Neuro-Enhancement: Schul-Doping für Kinder?

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Ethik hin, Ethik her: Medikation ist indiziert im Falle einer psychischen Erkrankung. Und in diesem Bereich zeichnet sich auch durch die Effekte ab, was gewünscht ist: nämlich die Besserung des Leidens. Ich möchte einen „artverwandten“ Themenkreis ansprechen, der speziell die schulische Leistungsfähigkeit betrifft: die allzeit bereite Diskussion um Methylphenidat, welches bei Kindern und Jugendlichen mit ADS/ADHS häufig verschrieben wird.

Gerade in Pädagogenkreisen bestehen erhebliche Zweifel und Widerstände an der grundsätzlichen Gabe des Medikaments. Trotz der wissenschaftlichen Sicht zur Wirkung und den nachweislichen Effekten des Medikaments wird von Sedierungsversuchen, Vergiftungen, Leistungstrimmern und mehr gesprochen. Genährt wird dies durch die bedauerlicherweise vorkommenden Fehlverschreibungen der Medikation, der fehlenden elterlichen Bemühungen oder der Engpässe im Versorgungsbereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, denn Medikation gibt es schneller als einen Therapieplatz. Und nicht zu vergessen das Neuro-Enhancement, von dem der Laie noch nicht soviel gehört hat. Wir sollten es lieber Leistungsdoping nennen …

Woher kommt der Druck? Wer löst Verunsicherung aus? Aus der Erfahrung macht Schule den Druck, nicht die Eltern allein. Mir sind bisher noch keine Eltern untergekommen, die ihre Erziehungsprobleme beim Zähneputzen, Computerabschalten o.ä. durch Methylphenidat lösen wollten. Es dreht sich meist um Hausaufgaben, um Lernsituationen, um Konflikte in der Schule. Die Sorge vor den Konsequenzen eines Leistungsversagens, der Empfehlung für die niedere weiterführende Schulform, der soziale Niedergang – dies alles sind Gedanken, die Eltern durch den Kopf gehen, wenn sie sich der Frage stellen, ihrem Kind Medikamente zu geben.

Ziehen wir eine Parallele zur Erwachsenenwelt: Ist das Außenkriterium „lustig für eine Party“ gefragt und ich bin es nicht oder habe Angst, es nicht ausreichend zu sein, so tut es ein Stimmungsaufheller. Die Schul-Party ist für Kinder ein Muss, ihnen steht es nicht frei, den Unterricht zu besuchen. Die grundsätzliche Frage lautet daher vielmehr, ob wir es zulassen können, dass ein Gast auf unserer Party schlecht drauf ist.

Ein alter Hase des Metiers trifft (so finde ich): „Ich bin müde geworden, wenn es um Methylphenidat geht, denn am lautesten schreien die, die dafür verantwortlich sind, dass die Kinder es brauchen.“

Und ich ergänze: Im therapeutischen Setting stellt man die Indikation für eine Medikation mit Methylphenidat insbesondere dann, wenn ein wichtiger Lebensbereich wie Schule nicht beeinflussbar – d.h. im Sinne von Optimierung von Rahmenbedingungen veränderbar – ist und demzufolge sekundäre Folgen abzusehen sind. Man stellt sie nicht allein, „nur“ weil eine Diagnose gestellt ist.

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Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

15 Kommentare

  1. advocatus diaboli

    Nehmen wir einmal kurz an, lieber Herr Müller, an der grundlegenden ADHS-Kritik wäre etwas dran. Das heißt, viele Kinder würden eine Diagnose bekommen, obwohl sie in Wirklichkeit nur ein bisschen von der Norm abweichen.

    Nehmen wir an, jetzt werden ein paar Ärzte die Indikation für eine Behandlung mit Methylphenidat feststellen — meinetwegen entsprechend den Kriterien, die Sie hier genannt haben.

    Diese Kinder nehmen also fortan täglich — bzw. je nach Präparat mehrmals täglich oder wöchentlich — ein Stimulanz, dessen Wirkung der von “Speed” (ein anderes beliebtes ADHS-Medikament) und “Schnee” ähnelt.

    Ist es dann verwunderlich, dass diese Kinder plötzlich eine größere Motivation haben? Dass sie in bestimmten Aufgaben konzentrierter sind? Dass sie bei kognitiven Leistungstests etwas besser abschneiden als vorher?

