Biologie und Gender Studies reden aneinander vorbei
Hier soll nicht immer nur die eine Seite zu Wort kommen. Diesmal will ich einige Vertreter der Gender-Theorie zu Wort kommen lassen. Schließlich bekamen letztere nicht nur in diesem leider noch viel zu wenig bekannten Blog Grundsatzkritik zu lesen, sondern auch im "Spiegel" in der vergangenen Woche, wo die Thesen der Entwicklungspsychologin Susan Pinker vorgestellt wurden. Sie sagt übrigens ziemlich genau das, was auch das Fazit aus den hier präsentierten Studien sein könnte: Es gibt fundamentale, biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, doch das hat nichts damit zu tun, dass Männer den Frauen überlegen oder "besser" sind - und das ignoriert auch nicht die Einflüsse gesellschaftlicher Prägungen. Die Gender-Theorie von den allein gesellschaftlich konstruierten Geschlechterrollen wird dadurch grundsätzlich in Frage gestellt.
Nach all den aktuellen Erkenntnissen aus Medizin und Biologie über Unterschiede zwischen den Geschlechtern nun also der Hinweis auf die anti-biologischen Argumente aus der Sicht der Gender-Theorie:
-Zunächst ein Essay: "Die Angst vor der Gleichberechtigung - Warum biologische Erklärungsmuster in der Debatte um Geschlechterrollen wieder Zuspruch finden" (NZZ)
-Auf der bereits erwähnten Seite des "Netzwerks Geschlechterforschung NRW" finden sich unter anderem auch die Vorstellungen der Gender-Forscher über die Gestaltung aller Curricula an den Universitäten im Sinner von Gender. Besonders bezeichnend ist, was Kirsten-Smilla Ebeling zum Fach Biologie schreibt. Sie kritisiert grundsätzliche Methoden der Wissenschaft Biologie, schreibt von "vermeintlichen Geschlechtsunterschieden", "androzentrischen Perspektiven", "Einflüssen soziokultureller Vorstellungen von Geschlecht" und bezeichnet biologisches Wissen als "kulturell produziertes Produkt". Sie fordert unter anderem eine "geschlechtergerechte Biologie". Wie soll eine Wissenschaft gerecht sein, frage ich mich. Bezeichnend ist vor allem die konsquente Vermischung von institutionellen und inhaltlichen, die Forschungsobjekte betreffenden Fragen.
-Und zu guter Letzt der Hinweis auf ein erziehungswissenschaftliches Projekt der Uni Hamburg: DEGENDERING SCIENCE-
EIN PROJEKT ZUR ERWEITERUNG DES WISSENSCHAFTSVERSTÄNDNISSES UND CURRICULUMS DER NATURWISSENSCHAFTEN
Hier wollen Erzeihungswissenschaftler tatsächlich den Biologen vorschreiben, wie sie zu forschen haben. Ich bin bekanntlich ein Kritiker des Absolutheitsanspruches der Naturwissenschaften und verteidige gerne die Geisteswissenschaften gegen den Allerklärungswahn von Biologen wie Ullrich Kutschera. Aber das Umgekehrte ist genauso unmöglich. Zumal wenn die betreffenden Geisteswissenschaftler in erster Linie sich selbst erforschen wie der Hamburger Gender- und Queer-Forscher Robin Bauer, der das "Degendering Science"-Projekt mitbetreut. Der Mindestanspruch an Wissenschaftler aller Fakultäten sollte doch sein, ihre eigene Person vom Forschungsgegenstand abzugrenzen.
Ich habe leider den Eindruck, dass Biologen und Geschlechtskonstruktivisten völlig aneinander vorbeireden, in weitgehend geschlossenen Gesellschaften leben und forschen. Das sollte sich ändern. Ich würde gerne einmal Susan Pinker und Robin Bauer gemeinsam in einer Talkshow sehen. Frau Maischberger, das wäre doch mal ein Thema für Sie, oder?
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das ist es, was mich schon immer an der "frauenorientierten" Geschlechterforschung in unserer EW-Fakultät gestört hat und warum ich vor Jahren die männlichen Studierenden ermuntert habe, zu rebellieren:
Es sollte ein Seminar eingerichtet werden, welches nur von und für Frauen sein sollte. Dafür wurden Unterschriften gesammelt.....Als mein Sitznachbar unterschreiben wollte, fragte ich ihn, ob es ihm nichts ausmache, dass es keine "reinen" Männerseminare geben würde, für welche dann im Gegenzug die Frauen plädieren.....
