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Neuro-Enhancement: Metaphysics of the Self

von Elmar Diederichs, 10. Oktober 2009, 01:41

Warum denken wir über Neuro-Enhancement (NE) anders als z.B. über den Gebrauch von EPO im Breitensport? In letzterem Fall kennen wir uns bereits aus und diskutieren Probleme wie z.B. den Schutz von Kindern, die Verschaffung unverdienter Vorteile, die Verschärfung des allgemeinen Leistungsdrucks, Suchtpotential und Nebenwirkungen. Das Besondere beim Thema NE aber ist die unklare und dunkle Furcht vor Veränderungen der Persönlichkeit und oft genug vertrauen Anwender der statistischen Chance, sich solchen Problemen mangels pharmakologischer Folgen nicht stellen zu müssen.

Neuro-Enhancement

Um die Quellen dieser Furcht sichtbar zu machen, kann man die Entstehung von Intuitionen z.B. zu Personalität, Subjektivität, emotionaler Verfaßtheit oder Authentizität nachzeichnen. Wenn wir uns daher zu diesem Zweck fragen, inwiefern sich Personen von Dingen, Tieren oder Ereignissen unterscheiden, so geben wir vielleicht die plausible Antwort, daß Personen als autonome und sprachbegabte Wesen lokalisierte Zentren verantwortlicher, freiwilliger Handlungen sind. Aber dies ist ziemlich nichtssagend in Bezug auf die Frage, wie sich Akteure als Personen, die über Selbst-Manipulation nachdenken, paarweise voneinander unterscheiden. Daher schlagen wir in diesem Artikel vor, soziale Akteure als Autoren und dramatische Zentren ihrer eigenen Geschichte zu verstehen. Für diesen Fall - so werden wir argumentieren - zerfällt der Begriff der Person in wenigstens vier, nicht-trennscharfe und gewissermaßen regionale Konzepte, die denjenigen Entwurf, den wir uns von uns selbst machen, dominieren. Wir werden hier außerdem die These stark machen, daß wir unsere unklaren Intuitionen zu NE diesen regionalen Konzepten verdanken, weil sie Standpunkte erzeugen, von denen aus die Frage nach der Zulässigkeit von NE mal rigoros verneint und mal in Abhängigkeit von den Umständen bejaht wird.

Alchemies of the Soul revisited

Betrachtet man Personen als Charaktere, so entscheidet man sich, sie z.B. mit Hilfe von zeitlich invarianten Temperamenten lediglich zu schildern und gewisse Eigenschaften von Akteuren zu illustrieren und durchzuspielen, anstatt sie zu analysieren.

  • (1) Charaktere haben etwas Genealogisches an sich und sie verbreiten den Dunst der Vorbestimmung wie attische Olivenhaine ihren harzigen Geruch in der Mittagshitze. Charaktere sind plastisch und berechenbar, nie verdeckt oder verschlungen. Doch sie müssen nicht homogen sein, damit sie als Personen glaubwürdig sind. Charaktere verkörpern ihre Kräfte und Anlagen im besten Sinne und werden in Geschichten eher tragisch geprüft als entwickelt oder revidiert: Es gibt bei ihnen keine innere Stimme, der sich der Träger des Charakters verweigern könnte.
  • (2) Entsprechend liegt die Stärke eines Charakters in seiner Unverfälschtheit, seiner Unkorrumpierbarkeit und einer gegenüber äußeren Ereignissen stoischen Entschlossenheit, das gleichsam in die Wiege gelegte Schicksal in den Verästelungen des vom vorbestimmten Weg abweichenden Lebensweges durch wiederkehrende und oft blinde Gewohnheiten zu erfüllen. Schuld und Verantwortung sind hier ebensowenig ein Thema wie eine moralische Erörterung von Charakteren, weil sie der Sorge enthoben sind, sich selbst aufgrund von variablen Gründen zu immer neuen Entscheidungen durchringen zu müssen.

Charaktere können scheitern, wenn sie sich in Zeiten so ungünstiger Umstände vollziehen müssen, daß ihre Tugenden nicht zum Tragen kommen können und sie ruhelos und ungenutzt vor sich hindämmern. Erfüllen sie sich aber, kann dies in grandioser Form geschehen: Ein tapferer Charakter wird z.B. in Bürgerkriegen großen Wirkungsraum und Macht zur Handlung haben. Herakles oder Prometheus sind Charaktere, Franz Biberkopf in Döblins 'Berlin Alexanderplatz' hingegen nicht.

