brainlogs Grenzen

Don't fool yourself / Der Zweck der Kritik

von Vinzenz Schönfelder, 01. März 2008, 23:40

Was macht die Wissenschaft aus? Die Suche nach der objektiven Wahrheit, nach Erkenntnissen, die unabhängig von uns existieren? Im strengen Sinne, lehrt uns die Philosophie, müssen wir daran scheitern. Wonach wir aber streben, sind Ergebnisse, die unabhängig vom jeweiligen Experimentator und seiner konkreten Apparatur sind. Denn am Ende will die Naturwissenschaft etwas über die Natur lernen, die Handlung des Forschers ist nur der Weg dahin, die Apparatur nur das zugehörige Instrument.

Die Konsequenz: Wissenschaftliche Erkenntnis in diesem Sinne muss replizierbar sein. Experimente, die sich nicht wiederholen lassen oder zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, sind nicht wissenschaftlich. Genau deshalb ist die Fähigkeit, Löffel per Geisteskraft zu verbiegen, nicht wissenschaftlich zu beweisen, auch wenn Uri Geller noch so fest an seine Macht glaubt.

Vor nun bald 35 Jahren hat uns die eigenwillige Physik-Ikone Richard Feynman auf seiner Antrittsrede am CalTech davor gewarnt, dass manche Forschung zur Löffelbiegerei verkommt. Für ihn gehört zur Wissenschaft zusätzlich eine Tugend, die mehr und mehr an Selbstverständlichkeit verliert: tiefgründige Ehrlichkeit. Viele Wissenschaftler, darunter nicht zuletzt die Neuroforscher, sowie die Geldgeber der Forschung, täten gut daran, seine Worte in Erinnerung zu rufen und zu beherzigen:

  • Wer Ergebnisse anderer Studien als Grundlage für eigenen Arbeiten verwenden will, sollte diese Ergebnisse als allererstes durch eigene Versuche nachprüfen. Deshalb müssen Experimente und der Weg zu den Ergebnissen so genau festgehalten werden, dass jeder, der die Lust verspürt, sie später reproduzieren kann.
  • Ob ein Experiment veröffentlich wird oder nicht, muss entschieden sein, bevor die Ergebnisse auf dem Tisch liegen.
  • Zur Wissenschaft gehört absolute Ehrlichkeit: Das heißt nicht nur, dass Ergebnisse nicht gefälscht werden (selbstverständlich!), sondern dass auch alle Tatsachen zu berichten sind, die die eigene Interpretation in Frage stellen und nicht ins Bilde passen – auch wenn es zusätzlich Mühe kostet, die am Ende den Ruhm schmälert.
  • Wissenschaftler sollten auch der Öffentlichkeit gegenüber ehrlich erklären, welchen Sinn und Zweck ihre Forschung hat. Wenn sie keinen praktischen Nutzen sehen und ihre einzige Motivation die Neugierde ist, mögen sie sich Nichts aus den Fingern saugen. Die Steuerzahler dürfen selbst entscheiden, ob sie die Arbeit dennoch spannend finden oder aber ihr Geld nicht wert.

Sie finden das klingt alles selbstverständlich? Dann atmen sie vor dem Weiterlesen besser nochmal tief durch.

Denn leider fördert die Wissenschaft, so wie sie heute funktioniert, diese Tugenden nicht: Wer die spannendsten Ergebnisse liefert, erhält die meiste Aufmerksamkeit, egal wie solide die Messungen. Selbst an der Wissenschaftlichkeit von Nature und Science-Texten beginnen die kritischen Gemüter zu zweifeln. In ganz anderem Ausmaß berichten "Wissenschafts"-Unterhaltungssendungen unreflektiert über sensationelle Möglichkeiten und Entdeckungen ohne nur zu versuchen, die wilden Behauptungen in Frage zu stellen. Und die Forscher, die dort zu Wort kommen, fallen nicht eben durch Bescheidenheit auf. Aktuelles Beispiel Lügendetektoren: "[The] only direct measure of truth verification and lie detection in human history" heißt es bei No Lie MRI, einer Firma die sich mit einer neuen, vorgeblich sicheren und genauen Methode brüstet und mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen schmückt. Die Medien finden es heiß und heizen den Wahn an.

