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What Do We Know About Actions?

von Elmar Diederichs, 31. Mai 2010, 15:59

Psychologen wollen intentionales Verhalten erklären, denken aber kaum darüber nach, um was es sich dabei handelt. Mein Vorschlag lautet: Intentionales Verhalten wird weder z.B. durch eine Kombination von Wünschen und Überzeugungen verursacht, noch kausal oder final erklärt. Es geht beim Handeln auch in keiner Weise um das tätige Individuum als von der Gemeinschaft isolierte Person. Eine Handlung zu beschreiben und zu  erklären, heißt vielmehr, Veränderungen eines gegebenen sozialen Kontextes  durch genetische Rationalisierungen auf bei Raum-Zeit-Punkten intentional auftretenden Akteuren und daher auf Manipulationen durch Akteure zu projezieren. Eine Handlung ist damit eine kollektive Betrachtungsweise der Fähigkeiten von Akteuren, aber weder Tätigkeit noch Ereignis, sondern eine Relation des Herbeiführens zwischen Akteur, Veränderungen und einer sozialen Sphäre seiner Verantwortung, die mit der Rolle des Akteurs in einer Gemeinschaft wechselt.

Ich werde mich bemühen, diese Auffassung in mehreren posts so gut wie möglich zu entwickeln, da sie einen wesentlichen Stützpfeiler für meine kommende Kritik an der evolutionären Psychologie darstellt.

Intuitions about Actions

Auf den ersten Blick sieht es nicht gerade danach aus, als hätten wir überhaupt eine Strategie oder Methode zur Erklärung und Identifikation intentionalen Verhaltens zur Hand, deren Merkmale es uns erlauben würden, in den meisten Fällen ein vernünftiges Resultat unserer Anstrengungen zu bekommen. Betrachten wir dazu zwei Beispiele:

  • (1) Angenommen der Akteur A möchte einen Topf zerbrechen und glaubt, dies durch sein Herumtrampeln auf dem Topf erreichen zu können. Weil A das weiß, beginnt er zu trampeln. Nehmen wir weiter an, das Trampeln habe lediglich den Erfolg, daß B hinzukommt und beim Anblick des Geschehens seiner Entrüstung über das unge- bührliche Verhalten des A in einem Schwall der erlesensten Flüche Luft macht, die A derart beleidigen, daß er gegen B herumwirbelt, und dabei so unglücklich gegen den Topf stößt, so daß dieser zerbricht.

Dabei scheint es zunächst wenig Probleme zu machen, mit der folgenden Interpretation von (1) zufrieden zu sein:

  • (2) In (1) erklärt das Motiv von A in Form des Paares aus dem o.g. Wunsch und der o.g. Überzeugung, die Handlung des Zerbrechens von A offenbar deshalb nicht, weil es nicht die Ursache der Handlung war. Gründe für eine Handlung erklären diese Handlung nur dann, wenn sie auch für sie kausal wirksam waren: Denn nicht jeder, der gute Gründe hat zu handeln, wird auch handeln. Ohne Handlungen aber gibt es nichts zu erklären. Daher lassen sich Handlungsgründe, soweit sie in Handlungserklärungen zu Recht vorkommen, in erster Näherung als Handlungsursachen approximieren. Die Handlung selbst ist daher das Stoßen gegen den Topf und sie erfolgt unabsichtlich.

Der Versuch in (2) ist aber nach meiner Ansicht weniger erfolgversprechend. Selbst wenn es gelingen würde, den hier benutzten Kausalbegriff in verständlicher Weise auszubuchstabieren, könnten wir doch mit der Analyse aus (2) nicht endgültig zufrieden sein, weil es Fälle gibt, in denen wir ganz anders vorzugehen gewohnt sind:

  • (3) Als Ödipus seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete, da befand er sich im Irrtum. Und es ist dieser Irrtum, der letztlich erklärt, was geschehen ist, nicht aber seine Überzeugung, sein Vater sei ein Bandit und seine Mutter eine fremde Königswitwe. Denn hätte Ödipus sich nicht geirrt, dann hätte er anders gehandelt, so daß sein Irrtum für sein Handeln eine irreduzible Rolle spielt.

Würden wir die kausale Strategie in (2) wirklich ernst nehmen, dann müßten wir wie in (1) sagen, daß es in (3) im Grunde nichts zu erklären gibt, weil auch in (3) ein kausal wirksames Motiv des Handelns fehlt. Stattdessen aber hat Sophokles ein Drama über die Strafen der Götter aus (3) gemacht, daß wir unabhängig von der Frage, ob wir die Sache mit den Göttern glauben, noch immer interessant und einige von uns vielleicht sogar lehrreich finden. Die Frage ist: Wie kann das sein?

