The Silence of Data
Wer sich einmal ernsthaft mit einer Naturwissenschaft auseinander gesetzt hat, wird vermutlich fragen, inwiefern Philosophen überhaupt etwas zu der Frage sagen könnten, wofür oder wogegen die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung sprechen. Die gegenwärtige Debatte um die Möglichkeit eines freien Willens von Personen illustriert, wie man sich den Nährwert philosophischer Überlegungen an dieser Schnittstelle vorzustellen hat.
Nehmen wir an, die Hirnforschung habe zweifelsfrei nachgewiesen, daß bereits bevor wir eine Entscheidung treffen, das Gehirn mit der Ausführung der in Rede stehenden Handlung beginnt. Dann kann man behaupten, daß die wahre Entscheidung längst getroffen sei, noch bevor wir die korrespondierenden mentalen Zustände im übertragenen Sinne in den Blick bekommen. Daher, so wird gefolgert, müsse etwas anderes als wir selbst diese Entscheidung getroffen haben, das sich aber offenbar unserer mentalen Kontrolle entzieht. Und weil die Initiierung der Handlungen physikalisch nachweißbar ist, scheinen wir determiniert zu sein, tun zu müssen, wozu auch immer unser Gehirn uns bringt. Nachlesen kann man diese Argumentation aktuell z.B. bei Wolfgang Prinz, Gerhard Roth oder Wolf Singer.
There is no reasonable interplay between mind and brain.
Bevor wir uns der geballten Macht der Daten geschlagen geben, können wir überlegen, wie das obige Argument wirklich funktioniert: Zum einen wird hier implizit der Grundsatz der kausalen Geschlossenheit der physikalischen Welt vertreten, d.h. jedes physikalische Ereignis hat, sofern es überhaupt eine Ursache hat, allein eine physikalische Ursache. Denn nichts anderes als das Gehirn als physiologische Steuerzentrale unseres Körpers darf nach dieser Argumentation der Ursprung jener elektrischen Impulse sein, die über Reizleitungen an die Muskeln übermittelt werden und die Ursache ihrer Kontraktion sind. Andererseits wird das Prinzip der kausalen Geschlossenheit durchbrochen, indem aus der Tatsache des Fehlens einer kausalen Wechselwirkung zwischen Gehirn und einer Art mentaler Substanz Namens ''Ich'' gefolgert wird, daß das Ich, wir selbst, für die Entstehung von Handlungen irrelevant wären. Denn die Ursache eines Ereignisses (die Entscheidung) kann sich in keinem Fall später als seine Wirkung (das Feuern von Motoneuronen) ereignen.
Diese Inkonsistenz läßt sich natürlich umgehen, indem wir zulassen, daß die Argumentation unserer Hirnforscher eine Wechselwirkung unterstellt, die nicht kausal ist. Wie hätten wir eine solche Wechselwirkung zu beschreiben? Es ist bekannt, daß nach dem Ausfall von Hirnregionen z.B. nach Kopfverletzungen gelegentlich andere Bereiche des Gehirns nach und nach erlernen, die verwaiste Steuerung z.B. einer Hand zu übernehmen. Folglich gibt es keinen spezifischen oder charakteristischen Ort im Gehirn, an dem das Ich eingreifen würde, um z.B. gewisse Motoneuronen als ordnungsgemäße, physiologische Ursache zu aktivieren. Zweitens ist diese Wechselwirkung vom Nahwirkungstyp: Ich kann durch keine Anstrengung meines Willens in diesem Moment z.B. Ihre Augen über diese Zeilen gleiten lassen, weil es gerade keinen Teilchenaustausch zwischen mir und Ihnen gibt. Relevanz für Handlungen hat die Existenz meines Ichs daher allein für mein Gehirn und es ist mein Ich, weil es höchstens Folgen für mich und damit lokale Folgen hat. Doch jede lokale Individuierung dieses Ichs haben wir bereits verworfen: Kein Ich hat einen charakteristischen Ort des Eingreifens in unsere Neurophysiologie.
Mit anderen Worten: Die Annahme einer kausalen Wechselwirkung führt zu einem inkonsistenten Argument gegen die Willensfreiheit und die Annahme einer nicht-kausalen Wechselwirkung führt zu einem inkonsistenten Konzept des mentalen Hervorbringens von Handlungen.
Is there a concept of freedom far from arbitrariness?
Nehmen wir einmal an, daß wir die Argumentation der Hirnforscher hier nicht widerlegen konnten. Folgt dann aus ihr, daß wir in dem Sinne unfrei sind, in dem wir gewohnt sind, von Freiheit zu reden? Betrachten wir dafür eine Person P, die sich in die Fänge einer Sekte begeben hat und nach Monaten der Indoktrination freikommt, um nun nicht mehr wie früher ein normales Leben mit Freunden und Freizeitaktivitäten zu leben, sondern sich ganz der Meditation und dem spirituellen Studium widmet. Dann sagen wir, daß P unfrei ist, weil es nicht ihre eigenen Wünsche sind, die ihr Verhalten dominieren. Der Grund dafür liegt aber klarerweise nicht darin, daß die Sekte unlautere Mittel zur Einpflanzung der neuen, handlungsdominierenden Wünsche bei P verwendet hat, sondern daß das Beispiel suggeriert, daß gute Gründe für P allein nicht ausreichen, um P wieder zu ihrem früheren Leben zurückkehren zu lassen. Gründe aber sind keine Ursachen: Gründe machen das intentionale Verhalten rational, sie sind gut oder schlecht, verständlich, unsinnig oder ungewöhnlich, niemals aber als Ereignisse unter einem Gesetz stehend oder einen Zusammenhang zwischen Ereignissen widerlegend. Kausalrelationen zwischen Ereignissen gibt es auch dann, wenn niemand da ist, der sie begreift. Für Gründe gilt das nicht. Da wir aber sagen würden, daß P ihre verlorene Freiheit wiedererlangt hätte, wenn sie uns die Entscheidung für ihr neues Leben mit eigenen Worten und Überlegungen begründen würde, gibt es einen Sinn unserer Rede von Freiheit, der nichts mit der Art von kausalem bzw. nicht-kausalem Determinismus zu tun hat, um den wir uns in den letzten Absätzen gekümmert haben: Anstatt einen dichotomischen Großkonflikt neu aufzulegen, würden sich Freiheit und Determinismus im übertragenen Sinne windschief zueinander verhalten.
Selbstverständlich ist das nicht das Ende dieser Debatte: Weder habe ich begründet, den richtigen oder einzigen Sinn von Freiheit erfaßt zu haben, noch konnte ich plausibel machen, daß die Ergebnisse der Hirnforschung auf keine andere Weise gegen die These der Willensfreiheit genutzt werden können. Im Moment kommt es mir aber so vor, als hätten wir gerade demonstriert, daß Daten, die wir in empirischen Verfahren gewinnen und Gott selbst offenbar zweierlei gemeinsam haben: Sie haben recht und sie schweigen. Und das zu zeigen, war das eigentliche Ziel dieses Artikels.




