Die männerfreundliche Variante der Gender Studies: Martin Dinges
Der viel beachtete Männer-Kongress in Düsseldorf fand leider zum Großteil ohne mich statt. Ich hörte nur den Vortrag "Hoffnungen für den neuen Mann? Alternativen aus der Geschichte" von dem Mannheimer Historiker Martin Dinges. Und der hat mir mißfallen.
Dinges betreibt historische Männlichkeitsforschung mit den Methoden, oder besser gesagt, mit dem verstellten Blick der Gender-Ideologie. Er bringt im Gegensatz zu den weiblichen Gender-Forschern dem Mann Sympathie entgegen. Aber seine Ansichten sind dadurch, wie ich meine, nicht erhellender als der Rest der Gender Studies - und nicht viel weniger ideologisch.
Ich rekapituliere seinen Vortrag im folgenden kritisch:
Dinges entwirft eine Geschichte der Männlichkeitsbilder in Europa seit etwa 1800: Männer wurden angeblich zu "harten" Männern erzogen und so zu schweigsamen Personen gemacht. Daraus entstand ein "krankheitsfördernder Habitus".
Das beginnt für Dinges mit den Spätaufklärern, die den Mann als vernünftig, stark und gesund und die Frau als von Emotionen beherrscht, krank und schwach betrachteten. Der Geschlechtsunterschied sei von diesen Männern so stark betont worden, dass sie kaum mehr als – wie zuvor – als Varianten desselben, sondern eher als zwei grundverschiedene Wesen vorgestellt wurden. "Man stellte sich vor, dass dieser Unterschied auf der Biologie beruhte." Und das ist für Dinges, wie für so viele konstruktivistisch gepolte Kulturwissenschaftler, natürlich das übelste was man tun kann. „Der Verweis auf die Genetik ist eine grobe Verkürzung der Dinge“, sagte Dinges.
Aber ist nicht die Ignoranz oder gar Verurteilung der Biologie erst recht eine verheerende Verkürzung der Zusammenhänge? Die Jungs wurden (und werden) nicht zu diesen unten beschriebenen Verhaltensweisen geboren, sondern von ihren Vätern dazu erzogen, behauptet Dinges. Aber fällt denn den radikalen Antibiologisten nicht auf, dass sich ihre Argumentation im Kreis dreht? Wer erzog denn die Erzieher, und wer wieder diese? So kann man zurück fragen bis zu Adam und Eva. Das konstruktivistische Dogma der Leugnung biologischer Dispositionen ist der Grund für die meisten Absurditäten der Gender Studies und anderer kulturwissenschaftlicher Disziplinen. Biologie ist böse, also darf man mit ihr nichts erklären. Natürlich kann auch die Biologie alleine den Menschen nicht erklären. Doch ohne die natürlichen Grundlagen des Menschseins anzuerkennen kann man die darauf aufsitzenden kulturellen und sozialen Phänomene sicher nicht erklären.
Aber wir wollen Dinges Vortrag weiter verfolgen: Dieser angebliche Biologismus der Spätaufklärer, so Dinges, habe einen „Schwarz-Weiß-Diskurs“ ermöglicht, als dessen Höhepunkt er das berühmte Buch „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes “ von Paul Julius Möbius ansieht, das 1900 erschien.
Und da ist sie wieder, die Überschätzung von Diskursen, wie sie unter Kulturwissenschaftlern allzu verbreitet ist. Nur Diskurse, also Texte und ihre Wirkung - und nicht die Biologie oder Machtinteressen oder die Ökonomie - formen demnach den Menschen und die Weltgeschichte. Letztlich ist diese Überschätzung der Kraft des Wortes wahrscheinlich auch eine Rechtfertigung der eigenen Existenz als Kulturwissenschaftler.
Der Diskurs (nicht etwa die Kriege und die ökonomischen Bedingungen der Epoche) zwangen die Männer also dazu, keine „Körpersensibilität“ zu zeigen (was Dinges für bis heute verhängnisvoll hält) und immer „durchzuhalten“. Dinges zählte einige Folgen dieses Diskurses für die männlichen Europäer des 19. und 20 Jahrhunderts auf.
-“Heldensozialisation“: Aufopferung als Ideal. Jeder Mann soll sich durch die Wehrpflicht am Heldenideal orientieren. Diese „Zumutung“ habe das Selbstbild der Männer verändert. Um 1900 habe Heldentum das Weltbild der meisten Männer bestimmt. Dieses Ideal habe eine Risikoorientierung gefordert und zur Bereitschaft geführt, im Beruf ein hohes Gesundheitsrisiko (etwa als Bergmann) einzugehen, um Familien zu versorgen.