    Würde man diesen Effekt als Bestätigung dafür sehen, dass die ursprüngliche Diagnose stimmte, dann würden wir wahrscheinlich alle an ADHS leiden.

  2. @ Stephan Schleim

    Lieber Herr Schleim,
    nehmen wir mal an, Sie schliefen bestens. Keine Einschlafstörungen, keine Durchschlafstörungen, kein Früherwachen. Wenn nun ein wenig chemische Hilfe das Einschlafen beschleunigte, wären Sie dann Schlafgestörter?
    Am ADS/ADHS ist erst einmal nichts auszusetzen, zumal es ja ausreichend Kenntnisse in Sachen des Multimodal-Treatments gibt. Aber dass im Bereich der Gesunden klare Zusammenhänge im Sinne der Effekte wie bei ADS/ADHS-Betroffenen gegeben sind, ist mir nicht bekannt, allenfalls nur in der von Ihnen angenommenen Darstellung ableitbar. Doch die Annahme, dass der Effekt die Diagnose stellt, ist vorschnell (und eigentlich ein alter Hut). So wie man früher gerne Antidepressiva gab und bei Besserung feststellte: “Das muss wohl ‘ne Depression gewesen sein.”

  3. Frage

    Gegen das Medikament bei nachgewiesener ADS ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Die Wirksamkeit und der Nutzen für das Kind wird ja vielfach bestätigt. Insofern kann ich Ihrem Artikel zustimmen.

    Doch was, wenn es auch dann “verschrieben” wird, wenn keine AD(H)S nachgewiesen werden konnte. Das kommt ebenfalls vor und stellt die Eltern dann vor große Entscheidungsnöte. Und da haben wir schon die Auslöser für die Verunsicherung. Ritalin wird sicher des öfteren angewandt wo es nicht nötig ist.

    Was sollten Eltern tun, bei denen ADS nicht festgestellt werden konnte, die ihrem Kind trotzdem Ritalin geben sollen?

  4. @ Werner

    Das Grundproblem besteht für mich darin, dass die Diagnose “ADHS” überhaupt fraglich ist.

    Eingeführt wurde sie mit dem DMS-IV und löste das frühere “ADS” des DSM-III ab. Seitdem steigen die Fallzahlen in vielen Ländern, sowohl was die Diagnosen als auch den Konsum der Stimulanzien betrifft, dramatisch an.

    Bisher ist mir keine plausible biologische Begründung für diese dramatische Zunahme der “Erkrankung” bekannt. Daher sehe ich die massenweise Verschreibung von Stimulanzien, insbesondere an Kinder, kritisch.

    Es wäre nicht das erste Mal, dass eine gesellschaftspolitische Entwicklung pharmakologisch “behandelt” wird. Ist es Zufall, dass ADHS zur Zeit unserer Leistungsgesellschaften und ihrer Ansprüche an das individuelle “Funktionieren” vermehrt auftritt?

    Und: Natürlich stelle ich nicht in Abrede, dass es tatsächlich Menschen mit einem organisch bedingten Aufmerksamkeitsproblem gibt; ich bezweifle nur, dass sie die Mehrheit der neueren ADHS-Diagnosen ausmachen.

  5. Kern des AD(H)S-Problems

    scheint die Diagnosestellung als solche zu sein. In einer gut gemachten Fersehsendung zum Thema wurde dies sehr deutlich. In Fachkliniken mit Fachabteilungen dauert eine ADS/ADHS-Diagnostik nahezu einen ganzen Tag.

    Ein weiteres Problem in der Diagnosestellung scheinen weiterhin mangelnde Detail- und Fachkenntnisse der diagnosestellenden Personen zu sein.

