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„Der Exorzist“ auf schwäbisch: „Requiem“ (2006)

von Hartwig Hanser, 17. Januar 2008, 14:35

Eine junge Tübinger Studentin, Epilepsiepatientin, glaubt auf Grund sich häufender Wahnvorstellungen von Dämonen besessen zu sein. Sie unterzieht sich einem waschechten katholischen Exorzismus – und stirbt bald darauf.

Dem Filmplot liegt eine wahre Geschichte zu Grunde: Anneliese Michel (1952-1976), Pädagogikstudentin aus streng katholischem Elternhaus, litt seit ihrem 16. Lebensjahr an epileptischen Anfällen; später traten Depressionen, Wahnvorstellungen und Zwangshandlungen wie stereotype Bewegungen und Selbstverletzungen hinzu. Nachdem ärztliche Behandlungen keinen ausreichenden Erfolg zeigten, ließ sich Anneliese davon überzeugen, von Dämonen besessen zu sein, und unterzog sich in ihren letzten Lebensmonaten einem Großen Exorzismus nach dem „Rituale Romanum“ – zwei Sitzungen pro Woche, mit Genehmigung des damaligen Würzburger Bischofs Josef Stangl.

Von diesem echten Fall weichen Hans-Christian Schmid und  „Requiem“- Drehbuchautor Bernd Lange in vielen kleinen Details wie Namen, Orte, Nebenfiguren und genaue Abfolge der Ereignisse ab. Obwohl ihr Film über weite Strecken dokumentarischen Charakter besitzt, etwa durch den häufigen Einsatz einer Handkamera und fast völligem Fehlen untermalender Filmmusik, wollten sie bewusst keinen strengen Dokumentarfilm drehen. Sondern im Rahmen einer Familiengeschichte, angesiedelt in der schwäbischen Provinz Anfang der 1970er Jahre, zeigen, wie ein Mensch langsam den Bezug zur Wirklichkeit verliert.

Die Hauptfigur, hier heißt sie Michaela, erscheint zunächst als zwar tief gläubige, aber durchaus normale junge Frau, die sich wie viele andere ihrer Generation der Enge des Heimatdorfs und dem Einfluss ihrer Eltern zu entziehen versucht. Und das anfangs sogar mit Erfolg: Als sie zum Studieren nach Tübingen kommt, findet Michaela bald Anschluss, auch einen Liebhaber; sie wirkt zunehmend selbstsicher, was jedoch den folgenden Absturz in den Besessenheitswahn etwas abrupt und damit weniger glaubhaft erscheinen lässt.

Schade, denn Sandra Hüller spielt die Rolle der Michaela sehr überzeugend. Wie auch die meisten anderen Figuren gut besetzt sind. Geradezu beängstigend wirkt Imogen Kogge als Michaelas dominante, manipulierende Mutter. Ob allerdings Jens Harzer die Idealbesetzung für einen exorzismuswütigen Jungpriester darstellt, bezweifle ich ein wenig – er sieht doch schon sehr nett und harmlos aus.

Beabsichtigt oder nicht – „Requiem“ setzt sich einem direkten Vergleich mit Konkurrenz aus Hollywood aus. Der Fall Anneliese Michel lag nämlich auch dem amerikanischen Film „Der Exorzismus der Emily Rose“ zu Grunde, der erst kürzlich im Kino lief. US-Regisseur Scott Derrickson erzählt die Geschichte allerdings im Rückblick, anhand der anschließenden Gerichtsverhandlung gegen den Exorzisten. Insofern stellte „Requiem“ geradezu ein „Prequel“ zu dem Hollywoodstreifen dar, wäre da nicht ein grundsätzlicher Unterschied: „Emily Rose“ räumt – wie auch der Übervater aller Besessenheitsfilme „Der Exorzist“ von 1973 – der übernatürlichen Sichtweise breiten Raum ein, während in „Requiem“ eine nüchtern-naturwissenschaftliche Deutung der Ereignisse vorherrscht. Ebenso wie die meisten Gutachter im Fall Anneliese Michel lässt Schmids Film keinen Zweifel daran, dass Michaelas Wahrnehmungen und Verhalten eindeutig auf eine Hirnerkrankung beziehungsweise psychische Störungen zurückzuführen sind.

Während in „Der Exorzist“ die Priester am Ende ihr Leben für das Seelenheil der Besessenen hergeben, scheinen in „Requiem“ die Exorzisten ihrerseits Michaela auf dem Altar der dogmatischen Kirchentreue zu opfern. Auf den ersten Blick zumindest. Auf den zweiten bringt sie sich selbst als Opfer dar, nach dem Vorbild einer von ihr zutiefst verehrten Heiligen. Michaelas letzte Lebenswochen enthält uns der Film allerdings vor. Nach dem Krankenbesuch einer Studienfreundin ist auf einmal Schluss, nur eine Texttafel vor dem Abspann kündet in knappen Worten von ihrem Tod. Hier hatte ich irgendwie mehr erwartet – mehr Dramatik vielleicht, mehr existenzielle Zuspitzung?

Egal – dafür liefert der Film massig Stoff zum Nachdenken. Etwa darüber, dass es auch heute noch Menschen gibt, die ernsthaft an Dämonen und Besessenheit glauben. Immer wieder werden Exorzismen durchgeführt, wenn auch in Deutschland eher im Geheimen – verständlich vor dem Hintergrund des Falls Anneliese Michel. Doch bald könnte diese spezielle Spielart des Voodoo auch bei uns wieder salonfähig werden. Laut einer Sendung des WDR-Politmagazins „Monitor“ von 2005 hält Papst Benedikt XVI Exorzismus für eine wichtige Aufgabe der Kirche, und der Vatikan bietet wieder entsprechende Kurse an. Da kann man nur sagen: Gott behüte!



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Kommentare

  1. Planetologist Exorzismus-Zentrum in Polen
    17.01.2008 | 15:18

    Man lese sich diesen Artikel zum geplanten Exorzismus-Zentrum in Polen (Poczernin) durch:

    http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/welt/54,51-19290823.html

    Die Anwohner sind entsetzt - weil sie eine Invasion der Teufel befürchten. Gruselig ist das. Vor allem wenn man bedenkt, dass es quasi vor unserer Haustür geschieht.

szmtag