Betrachtet man Personen als Figuren, so entscheidet man sich, sie als Protagoisten einer mehr oder weniger nachahmungswürdigen Lebensweise aufgrund einer Folge von prinzipiengeleiteten Entscheidungen aufzufassen, die über das exemplifizierte Prinzip hinaus keine Erörterung einer individuellen Begründung zulassen.

  • (3) Figuren sind anders als Charaktere nicht Verkörperungen einzelner Merkmale, sondern  - mitunter selbstgewählte - Galionsfiguren einer Realitätsauffassung: Sie sind Helden, Betrüger, Boten, Pilger, Verführer, Vertraute, Revolutionäre, Liebhaber oder um-die-Ecken-Schleicher und weil das so ist, bestimmt die Identität der Figur die Bedeutung der Geschehnisse und die Ordnung der Erfahrungen ihres Trägers in einer ansonsten nicht transparenten Wirklichkeit.
  • (4) Ganz analog zu Charakteren stellt sich bei Figuren die Frage nach einem freien Willen gar nicht erst. In beiden Fällen geht es um etwas ganz anderes als die Qualen der rationalen Wahl: Bei Figuren geht es um Exemplifizierung, nicht aber um Verteilung von Verantwortung oder moralische Beurteilung in Anbetracht individueller Beschränkungen und Fähigkeiten. Es gibt hier keinen übertragenen Sinn einer Ohnmacht von Figuren, so wie es ihn bei Personen gibt, die von Fall zu Fall versagen können, die zwischen Pflichten zerrieben werden und sich mehr oder weniger klug aus der Affäre ziehen können.

Die Rede von unverfälschten oder tragischen Figuren macht im Gegensatz zum Charakter wenig Sinn, denn erstens bildet eine Figur die Realität weder ab noch teilt sie sie mit, weil sie selbst die Realität in ihrer spezifischen Bedeutung erst erschafft, und zweitens sind nur die Erfahrungen des Trägers der Figur tragisch, nicht aber das exemplifizierte Ordnungsprinzip. Paulus, Don Juan oder Cyrano de Bergerac sind Figuren, nicht aber Shakespeares Henry V oder Thomas Buddenbrook.

Als Persönlichkeiten werden Personen aus einer ökonomischen und politischen Perspektive beleuchtet und Gesellschaften von Persönlichkeiten werden gebildet, um Gestaltungsrechte ihrer Mitglieder zu schützen und zu gewährleisten. Entsprechende Stellungen einer Person in der Gesellschaft können über Rechte und z.B. in aristokratischen Gesellschaften zusätzlich über das Eigentum bestimmt werden. Rechte werden aufgrund der Macht oder des gesellschaftliche Rufes der Person eingeräumt, nicht aber aufgrund ihrer Fähigkeiten.

  • (5) Persönlichkeiten beschränken sich nicht auf Figuren oder Charaktere, sondern sie sind voll entwickelte Personen, die als neues feature des Personseins sich selbst entfremdet sein können, indem sie Entscheidungen in ihrer Funktion als Persönlichkeit fällen können, die unvereinbar sind mit ihren bisherigen Leitprinzipien personaler Entscheidungen. Und nur Persönlichkeiten, nicht aber Personen können als Gesamtkonzept verlogen sein, indem ihre gesellschaftliche Praxis und ihre ideologische Verpflichtung als Persönlichkeit auseinanderfallen.
  • (6) Nur Persönlichkeiten besitzen einen Sinn für Schicklichkeit und Dünkel, für Unverfrohrenheit und Impertinenz gemessen an ihrer gesellschaftlichen Stellung. Solche Stellungen müssen nicht ökonomisch begründet sein: Es gibt z.B. die noble Gesinnung, die man von einem römischen Patrizier erwartet, oder die Fairniß und Zurückhaltung, die einem englischen gentleman abverlangt werden als Kriterien für die Zuerkennung einer gesellschaftlichen Stellung.

Nichts hindert eine Gesellschaft, von derselben Person zwei inkompatible Persönlichkeiten zur selben Zeit zu verlangen. Der Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffer z.B. war eine Persönlichkeit, Goethes Werther hingegen nicht.

Personen können sich selbst auch als Besitzer von Eigenschaften, verstanden als diachronische Kontinua, betrachten. Die dadurch realisierte Kontinuität der Person wird durch das Gedächnis gewährleistet und daher beunruhigen uns Gedankenexperimente, in denen das Gedächnis geändert, unterbrochen oder auf andere Lebewesen übertragen wird. Das Gewissen einer Person aufgrund von Selbstverpflichtungen infolge eigenen Tuns würde ohne eine solche im Gedächnis abgelegte Kontinuität vollkommen ins Leere laufen. Und es ist dieses Gewissen, daß wir als konstitutiv ansehen für die Betrachtung einer Person als Individuum.