    So schließt sich wohl der Kreis, dass die Tatsache der Existenz einer schnellen medikamentösen Abhilfe, dazu führt, dass die Diagnosestellungen den Umfang der Erkrankungen bestimmen und nicht die Erkrankungen an sich…

  6. Bin gerade bei einer Recherche auf der karg-Seite gelandet: Offenbar haben sich hier zum Thema „ADHS“ bzw. „ADS“ Schreiber getroffen, die eine Medikation von SchülerInnen als schlicht als „indiziert“ betrachten. Es scheint nur um das Austauschen von „ich-weiß-mehr-Details“ zu gehen. Auf einer Seite, wo es um Hochbegabung geht, ist das betrüblich. Selbst bin ich als Mutter nicht von der Problematik in meiner Familie betroffen, aber ich kenne einige „therapierte“ Kinder. Haben Sie Experten diesen Kindern schon mal in die Augen gesehen, wenn die Wirkung von bspw. Ritalin nachlässt? Wissen Sie, wie diese Kinder dann reagieren? Anstatt die Verantwortung für die hilfesuchenden Familien weg zu verschreiben, sollten Ärzte ihnen ganzheitlich zur Seite stehen. Da ist Mut auch von den Ärzten gefragt, um sich wieder im Spiegel angucken zu können. Besonders auf Seiten, bei denen es um Hochbegabung geht, sollte ein GANZ KLARE Distanzierung von Drogen erstes Gebot sein. Das kann ich bei den Vorschreibern bedauerlicherweise nicht erkennen.

  7. @ Huck

    Mir fehlt der entscheidende Satz: Meinen Sie eine Distanz von der Medikation von Hochbegabten oder von ADS/ADHS-Kindern?
    Ersteres absolut, zweiteres gerne, aber eben mit Einschränkung. Nämlich dann, wenn es indiziert ist!

  8. ADHS bei Suchtkranken

    Sehr geehrter Herr Müller,
    in unserer Suchtberatung fallen einige erwachsene Klienten auf, die Ihre(ADHS?)Problematik mit Amphetaminen “erfolgreich” behandeln. Schwierig wird es, dann noch medizinische Hilfe zu bekommen, denn Erwachsene bekommen keine Methylphenidatmedikamente mehr und Drogennutzer schon garnicht. Gibt es Forschungen über Therapieansätze bei Hochbegabten? Oder gehen alle davon aus, dass man/frau als Hochbegabte/r keine emotionalen und sozialen Probleme hat? Wer hilft erwachsenen Hochbegabten bei der Integration ihrer Fähigkeiten? Danke für Info,

  9. @ Frau Wahle

    Ad ADS/Selbstmedikation: Vermehrt tauchen nun psychiatrische ADS/ADHS-Ambulanzen in Deutschland auf. Hier wird auch MPH verschrieben – trotz der bekannten politoxikomanen Geschichten (oder gerade deswegen?).
    Ad HB/Sonntagsmenschen: Forschungen über spezifische Therapie für/von HB sind mir nicht bekannt; beraterische Aspekte werden bspw. in Trier (Lehrstuhl von Frau Prof. Preckel) untersucht. Auch bestehen Arbeitsgruppen, die darum bemüht sind, die Spezifika herauszuarbeiten. Was den Anteil der problematischen HB betrifft, steht in Sachen Underachievement als erwartungswidrige Schulleistung der Anteil etwa 15% in der Gruppe der HB.
    Für den Erwachsenenbereich gibt es vereinzelt Coaching/ Therapie, jedoch wirklich selten. Zudem schreiben manche sich dies auf die Fahne …

  10. @Stefan

    Steigen die Fallzahlen? Oder verbessert sich einfach die Diagnostik? Darüber würde ich mir mal Gedanken machen. Vielen Menschen wurde geholfen mittels Medikament- und Verhaltenstherapie.

    Man schaue mal in die ZDF Mediathek zum Thema ADS.

  11. MPH Gabe bei ADHS + Hochbegabung

    Nun, als Mutter eines hochbegabten ADHSlers möchte ich mich mal zu Wort melden.
    Unser Sohn nimmt nach einem langen Leidensweg(Schule als auch soz. Umfeld) mittlerweile seit 3 Jahren MPH und unsere persönliche Feststellung dazu: warum haben wir so lange gezögert?!
    Wir haben nach der ADHS Diagnose sicherlich 9 Monate lang alles versucht um die MPH Gabe zu vermeiden. Hömopathie, Therapiesitzungen,…. alles versucht – dann kam die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium ( da er nicht an einer Regelschule war und somit lt. Bayr. Schulgesetz eine Prüfung machen muss) – die Prüfung war der Reinfall -mündlich 1 – schriftlich 6). Das war für uns der Punkt zu sagen – jetzt ist Schluss – wir versuchen ein MPH Medikament. Und was soll ich sagen – es hat funktioniert. Unser Sohn war plötzlich in der Lage sein Wissen geordnet anzubringen. Auch war er nun in der Lage seine Konzentration zu halten und sein vorhandenes Wissen entsprechend anzuwenden. Er ist mit Medikamenten nun so eingestellt, dass es für die Schule als auch noch für die Hausaufgaben reicht. Mit dem Rest des Tages kommen wir zurecht. Es ist nicht immer leicht – aber wir haben an Elternseminaren teilgenommen und dort gelernt, wie man mit “solchen” Kindern umgeht.