-Männer als Hauptverdiener wurden schweigsam. Sie redeten über ihre Malaisen allenfalls mit Kollegen, aber nicht mit der Familie.
-Stärkere Arbeitsteilung führte oft zu räumlicher Entfernung von Familien. Erst dadurch seien die Ehefrauen zu reinen Hausfrauen geworden. Die Lebensbereiche von Mann und Frau seien aufgespalten worden. Männer konnten, wenn sie wollten in ihre Domänen (Arbeit, aber auch Kneipen) flüchten.
-Gesundheitsschädliches Verhalten (Tabak, Alkohol)galt als Mänlichkeitsmarker. Zigaretten beim Militärdienst „maskulinisierten“ das Rauchen.
-Jungen werden zur Bewegung und zum Sport erzogen. Abhärtung.
-Ärzte begannen sich vor allem für Frauenkörper zu interessieren. Ab 1860 war der Arztbesuch eher eine Frauensache. Vor 1800 waren immer mehr Männer beim Arzt gewesen. Nicht mehr so oft zum Arzt zu gehen, sich die Aufmerksamkeit gegen den eigenen Körper abzugewöhnen, sei ein im 19. Jahrhundert erlerntes Verhalten.
Dinges hat zur Medizingeschichte relativ viel publiziert. Er hat dazu einige Tausend Briefe untersucht. Ich kann mir schwer vorstellen, wie man auf dieser Quellenbasis vor der Einführung verlässlicher Statistiken solche Behauptungen glaubhaft belegen kann. Aber ich kenne seine Forschungen nicht im Detail, vielleicht kann er's ja. Ich bin jedenfalls skeptisch, was den Erkenntniswert solcher kulturwissenschaftlicher Briefauswertungen angeht. Feldpostbriefe werden ja auch von neueren Militärhistorikern als Quelle herangezogen, um den Krieg des kleinen Mannes zu untersuchen. Mich hat das schon als Hilfskraft am historischen Seminar in Düsseldorf nicht überzeugt, wo das ein Kollege tat.
Nun gut. Nach dieser Aufzählung begann Dinges mit seinen politisch-gesellschaftlichen Forderungen für den „neuen Mann“.
Also: „Wir sollten Gelegenheiten für Männer Gelegenheiten schaffen, über ihre Gesundheit zu reden!“ Konkret: „Gesundheitstrainings im Rahmen von Gender Mainstreaming könnten helfen!“
Meine Güte, was soll das denn! Ich kann mir nichts peinlicheres vorstellen als solches Gesundheitsgetratsche mit Leuten, die mein Körper nichts angeht. Egal ob Frauen oder Männer. Und ich wüsste nicht, wer mich daran hindert, ab und an mal mit meiner Frau oder sehr engen Freunden über dieses oder jenes Wehwehchen zu sprechen. Vor allem aber rede ich darüber mit meinem Arzt. Alles andere ist letztlich doch belangloses Jammern.
Was er sonst noch forderte, ist mir nicht des Schreibens wert.
Letztlich, so mein Eindruck nach Dinges' Vortrag, will er die Männer von der Männlichkeit (die ja angeblich nur durch einen bösen Diskurs „konstruiert“ wurde) befreien und an die Frauen angleichen. Wahrscheinlich empfiehlt er auch „Gala Men“ oder „Men's Health“ oder ähnliche Verweiblichungsmedien.Nein danke, Herr Dinges! Solch einen „neuen Mann“ wünsche ich mir nicht und werde selbst sicher keiner werden. Ich interessiere mich nicht übermäßig für meine Gesundheit, will nicht über alles reden, erst recht nicht meinen Körper! Männer, die viel über sich und ihren Körper reden, sind mir höchst suspekt. Ich lasse es mir auch nicht nehmen, tapfere, sich selbst für andere aufopfernde, riskant lebende (und denkende!) Männer zu bewundern. Ich nehme mir sogar vor, ihnen ein ganz klein wenig nachzueifern. Und ab und an "fliehe" ich auch rauchend in Kneipen und trinke ein paar ungesunde Alkoholika. Vor allem aber glaube ich nicht, dass mich zu diesem Verhalten irgendein Diskurs veranlasst hat, ein wenig mit Sicherheit meine Erziehung und mein Umfeld, aber wahrscheinlich nicht zuletzt auch mein y-Chromosom.