  • (7) Individuen können sich anders als Personen oder Figuren gegen eine korrupte Gemeinschaft verlogener Persönlichkeiten auflehnen und beanspruchen folglich einen vor jeder Gesellschaft geschützten Handlungs- und Entscheidungsfreiraum, der vor Denaturierung schützt. Erst diese Vorstellung tritt auf als Quelle der mit Individualität gekoppelten Forderung an Personen, psychische Unikate mit originärer Weltanschauung zu sein.
  • (8) Individuen sind Personen, die bestimmte, unveräußerliche Rechte von der Gesellschaft aufgrund ihres Eingebettetseins fordern. Sie sind Zentren der Integrität, nicht nur der Verantwortung und sie sind zu dem berechtigt, was ihnen aufgrund ihrer Zwangslage in einer Gesellschaft geschuldet wird.

Die Helden von Sartre z.B. und viele Romanfiguren von Max Frisch sind Individuen, nicht aber Martin Luther King oder Thomas Müntzer.

Can I Enhance My Self?

Diese unvollständige Liste auch in Selbstreflexionen wirksamer regionaler Konzepte der Person besteht sicherlich aus Extremen und Idealisierungen. Offensichtlich ist jedoch, daß sie in der Belletristik fast immer in Mischformen benutzt werden und konfligierende Intuitionen zu mentalen Veränderungen durch NE erzeugen: Charaktere zeigen zwar oft widerstreitende Kräfte, kennen aber keine Identitätskrisen, denn ihre Eigenschaften werden lediglich vollzogen, so daß sie durch NE grundsätzlich korrumpiert werden und dagegen opponieren müssen. Schicksalhaft selbstgewählte Figuren hingegen spielen in der Reflexion der Akteure über ihre Entscheidungen eine Rolle: Es kommt auf die exemplifizierte Lebensauffassung an, ob die mentalen Folgen von NE entweder als generelle Bereicherung begrüßt oder rundweg abgelehnt werden. Gesellschaften hingegen, die Personen als Persönlichkeiten anzusehen gelernt haben, leiden fast immer unter dem Konflikt zwischen der Forderung nach Chancengleichheit an sich gleicher Personen, die dasselbe Recht haben, das Beste aus sich zu machen, und der bereits realisierten, oft hierarchischen Gesellschaftsordnung infolge von inhomogenen Verteilungen persönlicher Gestaltungsrechte: Für Persönlichkeiten ist NE inakzeptabel. Soweit sich Individuen als Pioniere ihrer eigenen Verfaßtheit gegen ihre Überwucherung durch die Gemeinschaft verteidigen, könnte NE ihnen willkommen sein. Aber nur sie gerieren sich zusätzlich als Beschwörer ihrer eigenen Subjektivität und daher verstehen sie allein den Sinn der Rede von einer Verfälschung ihres Selbst, so daß die Anwendung von NE für sie nie weniger als eine Einzelfallentscheidung sein kann.

Nebulöse Gesamtabwägungen über alle Aspekte von NE verschleiern daher nur die Tatsache, daß man unsere Intuitionen zu diesem Thema nicht einfach über den konsequentialistischen Ethikkamm scheren kann, ohne die weltanschauliche Pointe der Diskussion um NE zu verlieren. Stattdessen kann man zu mentalen Folgen von NE diejenigen Intuitionen als gültig ansehen, deren regionales Konzept der Person die Problematik der jeweiligen Entscheidungssituation des Anwenders abzubilden in der Lage ist. Nur für die Perspektive des Individuums hilft diese Strategie nicht weiter: Als psychische Unikate spiegelt sich dessen zu verteidigende Subjektivität in der Folge seiner autonomen Entscheidungen, i.e. in seiner Biographie, so daß sich für Individuen - und nur für sie - die Frage stellt, ob mentale Verbesserungen, die auf herkömmlichen Wegen unverdächtig erscheinen, nicht ihre Subjektivität verfälschen, weil sie durch NE geschehen. Wir argumentieren jetzt dafür, daß das nicht so ist.

