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Der Krieg ist aus, wir gehn nach Haus!

von Hartwig Hanser, 22. Februar 2008, 17:51

Was für eine ereignisreiche Woche! Der Kosovo macht sich selbstständig, Fidel Castro geht in Rente, Deutschland sucht den Super-Steuerhinterzieher. Doch das ist alles ja nur Kleinkram. Die wirkliche wichtige Nachricht kam am Dienstag, als Toshiba erklärte, in Zukunft keine HD DVD Abspielgeräte mehr herzustellen.


Spaß beiseite – zumindest die beiden erstgenannten Ereignisse dürften von wesentlich einschneidenderer Bedeutung für viele Menschen gewesen sein. Trotzdem hat die Nachricht von Toshibas Kapitulation zumindest für die Filmfreunde in aller Welt größere Auswirkungen, als vielleicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Denn letztlich ging es dabei um nicht weniger als die Frage, inwieweit jeder Einzelne von uns in Zukunft die Möglichkeit hat, seine Lieblingsfilme in annähernd 1:1 Kinoqualität daheim in den eigenen vier Wänden zu genießen – oder ob er darauf angewiesen sein wird, auf qualitätsreduzierte und fehlerbehaftete Videoformate wie DVD, Digitalfernsehen oder Download zurückzugreifen, die nur auf mäßig dimensionierten TV-Bildschirmen richtig gut aussehen (dazu auch siehe meinen Beitrag "Das Geheimnis des großen Bildes" vom 7.12.07). Und Toshibas Meldung war hier – entgegen dem ersten Anschein – eine gute Nachricht. Warum, will ich kurz all jenen, die sich noch nicht eingehender mit den hochauflösenden Medien beschäftigt haben, erklären. Psychologie steckt hier nämlich auch drin, und zwar nicht zu knapp.


Die Nachricht vom Dienstag war nämlich nur der Schlusspunkt in einem erbitterten, zwei Jahre dauernden Krieg zwischen zwei konkurrierenden Formaten, die beide im Grunde dasselbe wollte: Filme in hochauflösender (HDTV) Qualität auf die heimischen Mattscheiben bringen. Zwar unterschieden sich die von Toshiba entwickelte HD DVD und die Blu-ray, hinter der praktisch alle anderen großen Elektronikkonzerne wie Panasonic, Sony, Philips, Samsung, Pioneer und Sharp standen, in verschiedenen technischen Details, hatten beide ihre Vor- und Nachteile, auf die ich hier gar nicht eingehen will, aber letztlich waren beide in etwa gleich gut für diese Aufgabe gerüstet. Nur: Dummerweise publizierten nicht alle Filmstudios auf beiden Formaten. Produktionen von Disney oder Fox gab es nur auf Blu-ray, Universal veröffentlichte nur auf HD DVD. Wer also seine Lieblingsfilme in bester Qualität sehen wollte, sah sich vor die Wahl gestellt, entweder auf einige davon zu verzichten oder sich gleich zwei neue Geräte ins Wohnzimmer stellen zu müssen. Natürlich zeigte Otto Normalgucker den Elektronikkonzernen den Vogel und blieb erst einmal bei der guten alten DVD.


Derweilen kämpften die beiden Fraktion mit zunehmend härteren Bandagen und schreckten auch vor psychologischer Kriegsführung nicht zurück. Besonders beliebt wurde der Einsatz von FUD im Internet: Das Akronym steht für „Fear, Uncertainty and Doubt“ und bedeutet das gezielte Streuen von Falschinformationen, um potenzielle Käufer des Konkurrenzformats zu verunsichern und vom Kauf abzuhalten. Was letztlich natürlich insgesamt die Etablierung der hochauflösenden Scheiben bremste, da sich beide Lager ständig Knüppel zwischen die Beine warfen. Besonders interessant fand ich, dass ein „Corporate vice president“ von Microsoft täglich Hunderte von Beiträgen in US-amerikanischen Heimkinoforen wie www.avsforums.com verfasste, so dass man den Eindruck haben musste, dass er im Wesentlichen genau dafür bezahlt wird – virales Marketing nennt man das.