"Nicht ein ominöser Wille also bewirkt, was wir wollen; das ist wie schon dargestellt simple begriffsrealistische Metaphysik."
Richtig. Der Wille ist eine metaphysische Annahme. Das "WIR", welches das Hirn als Werkzeug benutzt, ist es aber auch. Zwischen "WIR" und Hirn entsteht also wieder eine Geist-Materie-Dualität. Schopenhauer hat schon recht: der Mensch ist ein „animal metaphysicum“. Da Hirnforscher in der Regel aber Naturalisten/Positivisten sind, wird die Diskussion wohl ins Leere laufen. Vielleicht hat auch einfach der alte Freud recht, daß wir als "ICH" zwischen Triebnatur und frühkindlicher Indoktrination zu vermitteln haben. Die Triebnatur, die auch "Wille" heißt, läßt nicht locker und ärgert uns. Wir sind also Getriebene und daher nicht frei zu nennen. Und doch ist der "Wille" dasjenige, welches not-wendig ist, die Indoktrination aufzubrechen. Die Menschheitsgeschichte spricht Bände darüber.
Vielen Dank für Ihre ergänzenden Informationen!
Ihre Thesen zum Status des Mentalen, zu der Frage, ob vielleicht nur sprachliche Verirrungen uns dazu führen, unsere Rede über mentale Zustände realistisch zu interpretieren, sind sehr spannend und ich würde sie gerne in einem anderen Beitrag aufgreifen, den ich in der Kategorie 'The Future of Folk Psychology' posten würde.
Der Buddhismus geht davon aus, dass unser ´Ich´ eine Illusion ist. Denn es gibt keine Zukunft, keine Vergangenheit - sondern nur die sich dauernd ändernde Gegenwart. Die Lebensdauer dessen, was wir als ´Ich´ bezeichnen ist dadurch nicht länger, als die Dauer eines zusammenhängenden Gedankens.
Wenn aber die Existenz eines eigenständig dauerhaften Lebewesens eine Illusion ist, dann muss auch die Frage nach dem un-/freien Willen anders gestellt werden - gibt es ihn überhaupt oder ist er ebenfalls eine Illusion?
"...un-/freien Willen..."
Zunächst muß die Eigenschaft vom Willen getrennt werden. Wir können Willen sagen und wir können frei und unfrei sagen, aber nicht freier oder unfreier Wille. (->Antisthenes)
Ich weiß nicht, ob in der Hirnforschung eine klare Begriffsdefinition für "Wille" vorliegt. Ich bin ganz bei Schopenhauer und definiere Wille als blindwütigen, zutiefst vernunftlosen Drang, der bei Freud als "ES" Einzug hielt. Inwieweit der "Wille" den Menschen in die Freiheit führt oder in eine Sackgasse, darüber vermag ich nichts zu sagen.
In Ihrem ersten Beitrag auf dieser Seite ganz oben, Herr Hilsebein, meinen Sie mit dem Ausdruck "metaphysische Annahme" vielleicht etwas relativ Harmloses, nämlich einfach eine Voraussetzung, beispielsweise die, dass Worte gemeinhin eine von einer Sprechergemeinschaft vorweg konstituierte "Bedeutung" haben, also quasi einen "Sinn" "transportieren". (Ich weiß im Moment keinen besseren Ausdruck; real handelt es sich bei der Sinngebung von Worten um etwas psychologisch ziemlich kompliziertes, was ich hier mal angedeutet habe; philosophisch wird all das mit der Bezeichnung "Prädikation" auf den Begriff gebracht, wie ich vor Jahren in der "Logischen Propädeutik" von Kamlah und Lorenzen gelernt und in dem Buch von Kuno Lorenz "Elemente der Sprachkritik" ausgeführt gefunden habe.)
Darüber hinaus gehende "metaphysische" Annahmen würde ich jedenfalls mit den Indexworten wir, ich, du, er, sie, es usw. nicht verbinden; ich wüsste auch nicht welche. (Die von Freud rein heuristisch verwendeten und großgeschriebenen Worte Ich, Es und Überich haben ihm eher als Ordnungsbegriffe gedient als dass er damit einen philosophischen Anspruch verbunden hätte; philosophisch war er wenig ambitioniert! Meinem Eindruck nach wird seine "Dreiheit" konzeptuell häufig überinterpretiert und entsprechend überstrapaziert. Es würde aber zu weit ab führen, weiter darauf einzugehen, zumal es hier auch ganz unerheblich ist.)
Zurück also: unser Wörtchen 'ich' beispielsweise zeigt als Indexwort weiter nichts an als dass der Sprecher mit dem so begonnenen Satz alles Folgende über sich 'selbst' - auch so ein, allerdings rückbezügliches Indexwort - aussagt. Neben mir kenne ich jedenfalls auch als Fachmann nicht noch etwas, das ich als "mein Ich" oder "mein Selbst" ansprechen könnte. Diese ganz unnötigen Versubstantivierungen, vor denen Janich in seinem neuen Buch "zur Sprache der Hirnforschung" deswegen auch so eindringlich warnt, verdoppeln nur die Begriffe und ergeben lediglich Jargon; schon gar nicht zaubern sie etwas zusätzlich Sinnvolles herbei - jedenfalls kann auch ich nichts dergleichen erkennen.
(Ich weiß, dass mit dem Ausdruck "mein Ich" häufig eher das "gemeint" ist, was besser Ich-Bewusstsein, Selbst-Verständnis, Selbst-"Bild" u.ä. zu nennen wäre, also die "Auffassung", die man sich selbst von sich selbst gemacht hat, das, was man sich von sich selbst alles so vorstellt: angefangen "natürlich" mit den eigenen Erinnerungen an sich selbst. Die stellen aus psychologischer Sicht bloß auch nichts weiter dar als schlichte Vorstellungen, so dass es real um Vorstellungsbilder oder -weisen geht, die man sich von sich zu "machen" pflegt!)
Ich kann deswegen auch nicht verstehen, warum Sie meinen, der Gebrauch von Indexwörtern liefe auf eine Geist-Gehirn-Dualität hinaus. Nebenbei habe ich diesen Dualismus auch noch nie verstanden: ich kenne "geistig" genannte Fähigkeiten, angefangen beim Wahrnehmen, das schon dazu gerechnet wird, über das ("rein geistige") Vorstellen bis hin zu der wenig beachteten, m.W. allein im Buddhismus gebührend gewürdigten und vor allem geübten (ebf. "rein geistigen"...) Aufmerksamkeit - "Aufmerken" ist leider unüblich zu sagen; ich meine die Tätig- bzw. Fähigkeit aufzupassen, achtzugeben.
