Von Gleichheit und Ungleichheit - nicht nur zwischen Männern und Frauen
Über die Gleichheit der Menschen wird meist allzu undifferenziert gesprochen, nicht erst von Peter Sloterdijk und Axel Honneth. Das führt zu ungeheurer Verwirrung, zu unproduktivem Streit von aneinander Vorbeiredenden, wie diese Pseudo-Debatte deutlich zeigt. Ich mache im folgenden Essay einen Vorschlag zur Unterscheidung zweier grundsätzlich verschiedener Arten von Gleichheit und Ungleichheit - über das Geschlechterverhältnis und die "soziale Ungleichheit" hinaus. Große Teile dieses Textes und die zentrale These beruhen auf einem unveröffentlichten Vortrag des Philosophen Gerhard Knauss, meines Vaters.
Von Gleichheit und Ungleichheit
„Was die Menschen voneinander schied, gewahrte sie voll Staunen, Entzücken und Verzweiflung.“ Stephen Spender über Virginia Woolf, in seiner Autobiographie „World Within World“ (1951)
Es wird enger auf der Welt. Die Menschen werden nicht nur immer mehr, auch der Daseinsraum jedes Einzelnen erweitert sich durch Intensivierung der medialen Kommunikation und immer mehr Raum fressende Infrastrukturen. Die weltweite Mobilität vermischt Klassen und Milieus, Völker und Kulturen, Ethnien und die früher so genannten „Rassen“ – und konfrontiert sie immer öfter miteinander. Auch Frauen und Männer treffen heute in Lebensbereichen aufeinander, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch streng nach Geschlechtern getrennt waren. Kurz: Man kann das Fremde, das „Andere“ (von dem in den Kulturwissenschaften so oft und auf ziemlich bescheuerte Art und Weise als „Konstrukt“ gesprochen wird) nicht mehr auf Distanz halten.
Also stellt sich die Frage immer drängender: Wie begegnen wir uns? Wie nehmen wir uns wahr? Gleichgültig? Als Freund oder Feind? Und vor allem: Als Gleiche?
Natürlich, wie denn sonst, sagt man schnell und oberflächlich. Aber wie steht es denn wirklich mit der Gleichheit des Menschen? So viel von ihr gesprochen und geschrieben wird, so selten wird intensiv über sie nachgedacht.
Seitdem die Französische Revolution 1791 die égalité zu einem ihrer drei Schlagworte gemacht hat, wird ihre Durchsetzung zunehmend zu einer der Antriebskräfte der geschichtlichen Entwicklung. Die mehr oder weniger offene – und leider oft unüberlegte - Gleichsetzung von Gleichheit mit Gerechtigkeit macht den Ruf nach ihr so explosiv und ließ in ihrem Namen viel Blut fließen.
Das liegt wohl auch daran, dass man sich unter der Fahne der Gleichheit von Anfang an selten einig war. Schon die Niederschlagung des Aufstandes des „Bundes der Gleichen“ unter Gracchus Babeuf durch die Direktoriumsregierung im revolutionären Frankreich 1796 zeigt das. Babeuf wollte eine sehr weitgehende, auch das Eigentum einschließende Gleichheit, wie man aus seiner Verteidigungsrede vor dem Tribunal des Direktoriums nachlesen kann, das ihn zum Tode auf der Guillotine verurteilte. Die bürgerlichen Revolutionäre wollten Rechtsgleichheit (für Männer) und Emanzipation der (männlichen) Juden, aber keine ökonomische Gleichheit.
Die gesamte demokratische Entwicklung seither hat natürlich die Gleichheit irgendwie zum Inhalt. Kaum jemand hat je laut ausgesprochen für die Ungleichheit gekämpft – seit 1945 ist sie offenbar endgültig diskreditiert. Es ist oder scheint in der Politik der Neuzeit immer die Rede von Gleichheit, aber es ist nicht immer dieselbe Gleichheit.
Selbst die radikalsten Forderungen nach Gleichheit ließen zunächst beispielsweise die Geschlechterfrage außen vor. Allerdings konnte es bei so viel Gleichheitsreden nicht ausbleiben, dass auch Frauen Gleichheit einforderten. Ohne Gleichheitstheorien kein Feminismus.
Undifferenziertes Reden von der Gleichheit
Man redet abstrakt und undifferenziert von der Gleichheit – seit jeher. Dies geht schon zurück auf die Rede vom Menschen in der griechischen Philosophie, auf die man gemeinsam mit dem Christentum den Gleichheitsgedanken gewöhnlich zurückführt.
Explizit reden die griechischen Denker (Philosophen und Historiker) nicht von der Gleichheit der Menschen, nicht von der Gleichheit der Griechen und Nichtgriechen, und erst recht nicht der Männer und Frauen. Im Gegenteil werden die Unterschiede bis zur Karikierung hervorgehoben. Die Idee der Gleichheit taucht nur indirekt auf in der Diskussion über den allgemeinen Begriff des Menschen, den die Griechen hervorbrachten. Wenn Aristoteles in „de anima“ erklärt, dass die Seele das formale Prinzip des Leibes sei, so gilt diese Aussage natürlich für den Menschen schlechthin und insofern für alle Menschen. Die Anthropologie in „de anima“ ist also eine allgemeine Lehre vom Menschen, aus der man, wenn man will, eine Gleichheit aller Menschen herauslesen kann. Sie hindert Aristoteles aber nicht, in der „Politik“ den Barbaren in concreto die Gleichheit mit den Griechen abzusprechen und die Sklaverei als von Natur gegeben zu erklären (Buch I, Kap. 2): „Denn was von Natur dank seines Verstandes vorauszudenken vermag, ist ein von Natur Herrschendes … , was dagegen mit den Kräften seines Leibes das so Geplante auszuführen vermag, das ist ein Beherrschtes und von Natur Sklavisches, weshalb sich denn die Interessen der Herren und Sklaven ergänzen“ (1252 a). Was Aristoteles über den Menschen in „de anima“ sagt, gilt für einen abstrakten Menschen und hat keine konkrete politische Bedeutung. Es ist das animal rationale der späteren scholastischen Philosophie, aus dem auch diese keine politisch egalitären Forderungen ableitete.
