Interdisziplinär: Biochemie trifft Neurophysiologie in der Alzheimerforschung
Einer amerikanischen Forschergruppe um Juha Laurén ist es allerdings kürzlich gelungen, einen interessanten Puzzlestein zum Rätsel der Alzheimer Erkrankung beizutragen (Beitrag auf Nature.com). Bislang war zwar bekannt, dass im Cortex von Alzheimerpatienten auffällige Ablagerungen, sogenannte Amyloid-β-Plaques und Neurofibrillenbündel auftreten, doch war bisher noch unklar wie diese Proteinablagerungen mit den umfassenden kognitiven Defiziten und Symptomen der Krankheit zusammenhängen. Die Forscher um Laurén konnten nun erstmals zeigen, dass ein in den Cortexneuronen vorkommendes, zelluläres Prionprotein(PrPC) als Rezeptor für das abnormal produzierte Amyloidprotein Aβ42 fungiert. Insbesondere im Hippocampus, einer Hirnstruktur, die an der Bildung und Konsolidierung von Erinnerungen beteiligt ist, wirkt sich die Bindung von Aβ42 durch PrPC inhibitorisch auf synaptische Potenzierung aus. Dies ist ein Mechanismus, der es Neuronen erlaubt, gezielt spezielle synaptische Verschaltungen über längere Zeit zu verstärken und so die Effizienz der Verbindung zweier oder mehr Nervenzellen zu erhöhen.
Die im Wissenschaftsjournal Nature publizierte Studie liefert damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Alzheimer Demenz und vor allem, wie die biochemischen Veränderungen in den betroffenen Zellen sich auf die elektrophysiologischen Eigenschaften derselben auswirken. Der von Laurén beschriebene Pathomechanismus könnte somit die erfahrungsabhängige Gewichtung von synaptischen Verbindungen zwischen Nervenzellen erheblich beeinträchtigen.
Als nächste potentielle Ebene der Pathophysiologie heben die Forscher um Laurén besonders Glutamatrezeptoren hervor, die maßgeblich an synaptischen Plastizitätsvorgängen beteiligt sind. Inwiefern diese jedoch direkt betroffen sind, konnte in der Studie noch nicht schlussendlich geklärt werden. Zeigt sich im Folgenden, dass Glutamat- und eventuell auch andere Neurotransmitterrezeptoren tatsächlich durch die Bindung von Aβ42 an PrPC beeinflusst werden, würde dies einen essentiellen Schritt zur Erklärung der abnormen neurophysiologischen Aktivierungsmuster in Patienten mit Alzheimer Demenz bedeuten. Schließlich stellen Neurotransmitter, ihre Rezeptoren und assoziierte Ionenkanäle die mechanistische Grundlage neuronaler Aktivität dar.
Eine Verstärkung der Verschaltungseffizienz von mehreren Neuronen durch Langzeitpotenzierung tritt insbesondere dann auf, wenn die betroffenen Neurone vermehrt synchron aktiv sind und erhöht durch die gestärkte Verbindung die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch weiterhin gemeinsam aktiv werden. Derartige synchrone Aktivität von einzelnen Neuronen oder ganzen Neuronenpopulationen gewinnt besonders vor dem Hintergrund der Tatsache an Bedeutung, dass das Gehirn Verarbeitungsprozesse zwar stark parallelisiert, die parallelen Informationsströme aber nie konvergieren. So werden beispielsweise Farbe, Form und Bewegung eines Gegenstandes in räumlich verschiedenen Arealen des Cortex verarbeitet und doch nehmen wir den Gegenstand als Einheit wahr.
Man spricht hierbei vom „Bindungsproblem“, wobei sich hinter diesem Begriff eigentlich ein ganzer Komplex von offenen Fragestellungen verbirgt, die sich insbesondere mit der Koordination neuronaler Systeme und Subsysteme befasst. Synchrone oszillatorische Aktivität in räumlich getrennten, aber über Axone verbundenen neuronalen Populationen gilt als ein potentieller Mechanismus mit dem das Bindungsproblem gelöst werden könnte. Zudem wurden Oszillationen in bestimmten Frequenzbereichen, insbesondere Beta-(12-30Hz) und Gamma(30-100Hz)-Oszillationen im Verlauf der letzten Jahre vermehrt mit kognitiven Prozessen in Verbindung gesetzt(Mehr dazu auf scholarpedia.org).