Auch diese, unsere "geistig" nur genannten Fähigkeiten realisieren wir in Taten! Gedanken beispielsweise stellen Denkakte dar, Aktivitäten, die wir bewusst oder gewohnheitsmäßig vollziehen müssen, sonst gibt es "im Geist"/igen keinen einzigen Gedanken!(Wer keine Gedankenleere oder besser gesagt Gedankenruhe kennt, dem würde ich gewisse Ratschläge dringend nahelegen.) Und diese Aktivitäten, Taten also vollbringen wir natürlich "mit" unserem Denkorgan, das wir unser Hirn nennen. Da ergibt sich keine Dichotomie, keine Dualität. Der Glaube an so was stammt aus einem vorwissenschaftlichen Denken, das seine Wurzeln in dem hat, was wir unsere Phantasie nennen. (Damit wären wir wieder beim Vorstellen, das aber immer nur so zu etwas wie einer "Vorstellungswelt" führt! Die kann man natürlich der realen Welt gegenüber stellen, aber nur begrifflich: real machen wir auch unserer Vorstellungen und noch so bunten "Vorstellungswelten" immer "inmitten" der realen Welt.)
Sie geben mir aber dankenswerter Weise Gelegenheit, ein altes Missverständnis des Begriffs "Wille" anzusprechen. Sie schreiben nämlich, unsere "Triebnatur" heiße "auch Wille".
Diese eigenartige Gleichsetzung scheint häufig zu sein, was sie nicht besser macht. Sie wird auch nicht dadurch begründeter, dass auch Schopenhauer in seinem Denken von ihr ausging. Vermutlich legt der umgangssprachliche Ausdruck "Lebenswille" diese Auffassung nahe sowie der kindliche (oder "kindische") Sprachgebrauch von "wollen", den ich in meinem ersten Beitrag hier im Blog schon angesprochen hatte.
Vitale Impulse (aus unserer "Triebnatur"...) können bei Überlegungen und Entscheidungen selbstverständlich immer berücksichtigt werden. Sie können rein gedanklich aber auch immer übergangen oder zurückgedrängt, um nicht zu sagen "verdrängt" werden, und seien sie noch so "drängend", d.h. intensiv. Derartige "Triebimpulse", wie auch gesagt wird, "machen" einen, wie alltagspsychologisch so gesagt wird, geneigt und können "natürlich" auch eine wie Zwang empfundene, aufgefasste und bezeichnete Intensität erreichen.
Aber real "zwingen", wie mittelalterliche Folterknechte das mit brutaler Gewalt machten, kann aber ein "Drang" selbst bei größter Intensität niemanden. Wer solches behauptet, äußert eine durchsichtige Schutzbehauptung, um für sein Nachgeben keine Verantwortung zu übernehmen oder zugesprochen zu bekommen. (Ersparen Sie mir bitte gerade als Fachmann, auf die überall herumgeisternden Vorstellungen von "Zwangserkrankungen" einzugehen!)
Wichtig ist nämlich im gegebenen Zusammenhang die Doppeldeutigkeit unseres Verbs "wollen", auf die ich schon aufmerksam gemacht habe. Wer denken gelernt hat und auch nur einigermaßen häufig sein Tun vorweg überlegt oder mit anderen bespricht sowie sein Handeln dann auf die von ihm getroffenen Entscheidungen oder gemeinsame Absprachen stützt, die er dann "in die (äußeren) Tat" im weiteren "umsetzt", hat auch nur die Worte wollen und Wille zur Verfügung, wenn er sich wie mit dem Ausdruck "mein letzter Wille" auf seine Entscheidungen beziehen möchte.
Wenn Sie den üblichen Wortgebrauch nicht mitmachen, muss ich Sie in der Hoffnung, dass Sie überlegtes Tun selbst auch kennen, fragen, wie Sie dann das Handeln nennen (wollen... ), bei dem gemeinsame oder allein getroffene Entscheidungen berücksichtigt werden.
Meiner Kenntnis nach wird gelegentlich mit dem Ausdruck "bewusstes Handeln" ein gewolltes Tun gemeint. In diesem Sinn lässt sich das Adjektiv "bewusst" aber nicht auf ein Verb im Sinne von wollen zurückführen; denn "wissen" meint ja etwas anderes, im einfachsten Fall "erinnern". Bewusst bezieht sich in dem Ausdruck "bewusstes Handeln" ja nur darauf, dass man bei gewolltem Handeln eben weiß, dass man sich dazu entschlossen hat...
Hut ab, erst einmal, Herr Diederichs, dass Sie hier in dieser Ausführlichkeit und auf hohem Niveau die Diskussion ausfechten. Das dürfte viele der mitdiskutierenden Spezialisten freuen.
Ihr Argument entspricht meines Erachtens (zumindest weitgehend) der üblichen Art und Weise, wie Libets Experimente gegen die Willensfreiheit gewandt wurden. Sehen wir von den empirischen Unzulänglichkeiten einmal ab, die an anderer Stelle schon ausführlich diskutiert wurden.
Dann muss ich nochmals insistieren: "Das Ich ist kausal irrelevant nur dann, wenn die Geschlossenheit durchbrochen wird." So paraphrasieren Sie Ihr Argument -- die Schlussfolgerung ist aber nicht logisch in dem Sinne, dass der Satz nicht aus den Prämissen folgt. Mehr hatte ich nicht behauptet.
Es ist freilich trivial, dass unter diesem verwendeten Kausalitätsbegriff ein späteres Ereignis nicht die Ursache eines früheren sein kann.
Große begriffliche Probleme sehe ich (und nicht nur ich) aber mit der Verwendung von "Entscheidung". Was in den Experimenten gemessen wird, sind in der Regel Reaktionen, die in Form subjektiver Berichte mit dem bewussten Erlebnis einer Entscheidung einhergehen. Das ist nicht identisch mit der Entscheidung.
Wir müssten erst einmal sagen können, was eine Entscheidung im intentionalen Sinne, was sie im neurobiologischen Sinne sein kann (falls es überhaupt einen Sinn gibt, in dem ein neurobiologischer Vorgang eine Entscheidung sein kann -- vielleicht ist das ein irreduzibel intentionaler Begriff).
Nehmen wir einmal an, wir wüssten hinreichend, was eine Entscheidung ist und wie man sie misst...
...dann sehe ich noch diese Möglichkeiten:
a) Die Entscheidung könnte beispielsweise über der gemessenen neurobiologischen Aktivierung supervenieren. Dann könnte sie durchaus kausal relevant sein, auch wenn die experimentellen Daten analog denen Libets wären.
b) Die Entscheidung könnte im Fall einer kausalen Überdeterminierung der Wirkung auch dann kausal relevant sein, wenn die gemessene Aktivierung tatsächlich die Wirkung verursacht und die Entscheidung nicht auf ihr superveniert.
Ich rede nicht so gern vom Ich, wie Sie merken. Setzen wir aber Ich = "das, was entscheidet". Dann wäre in beiden Fällen dieses Ich kausal relevant; physikalische Geschlossenheit in dem Sinne, dass jedes physikalische Ereignis eine vollständige physikalische Ursache hat, würde durch meine Beispiele nicht verletzt.