Da aber nicht einmal klar ist, ob in (1) und (3) dieselben Fragen durch die Handlungserklärung zu beantworten sind, müssen wir uns auch fragen, wie wir die zu erklärende Handlung zu identifizieren haben. Unter den freiwilligen, nicht unkontrollierten Handlungen würden wir wenigstens fünf Typen von Handlungserklärungen unterscheiden:

  • (H1) Handeln in Reaktion auf etwas: Die Erklärung besteht hier in der Angabe eines tatsächlich bestehenden Sachverhalts. Beispiel: A hat an der Kreuzung angehalten, weil dort ein Stopschild steht.
  • (H2) Handeln in Konformität mit etwas: Die Erklärung besteht in der Angabe dessen, was der Akteur infolge seines Verhaltens erwartet. Beispiel: A bindet sich eine Kravatte um, bevor er zur Arbeit geht, denn er arbeitet als Bankangestellter.
  • (H3) Handeln aus Gemütsbewegungen: Die Erklärung besteht in der Angabe der Entstehungsgeschichte, die zu dieser Handlung gehört. Beispiel: A warf aus Zorn die Torte an die Wand.
  • (H4) Handeln zur Erfüllung eines Zwecks: Die Erklärung besteht in der Darlegung der Zweckmäßigkeit i.S.v. Optimalität relativ zu einem als gegeben vorausgesetzen Wunsch. Beispiel: A ging zum Strand, um Muscheln zu sammeln.
  • (H5) Handeln aufgrund empirischen Selbstwissens: Die Erklärung besteht in der Angabe eines Sachverhaltes, von dem A glaubt, daß er besteht. Beispiel: A schenkte einer unbekannten Kellnerin die Hälfte seines Lottogewinns, weil er ihr vor zwei Wochen zwar kein Trinkgeld geben konnte, ihr dafür aber dieses Versprechen für den Fall seines Gewinns gegeben hatte.

Es wäre an dieser Stelle zu eng, den Begriff der Konformität auf eine Konvention des Anstands, der Höflichkeit oder einer anderen gesellschaftlichen Gepflogenheit zu beschränken. Unter einer Konvention wollen wir vielmehr jedes Verhalten in Erwartung seiner Identifikation als die-und-die Handlung verstehen.

Actions Trees

Wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß jeder Handlungstyps sein eigenes Identitätskriterium hat. Und um einen ersten Schritt in diese Richtung zu machen, betrachten wir nun das folgende Beispiel:

  • (4) Dieselbe Handlung, z.B. seinen Namen auf ein Blatt Papier zu schreiben, kann klarerweise durch unterschiedliche Körperbe- wegungen realisiert sein: Unsere Unterschrift ist mal mehr mal weniger leserlich. Als welche Handlung eine Körperbewegung aber realisiert wird, scheint in diesem Fall auch von den sich an die Körperbewegung anschließenden Folgen abzuhängen. So führt nicht jedes Schreiben seines Namens für A z.B. zu zivilrechtlichen Folgen, sondern nur dann, wenn damit z.B. ein formbedüftiger Vertrag geschlossen wird.

Beispiel (4) zeigt, daß Handeln nicht einfach im intentionalen Verursachen von raumzeitlich lokalisierbaren Körperbewegungen bzw. von Gehirnprozessen besteht: Die - gelegentlich auch abstrakten - Folgen des Geschehens spielen durchaus eine noch zu bestimmende Rolle für die Identität der Handlung.

  • Wir werden von jetzt ab eine Handlung immer als ein freiwilliges und absichtliches Verhalten auffassen, das auch in einem Unterlassen bestehen kann: Es interessiert ausschließlich jenes intentionale Verhalten, von dem zweifelsfrei feststeht, daß wir dafür in vollem Umfang verantwortlich sind.

Um die Folgen des Geschehens sowie die handlungsleitende Absicht eines intentionalen Verhaltens für die Identität der Handlung korrekt in Anschlag zu bringen, greifen wir auf das Konzept der sogenannten Handlungsbäume zurück.