    In der Schule wird er gehänselt und zwar als “Streber, Lexikon, Besserwisser”. Wir erklären sie einem Kind, dass es hochbegabt ist und dazu noch ADHS hat?! Wir haben unser Bestmöglichstes versucht – es ist nicht immer leicht. Die ersten zwei Jahre hatte er eine Lehrerin die mit ADHS überhaupt nichts anfangen konnte – nun hat er eine Lehrerin die die Hochbegabung erkannt hat und ihn so nimmt wie er ist – und damit als auch mit dem ADHS umgehen kann.

    Ich kann dieses Verurteilen von Eltern, die ihren Kindern MPH Medikamente geben, nicht mehr hören. Sicherlich gibt es genügend Eltern, die ihre Kinder damit “ruhig stellen” wollen aber es gibt auch solche Eltern wie uns, die die Medikamentgabe erst hinterfragt haben und es als letzte Lösung sehen.

    Wer kein AD(H)S Kind hat, weiß gar nicht wie aufreibend und anstrengend das Leben damit sein kann.

  12. Ich kann christine s. nur zustimmen. Ergänzend vielleicht mal der folgende Ansatz. Es mag sein, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder ruhig stellen wollen. Das funktioniert mit MPH- Medikamenten aber gar nicht! Denn bei Menschen, die den Wirkstoff nicht benötigen, also kein ADS oder ADHS haben, haben die besagten Mittel aufputschende Wirkung, was auch der Grund dafür ist, dass es so mancher LKW-Fahrer benutzt, um in der Nacht wach bleiben zu können (was nicht heißt, dass ich diese Art Mißbrauch toll finde).
    Also sollte man sich vielleicht erst einmal umfassend informieren, bevor man es verteufelt. Die Medis sind bestimmt kein Allheilmittel und die Erziehung machen sie auch nicht einfacher.
    Die Hochbegabung bringt darüber hinaus auch noch genug Trouble mit sich.
    Aber warum soll man den Kindern und deren Familien das Leben noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist?
    Wer kann denn wirklich nachvollziehen, wie aufreibend das Leben mit einem Kind ist, mit dem man über alles in endlosen Diskussionen landet, das unglücklich ist, weil es die Welt um sich herum nicht versteht und das Gefühl hat, anders zu sein, als all die anderen.
    Was machen all die klugen Kritiker der medikamentösen Therapie, wenn das Kind vor einem steht, in Tränen aufgelöst ist und sagt: “Ich versteh nicht, warum das bei mir nicht klappt, ich möchte ja, aber ich kann nicht, ich will dieses Leben nicht mehr!” Und glauben Sie mir, es liegt nicht an mangelnder Intelligenz o.ä. denn damit könnte man umgehen.
    Was schlagen Sie vor?

  13. @ G. Müller & @S. Schleim

    ‘Erkenntnisse’
    Ich möchte mich nicht in die Diskussion einmischen, ob es wünschenswert ist, dass Kindern und Jugendlichen, mit mehr od. weniger ADS/ADHS Symptome, häufig Ritalin verschrieben wird, denn diese Kompetenz besitze ich nicht.
    Ich möchte Sie mit diesem posting, kurz u. knapp, über meine Erkenntnisse zu dem
    o. a. Sachverhalten informieren bzw. sensibilisieren.
    Der Anteil der Kinder, die dieses Medikament dann auch einnehmen, der liegt ungefähr bei < 25 %. Die restlichen 75 Prozent benutzen die Eltern als NEs.
    Grund: ‘Für einen Erwachsenen ist es ungleich schwieriger, an dieses BtMG-Rezept zu kommen.’