Nehmen wir dafür an, daß die Person A, die sich selbst als Individuum betrachtet, NE benutzt, so daß sich bei ihr mentale Zustände ausbilden, die sie vorher nicht vorausgesehen hat. Nehmen wir weiter an, sie habe vor der Selbst-Manipulation glaubhaft erklärt, daß, was immer geschehe, in ihrem Interesse sei. Würden wir nun behaupten, daß A ihre Autonomie verloren habe, weil sie keinen vernünftigen, d.h. auf - mehr oder weniger guten - Gründen beruhenden Zusammenhang zwischen ihren mentalen Zuständen vor und nach der Selbst-Manipulation herstellen kann, dann müßten wir auch Patientenverfügungen z.B. bzgl. Organspenden oder für den Fall des Hirntods für grundsätzlich inakzeptabel halten. Doch das tun wir nicht. Stattdessen halten wir es für die Autonomie von A für ausreichend, daß für A auch in denjenigen mentalen Zuständen, die sie aufgrund ihrer Selbst-Manipulation hat, Gründe allein ausreichen, um sich von den durch NE erzeugten mentalen Zuständen wieder trennen zu können, wenn sie ihr mißfallen - eine Sache, die bei den üblichen Drogen nicht gesichert ist. Und wenn Autonomie überhaupt möglich sein soll, dann muß das auch so sein: Denn weil wir nach der Geburt als nicht-autonome Wesen unser Leben beginnen, muß jede adäquate Theorie personaler Autonomie eine Theorie der Rückgewinnung der Autonomie von Personen sein. Würde man hingegen von Personen für die Autonomie ihrer Entscheidungen eine geeignet strukturierte psychische Vorvergangenheit verlangen, wie dies psychologische Persönlichkeitstheorien gerne tun, dann könnte Autonomie von niemandem erlangt werden, so daß Personen fälschlicherweise immer von einer Aura der Unmündigkeit umflort werden würden.

Mit anderen Worten: Die Entstehungsumstände der biographie-konstituierenden Folge autonomer Entscheidungen verzerren nicht den Spiegel der Subjektivität. Die Gründe, die ein Individuum in jedem Einzelfall der Anwendung von NE diskutieren muß, werden daher allein von den erwarteten mentalen und rein pharmakologischen Wirkungen des NE bestimmt: Zusätzliche prinzipielle, weltanschaulich-metaphysische oder sonstige Hürden philosophischer Provenienz müssen von Personen als Individuen bei Fragen der Selbst-Manipulation meiner Ansicht nach nicht genommen werden.



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Kommentare

  1. Balanus Sehr schön, ...
    10.10.2009 | 17:45

    ...wie Sie hier die unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Personen in aller Kürze beschreiben. So differenziert habe ich die Begriffe Charakter, Figur, Persönlichkeit und Individuum selten verwendet.

    "Das Besondere beim Thema NE aber ist die unklare und dunkle Furcht vor Veränderungen der Persönlichkeit... "

    Das sehe ich auch so. Die Furcht ist auch begründet, weil die Richtung der Veränderung nicht kontrolliert werden kann.

    Das ist beim Denksport, Coaching oder bei der Meditation eben grundlegend anders, da besteht ja zumeist der Wunsch, eine bestimmte Veränderung gezielt herbeizuführen.

    NE verändert transient den Hirnstoffwechsel, Hirn-Jogging verändert anhaltend die neuronale Feinstruktur - that's the difference.

    Aber wenn mein Gehirn nun nach Enhancement verlangt, habe ich dann überhaupt noch eine Wahl?

  2. Elmar Diederichs @Balanus: future
    10.10.2009 | 17:55

    "Das sehe ich auch so. Die Furcht ist auch begründet, weil die Richtung der Veränderung nicht kontrolliert werden kann."

    Im Moment ist das vielleicht so. Doch vielleicht lösen z.B. Molekularbiologen dieses Problem eines Tages? Unter dieser Annahme sollten wir NE diskutieren.

  3. Lars Fischer kein Betreff
    13.10.2009 | 00:33

    Dieser Beitrag hat mir auch gut gefallen. Danke dafür.

  4. J.Werner @balanus
    10.11.2009 | 19:32

    Wenn Sie keine Wahl haben, haben Sie ein Problem, und zwar ein psychopathologisches.

  5. Elmar Diederichs @J. Werner: Balanus
    10.11.2009 | 22:12

    "Aber wenn mein Gehirn nun nach Enhancement verlangt, habe ich dann überhaupt noch eine Wahl?"

    Dieser Text war eine witzig gemeinte Anspielung auf eine Diskussion, die Balanus und ich zu einem anderen Artikel von mir simultan geführt haben.

    Aber das konnten Sie nicht wissen.

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