brainlogs Gedankenwerkstatt

Neuro-Enhancement: Keine optimale Idee

von Thomas Grüter, 09. Oktober 2009, 11:43

Memorandum

Unter dem Titel Das optimierte Gehirn haben sieben Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche in der Zeitschrift Gehirn & Geist eine Denkschrift zum Thema „Neuro-Enhancer“ veröffentlicht. Das Papier ist ein bemerkenswertes Dokument akademischer Selbstgefälligkeit und argumentativer Armut. Statt eine Diskussion in Gang zu bringen, provoziert es mit seiner extremen Einseitigkeit allenfalls Streit.

Aber fangen wir vorne an: Neuro-Enhancer sind eine hypothetische Gruppe von Stoffen, mit denen gesunde Menschen die kognitiven Leistungen ihres Gehirns merklich steigern können, ohne dass sie deutliche Neben- oder Nachwirkungen befürchten müssten. Zurzeit gibt es keine Neuro-Enhancer im engeren Sinne. Die Stoffe Methylphenidat und Modafinil kommen dieser Definition immerhin nahe. Methylphenidat (besser bekannt unter Ritalin) ist ein Weckmittel, es wird beim Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom verabreicht. Bei Gesunden bewirkt es einen Zustand übersteigerter Wachheit und eine verringerte Ablenkungsbereitschaft. Die tatsächliche geistige Leistungssteigerung ist eher gering. Modafinil bewirkt ebenfalls einen Zustand erhöhter Wachheit, auch bei Erschöpfung. Der objektive Effekt auf die Gehirnleistung ist wenig überzeugend.

Alle diese Mittel haben unerwünschte Wirkungen. Neuro-Enhancer im Sinne der Denkschrift sind hingegen rein hypothetische Mittel zur deutlichen Steigerung der kognitiven Fähigkeiten und geringen anderen Wirkungen.

Die Autoren der Denkschrift plädieren dafür, diese Stoffe frei verfügbar zu machen. Jeder entscheidungsfähige Mensch habe das Recht, über seinen Körper und seine Psyche frei zu bestimmen, so sagen sie. Ein Verbot sei nur durch den Schutz anderer Rechte und oder Interessen Dritter begründbar. Eine psychische Abhängigkeit sei kein Verbotsgrund, jeder könne ja selbst entscheiden, ob er das Risiko eingehen wolle. Folgt man diesem Gedankengang, müssten Kokain, Amphetamin, Methamphetamin und Cannabis-Produkte ebenfalls frei verkäuflich sein. Diese Stoffe erzeugen kaum körperliche Suchterscheinungen, sondern bewirken „nur“ eine psychische Abhängigkeit. Wenn die Autoren diese Meinung vertreten, sollten sie es ausdrücklich sagen und sich nicht darauf verlassen, dass die Leser von selbst darauf kommen.

In den ersten Jahren sollen Neuro-Enhancer verschreibungspflichtig bleiben, weil die Nebenwirkungen noch nicht ausreichend bekannt sind. Eine Abgabe an Kinder müsse im Einzelfall entschieden werden.

Die Autoren setzen sich auch mit anderen Meinungen auseinander, ja sie entfalten ihre Argumente gerade in deren Widerlegung. Glücklicherweise sind unter den Gegnern der Freigabe offenbar nur Weltverbesserer der Stammtischklasse. Will man den Autoren glauben, lautet das Hauptargument der Gegner, Neuro-Enhancer seien „widernatürlich“, und führten zu Persönlichkeitsänderungen. Eine Google-Suche im Internet nach „Neuro-Enhancer“ oder „Hirndoping“ zusammen mit „widernatürlich“ oder „Persönlichkeitsveränderung“ zeigt aber nicht eine einzige solche Kritik. So kommt der Verdacht auf, dass die Autoren ihren Gegnern Scheinargumente unterschieben, um ihren eigenen Standpunkt um so glänzender herausheben zu können. Dieser kleine Trick aus dem Arsenal der unfairen Rhetorik war schon zu Ciceros Zeiten nicht mehr neu.

Die Begründungen der Autoren für ihre Forderungen streifen gleich mehrfach den Bereich der Realsatire. Illegal erworbene oder heimlich geschluckte NE hätten schlimmere Nebenwirkungen als legal erworbene, so erklären sie, weil die „unerwünschten psychischen Begleiterscheinungen“ von der „gesellschaftlichen Akzeptanz“ abhingen. Das ist wirklich originell, aber für einen solchen Effekt fehlt jeder Beleg.

Wenn Alle Neuro-Enhancer nehmen, wäre der dadurch entstehende soziale Druck ethisch vertretbar, sogar wenn die Mittel eventuell gefährlich sind? Aber ja, meinen die Autoren. Schließlich müsse man sich ja auch am Straßenverkehr beteiligen, obwohl er Risiken berge. Ohne Schnörkel formuliert, bedeutet das: Was machbar ist, muss erlaubt sein, auch wenn es gefährlich ist.