Wieso Microsoft, werden Sie jetzt fragen. Der Softwarekonzern unterstützte Toshiba massiv bei dem Versuch, die HD DVD durchzusetzen. Warum, ist nicht so ganz klar, aber der Eindruck verfestigte sich in Lauf der Zeit, dass Microsoft aus taktischen Gründen den schwächeren Part stärken wollte, um einen raschen Erfolg der hochauflösenden Scheiben (gleich welcher Couleur) zu verhindern – und dann die Bahn frei zu haben, Filme via Download selber zu vermarkten. Abgesehen von solchen Verschwörungstheorien schien HD DVD wohl für Microsoft das geeignete Vehikel, eigenen lizenzpflichtigen Technologien wie der Interaktivitätsplattform HDi eine gute Position am Markt zu verschaffen.
Letztlich hatte diese Form des Internetmarketing aber eine bedauerliche Folge: Das Klima unter den Filmfans, die zuvor sich in den Foren wie in einer verschworenen Bruderschaft tummelten, kühlte sich zusehends ab. Es bildeten sich zwei Lager, die jeweils aus den Anhängern des einen oder anderen Formates bestanden und sich unversöhnlich gegenüberstanden. Plötzlich ging es nicht um das Eigentliche, nämlich die Filme, sondern darum, dass das „eigene“ Format gewinnt.


Dieser zwei Jahre dauernde Bruderzwist hat tiefe psychische Narben hinterlassen: Auch jetzt, nach dem Ende des Kriegs stehen viele dem Gewinner unversöhnlich gegenüber und behaupten, lieber wieder zur DVD zurück zu kehren als auf Blu-ray umzusteigen. Dies zeigt nur mal wieder, wie eng Identifizierung und Fanatismus beieinander liegen. Es steht zu hoffen, dass auch hier bald wieder sich die Gemüter beruhigen und Rationalität einkehrt. Denn schließlich reden wir ja von dünnen Plastikscheiben als Unterhaltungsmedium und nicht vom Weltuntergang. Die Kosovaner haben jedenfalls gerade sicher andere Dinge im Kopf...



P.S. Falls es jemanden interessieren sollte: Ich habe mich jedenfalls Ende November 2007 zum Kauf eines Blu-ray-Spielers durchgerungen, trotz des noch tobenden Formatkriegs. Glück gehabt, kann man im Nachhinein sagen. Aber auch einen HD DVD-Kauf hätte ich nicht allzu sehr bereut: Das Kinoerlebnis in den eigenen vier Wänden wäre es auf jeden Fall wert gewesen.



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Kommentare

  1. Uwe Kauffmann Brav Brauner
    22.02.2008 | 20:49

    Werter Herr Hanser,
    das ist für mich Kinderkram, solange es keine Produktionen, in 50p Format gibt, mache ich mir da keine Gedanken.
    Blue Ray ist für mich auch das einzige ordentliche Format, vor wirklich Ernst zu nehmenden optischen Speichermedien.
    Ausserdem ist ja die Tatsache, das Ausnahmsweise mal Video 2000 gewinnen soll, auch ganz nett.
    Werbefachleute und Marketingexperten, sind für mich eher, schwarze Magier, der Psychologie und da gibt es kritischeres als Videoformate.
    Der Markt ist auch seit längerem, nicht mehr so stabil, den MPEG4 und DivX, sind nicht das Ende der Fahnenstange.
    Seit zwanzig Jahren, heißt es eh Software o'le,
    also mal sehen, was alles noch so auf uns zukommt.

    Gruß Uwe Kauffmann

  2. Hartwig Hanser 50p?
    05.03.2008 | 13:56

    Hallo Herr Kauffmann,

    tut mir leid, dass ich erst heute antworte. Ich verstehe nicht ganz was Sie mit 50p meinen. Kinofilme sind ja grundsätzlich 24p und so auch auf Blu-ray gespeichert und abspielbar. Meinen Sie Fernsehproduktionen?

    Ansonsten re Software ole: Ich denke, Blu-ray wird der letzte Datenträger in Scheibenformat sein, aber nicht der letzte physikalische, denn die Leute wollen doch was in der Hand haben. Ich würde auf Chipspeicher als nächstes Medium tippen, die ja auch schon weit in den Gigabytebereich vorgestoßen sind.

    Viele Grüße,

    Hartwig Hanser

  3. Uwe Kauffmann Auch sehr spät!
    08.03.2008 | 08:57

    Sehr geehrter Herr Hanser,
    zum regelmäßigem Konsum empfohlen: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/computer/
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dlfpodcast/503552/

    Ja Sie haben Recht, 50P Produktionen sind noch sehr selten.
    Es sind aber kristaliene Speichermedien in dem mehere zehn Terrabyte Bereich in der Forschung und die Scheibe, wird es in der Form wie heute, denke ich in zehn Jahren nicht mehr geben.

    Gruß Uwe Kauffmann

szmtag