Vielleicht sollten die Damen und Herren von "No Lie MRI" sich nicht nur den Regierungen, Gerichten und Anwälten, sondern auch den Philosophen an den Hals werfen, die haben die Suche nach der "Wahrheit" ("truth verification"!!), wie eingangs erwähnt, nämlich längst aufgegeben und ließen sich für jeden Forschritt leicht begeistern. Wissenschaftlichkeit der Informationen auf der Seite der Firma an Feynmans Kriterien gemessen gleich null. Obwohl die Lächerlichkeit offenbar ist, scheint sich keiner der beteiligten Forscher dafür zu schämen.

Wieder zum Ernst des Forschungsalltags: Um Experimente zu replizieren ist keine Zeit und auch kein Geld da – versuchen sie einmal staatliche Forschungsgelder, geschweige denn die momentan so hoch gehandelten Drittmittel dafür einzuwerben – denn wäre ja auch vertane Müh: "Wieso sollten wir Dinge, die schon bekannt sind, nochmals prüfen wollen?" Weil sich eben nicht nur einmal herausgestellt hat, das bombensichere Ergebnisse Irrtümer darstellten und nachfolgende Forschung auf Sand gebaut war. Zum Beispiel hat Millikan, wie Feynman bemerkt, die Ladung des Elektrons falsch bestimmt, einen grundlegenderen Irrtum kann die Naturwissenschaft kaum begehen.

Und doch müssen sich Forscher nach wie vor ein Bein ausreißen, um Ergebnisse zu veröffentlichen, die gängigen Dogmen widersprechen. Oder sie bekommen die kalte Dusche, wenn ihre Ergebnisse im Widerspruch zu früheren stehen. Auf ihre Nachfragen, wie genau das vorherige Resultat zustande kam, heißt es dann schlicht: "Wissen wir auch nicht mehr, der Programmiercode wurde gelöscht/der Verantwortliche arbeitet nicht mehr bei uns/etc." Ist das noch Wissenschaft?

Schließlich verwenden Hirnforscher immer kompliziertere, undurchschaubare Instrumente, Paradebeispiel Hirnscanner, deren Wirkungsweise kaum jemand recht versteht und deren Ergebnisse praktisch niemand testen kann, der nicht das Glück hat, über die gleiche teure Gerätschaft zu verfügen und dazu noch Messzeit für luxuriöse Wiederholungsexperimente erhält. Wie lässt sich dann aber die Wissenschaftlichkeit von solchen Forschungsunternehmen sicherstellen?

Ein ähnliches Schicksal droht auch der Physik mit ihren unbezahlbaren Monsterbeschleunigern. Sie besitzt allerdings den Vorzug, dass die Methodik exakt und ausführlich diskutiert und theoretische Gedankengänge klar auf den Tisch gepackt werden. Wonach genau die Neuroforscher im Hirnscanner suchen, bestimmen sie nicht selten erst nachdem sie es gefunden haben.

Oft genug werden "Regions of Interest" so festgelegt, die statistische Analyse – absichtlich oder unbewusst – so manipuliert, dass die Experimente genau das Ergebnis liefern, was die Forscher erwarten. Was nicht passen will, wird nicht veröffentlicht. Doch wenn vorn schon feststeht, was hinten herauskommt, lernen wir bestimmt nichts Neues und brauchen auch nicht die geldgierigen Scanner in Betrieb zu setzen – im Grunde erstaunlich, wie wenig Empörung solchem jeder Objektivität entbehrenden Vorgehen entgegen gebracht wird. Im besten Fall erfahren wir dabei noch etwas über unsere Mittel und Methoden, aber sicher nichts über die Natur. Welche Bedeutung die jetzigen Erkenntnisse jenseits der verwendeten Technik haben, wird sich spätestens in in zehn oder zwanzig Jahren zeigen, wenn wir über die heutigen Apparate nur mehr milde Lächeln? 