Die Rede von dem Menschen, dem allgemeine, gleiche Prädikate zugesprochen werden, hat mit dem Urteil über die Menschen, denen Aristoteles in der Polis begegnet, ebenso wenig zu tun, wie die Rede von der allgemeinen Menschenwürde bei Kant zu tun hat mit seinem vernichtenden Urteil über „die Neger“, die wie er in seinen „Beobachtungen über das Gefühl des Erhabenen und Schönen“ von 1764 behauptet, „von Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege“, hätten. Den Gipfel solcher Schizophrenie erreichte Platon: Für eine kurze Zeit musste er selbst das Schicksal des Sklaven erdulden und dennoch bindet er die Sklaverei ganz selbstverständlich in seinen Idealstaat ein.
Auch der Jesus des Neuen Testaments spricht nie von Gleichheit, was heutige Christen vielleicht nicht gerne wahrhaben möchten. In seiner häufigen Rede von Herr und Knecht wird an diesem Herrschaftsverhältnis kein Anstoß genommen. Den Verkünder des Heils interessieren die Gleichheits- und Ungleichheitsverhältnisse unter den Menschen offenbar nicht. Es geht für ihn um den Nächsten, aber es wird nicht gesagt, wer der Nächste ist. Erst aus dem Missionsgebot des auferstandenen Christus (Matthäus 28,19: „Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie …“) kann man die Gleichheit aller Völker gegenüber dem Wort Gottes erschließen. Die sich zur Weltreligion ausbreitende Lehre erzwang die Anerkennung aller zu Bekehrenden als Gleiche im Glauben, ohne dadurch soziale und biologische Differenzen ausgleichen zu wollen. Das hinderte die Kirche nicht daran, die Sklaverei als selbstverständliche Institution anzuerkennen. Von Papst Gregor I. berichtet Beda Venerabilis, er habe auf dem Marktplatz in Rom zum Verkauf stehende angelsächsische Jünglinge gesehen, die ihm wegen ihrer strahlenden Gesichter auffielen. Als er erfuhr, dass sie „Angeli“ seien, meinte er wortspielerisch: „Zu Recht, denn sie haben ein engelgleiches Aussehen, und es geziemt sich für sie, Gefährten der Engel im Himmel zu sein.“ Ihr irdisches Sklavenschicksal berührte ihn nicht.
Auch die Denker der Aufklärung sprechen oft undifferenziert von der Gleichheit: Zwar schreibt Montesquieu im „Geist der Gesetze“ (Buch 5), dass in der Demokratie die tatsächliche Gleichheit die Seele des Staates ist und dass die Liebe zur Demokratie die Liebe zur Gleichheit ist (Kap. 3) und dass es ein richtiger Grundsatz ist, dass Gleichheit in einer Republik durch Gesetze vorgeschrieben sein muss; aber gleich darauf heißt es in Kapitel 5: Sollte man um der Gleichheit der Güter willen durch Gesetze fordern, dass die Reichen den Armen Ausgleich gewähren, dann würde das dazu führen, dass die Bürger eine solche Gleichheit hassen würden. Montesquieu hält also nichts von ökonomischer Gleichheit. Und die Sklaverei? „Da alle Menschen von Geburt aus gleich sind, so muss man sagen, dass die Sklaverei gegen die Natur verstößt, obgleich sie in einigen Ländern auf natürlichen Ursachen beruht, und man muss gut unterscheiden zwischen diesen Ländern und jenen, wo die natürlichen Ursachen ihr entgegen stehen, wie die Länder Europas, wo sie ja glücklicherweise abgeschafft ist.“
Die Sklaverei ist also gegen die Natur, aber es gibt doch Gründe für die Sklaverei, denn „die natürliche Sklaverei ist auf bestimmte Länder der Erde beschränkt.“ Und damit kommen wir zum Kern der Sache: Die Gleichheit gilt nur für Europa, genau genommen für Nordeuropa (Bei Montesquieu beginnt der Mythos der Nordvölker!). Obwohl er im Vorwort als Programm der Aufklärung die Beseitigung der Vorurteile verkündet, lehrt er eine diskriminierende Völker- und Rassenpsychologie: Die Inder seien von Natur aus feige (Buch 14, Kap. 4-5), die Chinesen das größte Betrügervolk (Buch 19, Kap. 20), und die Japaner so wild, dass Gesetzgeber und Behörden keinerlei Vertrauen zu ihm hätten fassen können. Überhaupt herrsche in Asien ein Sklavengeist ohne freie Seelen: „Man wird dort immer nur das Heldentum der Knechtschaft antreffen“ (Buch 17).