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Diesem Post kann ich nur zustimmen - auch mir erscheint weder die biologistische noch die kulturalistische Engführung des Menschen(bildes) gerechtfertigt. Seriös wird man anerkennen müssen, dass Menschsein in jedem Augenblick immer sowohl biologische wie kulturelle Aspekte hat, die aufeinander zu beziehen wären. Aber der Dualismus ist in unseren Breiten geistesgeschichtlich und institutionell noch (zu?) stark...
Übrigens hatte ich am Wochenende einen Film gesehen, bei dem ich gedacht hatte, dass er Ihnen ggf. (auch, aber nicht nur in den Feminismus-kritischen Passagen) sehr gut gefallen dürfte:
Up in the Air - Die Krise unserer Ichling-Kultur
Herzliche Grüße!
Freut mich, dass wir uns in dieser Hinsicht einig sind.
Danke auch für den Kino-Tip. Der Film interessiert mich.
Mir stellt sich die Frage, wer da in einem ungewöhnlichen Soziotop lebt:
"Und ich wüsste nicht, wer mich daran hindert, ab und an mal mit meiner Frau oder sehr engen Freunden über dieses oder jenes Wehwehchen zu sprechen."
Denn genau das geschieht ja auch ganz regelmäßig, daß man unter Männern solche Dinge kurz bespricht oder nach einem Rat fragt. Jedenfalls erlebe ich das. Sollte ich und meine Freunde eine seltene Spezies bilden?
Diese Annahme kommt mir ein wenig unglaubwürdig vor.
Der Ausschluss biologistischer Ursachen, aus kulturprägenden Prozessen, ist, als ob man der linken Seite einer Gleichung keine Beachtung schenkt, jedoch die Rechte zu erklären versucht. Sie drehen sich argumentativ im Kreise, hiess es im Text, völlig zutreffend.
Diese Ignoranz hat zur Folge, dass die Kultrur den Menschen, nicht jedoch der
Mensch, gemäß seinen Eigenheiten und somit auch seiner Biologie, die Kultur
erschuf.
Die Kultur, wird somit aus jeglicher Bedingtheit gerissen. Sie mutiert in einem "Vakuum", zur Ursache ihrer Selbst,
wird in einer Gleichung von der rechten
auf die linke Seite "gespiegelt" und ad
absurdum geführt.
Kultur wird somit "nur geerbt" und prägt
den Menschen, nicht jedoch prägt der Mensch die Kultur an sich. Mehr noch, er
wird sogar zu ihrem Opfer..........kennen
wir das nicht irgendwoher?.
Was auch sofort auffällt, ist, dass der
Zufall eine immer grössere Bedeutung erhält.Will man nicht auf paradoxe Weise
die Kultur zur ErschafferIN ihrer Selbst machen, und biologistische
Erklärungsmodelle nicht zulässt, dann
MUSS an die Stelle der Ursache der Zufall verortet werden. Das ist Gender.
Es sind die "zufälligen" Bedingungen und Umstände, die einen "harten Mann" oder Männlichkeit erfordern.Es entsteht somit erst Männlichkeit, die Männer waren es nicht etwa vorher schon. Kultur macht Männer erst männlich, nicht etwa die Männer, die der Kultur einen männlichen
Charakter einprägen. Das Selbe gilt für
Weiblichkeit. Es ist die Kultur, ganz nach De Beauvoir, die Weiblichkeit erst erzeugt, nicht etwa eine biologisch angelegte Weiblichkeit, die, die Kultur selbest mit einer weiblichen Note versieht.
Die Folgen solch zufälliger Geschlechtlichkeit, müsste also empierisch nachprüfbar sein, dann die
Umstände sind von Kultur zu Kultur unterschiedlich, ergo ist es auch die Kultur und das Verständnis, wenn überhaupt, von Geschlechtlichkeit.
Es sollte auf der Erde also wie folt aussehen:
Ein kleiner Teil, definiert Männlich-
sowie Weiblichkeit wie wir.
Der überwiegende Teil der Erdbevölkerung jedoch, sollte diese Einteilung nicht kennen und Gender-Mainstreaming schon immer gelebt haben.
Währen ein anderer kleiner Teil, die Rollen im gegensatz zu unserer Kultur genau vertauscht sieht, also Frauen eher
männlich und Männer sich eher weiblich verhalten.
Wir wissen, die Welt sieht anders aus.
Auch die Suggestion von harten Männer, die erst 1800 eine Idealisierung von aufrechten Kriegern und Heldentum einführten, ist glatte Ignoranz, denn
diese Form von Kultur kennen wir schon
seit Jahrtausenden, quer durch alle Kulturen und Völker dieses Planeten!