Und was die Anwendbarkeit von Forschung angeht, hat die Wissenschaft die Öffentlichkeit längst verraten – es genügt, sich ein paar Presse-Erklärungen zu Gemüte zu führen. Immer wilder wird spekuliert: "...this research may have applications in...". Aber nie: "It may have no application at all, it's just fun investigating." Wie viele Jahre wohl mindestens vergehen werden, bis das "may" zur Wirklichkeit wird, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass dieser Fall überhaupt eintritt, traut sich niemand zu sagen. 

Ein Beispiel gefällig – bitteschön: die zur Zeit viel zitierten "Gehirn-Computer-Schnittstellen". "Könnten vollständig gelähmten Patienten die einzige Möglichkeit geben, zu kommunizieren.", heißt es ungefähr. Das ist im Prinzip richtig, aber auch nur die halbe Wahrheit. Denn nie wird erwähnt, wie vielen Patienten damit tatsächlich geholfen werden könnte. Denn solang die Betroffenen noch wenigstens mit einem Auge zucken können, sind sie der Computerschnittstelle noch weit überlegen. So sind diese Arbeiten weniger des Problems Lösung, als vielmehr die Lösung auf der Suche nach einem Problem. Soweit meine Kenntnis reicht, hat die Technik bislang bei keinem einzigen ernsthaft Betroffenen geholfen. Wenn therapeutische Anwendung wirklich das Ziel ist, müssen wir uns ehrlich fragen, ob das gleiche Geld nicht anderswo wirkungsvoller zum Einsatz käme. Inwiefern andere Anwendungen, etwa die Steuerung von Computerspielen, eine öffentliche Förderung verdienen, sollte wir gründlich diskutieren.

Bitte verstehen sie diese Worte nicht falsch, ich finde Hirnforschung, ob mit Hirnscannern, EEG-Kappen oder anderen Mitteln sehr spannend und wichtig. Nur kommt hier und da auf der Suche nach Aufmerksamkeit und der Anschlussfinanzierung genau die Integrität und Ehrlichkeit abhanden, die Wissenschaft überhaupt erst zu einem so erfolgreichen Unterfangen gemacht hat. Wer dieses Spiel nicht aufrichtig mitspielt, setzt nicht nur den Ruf der Wissenschaft, sondern auch die Wissenschaft selbst aufs Spiel. Dass Forscher ihre Ehre wie Giordano Bruno bis auf den mittelalterlichen Scheiterhaufen verteidigen, müssen wir nicht verlangen. Vielleicht sind Feynmans Kriterien für den Ein oder Anderen zu streng gefasst, nach wie vor gelten aber seine zynische Worte (zur Untersuchung der Challenger-Katastrophe):

"For a successful technology, reality must take precedence over public relations, for nature cannot be fooled."

Wer Millionen öffentlicher Forschungsgelder verbraucht, tut gut daran, wahrhafte Wissenschaft zu betreiben. Das heißt auch, ehrlich zu sein gegenüber anderen Forschern und der Öffentlichkeit, selbst wenn es Mühe und Rückschläge kostet. Sonst bleiben die Erfolge nur oberflächlich, können Versprechen nicht eingelöst werden. Die Forschung wird scheitern, weil die Natur sich – anders als die Wahrheit – nicht zurecht biegen lässt. Die Beiträge in diesem Grenzen-Blog entstehen nicht in der Absicht, die tatsächlichen Forschungserfolge zu schmälern, sondern im Sinne dieser Ehrlichkeit und vorsichtigen Bescheidenheit der Wissenschaft.