Am schlechtesten aber schneidet Afrika ab. Ich bringe ein größeres Zitat aus dem 5. Kapitel des 17. Buches, dessen Interpretation umstritten ist: „Wenn ich unser Recht zur Versklavung der Neger zu begründen hätte, dann würde ich folgendes sagen: Da die Völker Europas die Völker Amerikas ausgerottet hatten, mussten sie die Völker Afrikas zu Sklaven machen, um sie zur Urbarmachung so großer Gebiete zu benutzen. Der Zucker würde zu teuer sein, wenn man die Pflanzungen die ihn erzeugen, nicht von Sklaven bearbeiten ließe. Die Menschen, um die es sich dabei handelt, sind schwarz vom Kopf bis zu den Füßen und haben eine so platte Nase, dass es fast unmöglich ist, sie zu beklagen. Man kann sich nicht vorstellen, dass Gott, der doch ein allweises Wesen ist, eine Seele, und gar noch eine gute Seele, in einen ganz schwarzen Körper gelegt hat.“ Es sei unmöglich, fährt Montesquieu fort, dass diese Leute Menschen seien, denn „wenn wir sie für Menschen hielten, müsste man glauben, dass wir selbst keine Christenmenschen sind“. Ist das eine Satire gegen den Rassismus, wie manche behaupten? Ich bin mir nicht sicher.
Dass die ungenaue Fassung des Gleichheitsprinzips zu politischer Instabilität und Umstürzen führe, erkannte schon Aristoteles: „Die Vielheit der politischen Verfassungen rührt daher, dass man übereinstimmend das Prinzip der Gleichheit proklamiert, aber das Prinzip falsch versteht. Die Demokratie (Volksstaat) ist daraus entstanden, dass man meinte, dass wer in einem bestimmten Stücke gleich ist, es auch schlechthin sei; denn weil alle gleichmäßig frei geboren sind, meinen sie, schlechthin einander gleich zu sein. Die Oligarchie hat ihren Ursprung in der Auffassung, wer in einem Stück ungleich sei, sei es schlechthin; denn weil die Oligarchen den anderen im Reichtum ungleich sind, meinen sie, ihnen schlechthin ungleich zu sein“ (1301 b). Gerechtigkeit, schreibt Aristoteles, besteht in der Gleichheit, aber in der Gleichheit für Gleiche, nicht für alle. Und darum ist auch die Ungleichheit gerecht, nämlich für die Ungleichen, nicht für alle (1380 a). Darum muss man darauf achten, welchen Personen die Gleichheit und welchen die Ungleichheit eignet (1382 b). Aristoteles fordert also dazu auf, das Problem der Gleichheit philosophisch zu untersuchen, bevor man politische Entscheidungen trifft.
Verschiedene Gleichheiten
Der erste Schritt zum differenzierten und qualifizierten Reden von der Gleichheit, sei es in der politischen Propaganda oder in geisteswissenschaftlichen und philosophischen Veröffentlichungen, ist die Unterscheidung der Arten des Gleichseins.
Konkret sollte man zum Beispiel unterscheiden: zwischen ökonomischer Gleichheit des Besitzes, des Eigentums und des Zugriffs auf das Sozialprodukt auf der einen Seite und der politischen Gleichheit des Zugangs zu den Institutionen und der Beteiligung an politischen Entscheidungen; zwischen der Gleichheit aller vor dem menschlichen Gesetz und der ganz anderen Gleichheit vor einem obersten moralischen Richter, was die Christen die Gleichheit der Kinder Gottes nannten, welch letztere wieder zu unterscheiden ist von der Gleichheit vor durch Konsens oder a priori geforderten moralischen Imperativen. Etwas ganz anderes ist die Chancengleichheit als die von außen garantierte Gleichheit im Gebrauch der Freiheit zu möglichen Handlungen. Schließlich ist die Rede von der Gleichheit der kulturellen und ästhetischen Werte, wenn etwa die Gleichartigkeit von Kulturen früher oder später Stufen behauptet wird und damit der Begriff von primitiven Kulturen oder primitiver Kunst geächtet wird, beziehungsweise wenn die Demokratie aus Kultur, Kunst und Wissenschaft verbannt werden soll. Und schließlich: Die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz unabhängig von Herkunft, Ethnie, „Rasse“, Geschlecht ist zu unterscheiden von der Behauptung anthropologischer Gleichheit der menschlichen Konstitution, welche wieder zu differenzieren ist nach physischen, physiologischen und intellektuellen Bestandteilen.
Das öffentliche Bewusstsein und vor allem der geistes- und sozialwissenschaftliche Teil der akademischen Welt hat sich unter dem Eindruck der mörderischen Erfahrungen von Sklaverei, Kolonialismus und vor allem der Schoah auf die Leugnung oder Nichtbeachtung biologischer Unterschiede zwischen Menschengruppen weitestgehend festgelegt. Dieses Dogma des biologischen Egalitarismus lautet in etwa so: „Rassen gibt es nicht. Die äußerlich erkennbaren Unterschiede zwischen Menschengruppen sind bedeutungslos, und die anderen sind Ergebnisse kultureller Prozesse, also sozial konstruiert.“ Das scheinbar naturwissenschaftlich fundierte Argument ist dabei, dass die genetisch feststellbaren Unterschiede zwischen zwei beliebigen Individuen größer sind als die zwischen Kollektiven, welche daher unbedeutend seien. Und mancher Biologe schließt sich an, vor allem wenn es um die genetischen Grundlagen der Intelligenz geht. Steven Rose fordert in „Nature“ den Verzicht auf die Erforschung der Intelligenz nach Geschlecht oder Rasse: „The catergories of intelligence, race and gender are not definable within the framework required for natural scientific research.” (Nature, Vol 457, 12.2.2009, S. 786)