  • Handlungen haben offenbar die Eigenschaft, daß sie Handlungsbäume bilden: Man tut häufig etwas dadurch, daß man etwas anderes tut, oder indem man etwas anderes tut, und das wiederum tut man, indem man noch etwas anderes tut usw. . Was man folglich getan hat, läßt sich auf so viele unterschiedliche Weisen beschreiben, wie es verschiedene Astenden in dem Handlungsbaum gibt. Wir haben kein Argument, zu verbieten, daß ihnen auch unterschiedliche Handlungstypen entsprechen können. Welchen Handlungsbaum man zu einem vorgegebenen Verhalten bildet, hängt davon ab, was man über die Folgen von A's Tun weiß. Dies kann z.B. auf der politischen Bühne unter Umständen relativ schwierig sein.

Die Einführung der Handlungsbäume erlaubt es uns, das folgende, vorläufige Abgrenzungskriterium für zwei beliebig vorgegebene Handlungen unabhängig vom Handlungstyp zu formulieren:

  • (5) Zwei vorgegebene Handlungen sind verschieden wenigstens dann, wenn sie unterschiedliche Handlungsbäume realisieren.

Beispiel (4) zeigt weiter, daß der Unterschied zwischen dem Fall, indem A gar nicht handelt, weil z.B. ihm die Hand beim Schreiben seines Namens geführt wird, und demjenigen Fall, in welchen A etwas nicht absichtlich tut, aber eine Handlung vorliegt, besteht offenbar darin, daß man im letzteren Fall irgendeine Beschreibung des Verhaltens von A angeben kann, unter der das Tun des A absichtlich war. Und diese Beschreibung hängt klarerweise davon ab, was A zum Zeitpunkt seines Verhaltens wußte. Man würde hier aber zuviel fordern, wenn man zusätzlich die Wahrheit dieser Beschreibung verlangte, da wir eben auch dann von Handlungen sprechen, wenn ein untauglicher Versuch, einen Sachverhalt herbeizuführen, vorliegt. Unser Kriterium aus Definition (5) kann daher benutzt werden, indem wir festlegen, daß ein Handlungsbaum wie folgt aufgebaut ist:

  • (6) Ein Handlungsbaum ist eine Menge wahrer Aussagen, die angibt, daß a) ein Akteur A vorsätzlich oder nicht vorsätzlich ein Geschehen intentional herbeiführt, und b) beschreibt, inwiefern A etwas unabhängig von seinen Intentionen tut dadurch, daß er etwas anderes tut, und das wiederum tut, indem er noch etwas anderes tut, usw. und c) zusätzlich beschreibt, für welche zeitlich nachgeordneten Folgen des von A herbeigeführten Geschehens wir A verantwortlich machen, insofern diese Folgen in der sozialen Sphäre seiner Verantwortung liegen.

Die letzte Bedingung läßt sich nicht vermeiden, wenn wir Unterlassungen berücksichtigen wollen, die wir als Handlungen einstufen, weil wir Akteuren bestimmte Pflichten auferlegen, wie z.B. den Eltern die Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder.

Diese etwas skizzenhafte Option, Handlungen zu beschreiben und auch vorläufig zu charakterisieren, soll an dieser Stelle genügen. Wir greifen dieses Ergebnis und das Konzept des Handlungsbaums im nächsten post Actions are not Events wieder auf, wenn wir den Zusammenhang von Handlungen und Ereignissen beleuchten.





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Kommentare

  1. Helmut Wicht kein Betreff
    31.05.2010 | 21:56

    Ich kan bis hier (wörtliche Zitate in Gänsefüssenn"

    "(1) Angenommen der Akteur A möchte einen Topf zerbrechen und glaubt, dies durch sein Herumtrampeln auf dem Topf erreichen zu können. Weil A das weiß, beginnt er zu trampeln."

    Offenbar trampelt A, wie sich aus dem Folgenden ergibt, nicht _auf_, sondern _neben_ dem Topf herum. Unorthodoxes Konzept, was Topfzerbrechungen angeht. Ist A irgendwie mental retardiert?

    "Nehmen wir weiter an, das Trampeln habe lediglich den Erfolg, daß A hinzukommt und beim Anblick des Geschehens seiner Entrüstung über das ungebührliche Verhalten des A in einem Schwall der erlesensten Flüche Luft macht, die A derart beleidigen.."

    A tritt zu sich selbst hinzu und beleidigt sich. Auch interessant. Multiple Persönlichkeit?

    "...daß er gegen B herumwirbelt, und dabei so unglücklich gegen den Topf stößt, so daß dieser zerbricht."

    Ach so, der zweite A (der Hinzutretende), sollte eigentlich B gewesen sein - egal, nun ist der Topf kaputt.