Männer emanzipiert euch ! ;-))
In dem aktuellen Heft P.M. Fragen&Antworten (S.41) wird ein interessanter Gedanke vorgestellt:
Demnach gleichen sich die Lebensbedingungen/Verhaltensweisen von Männern und Frauen um so mehr an, je härter die Lebensbedingungen sind - um das gemeinsame Überleben zu ermöglichen.
Dort wo das Überleben gesichert ist - z.B. in modernen Industriegesellschaften - , können sich ´typisch´ weiblich/männliche Merkmale eher entwickeln.
Demnach wären stark sehr ausgeprägte Geschlechterrollen ein Zeichen von Luxus?
Interessant. Ich hätte - ohne darüber länger nachgeforscht zu haben - genau das Umgekehrte angenommen: Nur wenn es einer Gesellschaft gut geht, kann sie sich den "luxus" von Gleichheit leisten.
Ist der PM-Artikel im Netz verfügbar?
Ich war auch überrascht - aber die Aussage erscheint logisch zu sein: unter harten Lebensbedingungen sind Eigenschaften wie Anpassungsfähigkeit, Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit wohl besonders überlebenswichtig.
Der Artikel im Heft hat nur 1/2 Seite. Es heisst dort, dass die Grundlage dafür eine wissenschaftliche Studie in 55 Ländern war. Der Titel des Artikels lautet: ´Wo sind die Männer am männlichsten ... ... und die Frauen am weiblichsten?´
Leider fehlen nähere Angaben dazu; denn dieses Heft ist so aufgebaut, dass es meist nur kurze Artikel zu unterschiedlichen Themen gibt.
Die E-Mail-Adresse der Redaktion ist: fragenundantworten@muc.guj.de - eventuell könne Sie dort Quellenhinweise bekommen.
Wenn Biologen und Geschlechtskonstruktivisten aneinander vorbei reden, dann haben sie ein Kommunikationsproblem - man will sich nicht verstehen.
Dazu ein Buchtipp: ´Ishi in two worlds - A Biography of the Last Wild Indian in North America´, by Theodora Kroeber, University of California Press, ISBN 0-520-00675-5.
Ishi war der letzte frei (ohne Reservat) lebene Indianer der USA. Er stammte aus dem Stamm der Yahi, einem Yana-Volk, um den Lassen-Vulkan/Kalifornien.
Die Yana lebten zweisprachig. Es gab für die Männer und die Frauen jeweils einen eigenen Sprachdialekt: Die erste Sprache war der weibliche Dialekt, der von Frauen gesprochen wurde - und von Jungen und Männern, wenn Mädchen oder Frauen anwesend waren.
Die Männersprache wurde benutzt, wenn Männer/Jungen alleine waren.
Dieses Beispiel zeigt - man kann sich trotz unterschiedlicher Spachen miteinander verständigen, wenn man nur will.
guten Tag,
ich werkl gerade an einem RPG System. Ein Artikel von J.Brandes/C. Hepler "Women in gaming" brachte mich auf den Gedanken, die Geschlechtsmodifikatoren, ähnlich Rassenmodifikatoren in das Charaktergenerierungssystem einzubauen. Obwohl ich ein Paar Daten (unterschied Muskelmasse etc.) auf Sportwissenschaftlichem Präsentationsfolien gefunden habe (im Rahmen welcher Suche ich auch auf Ihr Blog gestoßen bin) würde mich eine Art Auflistung in Zahlen
interessieren. hinsichtlich biologisch festgestellter körperlicher und geistiger Unterschiede. sollten Sie über einen Link oder Datenmaterial verfügen wäre ich sehr dankbar.
einne Vergleichtabelle auf Prozentualbasis wäre
sogar traumhaft.
Stehe auch gerne im Gegenzug für Rückfragen im Rahmen von Rollenspielthematik zur Verfügung.
Auch fantastiche Welten werden nicht von Gendertheoretikern verschont.
mailadresse ist das was oben in Klammern steht +@web.de
Bei der in den letzten Beiträgen angesprochenen Studie könnte es sich um das ´International Sexuality Description Project´ (ISDP) handeln; Leitung: David Schmitt, Bradley University, Illinois
Für meine Doktorarbeit habe ich bisher 50 queere BDSMlerInnen aus den USA und Westeuropa interviewt, vor allem selbstidentifizierte Femmes, Lesben, Butches, bi/pansexuelle Frauen, Gender Queers und Trans*Menschen, die sich hauptsächlich in der lesbischen oder queeren BDSM-Szene bewegen.
Es ist bei aller Liberalität wirklich nicht nötig, auch noch den abgedrehstesten postmodernen Schwachfug ernst zu nehmen. Die nehemen sich nämlich selbst nicht ernst, da, so der postmoderne Radikalkonstruiktivismus, letztendlich jede Anschuung lediglich konstruiert wurde, eine objektive Realität nicht besteht und deshalb die Suche nach Erkenntnis erfolglos beleiben muss.
