Brainlogs Nette an Steve

Bloggewitter: Ein deutscher Psychologe in New York

von Steve Ayan, 16. Juni 2009, 03:04

Hi Nette,

puenktlich zum grossen Bloggewitter ueber Bologna und die Folgen melde ich mich auch wieder zu Wort, und zwar gleich im Doppelpack mit G&G-Autor Pascal Wallisch, der seit Jahren in den USA forscht und einige ebenso kritische wie aufschlussreiche Anmerkungen in dieser Sache zum besten gibt.

Bologna

Ohne lange Vorrede gleich ans Eingemachte, diesmal in zwei Teilen ... hier der erste Streich:

... und wenn du noch nicht genug hast, hier der zweite Teil des Gespraechs:

 

 

Stay tuned, Nette!

Steve


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Kommentare

  1. Carsten Könneker Studieren und nicht zurückkommen
    16.06.2009 | 09:53

    Ein interessantes Interview. Ich habe selbst einmal ein außerordentlich spannendes Studienjahr in den USA verbracht im Rahmen eines Austauschprogramms - und lange überlegt, ob man nicht besser in den Staaten bleiben sollte, weil die Studien- und Forschungsbedingungen gerade für engagierte Nachwuchsleute so viel besser waren. Ich bin am Ende doch zurückgekommen, habe in Deutschland promoviert und es unterm Strich auch nicht bereut, der amerikanischen Hochschule wieder den Rücken gekehrt zu haben. Schade wäre es aber, wenn im Zuge des Bologna-Prozesses der Freiraum für Auslandsstudienaufenthalte geringer würde. Ich hoffe, dass das Gegenteil der Fall sein wird, ja dass viele Programme sogar das Auslandsstudium als integralen Bestandteil einschließen werden.

  2. Annette Leßmöllmann Uni Bolognese
    19.06.2009 | 10:20

    Lieber Steve,

    Pascal Wallisch hat es gut auf den Punkt gebracht: Der Bachelor ist "humaner" als der deutsche. In den USA besteht er in einem Studium generale, in dem man zwar Spezialisierungen wählt, aber sonst sehr breit studiert. Man orientiert sich, man trainiert denken, man schreibt, man argumentiert. Und irgendwann entscheidet man sich dann für eine Fachrichtung. Ein Paradies.

    In Deutschland wird über dieses System gerne gesagt: Naja, WIR haben ja die Oberstufe des Gymnasiums, wir brauchen ein solches universitäres Studium generale nicht.

    Aber haben wir die Oberstufe nicht gerade auf zwei Jahre verkürzt? Und ersetzt das Gymnasium heute noch ein intensives, breit gestreutes wissenschaftliches Training der Art, wie es der amerikanische Bachelor bietet?

    Hier ein paar Thesen. Das amerikanische System bietet viele Vorteile. Zum einen erhält es die Orchideenfächer, denn im breiten Studium generale kann auch Orientalistik oder, ja, auch das ist ein Orchideenfach, Germanistik studiert werden. Diesen Fächern gehen also nicht so leicht die Studierenden aus, weil niemand von diesen verlangt, einen berufsorientierten Orientalistik- oder Germanistik-Bachelor zu studieren, wie das in Deutschland jetzt der Fall ist. Man kann es einfach studieren, und Punkt, ohne dass jemand erwartet, dass man damit hinterher Geld verdienen können muss. Die Berufsorientierung fällt weg, und das kommt diesen Fächern zu Gute (auch wenn die Orchiedeenfächer in den USA natürlich auch einen schwereren Stand haben als, sagen wir, Life Science; ich will das nicht über Gebühr schönreden. Aber trotzdem.).

    Zweiter Punkt: Dieses amerikanische System eines Bachelor mit Studium generale macht die Leute schlauer, ganz platt gesagt. Ein CEO, der mal Orientalistik gehört hat und vier Jahre lang ein term paper nach dem anderen geschrieben hat, hat einfach einen ganz anderen Horizont als einer, der sein Leben lang nur BWL gehört hat und sonst nichts.

    Drittens: Das amerikanische System treibt das Denken nicht aus, sondern ein. Es verlangt Denken, ganz essentiell. Ob der derzeitige deutsche Bachelor das Denken fördert? Mit der Maßgabe, dass jedes Modul mit einer Prüfung abgeschlossen werden muss? Das befördert vielleicht pragmatische Lerntechniken, damit man der Prüfungsmasse Herr wird. Mit Denken würde ich das lieber nicht verwechseln wollen.

    Und was ist mit dem völlig überlasteten Lehrkörper, der es überhaupt nicht schaffen würde, diese ganzen term papers überhaupt zu lesen und zu bewerten, die eine qualifizierte Lehre verlangen würde? Mit einem völlig überlasteten System, das dem sowieso schon am Rande seiner Kräfte operierenden Dozenten Assistenz- und Sekretariatsaufgaben der vielfältigsten Art aufbürdert, weil man Assistenten und Sekretariate weggespart hat? Mit einem Bologna-Prozess, der den Lehrkörper einem derartigen Papierkrieg und Gremienhürdenlauf unterzieht, dass ihm die Zeit für qualifizierte Lehre und Forschung fehlt - außer, er macht es nachts? (Als ich das schrieb, war es 23:01 und neben mir lagen noch drei Artikel meiner Studenten, die ich redigieren musste. Da hab ich doch glatt das Posten vergessen. Der zerstreute Professor bekommt durch Bologna eine ganz neue Dimension: Schiere kognitive Überlastung. Das Arbeitsgedächtnis beim Teufel. Wir sollten darüber nochmal gesondert bloggen :-))

    Ich kann nicht glauben, dass dieses deutsche Bachelor-System uns schlauer macht, denn so, wie es jetzt ist, verschleißt es die Professoren, und es verschenkt die Denkleistung der Studierenden. Meine Studierenden denken TROTZ des Systems, weil sie überwiegend kritische Geister sind und für sich das meiste rauszuholen verstehen, aber nicht WEGEN des Systems oder mit Unterstützung des Systems. Vielleicht wird das ja mal besser, wenn Kinderkrankheiten auskuriert sind. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    Noch eine Bemerkung zu Pascal Wallisch: Viele meiner Studienkollegen sind zum PhD oder als Post Doc in die USA gegangen. Sie waren dort hochwillkommen. Ich weiß es, ich habe sie besucht und mit allen dort geredet. Wieso haben wir ein System vollkommen abgeschafft, dass zwar seine Mängel hatte, aber auch seine ganz eindeutigen Meriten? Das Absolventen hervorgebracht hat, die gefragt waren - in der Wissenschaft? Wollen wir etwa keine Wissenschaftler mehr?

    Es grüßt aus Uni Bolognese-Land

    Nette

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