    Also, wenn ICH einen Topf zerschmeissen möchte, gehe ich pragmatischer vor. Aber ich geb' mir ja auch mit dem, was ich so tu', nicht viel Mühe. Ich rotz' es einfach hin.

  2. 31.05.2010 | 22:17

    "A tritt zu sich selbst hinzu und beleidigt sich. Auch interessant. Multiple Persönlichkeit?"

    Das ist ein Fehler. Danke für den Hinweis. :-)

  3. neil r. hmmmmmm....
    01.06.2010 | 00:54

    Lieber Herr Diederichs,

    Ich versuche schon seit einigen Beiträgen und mit bestem Willen Ihren Ausführungen zu folgen, nun bearbeiten Sie ein Feld, in dem ich mich zumindest ein wenig auszukennen glaubte.

    Ich bin leider gar nicht glücklich nach all den Mühen. Vielleicht fehlt es mir ein wenig an Intelligenz und Übung in Logik, um Ihren Erkenntnisgewinn nachzuvollziehen.

    Einige Kritikpunkte kann ich wenigstens benennen:
    Ihre Einteilung in 5 Typen der Handlungserklärungen erscheint mir recht willkürlich und schwammig. In "real life" ist es wohl ein Mix. Sie beschwichtigen: mindestens 5. Wie viele denn nun? Und also: warum diese Einteilung? Wann hilft sie mir?

    Ihr Konzept des Handlungsbaums erscheint mir umständlich und wiederum wenig erkenntnisreich. Ich habe Respekt vor philosophischen Gedankenspielen - seien sie noch so realitätsfern -, wenn sie den Kern ihres sujet freilegen/erahnen lassen, was auch immer.

    Schließlich vermisse ich Bezüge zu bekannten (und wie mir scheint erfolgreicheren) Heuristiken, gibt es Übereinstimmungen, wo sind Abgrenzungen, warum ist Ihre Idee toll? Überzeugen Sie mich!

    Zugegeben, meine Kritik ist vielleicht etwas ungerecht in Hinblick auf Ihre Ankündigung auf kommende Beiträge. Aber ohne wenigstens eine take home message lassen Sie Ihre Leser etwas unbefriedigt zurück (vielleicht bin ich aber auch der einzige. oje, doppeldeutig).

    Ich freue mich trotzdem auf ihren nächsten Beitrag "Actions are not Events", immerhin für mich ein kleiner teaser;)

    Grüße,
    Neil

  4. Elmar Diederichs @Neil: bitte mehr davon :-)
    01.06.2010 | 09:46

    Ihr Kommentar liest sich dramatisch und ich werde mein Bestes tun, Sie zu überzeugen, daß ich hier nicht nur Unsinn geschrieben habe.

    Die Folge von posts, die hier erscheinen soll, will zweierlei: eine naturalistische Definition von Handlung und ein tragfähiges und ebenfalls naturalistisches Konzept von Handlungserklärung liefern. Das sind die beiden primären Aufgaben in der Handlungstheorie.

    >Ihre Einteilung in 5 Typen der
    >Handlungserklärungen erscheint mir recht
    >willkürlich und schwammig.
    Ja, die Sache ist ein wenig schwammig, doch das geschah nicht ohne Grund, wie Sie weiter unten sehen werden: Mir geht es um die Allgemeinheit meines Vorschlags.

    >In "real life" ist es wohl ein Mix.
    Eine weit verbreitete Neigung: Ich halte wenig davon, alle Handlungen über denselben Kamm zu scheren und gebe das Ziel einer einheitlichen Antwort, für alle Handlungen, i.e. für jedes intentionale Verhalten in derselben Weise anzugeben, inwiefern sie erklärt werden, auf. Alles andere halte ich für schädlich.

    >Wie viele denn nun? Und also: warum >diese Einteilung?
    Diese Einteilung ist allein der Tatsache geschuldet, daß mir nicht mehr eingefallen ist. Wenn Sie Beispiele kennen, die eine andere Einteilung nahelegen, sind diese Beispiele immer willkommen, aber sie werden an meinen basalen Aussagen nichts ändern: Im Gegenteil, dieser Fall ist in meinem Vorschlag vorhergesehen worden und soll eine seiner Stärken sein.