Zum Abschluss das, wie ich finde, schönste Zitat aus Feynmans Rede:

"The first principle is that you must not fool yourself -- and you are the easiest person to fool. [...] After you've not fooled yourself, it's easy not to fool other scientists. You just have to be honest in a conventional way after that."



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Kommentare

  1. Monika Armand Da jubelt die Wissenschaftlerseele ;-))
    02.03.2008 | 18:36

    und sucht die Unterschriftenliste für die Stichpunkte Ihrer Petition an ??? zur Errichtung eines "Grundgesetzes für seriös betriebene Wissenschaft"......;-))

    Wohl scheint die "ergebnisorientierte" und damit "vereinfachende" Wissenschaftsdarstellung dem menschlichen Gemüt entgegen zu kommen. "Menschen" wollen einfache Anleitungen und lineare Wirkungsbeziehungen, Politik arbeitet ständig mit Vereinfachungen und wer "kompliziert" denkt und komplexe Verhältnisse erkennt, passt nicht in die gewünschte Leichtigkeit des Seins.....

    Danke für diese filigrane Analyse der "wissenschaftlichen Modeszene".

    Für mich steckt darin auch die Implikation, dass eine Wertediskussion darüber, was "gute" Forschung und Wissenschaft ausmacht, längst überfällig ist....und nicht nur dort:

    Auch Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftsjournale sollten sich an obigen Kriterien messen lassen. Und wie sieht's mit jenen aus, welche für sich in Anspruch nehmen, sie würden über Wissenschaft bloggen?

    Ein Blick in die Szene zeigt, dass man auch dort eher dem "leichten" Dasein zugeneigt ist....und sich selbst auch in der Versuchung sieht, "leserwirksame", "journalistisch" gefärbte Ausdrucksweisen zu verwenden und nebenbei die präsentierte Wissenschaft damit zu "verdünnen"....

    Einen ersten Anfang haben die "hardblogging scientists" mit ihrer Selbstverpflichtung gemacht. Aber jene Kriterien dürften gemäß Ihren oben genannten Punkten noch um Einiges zu ergänzen sein ;-))

  2. Vinzenz © M. Armand
    03.03.2008 | 13:51

    ...auch wenn es schön wäre, wenn die science-blogger sich an feynmans harten kriterien messen, kann man ihnen ruhig etwas mehr freiheit gönnen – schließlich behaupten sie auch nicht von sich, wissenschaft zu betreiben, noch nicht einmal journalismus. und öffentlich gefördert werden sie erst recht nicht. (leider!)

  3. Monika Armand Scienceblogger & Feynmans Kriterien
    03.03.2008 | 21:05

    >>kann man ihnen ruhig etwas mehr freiheit gönnen>schließlich behaupten sie auch nicht von sich, wissenschaft zu betreibenWissenschaft< verwendet wird.....und ein Laie glaubt, ihm würde Wissenschaft präsentiert werden, sollte m.E. auch echtes wissenschaftliches Denken dahinter stecken....

    Wenigstens passt die unklare Definition des Sciencebloggings zu unserem unklaren "Wissenschaftswesen" ;-))

  4. Monika Armand Upps - System verschluckt Beitrag?
    03.03.2008 | 21:10

    Da hat das System doch meinen Beitrag bis auf ein paar Fetzen einfach "verschluckt" - ich probiere es morgen noch einmal..

  5. 03.03.2008 | 21:59

    Mit dem Peer-Review-Verfahren beißt sich m. E. die Katze in den Schwanz. Durch die Jagd nach Impact-Punkten werden Ergebnisse beschönigt, Diskussionen weichgespült und die Publikation von guter Wissenschaft eher beschränkt als gefördert.

