brainlogs Grenzen

Gedankenlos

von Vinzenz Schönfelder, 07. Juni 2009, 15:22

Öffentliche Medien und Wissenschaft, zwischen beiden herrscht ohnehin ein schwieriges Verhältnis – erst recht was die Hirnforschung betrifft, deren Methoden und Ergebnisse umstrittener kaum sein könnten. Umso schlimmer, dass beide Seiten es gerade hier zu gern an der nötigen Wahrhaftigkeit missen lassen, wie neuerliche Fernseh-Beiträge eindrücklich illustrieren (dazu auch der Beitrag Frontal-Angriff).

Am letzten Donnerstag berichtete der Nachrichtensender N24 über Experimente an der TU Berlin – die Universität hatte zum Pressetermin geladen, suggestiv betitelt: "Flipper-Automat in Echtzeit steuern - allein mit den Gedanken". Im Fernsehen wird daraus dann:

Ein alter Traum wird wahr: allein durch seine Gedanken in der realen Welt etwas verändern, komplexe Bewegungsabläufe mit Gedanken steuern.

Da stockt der aufmerksame Zuschauer schon: die "reale Welt" – welche denn sonst? "Komplexe Bewegungsabläufe" – am Flipper? Der Fernsehmoderator erklärt uns schließlich:

Jeder einzelne Gedanke im Gehirn erzeugt eine elektrische Spannung, und die [...] kann man auch auf der Kopfhaut messen. Die Gedanken werden an den Verstärker weitergegeben, rüber zum Computer geschickt, und der errechnet blitzschnell ein Muster um am Flipperautomaten eine Bewegung auszulösen.

Oh là là, ein Gedankenmessgerät und ein Gedankenverstärker, da sind die Forscher ja schon weiter, als irgendwer geahnt hatte!

Meiner Meinung nach haben Brain-Computer-Interfaces (BCI) mit dem Auslesen von Gedanken, im alltäglichen Sinne, allerdings nichts zu tun. Vielmehr lernen die Probanden, ihre Hirnaktivität bewusst zu beeinflussen. Und deren Muster lassen sich dann per EEG messen.

Weiter berichtet N24, "jeder" soll den BCI-Flipper steuern können, "ohne Übung und Vorkenntnisse". Auch das wäre mir neu, wurde mir doch ein paar Tage zuvor in einem Vortrag der gleichen Forschungsgruppe berichtet, dass manche Menschen nur schlecht oder gar nicht mit dem BCI zurecht kommen und die Ursachen dafür noch gesucht werden.

Später im Bericht erzeugt der Moderator schließlich "graphische Bilder" mit "seinen Gefühlen". Was er eigentlich meint: Die Stärke der Alphaschwingungen in einer EEG-Messungen wird graphisch dargestellt. Wer entspannt die Augen schließt, bei dem nehmen in der Regel die Alphaschwingungen zu.

Das aber ist uralter Tobak, Hans Berger maß diesen Effekt schon in den 1920 Jahren. Nichts davon haben die Journalisten verstanden, stattdessen komponieren sie einen komplett inhaltslosen Text: "Als Flamme dargestellte Bilder [wovon???] steuern einen PC." Was das bedeuten soll, bleibt mir verschlossen.

Nächstes Projekt der Berliner Forscher: Ein BCI-Gerät für Spielekonsolen. Dafür werden öffentliche Forschungsgelder ausgegeben? Den Journalisten ist es wohl recht.

Ein schmaler Grad liegt zwischen Vereinfachung und Verfälschung von Forschungsmethoden und -ergebnissen. Ihn nicht zu übertreten, dafür tragen ebenso die Wissenschaftler wie auch die Medien Verantwortung. Nicht nur in diesem Fall täte beiden Seiten etwas mehr Selbstreflexion und Aufrichtigkeit sicher nicht schlecht.

Quellen

N24 04.06.09
"Berliner Wissenschaftler haben es geschafft - Gedanken steuern Abläufe"

Uniprotokolle 27.05.09
"Flipper-Automat in Echtzeit steuern - allein mit den Gedanken"



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Kommentare

  1. Martin Huhn kein Betreff
    08.06.2009 | 10:26

    Es gibt ja im Prinzip nur zwei Möglichkeiten. Entweder hat der Journalist es nicht verstanden, worum es geht oder eine reißerische Aufmachung muß her, damit sie das Interesse weckt. Falls letzteres der Fall ist, dann wird sich diese Entwicklung wohl nicht zurückdrehen lassen. Ich wüßte zumindestens nicht wie. Meistens gibt es ja nur durch schwere Krisen einen "reset" und dann geht das Ganze wieder von vorne los.

  2. Monika Armand Was ist davon zu halten?
    28.10.2009 | 14:11

    In diesem Werbeprospekt wird behauptet, man könne mit dem "Gehirn" fahren (Drive-by-Brain)
    http://www.emg.tu-bs.de/pdf/EMG_PRESSE_BCI_180606.pdf

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