Psychologisch gesehen "wirken" Entscheidungen selbst nie! Sie bestehen real ja lediglich in vielleicht einem kurzen "inneren" Satz oder einem gedanklichen Äquivalent dazu, vielleicht sogar nur in einer wortlosen Zustimmung. Auch "Vorsätze" sind Entscheidungen! Das Schicksal unzähliger "guter Vorsätze" ist bekannt. Ich vermute, dass sich heute noch niemand vorstellen kann, wie sich eine derart kurze, u.U. blitzschnelle Entscheidung elektrophysiologisch zeigen könnte.
"Wirksam" werden Entscheidungen nur aufgrund weiterer Entscheidungen, letztlich aber erst durch ihre aktive "Verwirklichung" durch den "Entscheidungsträger" selbst. Denn wie man sich an gemeinsame Beschlüsse "halten" muss, so ist es auch erforderlich, an seinen Entschlüssen "festzuhalten", wie gesagt wird, was heißt, dass man sich auch noch dazu entschlossen haben muss, Be- bzw. Entschlüsse "einzuhalten". (Willensfreiheit zeigt sich ja auch darin, dass wir unsere Entschlüsse jederzeit auch wieder "umwerfen" können!)
Hat man sich derart auch noch auf die Umsetzung eines Entschlusses "in die Tat" entschlossen, hat man sich prinzipiell auch zur Berücksichtigung dieses Entschlusses bei seinem gesamten weiteren Handeln festgelegt, bis das anvisierte Ziel erreicht ist. ("Prinzipiell", weil wie erwähnt Willensfreiheit auch darin besteht, einen einmal getroffenen Entschluss jederzeit wieder aufgegeben oder zu verändern, was allein schon deswegen günstig ist, um ihn an unerwartete oder unvorhersehbare Umstände anpassen zu können, die während seiner Umsetzung "in die Tat", also seiner "Verwirklichung" auftreten könnten.)
Erst dann hat man etwas über längere Zeit Dauerndes entwickelt. Psychologisch gesehen ist das eine "Einstellung". Die Frage ist nun, wie das neurophysiologische Äquivalent für derartige "Einstellungen" aussehen könnte und wo es am ehesten "verortet" sein könnte! Analoges gilt auch für noch länger eingenommene "Haltungen", Überzeugungen, insbesondere solche prinzipieller Art, übrigens bis hin zu Gewohnheiten!
Untersuchungen zur Willkürmotorik, bei der Bewegungen ausgeführt werden, bringen ein weiteres Element ins Spiel, und zwar die Muskelphysiologie!
Mich wundert seit Jahren, warum das "motorische" Bereitschaftspotential praktisch immer, soweit ich das überblicke (die Fachliteratur kenne ich als Nicht-Spezialist selbstredend nicht), als eine Art Willensäquivalent oder als Anzeichen für einen Entschluss angesehen wird! Viel naheliegender wäre, es auch mit der automatischen Regelung der physiologischen Vor/"Spannung" unserer Muskeln, des sog. Muskeltonus in Zusammenhang zu bringen, in dessen Erhöhung die (dann physische) "Bereitschaft" zur Ausführung einer (motorischen) Bewegung zum Ausdruck kommt.
Seit dem 19.Jh. kennen Fachleute den Carpenter-Effekt oder ideomotorischen Reflex, auf dessen Grundlage der Psychologe Willi Hellpach 1933 das Ideo-Real-Gesetz aufgestellt hat. Es besagt, dass bereits bloße Vorstellungen zu subtilen Muskelreaktionen im Sinne einer Erhöhung oder Verringerung des physiologischen Muskeltonus führen können! Beispiele dafür gibt es genug!
Viele Menschen kennen das Erlebnis, in der Meinung einen gepackten Koffer vor sich zu haben, den real leeren mit überschießend viel Kraft regelrecht hochzureißen. Vergleichbares kann man beim Treppensteigen erleben. Berühmt-berüchtigt ist auch das "Pendeln"! Wer von all dem noch nie gehört hat, und auch nicht daran denkt, dass z.B. "Angst" mit erhöhter Muskelanspannung einhergeht, weiß sicherlich aber noch aus seinem Schulsport, dass man beim Start zu einem 50m-Lauf auf das Kommando "Fertig" sich durch willentliche Anspannung sämtlicher Muskeln (und nicht bloß durch "unwillkürliche" Erhöhung ihres Tonus) zum jederzeitigen Losrennen bereit macht - übrigens ganz ohne deswegen auch loslaufen zu "müssen"!
Ich sehe meine Überlegungen in der Angabe von Libet bestätigt, der selbst herausgestellt hat, dass man die Ausführung einer Bewegung auch nach Entstehen des Bereitschaftspotentials noch unterbinden könne (Vetofunktion). Ich sehe darin ein genaues Analogon zu zwei wiederum wohl bekannten Phänomenen: einmal kann man im Sport jede Startbereitschaft jederzeit zurücknehmen; und zweitens kann man sogar in jeder bereits begonnenen Bewegung sofort wieder nachlassen, wozu bekanntlich bei jedem Fehlstart mit einem schnellen zweiten Schuss aufgefordert wird.
Ich persönlich bin überzeugt, dass das Kornhuber'sche Bereitschaftspotential mit der muskulären Spannungsregelung in Zusammenhang besteht. In seinem mit Lüder Deecke verfassten Buch "Wille und Gehirn" (2007) bringt er denn auch Willensakte selbst mit neuronalen Aktivitäten, die im Bereich des Frontalhirns registriert werden können, in Verbindung und nicht mit dem "motorischen" Bereitschaftspotential, das - wenn ich das richtig erfasst habe – über motorischen Supplementär- sowie präzentralen Hirnbereichen gefunden wird.
Kornhuber zieht übrigens aus seinen jahrzehntelangen Forschungen auch sehr andere Schlüsse als Singer und Roth, denen er an vielen Stellen nachweist, wissenschaftliche Daten nicht korrekt zu interpretieren, während noch mehr Stellen seines Buches mir sogar den Eindruck vermittelt haben, als wenn er beiden vorhält, nicht einmal die jahrzehntelange "Willensforschung" zur Kenntnis genommen zu haben, die im Anschluss an seine Entdeckung des motorischen Bereitschaftspotentials Mitte der 1960er Jahre hierzulande und dann weltweit in Gang gekommen ist.
Das Ich als Illusion zu bezeichnen, ist nicht korrekt.
Das Ich ist eine Wahrnehmung, und es hat den gleichen Wahrheitsgehalt wie alle anderen Wahrnehmungen auch.
Wahrnehmungen kann man durch Handlungen verändern, und Denkprodukte durch Nachdenken.
Auch optische Täuschungen und Träume sind Wahrnehmungen, und als solche schlichte Fakten.