  6. Svenja Skepsis in der Wissenschaft?
    04.03.2008 | 10:09

    neulich las ich in der Zeitung, dass ForscherInnen in Yale gezeigt haben, dass ein "Neuro-Nimbus", also der Verweis auf neurowissenschaftliche Forschung, die Beurteilung eines Sachverhaltes durch das Laienpublikum beeinflusst. In diesem Experiment trug die neurowissenschaftliche Information nicht zur Erklärung des beschriebenen psychologischen Phänomens bei. Dennoch wurde sie anscheinend von vielen Probanden einer logischen Erklärung vorgezogen.
    Was mich am meisten erstaunt hat, ist, dass dieses Experiment von NeurowissenschaftlerInnen durchgeführt wurde. Heisst dies, dass (einige) NeurowissenschaftlerInnen selbst skeptisch gegenüber der öffentlichen Wirkung ihrer Forschung werden?

    Und hier noch der Link zum Artikel in der NZZ:
    Der betörende Nimbus der Neurowissenschaften
    der ursprüngliche Artiklel: Weisberg, D. et. al (2008): The Seductive Allure of Neuroscience Explanation, Journal of Cognitive Neuroscience 20:3, pp. 470-477

  7. 04.03.2008 | 12:23

    Interessant. Vielen Dank für den Link, Svenja.

  8. Martin Huhn @ Armand
    05.03.2008 | 08:28

    Wenn Sie bei den Kommentaren spitze Klammern verwenden, kann der Kommentar automatisch gesperrt werden oder wird maschinell verändert, daß Ihn keiner mehr versteht. Bitte verwenden Sie am besten keine spitzen Klammern, außer die html-tags für fette und kursive Schrift sowie für Links. Alle anderen sind aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Mit html- bzw. script-tags könnte die Seite beispielsweise via Cross-Site Scripting (XSS) angegriffen werden.

  9. Monika Armand Wissenschaftsfälschungen aktuell
    05.03.2008 | 15:51

    zunächst herzlichen Dank an Martin Huhn für die Hinweise. Ich ahne, was wohl schief gelaufen ist ;-))

    @ Vinzenz Schönfelder
    Die aktuellen Wissenschaftsfälschungen zeigen wie brisant Ihre Ausführungen im Beitrag eigentlich sind... (Schon wieder gelogen) "...auch wenn es schön wäre, wenn die science-blogger sich an feynmans harten kriterien messen, kann man ihnen ruhig etwas mehr freiheit gönnen"
    Nun, wenn auf der einen Seite "seriöse" Wissenschaft sich deutlich von der "unterhaltsamen" abgrenzen würde, könnte man sich guten Gewissens dem anschließen.
    Leider ist die Wissenschaftsszene für einen (fachfremden) "Laien", d.h. auch für fachfremde Akademiker derart undurchsichtig, dass sich "echte" Wissenschaft von anderer nicht mehr sauber trennen lässt.Wenn nun Blogs unter dem Label "Wissenschaft" reisen und darin auch keine seriöse Wissenschaft enthalten ist, dann passt dies zum undurchsichtigen Wissenschaftsmarkt. Allerdings tragen diese eben dann auch zu einer weiteren "Entwissenschaftlichung" bei.

    Im Hinweis von Svenja zum NZZ-Artikel "Der betörende Nimbus der Neurowissenschaften" ist m.E. indirekt genau dieses Problem angesprochen. Diese Studie ist für mich ein Beleg für die Undurchsichtigkeit und mangelnde Ethik in den Wissenschaften:

    Ein Stück weit amüsiert mich dabei, dass sich hier Neurowissenschaftler mit einem Problem beschäftigen, welches sie meines Erachtens selbst verursacht haben. Sei es, dass das Libet-Experiment als naturwissenschaftlicher Beweis für das Nichtvorhandensein des freien Willens von Neurowissenschaftlern bemüht wird - selbstverständlich ohne vorher den in der Philosophie beheimateten Begriff zu definieren. Oder sei es, dass Neurowissenschaftler sogar Politiker davon überzeugen konnten, ein eigenes "neurowissenschaftliches" Forschungszentrum zu gründen, um endlich die Geheimnisse des Lernens auf naturwissenschaftlicher Basis zu erschließen, ohne im interdisziplinären Sinne, wenigstens bereits vorhandene umfangreiche psychologische Forschungen in die eigene Forschung mit einzubinden.