Gesunde Versuchspersonen zeichnen sich in EEG- und MEG-Experimenten durch charakteristische Frequenzmuster in ihrer neuronalen Aktivität aus, wogegen die Aktivierungsmuster von Patienten mit neuronalen Erkrankungen meist abnorme Frequenzspektren aufweisen. Korrelieren diese Veränderungen im Frequenzspektrum der Patienten zusätzlich mit den Abnahmen der kognitiven Fähigkeiten ermittelt durch standardisierte psychologische Tests, würde dies wiederum dafür sprechen, dass es sich bei synchronen neuronalen Oszillationen tatsächlich um neuronale Korrelate von Kognitionsprozessen handelt.
-Ledford, H. (2009). 'Harmless' prion protein linked to Alzheimer's disease Nature DOI: 10.1038/news.2009.121
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"Bislang war zwar bekannt, dass IN (Hervorhebung von mir) den Neuronen von Alzheimerpatienten auffällige Ablagerungen, sogenannte Amyloid-β-Plaques und Neurofibrillenbündel auftreten, doch war bisher noch unklar wie diese Proteinablagerungen mit den umfassenden kognitiven Defiziten und Symptomen der Krankheit zusammenhängen."
Bitt'schön: die beta-Amyloid-Plaques sind AUSSERHALB der Neurone im Interzellularraum, die Tangles ("Neurofibrillenbündel" aus hyperphosphoryliertem Tau) sind DRIN. Wer nun der "Übeltäter" ist (ich tendiere zum Tau-oismus), ist ja wohl nach wie vor umstritten.
Grüße
Wicht aus der Anatomie von nebenan.
Ich hatte schon auf die Begrüßung des allgegenwärtigen Herrn Wicht gewartet. ;-)
Sie haben völlig recht. Die Verallgemeinerung sollte heißen:
"Bislang war zwar bekannt, dass IM CORTEX von Alzheimerpatienten auffällige Ablagerungen, sogenannte Amyloid-β-Plaques und Neurofibrillenbündel auftreten, doch war bisher noch unklar wie diese Proteinablagerungen mit den umfassenden kognitiven Defiziten und Symptomen der Krankheit zusammenhängen."
Jo, ich bitte die Lästigkeit meiner versuchten Omnipräsenz zu entschuldigen, und das Getüpfel auf dem "i" erst recht.
Ich bin aber im Labor gleich neben den beiden Braaks hier in FFM grossgeworden, und war halt (als interessierter Zuschauer und -hörer) dabei, als die beiden in mühevoller Kleinarbeit die ganze Tau- und Amyloid-Geschichte auseinander gedröselt haben. Ich hab' sie dafür sehr bewundert.
Was ist denn aus dieser Methylenblau-Geschichte geworden, die vor knapp einem Jahr durch die Presse geisterte? Soll angeblich die tau-Tangles auflösen..
Grüße, right on!
Zu dem vermeintlichen Wundermittel Methylenblau konnte ich auf die Schnelle zwar keine (meiner Meinung nach) aussagekräftige Studie finden, habe aber einen Onlineartikel aus der Zeit gefunden, der das Thema für alle Interessierten nochmal zusammenfasst.
Hier der Link:
Das blaue Wunder
Was die Frage nach dem eigentlichen "Übeltäter" und Auslöser der Alzheimer Krankheit angeht, vertrete ich weder die Position eines reinen Tauisten noch eines Amyloidverfechters. Vielmehr glaube ich, dass beide Proteinspezies die Krankheit beeinflussen und zu ihren Symptomen beitragen. Ich denke auch nicht, dass man sich nur an den Aggregaten dieser Proteine festbeißen sollte, sondern sich auch der ein oder andere Blick auf Zwischenprodukte lohnt. Hierzu gibt es einen interessanten Review-Artikel von Castellani et al.. Für alle Zugangsgesegneten hier der PubMed-Link:
Alzheimer disease pathology as a host response.
Wenn ich mir von der Warte eines Biologen anschaue wie komplex das "Innenleben" einer Zelle reguliert und gesteuert wird (sei das jetzt auf genetischer oder biochemischer Ebene), erscheint es mir eher unwahrscheinlich, dass es zwangsläufig nur einen EINZIGEN Schuldigen geben kann.
So geht es mir allerdings bei vielen Erkrankungen, deren Verursacher in einzelnen Genen oder Proteinen gesucht werden.
Mit vielen Grüßen aus der Nachbarschaft