Die medizinische und humanbiologische Forschung präsentiert dagegen in jüngster Zeit immer häufiger Ergebnisse, die das Dogma infrage stellen. Genetiker wissen mittlerweile, dass man Menschen allein auf der Basis ihrer Genome sehr wohl verschiedenen Gruppen gemeinsamer geographischer Herkunft zuteilen kann. So gab es jüngst eine große Untersuchung über die Bevölkerung Indiens, die zeigte, dass die Angehörigen der Kasten sich auch genetisch sehr deutlich unterscheiden (Nature, Vol 461, 24.9.2009, S.489-494). Und die verschiedenen Häufigkeiten so genannter Polymorphismen in den Genomen diese Gruppen (den Begriff „Rasse“ meiden Biologen mittlerweile ebenso wie Kulturwissenschaftler) sind nicht nur relevant für die Ausprägung äußerer Merkmale wie Hautfarbe, sondern auch für das Risiko vieler Krankheiten oder die Verträglichkeit von Medikamenten. Geschlecht und ethnische Herkunft werden in der Medizin immer stärker zu sehr behandlungsrelevanten Kategorien. Da sich schon vor Jahren herausstellte, dass zum Beispiel manche Medikamente gegen Herzkrankheiten bei schwarzen Amerikanern nicht so wirksam sind, wie bei weißen, hat mittlerweile auch die Pharmaindustrie die Relevanz von „race“ erkannt (im Englsichen ist der begriff interessanterweise nicht diskreditiert). Ähnliches gilt für die Geschlechter. So ist etwa seit längerem bekannt, dass Frauen im Vergleich zu Männern aufgrund einer stärkeren Immunantwort auch stärkere Entzündungsreaktionen aufweisen. Verwirrenderweise heißt die junge Disziplin, die diese Unterschiede erforscht, „Gender-Medizin“, obwohl damit eigentlich die Gender-Theorie (die die Bedeutungslosigkeit des physischen Geschlechts behauptet) gerade widerlegt wird. Kurz gesagt: Die Naturwissenschaften machen den Kulturwissenschaftlern einen dicken Strich durch ihre liebgewonnenen Behauptungen: Die Menschen haben sich nicht nur selbst durch ihre kulturellen Konstruktionen in Gruppen eingeteilt, die Gruppenzugehörigkeit steckt ihnen in den Genen. „Biological egalitarianism may not remain viable in light of the growing body of empirical data“, folgern der Genetiker Bruce Lahn und der Ökonom Lanny Ebenstein in einem sehr lesenswerten Aufruf in “Nature” (Vol 461,8.10.2009, S. 726). Gegen das Gleichheitsdogma fordern sie: „Let’s celebrate human genetic diversity!“
Zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Gleichheit und Ungleichheit
Wir sehen also, dass es viele völlig verschiedene Arten der Gleichheit oder Ungleichheit von Menschen gibt, und wie verwirrend es ist, undifferenziert von der Gleichheit zu sprechen. Ich komme jetzt zu meinem eigentlichen Anliegen, indem ich einen Ausweg aus der Verwirrung aufzeige.
Es gibt nämlich zwei prinzipiell verschiedene Weisen von Gleichsein für den Menschen, die quer durch die zuvor aufgeführte Liste gehen: nämlich die Gleichheit als ein Festzustellendes und die Gleichheit als ein zu Forderndes, die Gleichheit als ein zu erforschender Sachverhalt und als ein moralisches Postulat, das heißt die konstitutive und die normative Gleichheit. Eine normative Gleichheit ist eine durch Satzung geschaffene. Eine konstitutive Gleichheit ist eine von Natur, genetisch vorgegebene Gleichheit. Eine Gleichheit kann faktisch sein, wie zum Beispiel die Rechtsgleichheit in Deutschland, und doch nicht konstitutiv. (Diese Unterscheidung beruht, wie auch andere Teile dieses Aufsatzes auf einem leider unveröffentlichten Vortrag meines Vaters, Gerhard Knauss, auf dem Welt-Philosophenkongress in Istambul 2003).
Ein ähnliches „systematisches Argument“ gegen die „strategische Vermischung“ und den „ideologischen Brei“ der „rigorosen Anhänger der Gleichheit“ bietet der Soziologe Rainer Paris („Merkur“, Heft 8, 63. Jg., August 2009, S. 653-665): Er unterscheidet nämlich binäre und graduelle Ungleichheit.
„Der Begriff der binären Ungleichheit bezieht sich auf gesellschaftliche Verhältnisse, in denen zwischen verschiedenen Kategorien von Menschen (Individuen oder Gruppen) grundsätzliche, durch eine klare Trennlinie definierte Unterschiede hinsichtlich elementarer Freiheiten der Lebensgestaltung und sozialer Teilhabechancen bestehen, die in der Regel durch Herrschaftsstrukturen institutionell fixiert und abgesichert sind. Sie beruht auf dem Prinzip: Was der eine darf, ist dem anderen verwehrt. Der Prototyp ist das Gewähren oder Vorenthalten, der Besitz oder Nichtbesitz von Rechten. Gleichheit konkretisiert sich hier als Status- und Freiheitsgleichheit im Gebrauch verbriefter Rechte und den damit einhergehenden Möglichkeiten von Einflussnahme und Selbstbehauptung. Dabei handelt es sich stets um ein eindeutiges Entweder-Oder: Entweder man hat ein Recht, das man nach Gutdünken wahrnehmen kann, oder man ist davon ausgeschlossen. Es gibt kein Dazwischen. Diejenigen, die das Recht genießen, sind untereinander gleich und ungleich im Verhältnis zu denen, denen es verwehrt ist.“ Ein Beispiel dafür sind Staatsangehörige und Ausländer. Eine solche binäre Ungleichheit lässt sich durch gesellschaftliche oder politische Akte beseitigen.