    Nun werden sie selbst von ihrem eigens produzierten "Neuro-Hyper" wieder eingeholt. Wer eine "Marke" geschaffen hat, braucht sich über deren "Benutzung" doch nicht wundern, oder ;-))

  10. Felix Kulpa Kleine Dialektik des Knalleffekts
    06.03.2008 | 22:01

    Mir scheint, das Dilemma liegt im heiklen Verhältnis der Wissenschaft zu ihrer öffentlichen Vermittlung.
    Sobald der Forscher aus seinem Elfenbeinturm herabsteigt (und das wird zu recht mehr und mehr von ihm verlangt) und je mehr sein Wohl und Weh davon abhängt, wie öffentlichkeitswirksam er seine Arbeit verkauft, desto eher werden die klassischen Instrumenten der Selbstkontrolle innerhalb des Systems Wissenschaft untergraben. Es zählt dann im Zweifelsfall nicht mehr so sehr die Replizierbarkeit als vielmehr der Knalleffekt. Andererseits kann man der Öffentlichkeit aber nur solange mit windigen Knalleffekten kommen, wie die Mär von der hehren, wahren, heiligen Wissenschaft fortgesponnen wird. Eine aufgeklärte Gesellschaft sollte daher Wissenschaft als das begreifen können, was sie ist: ein interessengeleitetes Unternehmen von Menschen, das bestimmten Regeln gehorchen muss (nicht anders als Wirtschaft, Politik oder Medien auch). Und um diese Regeln durchzusetzen, bedarf die Öffentlichkeit eines Filters, der selbst nicht wissenschaftlich ist, damit er aufklärerisch wirken kann. Wofür, wenn nicht dafür, sind Scienceblogs und Co. sonst da?

  11. Monika Armand @ Kleine Dialektik des Knalleffekts
    07.03.2008 | 12:40

    Oh ja, schön beschrieben ;-))

    Und wie ist das gemeint?
    "Und um diese Regeln durchzusetzen, bedarf die Öffentlichkeit eines Filters, der selbst nicht wissenschaftlich ist, damit er aufklärerisch wirken kann. Wofür, wenn nicht dafür, sind Scienceblogs und Co. sonst da?"

    Ein Filter, der selbst nicht wissenschaftlich ist, führt dieser nicht eher zur "Entwissenschaftlichung"?

    Oder ist das eher gemeint, wie im Fazit der Kommentare dort:
    Was sind (gute) Wissenschaftsblogs ?

  12. Felix Kulpa @Armand
    07.03.2008 | 20:56

    Was ich nur sagen wollte, ist: NATÜRLICH sind Scienceblogs keine Wissenschaft, sondern Kommentare, Meinungsäußerungen über Wissenschaft! Und um überzogene Geltungsansprüche und PR-Getöse (das, was ich "Knalleffekt" nannte) relativieren zu können, bringt es m. E. nichts sich selbst auf das altmodische Forscherethos zurückzuziehen. Man sollte dem lieber eigene Knalleffekte entgegen setzen. Nur bessere eben.

  13. Monika Armand Forscherethos und Knalleffekte
    08.03.2008 | 09:05

    Ja, dann mal "Butter bei de Fische"...;-)

    "Forscherethos" als altmodische Erscheinungen?? Wissenschaft eine Frage der "Mode"?

    Sollte Wissenschaft nicht vielmehr eine Frage der Ernsthaftigkeit sein ? Wenn nur noch gegensätzliche "Knalleffekte" aneinander gereiht werden, bleibt Wissenschaft nur noch etwas für Kenner und Insider. Laien bleiben doch bei solchen Spielchen (oder ist es dann etwas anderes als ein Spiel?) außen vor.
    Und:
    Das "Spiel" mit den Knalleffekten ....findet es nicht laufend statt? Es werden "Knaller" abgeliefert und später wird der "Knaller" = alles gefälscht, geliefert?