Es wird bei der buddhistischen Philosophie nicht abgestritten, dass Wahrnehmung möglich ist.
Sondern die Frage ist vielmehr: Wie lange existiert ein ´Ich´? Denn wenn sich durch neue Erfahrungen unser Selbstbild dauernd ändert, dann ändert sich auch das Ich.
Haben wir ein kontinuierlich sich änderndes Ich oder ein Ich, welches andauernd auf der Basis von Gedächtnisinhalten und neuen Sinneseindrücken neu entsteht?
Wer/Was steuert bzw. koordiniert die Rückkopplungsprozesse, bei denen die aktuellen Sinneseindrücke mit Gedächntisinhalten zu einem neuen bewussten Sinneseindruck kombiniert werden?
Wieder kann ich nur "wärmstens" empfehlen, sich die Begriffe genau anzusehen.
Nach meiner Kenntnis vertrat Buddha die sog. Anatta- oder Anatman-Lehre.
Er richtete sich damit gegen die Lehre der Brahmanen seiner Zeit von einem Atman, der mit einem von ihnen für kosmisch erklärten "Brahman" identisch sei. Wie auf den ersten Blick zu sehen bedeutet Atman bemerkenswerter Weise "Atem" von atmen! (Exakt so wie übrigens auch "Psyche" von griech. psychein und "Spiritus" wie in "Spiritus sanctus" von lat. spirare jeweils für atmen "stammt"; Weingeist und unseren Spiritus riecht man eher - beim schnüffeln...)
Nach verschiedenen Angaben soll Atman im Brahmanismus, der Vorläuferreligion des Hinduismus, als unveränderlicher, "ewig" sich gleich bleibender, also "ewiger" Wesenskern des Menschen, ewiger "Geist" oder "reines Bewusstsein" verstanden worden sein. DAmit entspricht Atman ersichtlich unserem religiösen Seelenbegriff und den davon abgeleiteten Geist/ervorstellungen aller Art.
Buddha machte diese brahmanischen Vorstellungen schlicht nicht mit. Er verneinte damit kein "Ich" im Sinne einer Charakter- oder Persönlichkeitsstruktur! Er ging vielmehr von der quasi empirischen Beobachtung, also Erfahrung aus, dass alles Erkennbare sich unablässig verändert.
Diese anti-eternalistische Haltung oder Lehre mit dem psychologischen Begriff einer "Illusion" - wörtlich "inneres Spiel", ein Ausdruck, der sinngemäß exakt unserem Ausdruck "Gedankenspiel" entspricht - in Zusammenhang zu bringen, ist üblich, aber nur "auf Umwegen" richtig; denn jetzt ist ja gemeint, man müsse, um Buddhas Lehre zu verstehen und vor allem akzeptieren zu können, jede dem entgegenstehende Ewigkeitsvorstellung als Gedankenspiel oder Einbildung durchschauen, durch und durch erkennen oder "'dia-gnostizieren".
Im Buddhismus geht es um praktisch wirksame Erkenntnis und damit selbstverständlich immer auch um Selbst-Erkenntnis bis hin zu dem Punkt, selbst zu erkennen, wie man seine eigenen Erkenntnisse bildet bis hin zu denen von sich selbst, woraus man dann sein Selbst-Verstehen oder -Verständnis ableitet, das "Bild", das man sich selbst von sich macht, sein Selbst-Bild also. Das zu einem großgeschriebenen "Ich" oder "Selbst" zu erklären und damit die beiden Indexwörter ich und selbst zu versubstantivieren, ist leider auch üblich geworden, auf dass man immer etwas zu raten hat - nämlich was jeweils gemeint ist.
"Ich kann deswegen auch nicht verstehen, warum Sie meinen, der Gebrauch von Indexwörtern liefe auf eine Geist-Gehirn-Dualität hinaus."
Sie schrieben:
"Der medizinische Terminus "Organ" bedeutet Werkzeug." und weiter:
"Beispielsweise müssen WIR "bei Bewusstsein" sein, nicht das Hirn, damit WIR etwas sehen, dürfen WIR weder schlafen noch ohnmächtig sein und nicht unser Hirn. Auch müssen WIR uns erinnern, nicht das Gehirn, wenn WIR etwas wiedererkennen oder -finden wollen, so wie WIR uns freuen, wenn wir einen UNS lieben Menschen und nicht sein Gehirn treffen, denken WIR und nicht unsere Hirne, wenn WIR und nicht sie einem Vortrag folgen oder einen Text wie den hier lesen."
Jetzt schreiben Sie:
"ich kenne "geistig" genannte Fähigkeiten, angefangen beim Wahrnehmen, das schon dazu gerechnet wird, über das ("rein geistige") Vorstellen bis hin zu der wenig beachteten, m.W. allein im Buddhismus gebührend gewürdigten und vor allem geübten (ebf. "rein geistigen"...) Aufmerksamkeit - "Aufmerken" ist leider unüblich zu sagen; ich meine die Tätig- bzw. Fähigkeit aufzupassen, achtzugeben."
Verstehe ich nicht. Was stimmt jetzt? Spielt das "WIR" auf dem Klavier der Neuronen? Oder ist das Hirn eine Art mechanisches Klavier, das ohne Pianisten ("WIR")auskommt?
"Spielt das "WIR" auf dem Klavier der Neuronen? Oder ist das Hirn eine Art mechanisches Klavier, das ohne Pianisten ("WIR")auskommt?"
Wenn ich mich nicht täusche, fassen Sie mein nur zur optischen Heraushebung groß geschriebenes "wir" - die grammatikalische Mehrzahl von 'ich' - als eine Art Agenten oder Täter auf, dem Sie einen Automaten mit Namen "das Gehirn" gegenüber stellen.
Abgesehen von dem schiefen Vergleich halte ich Ihre Ausdrucksweise für wenig hilfreich. Es ist doch nicht sinnvoll auch nur zu sagen, das sprachlich durch Versubstantivierung des Indexwortes "ich" gebildete Substantiv "Ich" oder ein kollektiviertes Wir tue etwas und noch dazu etwas, was man mit einem Pianisten analog setzen könnte, der "auf dem Klavier" spielt.
Wir sprechen nur Personen zu, dass sie etwas "tun", Individuen, einzelnen Menschen als solchen, nicht Verweiswörtern auf sie, so wenig wie Teilen oder "Organen" von ihnen, die höchstens metaphorisch etwas "tun", wenn sie "funktionieren". (Auch von anderen Lebewesen sagen wir nicht unbedingt, dass sie etwas "tun" oder gar "handeln"; hier hat sich eingebürgert, eher von tierischem "Verhalten" zu sprechen.). Ich jedenfalls tue im Moment etwas, wozu ich mein Gehirn wie meine Hand nutzen muss, um statt mit der zu greifen zu begreifen, was Sie mit Ihrem Worten sagen wollen.
