller
    05.02.2009 | 15:39

    Vielen Dank, Herr Müller, für Ihre Antwort und den Hinweis auf den äußerst ergiebigen und empfehlenswerten, wenngleich sehr schwierigen Text "Was ist Zeit"?

    Wenn ich Sie recht verstehe, versuchen Sie zu beschreiben, wie Vergangenes in der Materie gegenwärtig bleiben - "erinnert" - werden kann; genau darauf zielte meine Frage. Wobei ich mich weniger für Zeit an sich interessiere, sondern für die Möglichkeit von Veränderung (bzw. Bewegung) überhaupt, die meines Erachtens einen wie auch immer gearteten Mechanismus der Bewahrung des Vergangen im Gegenwärtigen verlangt, also "Erinnerung".

    Sie schreiben: "Der Stein hat vielleicht kein Bewusstsein im gängigen Sinne, aber die Materie des Steins hat eine Art "Erinnerung" an das Vorher."

    Hat der Stein diese Erinnerung, oder Sie? Ist die Kategorie des Vorher, physisch real oder eine Kategorie der Beschreibung von Wirklichkeit, die Sie einführen und verwenden?

    Sie kommen dann auf Gleichungen zu sprechen, die den Zeitparameter enthalten und daher für beliebige Zeitpunkte gelöst werden können; hier sind wir aber definitiv auf der Ebene von Beschreibungen, die ein bereits zeitfähiger Beobachter nach seinen (mathematischen) Möglichkeiten vornimmt. Diese Beschreibungen ignorieren die Hervorgehobenheit des Jetzt für den Beobachter - was sie praktikabler macht, auch wenn sie so das Wesen des Zeiterlebens nicht ganz abbilden.

    Es wundert mich nicht, dass fern des direkten Erlebens, in Welten, die sich nur indirekt durch Messinstrumente usw. überhaupt erschließen, die übliche Beschreibungskategorie Zeit nicht greift; dass man eventuell sogar ganz auf sie verzichten kann. Aber Veränderungen gibt es doch, Bewegung! Und wieder stellt sich dieselbe Frage: Wie kann Materie - z.B. Hirnmaterie - von seinen früheren Zuständen *als früheren Zuständen* wissen?

    So bin ich mit Ihrer Antwort also doch nicht wirklich zufrieden. Die Physik ignoriert mir immer zu sehr das Gehirn und die Idee, dass all unsere Wahrnehmungen, Beobachtungen usw. auf Hirnphysiologie und sonst nichts beruhen! Dass das Bewusstsein Veränderungen erfassen und beschreiben kann, dass es sich erinnern kann - geschenkt! Aber kann das ein Gehirn, und wenn ja, wie?

  16. KRichard @Hoppe
    05.02.2009 | 18:31

    Sie fragen, ob ein Gehirn vergangene Zustände als vergangen markieren kann.

    Das ist doch gar nicht notwendig, um Vergangenheit zu empfinden. Vielmehr reicht es völlig aus, Erlebnisse im Gehirn als eine Abfolge zu kennzeichnen um ein Zeitempfinden zu erzeugen. => wir erinnern uns nicht an Vergangenes sondern an Zustände einer Abfolge.

    "... nach dem ganzen Krachen(H) und dem Durchgang durch diesen Tunnel(S) fand ich am Ende alle meine Kindheitsgedanken vor mir ausgebreitet, und mein ganzes Leben blitzte noch einmal vor meinem Auge auf ..." (Zitat aus ´Leben nach dem Tod´ Dr. med. Raymond Moody, Rohwolt, 35.Auflage,Seite 81; Anmerkungen (H),(S) sind von mir eingefügt): In diesem Zitat aus einem sogenannten ´Nahtod-Erlebnis´ ist deutlich die ´zeitliche´ Abfolge menschlicher Erlebnisse erkennbar: Krachen = (H)örsinn arbeitet zuerst, dann: Durchgang durch Tunnel = (S)ehsinn entwickelt sich - dann kommen Kindheitserlebnisse und der Rest des bisherigen Lebens.
    Es gibt noch viele solcher Berichte, und alle deuten sie auf eine Abfolge von gespeicherten Erinnerungen hin; etwa ab der 24. Schwangerschaftswoche.

  17. Steffen Rehm @Hoppe
    05.02.2009 | 22:24

    Sie fragen: Kann also das reale, je jetzige Gehirn, das ebenfalls ein rein materielles System ist, seine vergangenen Zustände aus sich selbst heraus als vergangen markieren und in einer Weise gegenwärtig halten, die Zeiterleben und Veränderungsbewusstsein erlaubt - und wenn ja, wie?

    Ich weiß nicht, was ein „rein materielles System“ sein soll, aber dass unser Verstandsapparat zum Zeiterleben in der Lage ist, ist subjektiv evident, und KRichard hat mit der Annahme von fixierten Reihenfolgen wohl schon den richtigen Riecher.
    In diesem Sinn denke ich auch, wenn ich das Gedächtnis in einer chronologischen Organisation begreife, daß die Reihenfolgen der „Augenblicke“ dabei erhalten bleiben müssen.