    Kann auf diese Weise "Wissenschaft" nicht höchstens beweisen, dass es lediglich darum geht, - bildlich gesprochen - sich wechselseitig die "Förmchen" im "Sandkasten" wegzunehmen?

    Nur hält der Jubel "ich hab die Förmchen" dann nur kurz an. Wer außen am Sandkasten sitzt, d.h. der wissenschaftlich interessierte Laie,oder seriös (d.h. altmodisch) arbeitende Wissenschaftler, kann dann nur noch über das Kindergartenniveau den Kopf schütteln und feststellen, dass Wissenschaft nichts tauge....bzw. für den Wissenschaftler, dass er gegen Windmühlen arbeitet....

    Wollen wir das wirklich?

    Wiki:
    ("Förmchen" = Pendant für Aufmerksamkeit, Geld und "Ruhm"?
    Sandkasten = Spielplatz der Eitelkeit)

  14. Vinzenz @Mathias
    10.03.2008 | 23:48

    Dass Peer-Review nicht perfekt ist, weiß die Wissenschaft sehr gut. Nur ein besseres Verfahren ließ sich bisher nicht finden. Immerhin gibt es neue Ansätze im Kleinen: Die Editors entscheiden allein, ob ein Paper relevant ist, die Reviewer dürfen ihren Senf nur zur wissenschaftlichen Qualität der Arbeit abgeben. Die wissenschaftliche Publikationspraxis steht immer vor einem Dilemma: Sie muss Stabilität gewinnen, durch das Festhalten an alten bewährter Gedanken und wird dadurch zugleich träge gegenüber neuen.

  15. Vinzenz @Svenja
    10.03.2008 | 23:49

    ("Heisst dies, dass (einige) NeurowissenschaftlerInnen selbst skeptisch gegenüber der öffentlichen Wirkung ihrer Forschung werden?") Darauf können Sie/kannst Du Gift nehmen! Diese Skepsis sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Sie ist in der Wissenschaft auch verbreiteter, als der Laie das erfährt. Denn leider bekommt die kritisch vorsichtige Meinung öffentlich immer weniger Gehör als die 'bold statements'. Daran sind weniger die Medien, als die Medienkonsumenten Schuld.

  16. Vinzenz @Monika Armand
    10.03.2008 | 23:50

    Ich bin nicht sicher, ob die Neurowissenschaftler allein daran Schuld sind, wenn etwa Libet-Experimente falsch interpretiert werden. Sie werden zu allen Zeiten Forscher finden, die sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Aber sie können die Mehrheit der rechtschaffenen Forscher nicht für die Fehler dieser Minderheit schuldig sprechen. Tragisch ist vielmehr, dass die öffentliche Bühne den Skeptikern viel zu wenig Raum gibt im Vergleich zu den Großmäulern. Wie dieser Platz verteilt wird entscheiden nicht die Medien, sondern die Konsumenten. Die "Marke Neuro" hätten die Wissenschaftler allein gar nicht schaffen können, dazu sind sie in PR viel zu unbeholfen.

    Dennoch glaube ich, dass was Wahrheit und Halbwahrheit angeht, zu allererst und entscheidend die Wissenschaftler gefragt sind. Unsaubere Arbeit aufzudecken, fällt nicht selten selbst den Kollegen im gleichen Fachgebiet schwer, da muss nicht erst Betrug ins Spiel kommen. Selbst der Wallraff-igste Journalist hat da keine Chance mehr.

    Zum Verständnis der Scienceblogs: Wir betreiben keine Wissenschaft, ebenso wenig Journalismus. Eine Musikzeitschrift erwarten sie auch nicht voller Noten, aber sie werden etwas über Noten lesen. Wir diskutieren über Wissenschaft, manchmal in strenger, manchmal in spielerischer Form. Beides hat seine Berechtigung: Der freche Narr ist ebenso ein Philosoph, wie der strenge Kant! Und schließlich geht es mir nicht darum, festzulegen, was Wissenschaft zu tun hat. Ich erinnere nur daran, was unser Ziel sein könnte. Mit diesen Denkanstößen darf jeder die Frage, ob wir noch auf dem rechten Kurs segeln, selbst beantworten.