Ich kann nur sagen, dass ich nicht meinem Gehirn gegenüber stehe wie ein Klavierspieler einem Piano; jedenfalls denke ich nicht, dass ich das tue. Meine Phantasie reicht auch nicht dazu aus mir vorzustellen, dass irgendjemand anderes das realiter tut oder auch nur tun könnte oder gar wir alle zusammen. (Aber ich weiß und sehe mich durch Ihre Zeilen darin bestärkt, dass man sich so etwas "in der Phantasie" so vorstellen kann.) Vielmehr weiß ich und berücksichtige deshalb, dass mein Gehirn zu mir gehört wie meine Extremitäten und vieles andere, was mich ausmacht, also das, was gerade am Computer sitzt und dies hier schreibt, wozu "es" dem üblichen Sprachgebrauch entsprechend schlicht "ich" sagt, wenn "es" über "sich" Aussagen machen will.
Selbst Wolf Singer spaltet nicht durchgehend in Personen und ihre Gehirne auf und wahrt somit den Sinn des Begriffs "Individuum", Nicht-Zu-Teilendes, jedenfalls wenn ernst zu nehmen ist, was er in seinem auch sonst bemerkenswerten Deutsch gelegentlich behauptet wie zum Beispiel: "Die Person ist der Organismus, die Gesamtheit von Körper und Nervensystem." (Gemeinsamen Interview in der FR vom 3.4.2004 mit dem Philosophen Julian Nida-Rümelin; Singer's Heraushebung des NS's dürfte hier nur rhetorisch gemeint sein, da es wohl für jede ersichtlich unsinnig ist, es nicht zum "Körper" zu rechnen; diesen Leib zu nennen, solange er "lebendig" ist, ist seit dem Überhandnehmen des Gebrauchs technisch-mechanistisch-physikalistischen Vokabulars leider schon lange unüblich geworden.)
Ohne genaue Beachtung der Bezüge der benutzten Worte gerät man leicht zu unsinnigsten Beziehungssetzungen. Das ist immer wieder die Warnung von Sprachphilosophen oder sprachsensiblen Forschern wie dem australischen Hirnforscher Maxwell R. Bennet, der in Auseinandersetzung und dann Zusammenarbeit mit dem Oxforder Wittgenstein-Spezialisten Peter M.S. Hacker die m.W. bisher gründlichste Begriffskritik neurowissenschaftliche Theoriebildung in seinem Buch "Philosophical Foundations of Neuroscience" vorgelegt hat. Leider ist ihre Übersetzung ins Deutsche bis heute nicht erschienen, obwohl an ihr seit Jahren gearbeitet werden soll. Ich habe leider keine Datei von dem Text des Buches; sonst wäre es ein leichtes anzugeben, wie häufig dort von "Nonsens" die Rede ist.
"Vielmehr weiß ich und berücksichtige deshalb, dass mein Gehirn zu mir gehört wie meine Extremitäten und vieles andere, was mich ausmacht, also das, was gerade am Computer sitzt und dies hier schreibt, wozu "es" dem üblichen Sprachgebrauch entsprechend schlicht "ich" sagt, wenn "es" über "sich" Aussagen machen will."
Gut. Jetzt verstehe ich Sie. Wir sind die Gesamtheit all dessen, was wir zu uns als zugehörig empfinden. Es soll ja Menschen geben, die das eigene Bein als Fremdkörper empfinden. So wäre es auch krank, das Gehirn als fremd zu empfinden. Wie kommt aber der Mensch auf die Diskussion des "freien Willens"? Fühlt er sich fremd-bestimmt? So können wir zwar sagen, daß das Hirn zu uns gehört, aber die Gedanken uns fremd sind. Wem dem so ist, so muß gefragt werden, wie wir es schaffen, eigene Gedanken von fremden zu unterscheiden. Was ist dasjenige, was da aussucht, wählt und vergleicht? Der Mensch, so will mir scheinen, besitzt eine Art innerer Gewißheit. Er kann zwischen richtig und falsch unterscheiden. Wie macht er das?
Mit der Frage ´Wie macht er das?´ hat Herr Hilsebein im vorigen Text bereits angedeutet, dass die auf Messung von Aktivierungspotentialen beruhende Diskussion, eines freien Willens beim Menschen, fragwürdig ist.
Wenn Versuchspersonen entscheiden, ob sie eine Bewegung links/rechts ausführen, so läßt sich das Aktivierungspotential der gewählten Seite bereits messen, bevor die Entscheidung bewusst wird.
Was sagt eine solche Messung über eine freie Willensentscheidung aus: Gar nichts!
Der eigentliche Entscheidungsprozess konnte überhaupt nicht messtechnisch erfasst werden - denn er fand eindeutig vor dem Auftreten des Aktivierungspotentials statt. Aus der Beobachtung, wann eine Entscheidung bewusst wird, lässt sich kein Hinweis über freie/unfreie Willensentscheidungen ablesen.Denn wir können nur ca. 50 Informationen pro Sekunde bewusst verarbeiten - es wäre deshalb sinnlos, wenn dieses Potential mit unnötigen Denkaktivitäten blockiert würde.
D.h. die vorgelagerte Entscheidungsfindung ist für das bewusste Erleben unwichtig.
Wenn man also auf Grund solcher Experimente annimmt, dass irgend etwas im Gehirn Enscheidungen getroffen hat - das sich unserer mentalen Kontrolle entzieht; dann ist dies eine fragwürdige Schlussfolgerung. Man könnte nur Schlussfolgern, dass Entscheiungsfindungen nicht messbar sind - also ein Messproblem vorhanden ist. Alles andere ist Spekulation.
Bis auf das Wörtchen "sind" kann ich mich mit der Aussage "Wir sind die Gesamtheit all dessen, was wir zu uns als zugehörig empfinden" einverstanden erklären, nämlich dann, wenn diese Formulierung nicht "essenzialistisch", wie ich mal sagen will, gemeint ist und in Kurzform ausgedrückt nicht besagen soll, wir "sind", was wir "empfinden". <\p>
Ich selbst habe nur darauf hinweisen wollen, dass wir sprachlich mit dem Indexwort 'ich' ganz undifferenziert auf uns selbst verweisen, wie wenn wir mit einer Hand oder unseren Fingern auf uns selbst "deuten", weisen oder zeigen. (Das verbale 'ich' vertritt quasi den Zeigefinger, mit dem wir auch auf uns zeigen können; 'ich' ersetzt so gesehen den Zeigefinger in seiner "Bedeutung".)
Was wir dagegen von uns selbst "empfinden" und noch vieles andere mehr, gehört zu unserem Selbsterleben, das seine Grundlage in der basalen Selbstwahrnehmung hat. Wir können Säuglinge und Kleinstkinder nicht fragen; aber Vermutungen gehen dahin, dass am Anfang unseres Lebens diese Selbst- und die Fremdwahrnehmung in unserer Gesamtwahrnehmung untergeht oder besser gesagt: noch nicht unterscheidbar ist. Phantasievolle Psychologen reden dann gerne von einem "ozeanischen Gefühl". Das muss man aber nicht mitmachen, wenn man weiß, was gemeint ist.
