Bloggewitter: Precht und die Uni Bolognese
Lieber Steve,
Richard David Precht - du weißt schon, "Liebe, ein unordentliches Gefühl" - wurde vor drei Tagen in einem Radiointerview gefragt, was er denn mit seinem Geld, das er als Autor so verdiene, anzufangen gedenke. Er selbst habe nur geringe Ansprüche, sagte er. Er investiere lieber in die Ausbildung seiner vier Kinder, sagte er, und sinngemäß weiter: Da man ein vernünftiges Studium heute ja nur im Ausland bekäme, werde er sie vermutlich nach England schicken.
So. Brutaler kann man es kaum auf den Punkt bringen. Richard David Precht, Autor, Philosoph, man könnte sagen - begeisterter Akademiker, diesem Richard David Precht ist der totale, niederschmetternde Abgesang auf die deutsche Universität gerade mal einen Nebensatz wert. Die Moderatorin widersprach nicht.
Mehr musste dazu auch nicht gesagt werden. Es ist schon bitter, wenn ich, als Angehörige eben dieser deutschen Hochschule, Precht auch nicht wirklich widersprechen kann. Sagen wir so: Natürlich gibt es Ausnahmen, und natürlich kann man, wenn man jetzt mal ganz genau hinschaut, finden, dass Precht vielleicht ein bisschen übertreibt. Und er repräsentiert vielleicht auch nicht gerade ein Massenphänomen. Aber darum geht es nicht. Es geht um das Grundgefühl: Was haben wir, verflucht nochmal, der Universität angetan? Das Grundgefühl ist schlecht, und das ist durchaus ein Massenphänomen. Kein Gespräch mit Eltern, die über ein Universitätsstudium ihrer Kinder nachdenken, das nicht von Sorge oder sogar massiver Ablehung dem neuen System gegenüber geprägt ist. Wieso glauben Akademiker, die selbst ein Produkt des vergangenen Universtitätssystems mit all seinen Nachteilen waren, an das neue Bologna-System so wenig, dass sie ihm ihre Kinder auf keinen Fall anvertrauen wollen?
Die Elite stimmt hier wohl mit den Füßen ab. Deutschland gibt sich ja nach außen hin immer geradezu krampfhaft egalitär, aber in den Binnenstrukturen stimmt das überhaupt nicht: Es gibt eine Elite, und die hat ganz klare Maßstäbe - ihre Kinder sollen sehr, sehr gut sein. Und die, behaupte ich mal, machen es Richard David Precht nach. Wenn wir nicht aufpassen. Aber vielleicht ist es schon zu spät? In manchen Ländern des britischen Commonwealth gehört es in gebildeten und wohlsituierten Kreisen zum guten Ton, die Kinder zum Studium nach England zu schicken (in die guten Universitäten, versteht sich). Könnte sein, dass sich das in Deutschland auch einbürgert.
Großartige Sache: Bislang beklagten wir uns über den Brain Drain derer, die nach dem Studium Deutschland verlassen. Gibt es jetzt auch noch den Brain Drain derer, die schon zum Studiumbeginn gehen? Mit Papas und Mamas Geld?
Auch eine Form von europäischer Mobilität. Da Bologna so, wie es gerade etabliert ist, diese Mobilität ja eher zu verhindern als zu fördern scheint, sollten wir vielleicht froh sein, dass wenigstens ein paar hoffnungsfrohe Sprößlinge aus gutem Hause den universitären Grenzübertritt wagen können...
Du findest das pathetisch, Steve? Du streiftest vor ein paar Tagen durch die Columbia University und sprachst mit Forschern, die diesen so ganz anderen Geist versprühen: Wissen wollen, diskutieren, forschen, rausfinden, und dabei eine Menge Spaß haben. Intellektuellen Spaß. Mich hat diese Atmosphäre immer begeistert. Ja, na klar, es ist ein Elite-System, und das hat viele Nachteile. Aber es ist ein akademisches System. Es könnte sein, dass wir uns in Deutschland von diesem akademischen System aus Begeisterung für Wissen, Bildung und Diskussion gerade verabschieden. Da wird selbst ein stark ironiegetriebener Mensch wie ich pathetisch :-).
Warum ist das alles so?
Wer Professoren mit einer absurd aufgeblähten Binnenbürokratie lähmt, darf sich nicht wundern, wenn sie weder in Forschung noch Lehre Exzellenz produzieren. Ich kann überhaupt nicht begreifen, wie man eine solche Reform anstoßen kann, ohne richtig viel Geld in die Hand zu nehmen. Viele Professoren in Deutschland fühlen sich ausgequetscht wie die Zitronen - und die Frage ist: wofür? Wenn es ja wenigstens tatsächlich um neue Modelle, Lehrformen, Forschungsformen, vielleicht auch neue Modelle der Hochschulorganisation ginge. Aber um diese Ideen geht es nur in Strategiepapieren, die zirkulieren: Man liest sie, legt sie weg und seufzt. Denn der Alltag sieht anders aus: Man nahm das alte Organisationsmodell der Hochschule (überbürokratisiert, unterbesetzt, deswegen überlastet und langsam), und sagte: macht mal. Wer macht? Die, die Wochenenden und Nächte investieren. Also Professoren und außerdem die Mitarbeiter, die von Idealismus getrieben sind und bereit sind, auch unterbezahlt Höchstleistungen zu vollbringen. Ich nehme niemandem übel, der dazu nicht bereit ist. Um es ganz klar zu sagen: Wenn es uns gelingt, Exzellenz zu produzieren - dann tun wir das, weil wir unsere Freizeit dafür einsetzen. Neue Lehrformen? Freizeit. Forschung? Freizeit. Weiterbildung? Freizeit.
Wer exzellente Forschung und Lehre machen will, dem rate ich, auf alle Fälle auf die Gründung einer eigenen Familie zu verzichten, denn er wird seine Nächte und Wochenenden brauchen. Kein Witz.
So, genug gejammert! Jammern ist unsexy. Also, Steve, ist alles nett in New York? Fühlst du dich wohl? Willst du überhaupt noch zurückkommen nach Bologna-Land? Frag doch die Kollegen drüben mal, ob sie unseren Bachelorabschluss inzwischen anerkennen. Ach, pardon. Das wäre ja eine rhetorische Frage.
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