Etwas ganz anderes ist, so Paris, die „graduelle Ungleichheit“. Sie „bezieht sich allgemein auf die kontrastive Identifizierung verschiedener Lebensumstände, die durch einen größeren oder geringeren Abstand des Lebensniveaus und der Bedürfnisbefriedigung als Konsequenz einer ungleichen Verteilung von Ressourcen gekennzeichnet sind. Der Prototyp ist die Kluft zwischen Arm und Reich.“ Im Gegensatz zu binärer ist graduelle Ungleichheit nie vollständig aufhebbar – was die „rigorosen Anhänger der Gleichheit“ dennoch fordern. Und weil diese Forderung ewig unerfüllbar bleibt, „hört der Streit gewissermaßen nie auf“.
Die Schwäche von Paris’ Unterscheidung ist, dass sie eine rein soziologische ist und den zentralen anthropologischen Aspekte des Gleichheitsproblems nicht erfasst. Die graduelle Ungleichheit zwischen Menschen mit unterschiedlichem Einkommen ist eine soziale und völlig anders als die graduelle Ungleichheit zwischen sportlicheren und unsportlicheren Menschen, die eine physische ist.
Konstitutive und normative Gleichheit/Ungleichheit sind dagegen allgemeine, vor-soziologische Kategorien. Ich halte diese Unterscheidung daher für noch wichtiger und hilfreicher als die von Paris.
Die bewusste Vermischung der Gleichheitskategorien
In Diskussionen in Politik und Wissenschaft werden binäre und graduelle oder konstitutive und normative Gleichheit wild durcheinander gewürfelt. Die konstitutive Gleichheit oder Ungleichheit von Individuen, Geschlechtern und Gruppen wird mit der Rechtsgleichheit vermengt oder das eine aus dem anderen gefolgert, etwa die konstitutive aus der normativen. Die Pseudowissenschaft „Gender Studies“ lebt von dieser „Geschlechtsverwirrung“, die ihre Anhänger immer wieder neu herbeireden. Weil moralisch Gleichheit (zum Beispiel der Frauen und Männer oder der eingesessenen Deutschen und der Eingewanderten) gewünscht wird, folgt aber nicht, dass konstitutiv Gleichheit besteht. Die Unklarheit dürfte meist politisch beabsichtigt sein. Paris kritisiert das als „strategische Vermischung“.
Man kann aber sehr wohl Rechtsgleichheit normativ fordern und auch verwirklichen, ohne konstitutive Gleichheit (oft als „Chancengleichheit“ bezeichnet) damit zu verbinden. Hierzu zitiere ich eine Stelle aus Rousseaus „Vom Gesellschaftsvertrag“, die von zentraler Bedeutung für Gerechtigkeitstheorien (zum Beispiel die von Rawls oder Gosepath) ist: „Statt die natürliche Gleichheit zu zerstören setzt der Grundvertrag im Gegenteil an die Stelle der von Natur aus physischen Ungleichheit der Menschen eine moralische und gesetzmäßige Gleichheit. Damit werden sie, wenn sie schon an körperlichen und geistigen Kräften ungleich sind, durch Übereinkunft und Recht einander gleich.“ (Deutsche Übersetzung aus der Ausgabe Paderborn 1977, S. 83). Beides wird auf ganz verschiedenen Ebenen verhandelt, wie Rousseau weiß. Und so ist auch keinesfalls ein Widerspruch in seinem Werk, dass er einerseits die Gleichheit vor dem Gesellschaftsvertrag betont und andererseits an vielen Stellen die konstitutive Ungleichheit auch zwischen den verschiedenen Gruppen hervorhebt.
Ich zitiere aus dem Vortrag von Gerhard Knauss: „Sowohl die Aporie von Gleichheit und Freiheit als auch der Streit um die jeweilige Durchsetzbarkeit der verschiedenen Arten von Gleichheit, lassen sich nach meiner Meinung lösen, wenn man den Unterschied zwischen konstitutiv und normativ beachtet und nicht verfälscht und wenn man ihn als Entscheidungskriterium anwendet. Es gibt Gleichheit, die für das Freiheitsprinzip inkomensurabel ist, und es gibt Gleichheit, die der Freiheit Schranken auferlegt. Seine Konstitution setzt der Leistungsfähigkeit des Menschen Schranken und insofern der Freiheit seines Handelns, aber sie beschränkt nicht die Freiheit seines Handelns innerhalb dieser Schranken. Alle Gleichheiten, die nicht auf Konstitution beruhen, beruhen auf menschlichen Entscheidungen und sind insofern frei. Die Gleichheit vor dem Gesetz ist durch Vernunft diktiert, beruht aber letztlich auf freier Entscheidung vernünftiger Wesen. Wenn sie es hätten anders einrichten wollen, hätten sie es tun können. Keine konstitutive Gleichheit hat sie dazu gezwungen. Die Ungleichheit der physischen und intellektuellen Veranlagung hingegen ist, wenn und soweit sie besteht, eine Schranke jeder Gleichmacherei.“
Die Feststellung von konstitutiver Gleichheit und Ungleichheit, die immer graduell im Sinne Rainer Paris’ sind, ist eine Sache der empirischen Forschung, die normative, also vor allem die Rechtsgleichheit beruht auf einer politischen Entscheidung, die die Menschen aus mancherlei Motiven getroffen haben. Und die eine Instanz sollte der anderen nicht hineinreden. Tut sie es aber doch, so könnte das möglicherweise fatale Konsequenzen haben. Die größten Probleme normativer Verfälschung konstitutiver Unterschiede stehen uns vielleicht noch bevor. Sollen Menschen verschiedener „races“ dieselbe Arznei gegen Herzkrankheiten erhalten, obwohl Mediziner wissen, dass manche Mittel sehr unterschiedlich wirken? Natürlich nicht. Man kann wohl davon ausgehen, dass es in Zukunft mit Fortschreiten der Gen-Forschung immer detailliertere Kenntnisse über konstitutive Unterschiede zwischen Ethnien und Geschlechtern geben wird. Der Druck, konstitutive Ungleichheiten anzuerkennen, wird also eher zunehmen. Umso wichtiger für das Zusammenleben auf der immer enger werden Welt wird daher die Unterscheidung der zwei Sphären der Gleichheit werden.