    >Wann hilft sie mir?
    Sie hilft Ihnen, wenn Sie sich fragen, ob sie wissen, daß gehandelt wurde und ob Sie das Verhalten erklären können. Und sie hilft Ihnen, wenn Sie sich fragen, ob es noch eine andere, reichhaltigere, tiefere Erklärung des Verhaltens gibt. Man kann z.B. das (H2)-Beispiel erklären, indem man behauptet, hier wolle sich jemand unter gesellschaftliche Zwänge unterordnen. Aber das ist in einigen Fällen falsch, weil das der Erklärungstyp zu (H4) ist. Das Schlipsbinden selbst sagt nichts darüber aus, zu welchem Typ es gehört. Man muß man sich deshalb nichts vorwerfen lassen und tiefenpsychologische Erklärungen zum Schlipsbinden sind (gelegentlich) tatsächlich übertrieben.

    >Ihr Konzept des Handlungsbaums erscheint
    >mir umständlich und wiederum wenig
    >erkenntnisreich.
    Sie haben recht: Für eine Definition von Handlung ist es zu wenig. (6) wird sich lediglich als notwendige Bedingung in der endgültigen Handlungsdefinition erweisen. Das rechtfertigt natürlich nicht die Umständlichkeit. Wenn Sie da ein wenig präziser werden, kann ich (6) vielleicht verbessern.

    >Schließlich vermisse ich Bezüge zu
    >bekannten (und wie mir scheint
    >erfolgreicheren) Heuristiken, gibt es
    >Übereinstimmungen, wo sind Abgrenzungen,
    Ich bin sicher, daß ich nicht weiß, worauf Sie anspielen und es kann gut sein, daß Sie einfach eine Wissenslücke bei mir erwischt haben. Bitte helfen Sie mir weiter.

    Was ich im Blick hatte, war zum einen die kausale Handlungstheorie a la Davidson. Die möchte ich loswerden, weil Handlungen keine Ereignisse sind, das mentale Konzept der Verursachung suspekt und die Erklärungsleistung einer Handlungserklärung nicht in der Angabe einer Ursache besteht - wie Hobbes und Hume das mal vorgeschlagen haben.

    Das Kontrafaktische, was in die Analyse von Handlungserklärungen durch die Erwähnung von Ursachen hineinkommt, möchte ich hingegen durchaus erhalten.

    Die anderen Vorschläge von v.Wright, Fodor, Chihara, Wittgenstein hingegen, wonach Gründe keine Handlungsursachen sein können, bieten hingegen für viele Handlungen kein leistungsfähiges Erklärungskonzept an: Nicht immer gibt es eine teleologische Komponente.

    Beide Ansätze erkennen nicht, daß Handlungen Relation sind, weil sie Steuerungen von lokalen Abläufen in der Zeitentwicklung der externen Welt verstanden als Menge erklärter Tatsachen sind. Das ist das Wesentliche an Handlungen und ich greife mit dieser These hier an dieser Stelle weit, weit vor.

    Neuere Ansätze eines relationalen Handlungsbegriffes wie sie z.B. von Ralf Stöcker verfochten werden, möchte ich stärken und eine Variante davon hier entwickeln.

    >warum ist Ihre Idee toll?
    Diese Idee ist im Moment noch kaum sichtbar: Sie besagt, daß gehandelt wird nicht dort, wo es einen Träger der Handlung in Form einer Tätigkeit oder eines Ereignisses gibt, sondern wo eine Veränderung erklärt werden kann mit Bezug auf das intentionale Idiom einer Sprache.

    Und um das überzeugend darzulegen, muß man ein hinreichend offenes Konzept von Veränderung präsentieren (=der schwammige Handlungsbaum), ein nicht zu starkes Konzept eines Akteurs (=Zentrum einer sozialen Sphäre der Verantwortung) und der Erklärung.

    Was eine Erklärung ausmacht, ist in der Wissenschaftstheorie umstritten und natürlich möchte man dieses schwierige Problem soweit wie möglich aus der Handlungstheorie heraushalten.

    Daher ist (wird sein) das Tolle an meiner Idee, eine offene Liste von Handlungstypen einzuführen, denen jeweils ein Typ von Erklärung entspricht: Neuer Erklärungstyp => neuer Handlungstyp. Das erzeugt den Vorteil, daß auch für Fälle künftigen Handelns, an das wir jetzt noch gar nicht denken, mein Vorschlag aussagefähig bleiben wird. Denn genau das war an allen bisherigen Vorschläge das Hauptproblem: Sie waren an Spezialfällen interessiert und glaubten, die allgemeine Lösung gefunden zu haben. Dieses Problem werde ich nie haben.