Im Hinblick auf Ihre (spätere) Frage, wie wir es wohl schaffen, Eigenes von Fremden zu unterscheiden, braucht es "in der Tat" aber ein sicheres Unterscheidungsmerkmal, anhand dessen ein ganz junger Mensch den Unterschied zwischen "selbst und anderen" real "merkt". Ihm muss ja irgendwann auffallen, dass es in all dem sowieso schon wahrnehmbar Verschiedenem auch noch die Verschiedenheit zwischen sich selbst und allem anderen, vor allem aber allen anderen erlebt.
Psychologisch gesehen kommt als Kandidat für dieses Unterscheidungs-"merkmal" in den ersten Jahren unseres Lebens am ehesten, wenn nicht überhaupt nur das Erleben der Eigenaktivität infrage. Es sticht aus dem Wust der sinnlichen Wahrnehmungen von sich und der Umgebung am stärksten hervor, betont durch die "Tat"-Sache, dass Säuglinge und Kleinkinder ständig aktiv sind und irgendetwas tun, wenn sie nicht "gestillt" werden oder schlafen.
Ich verweise darauf auch, um die von Ihnen mehrfach angeregte, schnell ins Uferlose führende Erörterung zu vermeiden, wie wir auch später Fremdes erleben und jene eigenartigen Erlebnisse zustande kommen, die nicht nur das eigene Einheitserleben "stören", sondern weit über solche Phänomene der Depersonalisation hinaus sogar zu Derealisationserlebnissen gesteigert sein können, in der man sogar "die Welt" um sich herum seltsam unvertraut, fremd und unwirklich erlebt.
Das "normale" Erleben von Fremden wird sich anfangs wohl zusammen mit dem beginnenden "Selbstgefühl" oder Selbstempfinden für sich und die eigene Aktivität, das eigene Reagieren oder Tun entwickeln und herauskristallisieren. Auch Ihre Frage, "Wie kommt aber der Mensch auf die Diskussion des 'freien Willens'? " müsste m.E. in diesem Rahmen erörtert werden, was hier aber sicher zu weit führen würde. Entwicklungspsychologie steht hier ja nicht an.
Ich bin aber der Ansicht, dass im Sinne von Hintergrund oder Untergrund in diesen frühen Erlebnisse der "Grund" liegt für Ihre auch von mir geteilte Feststellung: Der Mensch, so will mir scheinen, besitzt eine Art innerer Gewißheit.
Sie setzen zwar dabei hinzu "Er kann zwischen richtig und falsch unterscheiden." und fragen auch in dieser Hinsicht "Wie macht er das?". Das ist aber eine nun ganz andere Frage als die nach der Unterscheidung von Eigenem ("Selbst") und Fremden.
Ich persönlich denke immer daran, dass "richtig" mit "sich richten nach" oder sich "an etwas ausrichten" zusammenhängt. Dann ist gleich "von selbst verständlich", dass wir zur Klärung von Richtigen einen "Maßstab" brauchen, ein Kriterium, einen Richtpunkt oder eine Richtschnur, oder aber Festsetzungen wie Regeln u.ä., anhand derer wir z.B. in der Mathematik "prüfen", was ihnen gemäß richtig ist oder nicht. (Ich bin mir darüber klar, dass das Wörtchen "richtig" auch noch in anderen Zusammenhängen verwendet wird wie z.B. in dem Ausdruck "etwas richtig machen", wo es auch "genau" heißen kann oder zweckmäßig, dem Ziel entsprechend und vielleicht noch anderes mehr, woran ich jetzt nicht denke.)
Hier noch einmal das in Rede stehende Experiment:
Die von Haggard und Eimer verbesserten Libet-Experimente im Jahr 1999 sehen so aus, daß eine Person vor einer Uhr sitzt und innerhalb eines vorgegebenen Zeitraumes zu einem selbstgewählten Zeitpunkt zwischen zwei Bewegungen mit der linken bzw. rechten Hand wählen soll. Sie hat die Aufgabe, sich den Zeitpunkt, an dem ihr bewusst wird, daß sie die eine oder andere Bewegung machen will, zu protokollieren, indem sie auf die Uhr vor sich sieht. Währenddessen wurde nicht nur das symmetrische, sondern auch die lateralisierten Bereitschaftspotentiale via EEG abgeleitet. Das symmetrische Bereitschaftspotenzial zeigt nur, daß das Hirn irgendeine Handlung vorbereitet. Da aber Bewegungen mit der rechten Hand in der linken Hirnhälfte vorbereitet werden und vice versa, wurde in den verbesserten Experimenten auch sichtbar, welche Handlung vorbereitet wurde. Signifikante Änderungen in den Bereitschaftspotentialen lagen bis zu 800ms vor dem Zeitpunkt, zu dem sich die Person ihrer Absicht, z.B. die linke Hand zu bewegen, bewußt wurde.
Sie sagen, daß der eigentliche Entscheidungsprozess vor dem Auftreten des Aktivierungspotentials stattfand. Doch das würde bedeuten, daß sich die Bildung der Entscheidung unserer mentalen Kontrolle entziehen würde. Die Folge
wäre, daß wir uns auf ein Verständnis von Freiheit zurückziehen müßten, nach dem unsere Willensfreiheit so to say durch einen unbwußten, neurobiologischen Zufallsgenerator gesichert wird. Diese Art von Freiheit sichert aber weder unsere Verantwortlichkeit für unsere Handlungen noch wird erfaßt, daß wir aus Fehlern lernen. Letzteres aber tun wir sowohl in wissenschaftlicher als auch in ethischer Hinsicht - wenngleich sich da sicher manches noch verbessern ließe.
An dieser Stelle ist mir nicht ganz klar, wofür oder wogegen Sie sich genau mit ihrem letzten Kommentar engagieren. Er läßt lediglich erkennen, daß Sie eine kompatibilistische Position vertreten - was ich durchaus sympathisch finde.
>Ich rede nicht so gern vom Ich, wie Sie merken.
Dem folge ich vorbehaltlos: Mit dem Ich als Produkt unseres Gehirns, wie es Metzinger vorschlägt, habe ich mich auch nie anfreunden können. Vielleicht ist es besser, statt vom Ich von Willensakten zu sprechen.
>was eine Entscheidung ist und wie man sie misst, dann sehe ich noch diese
>Möglichkeiten:
Ihre Möglichkeit a): Richtig ist, daß Supervenienz und Kausalität Relationen sind, die übereinander nichts aussagen: Supervenienz betrifft Mengen von Eigenschaften und Kausalität Paare von Ereignissen.