Darum sind die "postmodernen Wissenschaften", wofür Quuertheorie, Gender und der ganze Trullala steht, als Agitprop zu sehen. Mit Wissenschaft hat das rein gar nichts zu tun.
Wer sich nicht selbst ernst nimmt, der kann das ja wohl schwerlich von anderen erwarten.
Hallo,
ich bin eben auf den Blog gestoßen - haben ben schon etwas zu dem Frauenanteil geschrieben. Du vermittelst hier den Eindruck, dass Du an einer Kommunikation zwischen Biologie und Gender Studies interessiert seist (Warum gibt es eigentlich nicht Gender Studies in der Biologie?). Hingegen baust Du sogleich Mauern auf und kritisierst, wie ich finde unqualifiziert, Wissenschaftler_innen der Geschlechterforschung. Wäre es nicht sinnvoller, sich tatsächlich auszutauschen. So haben beispielsweise Systemorganisationstheorien und auch Feministische Wissenschaftskritiken nennenswerte Anregungen an Biologie formuliert, um besser abgesicherte Ergebnisse zu erhalten. In der Biologie kommen einige solche Veränderungen auch an - so wurde bspw. in der Genetik das Modell allein aktiver Geschlechtsentwicklung männlichen Geschlechts im Gegensatz zu vermeintlich ohne aktive Entwicklungsschritte auskommender weiblicher Geschlechtsentwicklung verworfen. In der Genetik der Geschlechtsdetermination werden zunehmend auch weitere molekulare Komponenten als Gene, und auch umgebende Einflüsse in die Betrachtungen einbezogen. Hier wird auf Feministische Wissenschaftskritiken eingegangen, die angeregt hatten wieder vermehrt den Organismus zu fokussieren. Also warum nicht tatsächlich Kommunikation und Zusammenarbeit?
Und dann zwei Literaturempfehlungen, die vielleicht für eine Annäherung an Biologie von Geschlecht hilfreich sein können - übrigens von Biolog_innen:
Schmitz, S. (2004): Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn? Über den Geschlechterdeterminismus in der Hirnforschung und Ansätze zu seiner Dekonstruktion. Forum Wissenschaft, 4.
Online: http://www.linksnet.de/de/artikel/19193
Voß, H.-J. (2008): Wie für Dich gemacht: die gesellschaftliche Herstellung biologischen Geschlechts. In: Coffey et al. (Hrsg.): queer leben – queer labeln? (Wissenschafts-)kritische Kopfmassagen. Freiburg: fwpf-Verlag, S.153-167.
vielen Dank für die Bemerkungen. Die von dir genannten beiden Beispiele für fruchtbare Anregungen der feministischen Wissenschaftskritik an die Biologie sind interessant. Dazu wüsste ich gerne genaueres.
Die beiden genannten Bücher klingen mir eben wieder arg nach Postmoderne und Dekonstruktion. Mir leuchtet nicht ein, dass die Gesellschaft das Geschlecht "herstellt" (das Wort ist schrecklich in diesem Zusammenhang). Die Kulturwissenschaften überschätzen die Potenz der Gesellschaft.
Aber dennoch, vielen Dank für die Hinweise!
@ Ferdinand Knauß:
Du kannst ja gerne dennoch mal in die beiden Arbeiten reinlesen, vielleicht ergibt sich auch weiteres Diskussionspotenzial - und wie gesagt, bei beiden handelt es sich um Biolog_innen.
Zu Theorien, die auf eine 'bessere' weil 'objektivere' Wissenschaft abzielen, kann ich Dir die folgenden Bände als Einstieg empfehlen (sie sind gut [ich bin selbst dabei zu so einigen Aussagen kritisch zu den Arbeiten]; bitte lass Dich auf die Argumentationen ein und leg das Buch jeweils nicht nach 50 Seiten gleich weg):
Latour, B. (2000 (engl. 1999)): Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. (Aus dem Englischen von G. Roßler.) Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main. (Wissenschaftssoziologie)
Mußmann, F. (1995): Komplexe Natur – Komplexe Wissenschaft. Selbstorganisation, Chaos, Komplexität und der Durchbruch des Systemdenkens in den Naturwissenschaften. Opladen. Leske/Budrich 1995. (Systemorganisationstheorie)
Fausto-Sterling, A. (2000): Sexing the Body – Gender Politics and the Construction of Sexuality. New York. (Biologie, Feministische Wissenschaftskritik)
interessant zum Thema auch:
http://www.zeit.de/2007/19/Das_weibliche_Wissen?page=all