    Stattdessen besteht eine Pointe in meines Vorschlags darin auf die beiden o.g. naturalistische Projekte der Handlungstheorie nicht mehr voneinander unabhängige Antworten zu geben.

    Konnte ich unsere Diskussion strukturieren? Ich habe den kommenden posts weit vorgegriffen, wollte Sie aber in Ihrer kritischen Haltung stärken und nicht ohne Antworten davonziehen lassen.

    In einem Punkt haben Sie jedoch unabänderlich recht: Ich werde mir etwas sehr viel Besseres überlegen müssen, wie ich längere Beiträge so aufbaue, daß ihre Teile für sich selbst verständlich sind und am Ende eine taking home message für den Leser übrig bleibt.

  5. Elmar Diederichs @all: update von (6)
    01.06.2010 | 10:43

    Leider habe ich erst jetzt bemerkt, daß beim eintragen des posts in (6) einiges verloren gegangen war. Ich habe das korrigiert und bitte um Entschuldigung.

  6. neil r. @Elmar
    02.06.2010 | 01:02

    Vielen Dank für die ausführlichen Antworten, die etwas mehr Licht in Ihre spannenden Ideen bringen konnten!

    Die etwas vernichtend daherkommende Dramatik meines Kommentars möchte ich entschuldigen - ich war einfach etwas frustriert ob meiner vergeblichen Mühen. Umso freue ich mich, dass Sie den Kommentar als Ermutigung wahrnehmen und freue mich in Zukunft etwas leichter mitgerissen werden zu können.

    Ihrer vorgegriffenen Feststellung, dass Handlungen keine Ereignisse sind, kann ich allerdings nur bedingt zustimmen (auch wenn es wohl grundlegende Unterschiede gibt), ich bin also auf die Begründungen im nächsten Beitrag gespannt.

    Ein mir fruchtbar erscheinender Rahmen kommt von Bayes: Die Minimierung von Überraschung (i.e. freie Energie) durch Anpassung nicht nur der internen sondern auch der externen Welt - also durch Handlungen. So können Handlungen als Anstrengungen verstanden werden, die Welt so zu verändern, dass ich zukünftige Ereignisse (und hier könnte man die Handlungen anderer zuzählen) möglichst optimal vorhersagen kann - um wiederum optimal zu reagieren. Es entwickeln sich zur Zeit ein paar spannende Ansätze (siehe Friston et al), um dieser Theorie wissenschaftlich näher zu kommen.
    Sie beleuchten zugegebenermaßen etwas andere Aspekte möglicherweise der gleichen Medaille, da sie sich von einer anderen Seite nähern.
    Ich bin gespannt, was Sie von diesen Ideen halten und ob Sie sie mit Ihren vereinbaren können oder wollen.

    Grüße,
    Neil

  7. Elmar Diederichs @Neil: Quelle?
    02.06.2010 | 11:16

    Meinen Sie dieses paper:

    Action and behavior: a free-energy formulation

    Karl J. Friston, Jean Daunizeau, James Kilner, Stefan J. Kiebel ?

    Dann sehe ich es mir mal an vor dem nächsten post in dieser Sache. Es ist auf jeden Fall spannend, sich anzusehen, welcher Beitrag zur philosophischen Handlungstheorie hier geleistet werden könnte.

  8. Balanus Verantwortliches Handeln
    02.06.2010 | 14:09

    » Wir werden von jetzt ab eine Handlung immer als ein freiwilliges und absichtliches Verhalten auffassen, das auch in einem Unterlassen bestehen kann: Es interessiert ausschließlich jenes intentionale Verhalten, von dem zweifelsfrei feststeht, daß wir dafür in vollem Umfang verantwortlich sind. «

    Was ist mit "verantwortlich" gemeint? Im moralischen und strafrechtlichen Sinne, oder einfach nur im Sinne von "selbst verursacht".

  9. Elmar Diederichs @Balanus: Verantwortung
    02.06.2010 | 15:12

    >Was ist mit "verantwortlich" gemeint? Im
    >moralischen und strafrechtlichen Sinne, oder
    >einfach nur im Sinne von "selbst verursacht".

    Ein guter Punkt.

    Gemeint ist weder moralische noch strafrechtliche Verantwortung. Vielmehr geht es um denjenigen Bereich, in dem ein Akteur Veränderungen herbeiführen kann. Dabei können kausale Relationen eine Rolle spielen, aber das muß nicht so sein, wie wir das aus dem politischen Bereich kennen.

    Diese Frage wird noch im Detail diskutiert werden - in einem späteren post.

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