Wenn wir sagen, daß Entscheidungen mental sind, landen wir mit a) beim Problem der mentalen Verursachung von Handlungen, das nicht anders als das Determinismusproblem mit der These von der kausalen Geschlossenheit der physikalischen Welt kämpft. M.a.W.: Diese Möglichkeit führt zu keiner zusätzlichen Option in der Determinismusfrage, denn wie Sie die Vereinbarkeit der kausalen Relevanz von Entscheidungen mit den Libet-Experimenten bewerkstelligen wollen, lassen Sie offen.
Sagen wir aber, daß Entscheidungen nicht mental, sondern nur eine andere Sprechweise für gewisse, neuronale Prozesse sind, dann landen wir dort, ich meinen ursprünglichen Artikel beendet habe: Was die Libet-Experimente sichtbar machen, ist ungeklärt, solange wir keine Ahnung davon haben, wie genau und im Einzelnen Überlegungen, Willensakte und rationales Räsonieren neurophysiologisch realisiert sind: Die Daten allein und für sich selbst betrachtet, schweigen.
In keinem Fall aber sollten wir annehmen, daß es Entscheidungen gibt (ohne zu wissen, in welchem Sinne), annehmen, daß sie ihrer Natur nach nicht in der physikalischen Welt ihren Platz haben (ohne zu wissen, wie wir das nachprüfen könnten), um uns nachher zu Wechselwirkungen zwischen Entscheidungen und Motoneuronenaktivierungen genötigt zu sehen, deren Natur uns massives Kopfzerbrechen bereitet.
Bitte korrigieren Sie mich, wenn sie an dieser Stelle einen anderen Punkt machen wollten.
Ihre Möglichkeit b): Wer kausale Überdetermination ablehnt, der liest den Geschlossenheitsgrundsatz automatisch so, daß jedes physische Phänomen, sofern es eine Ursache hat, nichts anderes als eine physische Ursache hat. So wie ich Sie verstehe, sehen sie in Überdetermination aber nichts Problematisches. Doch wer Transitivität von Kausalrelationen ablehnt, der verneint klarerweise auch die Möglichkeit von Überdetermination und vice versa. Denn in beiden Fällen wird das kausale Potential der zweiten Ursache (=das zeitlich am frühestens liegende Ereignis) empirisch einfach falsch beschrieben.
Ich kann dafür Beispiele bringen, wenn das gewünscht wird, lasse sie aber im Moment aus Platzgründen weg.
Im Moment habe ich daher den Eindruck, als würden uns beide Möglichkeiten nicht weiterhelfen.
>Mehr hatte ich nicht behauptet.
Verstehe ich Sie also richtig, daß sich ihre Kritik allein gegen meine Verwendung der Ausdrücke ''Paraphrase'' und ''durchbrochen'' richtet? Oder sollte ich in dem von Ihnen zitierten Satz ''nur'' durch ''höchstens'' ersetzen? Wenn ich mit diesen Vermutungen wieder falsch liege, dann begründen Sie doch bitte Ihre Kritik, damit ich durchblicke. Denn nach nochmaliger Kontrolle scheint mir die o.g. Argumentation korrekt zu sein.
Zum Schluß noch ein Hinweis in eigener Sache: Bisher diskutieren wir Handlungen, die Bewegungen oder Tätigkeiten sind. Doch auch jeder Bäcker, der, nachdem er seinen Hefeteig angerührt hat, seinen Teig 20min gehen läßt und in dieser Zeit ein Nickerchen macht, handelt im gewöhnlichen Sinne intentional. Hier aber macht es keinen Sinn, seine Entscheidung mit einem Bereitschaftspotential in Zusammenhang zu bringen: Er tut nichts - das aber mit Überlegung. So wie ich die Sache sehe, werden Experimente des Libet-Typs aus genau diesem Grund im Moment überschätzt, weil sie sich auf einen Spezialfall intentionalen Verhaltens beschränken.
Eine künftige Neurobiologie mag diese Ansicht widerlegen. Aber diese Entwicklung warte ich erst mal ab.
Ich meine nicht, dass sich eine Entscheidungsfindung unserer mentalen Kontrolle entziehen würde - sondern nur, dass eventuell die Messung des Bereitschaftspotentials nicht geeignet ist, eine Willensentscheidung zu erkennen, wenn sie davor statt gefunden hat.
D.h. die sich auf Libet und Nachfolger beziehende Diskussion um den Freien Willen diskutiert letztlich nur ein Messproblem. Denn wenn sich ein Bereitschaftspotential ändert, dann muss doch vorher(!) entschieden worden sein, ob links/rechts. Dieser ´vorher´ erfolgte Entscheidungsfindungsprozess ist aber nicht erkennbar.
Ganz richtig: Handlungen* müssen nicht in Bewegungen bestehen; es gibt auch ein absichtliches "Nichts-Tun" und Stillhalten bis zu dem Extrem des bewussten "Stillen Sitzens" beim Meditieren. Wenn wie in Experimenten vom Libet-Typ ein BP nur vor einer intendierten, beabsichtigten Bewegung auftritt, ist das ein weiteres Indiz dafür, dass es sich bei diesem BP nicht um ein Korrelat einer wann immer getroffenen Entscheidung handeln kann. Dann aber muss es um ein - worauf an sich schon seine Bezeichnung als "motorisch" verweist - BP gehen, das mit solchen Vorgängen in Zusammenhang steht, die unmittelbar zur Einleitung oder Vorbereitung der motorischen Bewegung dienen. Dazu gehört mindestens die reflektorische Tonuserhöhung der dazu benötigten Muskeln, damit diese die für den realen Beginn der Bewegung nötige Kraft aufbringen können. Auf diesen im 19.Jh. von dem Engländer William Benjamin Carpenter (1813–1885) beschriebenen Reflex habe ich schon aufmerksam gemacht. (hier)
Weiß jemand, ob das experimentelle Design bei den Experimenten vom Typ Libet jemals die physiologische Kontrolle der Vorgänge im Bereich der Muskulatur mit eingeschlossen hat, die zur Ausführung der vereinbarten Bewegungen aktiviert werden musste? Ich hab von dergleichen noch nie gehört, auch nichts darüber, ob Vpn. psychologisch jemals genau auf ihre Gedanken während der Ausführung der Experimente exploriert wurden. Wer die Anleitung der Vpn. von Libet genau durchliest, kann m.E. nur über die psychologischen Vorstellungen staunen, von denen dieser Physiologe ausgegangen ist. Ob die Experimentatoren, die sein experimentelles Design bei ihren Untersuchungen variiert haben, von genaueren psychologischen Kenntnissen ausgegangen sind, kann ich nur bezweifeln, nachdem ich mir mal die von Gerhard Roth genauer angesehen habe. (Ergebnis hier)
_______________________________
* verstanden als beabsichtigtes, also gewolltes oder "intendiertes" Tun (im Unterschied zu "reflexartigen" Re-Aktionen auf einen, deswegen dann als "auslösend" bezeichneten Reiz hin)