17. August 2008, 17:09
Nette: Steve, wieso gab es so lange kein Nette-an-Steve?
Steve: Weiß auch nicht. Weil Sommer ist? Hitze schlägt ja bekanntlich aufs Hirn. Mir jedenfalls.
N: Oder weil die Professorin und der Redakteur überarbeitet sind.
S: Ja, du arbeitest zu viel ...
N: ... vielleicht an zu Vielem gleichzeitig. Die aktuelle Spiegel-Titelgeschichte (33/2008) behauptet das jedenfalls: Das Internet macht doof, und unter diesem Rubrum wird gleich alles erschlagen, was krank macht (oder machen könnte). Multitasking, zum Beispiel.
S: Und, multitaskst Du zu viel?
N: Nun ja, die Professorenwelt hat sich schon ein bissl verändert: Meine Studenten löchern mich mit Fragen per E-Mail (nichts mehr mit gemütlichen Sprechstunden einmal pro Woche, jetzt ist rund um die Uhr Sprechstunde). Nachrichten über meinen Studiengang schreibe ich in unser Weblog (so mal eben zwischendurch). Eine Tagung begleite ich per Weblog und
Twitter. Mit meinem Netzwerk Kontakt halte ich unter anderem über
Xing und Twitter. Kurz: Das Phänomen, in einer Sitzung zu sitzen und dann doch mal kurz zu schauen, ob man auf den aktuellen Blogeintrag nicht doch ganz schnell und aktuell reagieren sollte - das kenne ich auch.
S: Die neuen Kommunikationswege leben vom Tempo.
N: Genau. Es bleibt ja nicht bei einem Blogeintrag. Wenn dann ein interessanter Kommentar kommt, muss man drauf reagieren. Oder möchte es zumindest. Außerdem kommen ständig Updates oder neue Werkzeuge, die installiert, gepflegt, beobachtet werden wollen.
S: Klingt anstrengend.
N: Ist es auch. Außer für Leute, denen das Spaß macht. Es gibt viele Kollegen, für die Multitasking eine Art Lebenselexier zu sein
scheint - sie leben damit (oder sogar davon?) ganz prima, sind produktiv, schreiben Bücher, machen Studien... es ist also offenbar nicht so einfach, wie der Spiegel unkt: Wer multitaskt, wird blöd.
S: Wir sollten klären, was Multitasking überhaupt ist.
N: Genau. Der Spiegel zitiert eine Studie, für die Versuchspersonen am Bildschirm ein Auto virtuell durch den Verkehr führen mussten und parallel Fragen zu einem anderen Thema beantworteten.
S: Hab ich gelesen. Wer nur Auto zu fahren brauchte, dessen Hirn arbeitete großflächig in den Regionen, auf die's eben ankommt, schreibt der Spiegel. Wer gleichzeitig Fragen bearbeiten sollte, dessen Hirnaktivität war über mehrere Stellen verteilt - aber jeweils schwächer.
N: Was sagt uns das über Multitasking? Der Studienleiter meint, unser Gehirn könne eben nicht mit voller Kraft mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen. Es mache Abstriche.
S: Nun ja, weniger Aktivität gleich automatisch weniger Checke - die Rechnung geht leider nicht auf.
N: Du meinst: Nur weil es weniger "flackert", muss die Hingabe des Gehirns nicht unbedingt geringer sein?
S: Womöglich ist nur die Ungeübtheit größer. Sprich: Die Leute waren's wohl nicht gewohnt. Vielleicht hätten die Studienleiter mal spaßeshalber neapolitanische Taxifahrer testen sollen, die beim Fahren ständig außerdem noch quatschen, Kaffee trinken und den Damen hinterherpfeifen. Oder noch besser: Man hätte die Leute über einen längeren Zeitraum beobachten sollen - das Hirn ist schließlich ein äußerst plastisches Organ. Da geht mit Übung so einiges, was man sich am Anfang gar nicht vorstellen kann.
N: Gut, jetzt also die Frage: Multitaske ich, wenn ich blogge, twittere, telefoniere, meine abonnierten Blogs lese, kommentiere? Nein, ich multitaske nicht. Ich bin inzwischen aus dem Alter raus, wo ich alles auf einmal wollte, und zwar sofort. Also mache ich es nacheinander (meistens). Na gut, manchmal twittere ich bei einer Konferenz mit. Aber was ist das anderes, als sich Notizen über einen Vortrag zu machen? Darüber beschwert sich ja auch niemand, es gilt sogar als gut, die wichtigen Dinge zu notieren und sie sich damit zu eigen zu machen, in den eigenen Gedankenfluss einzubauen. Hier habe ich noch den zusätzlichen Effekt, dass ich andere informieren kann.
S: Ähm - "twittern"?
N: Twitter benutzen. Man teilt darüber seinen Kumpels mit, was man gerade macht. Dafür hat man 140 Zeichen. Ich kann also auf einer Konferenz sitzen und allen, die es wissen wollen, in kurzen Abschnitten Infos rüberschicken - live und übers Internet. Zum Beispiel.
S: Und du behauptest, nicht zu multitasken... ha, ha. Egal. Du meinst also, nicht im Informationswust zu versinken, ist letztlich nur eine Frage der Einstellung?
N: Genau. Ja, unsere Aufmerksamkeit wird über viele Kanäle erhascht, aber (und auch der Spiegel zitiert die Kultur der Aufklärung): Haben wir nicht auch Werkzeuge, dieser Kanäle Herr zu werden? Zum Beispiel den Aus-Knopf.
S: Du bist eine Idealistin.
N: Ja, ich glaube daran, dass wir alle Kulturtechniken irgendwann lernen können. Und auch der Aus-Knopf ist eine Kulturtechnik. Das grundlegende Problem ist doch nicht "das Internet", oder das Multitasking, oder der Blackberry. Das grundlegende Problem ist Selbstbewusstsein. Für sich entscheiden, was das Richtige ist, anstatt sich der Angst hinzugeben, den Anschluss zu verpassen, irgendetwas nicht mitzukriegen. Das lässt einen doch an der Nadel der Informationskanäle hängen wie ein Süchtiger - nicht die Informationskanäle selbst.
S: Nette, soll ich dir ein Geheimnis verraten?
N: Nein.
S: Doch. Ich weiß gar nicht, wovon du eigentlich redest. Wenn du twitter sagst, höre ich immer "Tittitwister" - du weißt schon, wie die Bar in dem Tarantinostreifen. Und Xing, dieses Selbstdarstellerbordell, und das Bloggeblubber, das einem überall entgegen raunt - weißt du was?
N: Nein!
S: ... ich brauch das nicht. Und eine Menge andere wohl auch nicht - sonst traute sich der Spiegel kaum, damit so fett zu titeln. Ich teile diese Sehnsucht nach Stille. Besinnung. Innerer Einkehr. Nach dem Wahren, Schönen, Guten. Raus aus dem Hühnerstall, rein ins Ohhhhmmmmmm.
N: Steve?
S: Ohhhhhmmmmmm.
N: Ste-eeeve!?
S: Da bist du ja, mein süßer kleiner Aus-Knopf! Komm lass dich dich mal drü... - (*klick*)
N: Weg ist er. Irgendwie beneide ich ihn.
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