Die Griechen,Römer,Germanen,Azteken,Maya,
Ägypter,Araber,Indianer, ja, sogar im 5000 Jahre alten Gilgamesch Epos, wird
das Selbe unter Männlichkeit verstanden,
wie um 1800. Es ist ganz und gar nicht "neu".
Doch letztendlich geht es darum, warum
wir diese Form von Kultur überhaupt kennen, wieso sie in ALLEN Völkern der Erde gleich verstanden und gelebt wird,
wieso sie Männer, nicht aber Frauen betrifft. Was Frauen und Weiblichkeit angeht, gleicht die Sicht der verschiedenen Kulturen auf selbige, wie
ein Ei dem anderen.Sie wiederum betrifft Frauen, aber nicht die Männer.
Und dabei ist es völlig egal, ob es sich um das alte Japan handelt, oder das heutige Mexico. Ich denke, der Zufall kann getrost als Ursache dafür ignoriert werden.
Die Lösung liegt in unserer Biologie.
Solange das ignoriert wird, werden sie sich immer weiter im Kreise drehen.
mfg Mas
Ich verstehe Ihren Einwand nicht ganz. Vielleicht habe ich mich mit diesem Satz ("ich wüsste nicht, wer mich daran hindert, ab und an mal mit meiner Frau oder sehr engen Freunden über dieses oder jenes Wehwehchen zu sprechen") unklar ausgedrückt. Also nochmal im Klartext: Ich bezweifle, dass Dinges Recht hat mit der Annahme, dass immer noch ein anerzogenes (!) Verbot wirksam ist, als Mann über seine Krankheiten zu sprechen. Ich denke, dass die meisten Männer (so wie ich) einfach (von "Natur" aus) nicht so viel über körperliche Befindlichkeiten quasseln, weil sie generell nicht so viel über alltägliches quasseln wie Frauen. Dafür habe ich aber keine anderen Indizien als meine Lebenserfahrung. Also bitte nageln Sie mich darauf nicht fest. Vielleicht bin ich da auch eher eine Ausnahme.
Ich bin grundsätzlich skeptisch, ob Diskurse (also das was irgendwelche Dichter und Denker von sich geben) und Erziehung einen entscheidenden Einfluss darauf haben, wie viel oder wenig ein Mann oder eine Frau mit anderen über ihren Körper reden.
Dinges merkte übrigens am Schluss noch an, dass das Verhältnis zur eigenen Gesundheit heutzutage stärker schichtenspezifisch als geschlechtsspezifisch sei.
Das Problem mit der Lebenserfahrung ist, dass sie eine muntere Mischung aus biologischen und kulturellen Zutaten ist. Wenn du ernsthaft glaubst, verschwiegen zu sein und Bier zu trinken, weil das auf eine ominöse Weise in deinem Y-Chromosom kodiert sei, dann bist du das exakt andere Extrem zu dem auf dem biologischen Auge blinden Kulturwissenschaftler. Die Parallele ist ohnehin sehr faszinierend. Der Kulturwissenschaftler sagt biologische Faktoren gibt es, spielen aber keine so große Rolle. Du sagst, kulturelle Faktoren gibt es, spielen aber letztlich keine so große Rolle. Nur weil einem das eine Extrem nicht gefällt, kann man nicht automatisch zum anderen wechseln. Die Realität sieht dagegen viel eher so aus, dass beide Faktoren wichtig sind. Die Biologie ist die Grundlage, die Kultur gestaltet aus. Und dazu gibt es auch wunderbare Untersuchungen und Studien. Beispiel Geschwätzigkeit: pure Kultur. Denn schaut man Weiblein und Männlein zur Abwechslung wirklich auf den Mund ergibt sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Geschlechtern. Männer reden genau so viel wie Frauen. Dass du etwas anderes _glaubst_, das ist dem Männerbild und mithin der Kultur zu verdanken. Aber das Y-Chrosom hat damit sicher nichts zu tun.
>Ich verstehe Ihren Einwand nicht ganz.
Es war gar kein Einwand. Vielleicht war ich einfach nur zu umständlich: Ich wollte Ihnen eigentlich beipflichten.
"Ich bezweifle, dass Dinges Recht hat mit der Annahme, dass immer noch ein anerzogenes (!) Verbot wirksam ist, als Mann über seine Krankheiten zu sprechen."
Dem stimme ich zu.
"Ich denke, dass die meisten Männer (so wie ich) einfach (von "Natur" aus) nicht so viel über körperliche Befindlichkeiten quasseln, weil sie generell nicht so viel über alltägliches quasseln wie Frauen. "
Das ist auch meine Erfahrung.