  17. Vinzenz @ Felix Kulpa
    10.03.2008 | 23:50

    Ganz meine Meinung. Solang die Lehrer unseren Kindern in der Schule erzählen, "Die Wissenschaft sucht nach der Wahrheit.", solang brauchen wir uns im spätere Missverständnisse nicht wundern. Eine sehr traurige Feststellung, dass die Philosophie als Schulfach verbannt wurde, wo sie doch die erste und wichtigste Wissenschaft darstellt. Selbstkontrolle im Elfenbeinturm oder externe Kontrolle durch die Öffentlichkeit - beides hat seine Tücken, das rechte Verhältnis von Beidem müssen wir ständig neu bestimmen.

  18. Vinzenz @ Armand
    10.03.2008 | 23:51

    Von der Wissenschaft Ernsthaftigkeit verlangen – damit schreckt man nur die Menschen ab, die daran Spaß haben, Feynman ist dafür das beste Beispiel. Er war alles andere als ernsthaft und hat zugleich brilliante Wissenschaft geliefert. Was ihn auszeichnete war Aufrichtigkeit. Daran mangelt es heute, das ist das wirkliche Problem. Wir brauchen aufrichtige Forscher, die ihre Sache ernst nehmen. Ernst sein müssen sie dafür nicht.

  19. Monika Armand Begriffliches Missverständnis ;-)
    11.03.2008 | 19:05

    Ich meinte "seriöse", aber keine "ernste" Wissenschaft und insofern stimme ich den kritischen Kommentaren voll zu.
    Auch wenn ich selbst so leider nicht die wunderbare Gabe habe, Wissenschaft unterhaltsam, humorvoll und gleichsam seriös, d.h. kritisch rüber zu bringen, so finde ich es ganz toll, wenn Wissenschaftsblogger und Journalisten dies beherrschen.

    Unter "Ernsthaftigkeit" verstehe ich überhaupt nicht die Abwesenheit von Humor und Unterhaltung, sondern vielmehr die "Verpflichtung" wissenschaftliche Daten und Fakten nicht um des Kommerzes oder wg. sachfremder Interessen zu verfälschen.

    Als Erziehungswissenschaftlerin darf ich mich immer wieder mit irgendwelchen esoterischen - aber angeblich wissenschaftlich begründeten - Lerntechniken, Therapien usw. auseinander setzen. Und leider hat diese Fachrichtung nicht die klare Struktur anderer Fächer, sondern ist ein buntes Konglomerat, wo nicht immer Wissenschaft drin ist, auch wenn's drauf steht ;-))

    In meinem Kommentar schwang dieser Hintergrund mit. Insbesondere bin ich schockiert, wie auf diese Weise auch noch Geringverdienern, mit irgendwelchen Heilsversprechen für zukünftige Lernerfolge ihrer Sprösslinge, das Geld ordentlich aus der Tasche gezogen wird. Wenn selbst gute Freunde glauben durch kinesiologische Überkreuzbewegungen den Schulerfolg ihrer Kinder sichern zu können....dann ...grr....;-))
    Ja, wie erklärt man "Gläubigen" dann, dass die behaupteten linearen Wirkungsbeziehungen gar nicht so klar sind...? Wenn ich darüber scherze, dann verstehen das Insider, bei "Gläubigen" hilft dann nur noch das eindeutig formulierte Argument....zumindest geht es mir dabei so...;-)

  20. Vinzenz @Armand
    11.03.2008 | 21:08

    Dann sind wir uns einig: Ernst in der Sache, aber nicht zwangsweise in der Form.

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