    @S.Schleim
    Die Medikamente Modafinil u. Ritalin mit Amphetaminen auf eine Stufe zu stellen, ist wirklich eine nicht haltbare Position, dazwischen liegen noch Welten. Tatsächlich gibt es z. Zt. in Deutschland kein einziges zugelassenes Fertigarzneimittel, das aus reinen Amphetamin besteht.

  14. Hmm…

    Als “Betroffener” hinsichtlich der Hochbegabung, sowie AD(H)S als Mischtyp, halte ich es für unangebracht per se Stimmung gegen eine ADHS-Medikation zu machen. Letztlich schreien immer jene am lautesten, welche sich den ungeheuren Leidensdruck eines solchen Phänomens nicht im Entferntesten vorstellen können. Landläufig glaubt ja bekannterweise auch ein Jeder der schon einmal traurig gewesen ist, er könne sich in das Innenleben eines Depressiven ganz gut eindenken. Ein folgenschwerer Irrtum, jedenfalls für den Depressiven.
    Bei ausreichender Diagnostik (Nein, die kann nicht der Hausarzt vornehmen, und die dauert auch nicht nur einen Tag in irgendeiner Uni-Klinik) und somit einem hinreichend gesichterten Befund steht die schnellstmögliche Linderung im Vordergrund um die späteren katastrophalen Folgen abzuwenden (hierzu verschaffe man sich einmal einen kurzen Überblick zu den mit AD(H)S in Verbindung gebrachten Komorbiditäten!).
    Auch die weitläufige stoffliche Verwandtschaft zwischen Methylphenidat und Amphetaminen ist kein zulässiges Argument. Amphetamin bietet im Vergleich zu Methylphenidat sogar den ein oder anderen therapeutischen Vorteil, wenn ich mich recht entsinne, würde jedoch weitaus zögerlicher verschrieben, da sein Ruf durch die Verbindung mit der Drogenszene doch arg ramponiert ist.

    Im Übrigen möchte ich noch erwähnen, dass sich Methylphenidat meiner Erfahrung nach keineswegs als ernstzunehmende Rauschdroge eignet, ja die Wirkung und somit die Einnahme von einem Großteil der Klienten als unangenehm empfunden wird. Gleiches gilt auch für Amphetamin in medizinisch relevanter Dosierung. Die meisten mir persönlich bekannten AD(H)S-Betroffenen würden im Gegenteil nur allzu gern auf eine medikamentöse Therapie verzichten, sähen sie sich dazu in der Lage.

  15. Etwas in die Breite gedacht

    Letztendlich geht es bei dieser schon so lange und auf vielen Kanälen geführten Diskussion doch gar nicht so sehr um die Frage, welcher therapeutische Weg der richtige ist. Wie bei allen sogenannten Störungsbildern des Menschen entwickelt sich rund um Hochbegabung und ADHS ein Markt, in dem sich Protagonisten und Betroffene um Marktanteile und natürlich auch um die Deutungshoheit streiten.

    Ein letztendlicher Konsens wird, wenn überhaupt, nur in einigen Jahren aus der Rückschau heraus zu treffen sein. Mit Blick auf den Lebensweg der Betroffenen, eventuelle Spätwirkungen der Behandlung bzw. der Medikation und zusätzliche wissenschaftliche Erkenntnisse.

    Was heute schon deutlich hervorscheint ist, dass dieser Dissens gut in die Zeit passt. Verhandeln wir doch die Frage, in welchem Umfang die Ressourcen Zeit, Zuwendung und Toleranz gegenüber Abweichlern von der Norm für das einzelne Kind vertretbar sind. Die genannten Ressourcen sind allesamt knapp. Ohne Frage stellt die Medikation eine ökonomisch geschmeidige Lösung dar, während die Therapie schon (zeit-)aufwändiger ist und Veränderungen der schulischen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen das größte Investment bedingen würden.

    Auch in Bezug auf diese Behandlungsfrage wird sich also früher oder später diejenige Lösung durchsetzen, die von den maßgeblichen Institutionen als die ökonomischste angesehen wird. Behalten wir als Eltern und Professionelle im Hinterkopf, dass die nicht zwangsläufig vom Kind, vom Patienten her gedacht sein muss.

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