Normative Gleichheit bedeutet im wesentlichen Gleichheit der Gewährung von Rechten, sie gehört in den Bereich der Politik. Die konstitutive (Un-)Gleichheit ist Angelegenheit der Wissenschaft. Diese Grenzen der Zuständigkeit werden leider allzu oft überschritten. Ein Beispiel dafür ist die so genannte Gleichstellungspolitik im Gewande des „Gender Mainstreaming“, seit der Weltfrauenkonferenz von Peking 1995 offizielles Politikziel in fast allen Ländern der westlichen Welt. Wer konstitutive Tatsachen (Geschlechterunterschiede) durch normative Gleichheiten (Behauptung der Irrelevanz des biologischen Geschlechts im Sinne der Gender-Theorie) zu beeinflussen versucht, begeht aber eine naturalistic fallacy: Er versucht das Sein durch ein Sollen zu verdrängen, was langfristig nicht gelingen kann. Die Gender-Ideologie wird daher scheitern und ihr abstruses Ziel nicht erreichen. Der Schaden, den sie anrichtet, ist dennoch immens: Ich nenne diesen Schaden die große „Geschlechtsverwirrung“. Das Verwirrende ist eben jene Verwischung der Sphären von Sollen und Sein, von Norm und Konstitution.
Wenn der Mensch sich als ungleich versteht, so ist er es
Zum Schluss zitiere ich nochmals meinen Vater, dessen Ansicht ich mich anschließe: „Aber der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das anthropologisch so ist, wie es ist und normativ so will, wie es will, sondern er ist ein denkendes Wesen, das reflexiv sich selbst bestimmen kann. Diese Selbstbestimmung hat das besondere, dass sie als Reflexion über sich selbst zu ihrem Wesen wird: Zu was es sich bestimmt, das ist es. Sein reflexives Produkt wird zu seiner zweiten Natur. Das Denken ist für den Menschen nicht nur eine anthropologisch feststellbare Funktion, sondern das Denken macht den Menschen zu dem, was er ist. Wenn der Mensch sich in seinem Verhältnis zum anderen als ungleich versteht, so ist er auch ungleich, wiewohl alle Anthropologie ihn als gleich erkennt. Gerade eben darin, dass er die Gleichheit nicht akzeptiert, die der andere anbietet, ist er ungleich. Und der andere wird die Ungleichheitsentscheidung akzeptieren müssen. Das ist keine lösbare Aporie, sondern eine echte Paradoxie: Derjenige, der die Gleichheit anbietet, wird den anderen, der sich für ungleich hält, nicht zur Gleichheit zwingen können, denn versuchte er es, so erwiese er sich dadurch, dass er zwingt, gerade als ungleich. … Wir haben in uns ein genetisches und kulturelles Erbe von Gleichem und Ungleichem, und wir stehen vor der Verführungskunst der Intellektuellen und Politiker mit ihren künstlichen Projekten."
Was gleich und was ungleich ist, zu erkennen ist die Voraussetzung dafür, sich nicht verführen zu lassen.
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Ich tippe eher darauf, dass Gleichheit eine nützliche Voraussetzung für Gesellschaften ist, deren Geschäftsmodell im wesentlich auf Zusammenarbeit und weniger auf Ausbeutung von Schwächeren beruht.Die notwendige Gleichheit ist dabei die Gleichheit vor dem Gesetz und die Chancengleichheit. Eine Pokerrunde wird sich auch nur dann erfolgreich organisieren, wenn gleiche Regeln und Chancen gelten. Fähigkeiten zum Pokern können dann durchaus ungleich sein.
"Wer Gleichheit zu schaffen verstände, müßte der Natur Gewalt antun können."
(Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)
Könnten die genetischen Unterschiede in der Bevölkerung Indiens nicht eine Folge der normativen Ungleichheit sein?
Kann konstitutive Ungleichheit durch normative Ungleichheit entstehen?
... zwischen den indischen Kasten sind auf die über jahrunderte kosntant strengen exklusiven Heiratsvorschriften zu erklären. Man kann die Kasten ziemlich geschlossen auf entweder nordindische oder südindische Ur-Gruppen zurückführen.
Mehr dazu in meinem Artikel im HB:
http://www.handelsblatt.com/technologie/medizin/indiens-kastensystem-ist-ueber-1-000-jahre-alt;2460834
Konstitutive und normative (Un)Gleichheit sind zweifellos eng miteinander verbunden und beeinflusen sich gegenseitig. Auch dafür wäre das indische Kastensystem ein gutes Studienobjekt. Die genetische Varianz der indischen Bevölkerung ist durch ihre Kastentrennung (also Normen) geprägt, aber die Einrichtung der Kasten geht auch, wie die Genetik festgestellt hat, auf eindeutig zu identifizierende genetisch ungleiche Founder-Gruppen zurück.
"Wer konstitutive Tatsachen (Geschlechterunterschiede) durch normative Gleichheiten (Behauptung der Irrelevanz des biologischen Geschlechts im Sinne der Gender-Theorie) zu beeinflussen versucht, begeht aber eine naturalistic fallacy: Er versucht das Sein durch ein Sollen zu verdrängen, was langfristig nicht gelingen kann."