    Dieser Gedanke hat noch eine wichtige Konsequenz:
    Aus einem kontinuierlichen „Bewußtseinsstrom“ lassen sich keine Reihenfolgen abgrenzen und speichern, wohl aber aus einer diskreten Folge von „Zeitfenstern“ bzw. „Augenblicken“. Mit anderen Worten: Es erscheint sinnvoll, von einem diskret, taktweise arbeitenden Bewußtsein auszugehen, wenn man dessen chronologische Gedächtnisorganisation verstehen will.

    S.R.

  18. Rainer Gerhards kein Betreff
    06.02.2009 | 17:52

    Spät melde ich mich zu Wort, dafür aber vielleicht (zu?) abstrus...

    Wenn ich die Diskussion verfolge, meine ich zwei Stränge zu sehen:

    a) Was ist überhaupt Zeit?
    b) Wie merkt sich das Gehirn zeitliche Abfolgen?

    Zu a) bin ich nicht einmal davon überzeugt, dass man sicher davon ausgehen kann, dass Zeit als solche überhaupt existiert. In dem selben Masse nicht, wie man meiner Meinung nach nicht sicher davon ausgehen kann, dass die wahrgenommene Realität überhaupt existiert. Ich bin gerne bereit eine immens hohe Wahrscheinlichkeit für die Existenz der Zeit und der Realität zu akzeptieren - aber einen Restzweifel kann und will ich nicht ausschliessen (auch wenn er wahrscheinlich keinen praktischen Nutzen hat).

    Aber stellen wir auf Descartes Spuren einmal alles in Frage: dann kann ich meiner Meinung nach nur für einen Moment feststellen, dass ich existiere, das aber auch nur für genau diesen einen Moment. Alles das, was ich über Vergangenheit weiss, könnte mir doch "in diesem Moment, instantan, gegeben sein" (ich will damit nicht den Kreationnisten zureden). All' das, was ich von Zukunft erwarte ebenso. Wenn mein Gehirn, meine Wahrnehmung, nun quasi in diesem Moment so geschaffen wurde, mit dem Wissen um alles, was zuvor scheinbar war (aber nicht wirklich gewesen sein muss), dann kann ich wohl überhaupt nicht erkennen, ob es so etwas wie Zeit wirklich gibt.

    Wirklich gesichert lässt sich meiner unmassgeblichen Meinung nach damit doch eigentlich nur aussagen, dass genau dieser eine Moment, den ich als Gegenwart wahrnehme, wirklich existiert.

    Daraus wiederum könnte ich folgern, dass es so etwas wie Kausalität gar nicht zwingend geben muss, da dies doch einen Zeitablauf voraussetzt. Den Moment der Gegenwart würde ich dann folgerichtig als einen Moment definieren, in dem keine Prozesse ablaufen (oder zumindest nicht wahrgenommen werden können). Er ist somit dem mathematischen Punktbegriff tatsächlich sehr nahe.

    Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich weder Kausalität noch die allgemeine Auffassung vom Fortschreiten der Zeit, noch Realität schlechthin abstreite. Andererseits, denke ich, kann man das Vorhandensein von Zeit aber auch nicht immer als gegeben voraus setzen.

    Zu b) [Chronologische Speicherung] sage ich jetzt erst mal nichts mehr und warte erst einmal die Reaktionen ab ;)

    Viele Grüße,
    Rainer Gerhards

  19. KRichard ungeistige Materie
    07.02.2009 | 16:38

    Führt man die sogenannten ´Nahtod-Erlebnisse´ auf ihre reine Ablaufstruktur (Kernelemente) zurück, so ergibt sich die Schlussfolgerung; dass man dabei sein eigenes Gehirn live bei der Arbeit beobachten kann: Es durchsucht die Informationen seines episodisches Gedächtnisses in zeitlich auf- bzw. absteigender Reihenfolge; manchmal auch nur in Stichpunkten. Die gefundenen Informationen werden mit dem aktuellen Bewusstsein neu bewertet.

    Damit ist zumindest eine @Hoppe-Frage beantwortet: Materie ist ungeistig, da sie kein Gedächtnis hat. Für sie gibt es daher weder Vergangenheit, noch Gegenwart oder Zukunft.
    Für Menschen und Tiere mit Gedächtnis dagegen gibt es diese Zeiten als Empfindung, da sie aus den gespeicherten Informationen und ihrer Abfolge erinnert werden.
    Wie real diese Zeit-Empfindung aber ist, ist unklar; denn: vergleicht man die Informationen des episodischen Gedächtnisses mit einem ´Lebensbuch´ dann ergibt sich die gleiche Wirkung wie bei jedem anderen Buch auch => ungelesen hat es keine Wirkung. Seine Wirkung entsteht erst, wenn der Lesestoff durch das eigene Bewusstsein in eine virtuelle Realität umgewandelt wird.

  20. adenosine kein Betreff
    07.02.2009 | 17:31

    @KRichard: Als nächstes kommt dann sicher die Idee, dass es für tote Materie auch keinen Raum gibt, da ihr die Sinne fehlen, diesen wahrzunehmen. Womöglich gilt das dann auch für Menschen, da das Raumempfinden nur eine Informationsverarbeitung von Sinneseindrücken ist.

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