Dazu möchte ich folgende Fragen stellen: Läuft die Unterscheidung zwischen konstitutiver und normativer Gleichheit nicht ins Leere, wenn wir nicht wissen, wie wir die Herkunft von Unterschieden z.B. bei Geschlechtern herausfinden sollen? Gibt es andere als empirische und von Fall zu Fall variierende Anhaltspunkte, welcher Provenienz z.B. Geschlechterunterschiede sind?
> Dazu möchte ich folgende Fragen stellen: Läuft die Unterscheidung zwischen konstitutiver und normativer Gleichheit nicht ins Leere, wenn wir nicht wissen, wie wir die Herkunft von Unterschieden z.B. bei Geschlechtern herausfinden sollen?
Alleine schon deshalb war der Feminismus dringend nötig. Zuvor war man(n) ja von der ewigen Schwachsinnigkeit des Weibes überzeugt. Das gute Mädchen in den Himmel kommen, böse (also nicht diesem Bild entsprechende) aber überall hin, wüsste man ohne nach wie vor nicht.
Wenn nun genetisch determinierte Geschlechtsunterschiede (vorsicht, sie sind eher in der hormonellen Hirnentwicklung zu finden) behavioristischen Unterscheide liegen mögen, sie führen nicht automatisch zurück auf den Ausgangspunkt (Und wo sie liegen kann ich recht genau sagen).
Ich hab erst kürzlich einen Blogbeitrag dazu gemacht, der Aufzeigt, wie Unsinnig es wird, wenn nur ein Ist-Status betrachtet und dann von Natur Anhängern auf der einen und Nurture Anhängern auf der anderen Seite dann rationalisiert wird.
http://badhairdaysandmore.blogspot.com/2009/10/pritty-in-pink.html
@ Ferdinand Knauß
>Konstitutive und normative (Un)Gleichheit sind zweifellos eng miteinander verbunden und beeinflusen sich gegenseitig. Auch dafür wäre das indische Kastensystem ein gutes Studienobjekt.<
Das ist das Problem.
Konstitution und Normierung, Natur und Kultur sind eng miteinander verschränkt und lassen sich nicht sauber auseinander halten.
Die Natur schafft sich als Gehäuse ihres Lebens die Kultur, aber die Kultur wirkt auf das Leben, die Ausformung der Natur zurück, etwa über die Plastizität des Gehirns.
Kultur, Geschlechterrollen z.B., sind also nie reines Konstrukt, rein willkürliche Setzung, sind nicht beliebig-willkürlich veränderbar.
Sie sind aber auch nicht reine Natur, sondern sie haben sich entlang der natürlichen Wesensunterschiede der Geschlechter entwickelt und wirken auf diese Wesensunterschiede, die natürlich vorgegeben sind, meist positiv rückkoppelnd, zurück.
So ist es vorstellbar, dass nur geringe natürliche Unterschiede durch kulturelle Setzung zu großen natürlichen Unterschieden werden (PLastizität des Gehirnes) und das große natürliche Unterschiede vielleicht durch kulturelle Praxis verringert werden könnten.
Zusätzlich verkompliziert wird das Ganze durch die Tatsache, dass Merkmale ja über Gruppen normalverteilt sind und die Verteilungen überlappen.
Es gibt also viele Frauen, die konstitutiv tatsächlich männlicher sind als viele Männer und viele Männer, die konstitutiv weiblicher sind als viele Frauen.
Nur die Geschlechtermehrheiten stellen die nicht.
Ich kann den typischen Mann, die typische Frau als Abstraktum aus den untersschiedlichen Merkmalsverteilungen herausdestillieren, auch wenn er sich "rein" nie in einem Individuum vorfindet, dieser Idealtypus, weil ja jedes Individuum von den Durchschnittswerten der Gruppe, der es angehört, abweichen kann und deshalb auch ein Recht darauf hat, nur als Individuum unter Absehung seiner Gruppenzugehörigkeit beurteilt zu werden.
Ich sehe aus all diesen Verwicklungen nur einen halbwegs gangbaren Ausweg:
Das SEINLASSEN gleichberechtigter Individuen in einer liberalen Gesellschaft ohne Umerziehungsmaßnahmen, ohne vorgegebene Idealverteilungen, die als Planziele gesetzt mittels der Werkzeuge aus der Klempnerkiste des Sozialingenieurwesen erreicht werden sollen, erzwungen werden sollen.
Also ganz pragmatisch: WEG MIT QUOTEN!
Schluß mit einer aktiven "Feminisierungspädagogik", die Jungen nicht mehr Jungen sein lassen will, Schluß mit einer aktiven "Maskulinisierungspädagogik", die Mädchen vermännlichen will, um am Ende den geschlechtlich angegelichenen Unisexmenschen präsentieren zu können.
SEIN lassen auch hier.
Das Mädchen, das mit Lokomotiven spielen will sein lassen wie auch den Jungen, der sich die Fingernägel lackieren will.
Aber auch die rosa Prinzessin sein lassen und den wilden Piraten.
Keine Planvorgaben, keine Umerziehung, weil kein Mensch weiß, welche Unterschiede natürlich, welche kulturell verursacht sind, wie weit ich natürliche Unterschiede durch kulturellen Einfluß einebnen kann, inwieweit nicht.
Ich kann nicht versuchen, absolute Gerechtigkeit herzustellen.
Ich kann nur versuchen, das Ausmaß der Ungerechtigkeit zu minimieren.
Wenn ich von Natür aus Gleiches ungleich behandele, begehe ich Unrecht.
Wenn ich von Natur aus Ungleiches gleich behandele auch.
Dazwischen muss ich lavieren, muss mich darauf beschränken, Leid, dort wo es erkennbar auftritt, pragmatisch zu lindern, ansonsten Ungleichverteilungen solange als Ausdruck der Verschiedenheit in Freiheit hinnehmen, solange nicht sauber empirisch nachgewiesen ist, dass sie tatsächlich Ausdruck böswillig-diskriminierenden Handelns sind.
Mehr sein lassen, weniger Bevormundung.
Besseres fällt mir dazu nicht ein.
Aber der Streit wird uns bis ans Ende aller Tage begleiten.
Es gibt keine Lösung.
Nur ein hoffentlich zu erträglichem Frieden führendes sein lassen.
Jedem Individuum die Freiheit einräumen, das zu entfalten, was es in sich zu entdecken glaubt, was sich in ihm meldet.
Und die dann sich daraus ergebenden Gruppenunterschiede, Ungleichverteilungen AKZEPTIEREN als Ausdruck der natürlichen Unterschiede, die sich in Freiheit entfalten durften.
Dazu müssten aber erst etliche IdeologInnen dazu kommen, die empirischen Realitäten, dass es nämlich Gruppenunterschiede tatsächlich gibt, zur Kenntnis zu nehmen.
Ein Problem, das ja uralt ist.
Gender Mainstreaming ist nur die neueste Designvariante eines uralten Möbels, des Prokrustes-Bettes.
Bleibt nur noch abzuwarten, wie weit das Hacken und das Strecken diesmal getrieben werden kann.
Lieber Roslin,
ich kann Ihnen nur in allen Punkten zustimmen. Wenn ich mir eine Forderung in diesem Zusammenhang zu eigen mache, dann - wie Sie - SEIN LASSEN! Das könnte der friedliche Schlachtruf des Widerstands gegen Gender-Ideologen und alle anderen Gleichheitsfanatiker sein.
Sie haben Recht, die enge und unauflösbare Verzahnung von Konstitution und Norm steht im Zentrum. Das hätte ich in meinem Essay noch deutlicher machen können.
Ich verstehe nicht ganz genau, worauf Sie mit Ihrer Frage hinauswollen. Wie ich gerade schon an Roslin geschrieben habe, bin ich mir im Klaren, dass Konstitution und Norm ("Nature" und "Nurture") immer eng mit einander verknüpft sind. Über Heiratsregeln und ähnliches kann auch die Kultur die Natur des Menschen stark beeinflussen.
Meine Forderung geht dahin, trotz aller Verknüpfung sich zunächst einmal über diese Unterscheidung klar zu werden.
Zu Ihren Fragen kann ich auf Anhieb nicht antworten. Das Problem ist, dass es ja praktisch keine Wissenschaftler gibt, die sich solchen Fragen ohne eine vorgefasste Ideologie nähern. Gender-Forscher ignorieren die Natur, viele Soziobiologen überbewerten sie vielleicht.
mal abgesehen davon dass wir mittlerweile in einer Gesellschaft stehen sollten in der sich jedes Individuum nach seinem Geschmack entfalten kann - aber haben Sie alle hier schon mal daran gedacht, dass dieses Drängen der Frauen in Domänen von Männern ein unbewußter Wink der Natur ist, dass das bestehende Ideal dem wir alle folgen vielleicht kurz vor dem Ende steht?
Was Frauen meiner Meinung nach sehr gut können ist auf sich aufmerksam zu machen - im speziellen zu beklagen was nicht in Ordnung ist, und wenn all das nichts hilft muss man halt in den von Lethargie geplagten Haufen reinspringen um ihn quasi zu zwingen neue Möglichkeiten zu eröffnen.
Ich könnte genauso deuten, dass Männer sich nun genötigt fühlen müssten in neue völlig offene Gebiete vorzudringen - nur um wieder "konkurrenztechnisch" gesehen den Vorsprung zu genießen.
Wäre das nicht die richtige Antwort auf den Gender Main Stream ?
ist das zu abwegig ?
hat mich bereichert und einiges gelehrt. Danke dafür. Das spornt an. :)
Zwei Punkte dazu:
Wir leben in einer Zeit, in welcher die Erlaubnis zum erkennen seiner Ungleichkeit als Junge/Mann gegenüber dem Mädchen/der Frau nicht erlaubt ist. Ja gar nicht möglich ist, weil diese Denke völlig fremd geworden ist. Es war ein schwieriger Prozess für mich diese Denkblockade zu überwinden und überhaupt zu formulieren auf welche Art ich mich anders empfinde als Frauen. Das ist zwar schon Jahre her aber es ist erschreckend zu sehen wie viele Jungs dasselbe Problem haben und es noch nicht mal begriffen haben das es da was zu begreifen gibt. Ich denke viele Probleme mit Depressionen und Co hängen damit zusammen.
Das zweite ist zur Aussage das der Einkommensunterschied nichts mit der Biologie oder den Veranlagungen zu tun hat. Dem stimme ich nicht zu. Es gibt sehr wohl mutige oder auch ängstliche Menschen. Es gibt auch tatkräftige und weniger tatkräftige Menschen. Sowie es Menschen gibt mit höherer Intelligenz und welche mit niedrigerer Intelligenz.
Diese Anlagen beeinflussen das Einkommen der Menschen. Ist ein Mensch Intelligent, Kreativ, Mutig und WILLENS das zum Geldverdienen einzusetzen, ist es washrscheinlicher das er es schafft. Aber ein anderer der weder gross Intelligent ist noch mutig, eher nicht.
Leider ist es ja heutzutage verpönt Geld haben zu dürfen (wir haben es ja..) oder was erreichen zu wollen.. Wir werden kontrolliert von langweiligen Spiessern die alles verabscheuen das nach Kapitalismus und Reichtum stinkt..
gruss
/ajk