Der Staat, so meinen die Autoren, müsste für Verteilungsgerechtigkeit sorgen. Ich zitiere: „In der Praxis könnte der Staat den Kauf von Neuro-Enhancement-Präparaten (NEPs) durch wohlhabende Personen besteuern und das damit eingenommene Geld für öffentliche Bildungsförderung einsetzen – etwa zur Subventionierung von NEPs für Einkommensschwache.“ Deutschland ist zur Recht stolz darauf, das mit Abstand komplizierteste Steuersystem der Welt zu haben. Die Autoren der Denkschrift möchten offenbar diesen Vorsprung weiter ausbauen. Und öffentliche Bildungsförderung war nie einfacher, man muss nur die richtigen Pillen verteilen.

Ich habe die Denkschrift dreimal gelesen, bevor ich sicher war, dass die Autoren ihre verquast vorgetragenen Forderungen wirklich ernst meinen. Noch einmal: Wir sprechen hier über rein hypothetische Stoffe. Es gibt derzeit keine wirksamen Neuro-Enhancer. Die bisher bekannten Stoffe können lediglich für eine gewisse Zeit die Wirkung von Müdigkeit und Erschöpfung ausgleichen. Warum fordern die Autoren dann gleich mehrfach umfangreiche Studien? Könnte es sein, dass sie sich davon Forschungsgelder versprechen? Das mag ich nicht ausschließen, Wissenschaftler wollen auch leben.

Wäre aber ein NE überhaupt eine so große Wohltat, dass der Staat dem herstellenden Pharmaunternehmen Milliarden an Subventionen dafür zahlen muss? Nur wenige Wissenschaftler behaupten, dass kognitive Fähigkeiten den Lebenserfolg bestimmten. Charles Murray und Richard Herrnstein sind sicherlich die bekanntesten. In ihrem hoch umstrittenen Bestseller The Bell Curve behaupten sie, dass Intelligenz a) erblich ist und b) den Lebenserfolg bestimmt. Das hat enormen Widerspruch hervorgerufen, und mehrere Folgestudien kamen zu ganz anderen Ergebnissen. Tatsächlich ist Intelligenz nur ein Erfolgsfaktor unter vielen. Die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, die Position der Eltern, die Bildung und der Zufall haben ebenfalls großen Einfluss. Der Effekt einer teuren staatlichen Förderung von Neuro-Enhancern für ärmere Menschen wäre bestenfalls gering, schlimmstenfalls kontraproduktiv, denn die Gefahren solcher Mittel können erst nach Jahrzehnten bewertet werden.

Was wäre, wenn ein Neuro-Enhancer bei langjähriger Einnahme einen frühen Tod der überlasteten Nervenzellen bewirkt und damit eine Demenz um dreißig Jahre vorverlegt? Das ließe sich mit selbst mit einer mehrjährigen Testphase kaum ermitteln. Nehmen wir einmal an, Alkohol wäre unbekannt. In einer Studie erhalten jetzt 500 Menschen unter genau kontrollierten Bedingungen ein Jahr lang jeden Tag 100 ml Wein mit 12 ml Alkohol. Die angenehmen Effekte würden deutlich überwiegen, und keine der Langzeitgefahren wäre erkennbar.

Wird ein Mensch glücklicher, wenn er mit Neuro-Enhancern ein Studium schafft, das ihm sonst zu schwer gewesen wäre und einen Posten ergattert, die ihm verschlossen geblieben wäre? Ohne die dauerhafte Einnahme der Mittel müsste er um seine Stelle fürchten, er ist von dem Mittel abhängig, auch wenn er es eigentlich nicht mehr verträgt. Frank Berndt hat dazu in Stefan Schleims Blog eine bedenkenswerte Stellungnahme geschrieben.

In einem hervorragend recherchierten Artikel für das Magazin „The New Yorker“ hat Margret Talbot das Thema von allen Seiten beleuchtet. Sie fasst ihre Eindrücke so zusammen:

„Neuro-Enhancer versprechen keine Freiheit. Statt dessen fördern sie eine bedrückende, unromantische, maschinenhaft gründliche Produktivität.“

Ich finde es gruselig, dass eine Gruppe von Philosophen, Juristen und Medizinern das für einen erstrebenswerten Zustand hält.

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Kommentare

  1. Helmut Wicht @ Grüter/Kritik am Memorandum
    09.10.2009 | 12:58

    D'accord.

    Das "Memorandum" erschreckte und erstaunte mich auch. Es ist - ähem: seicht. Selbst PRO hätte man mit mehr Enthusiasmus und Tiefgnag argumentieren können. Der Michael Blume hat's in seinem Blog gerade vorgemacht. Religiöses Doping...

    Und im übrigen, so stelle ich mit Befriedigung fest, kommen wir zwei entlang ganz unterschiedlicher Argumentationslinien zu einer ähnlichen Befürchtung: der des "mental/emotional normierten" Menschen.

  2. Ferdinand Knauß Vielen Dank!
    09.10.2009 | 14:48

    Sie haben völlig recht. Ich war beim lesen des Memorandums auch erschüttert. Überhaupt keine philosophische oder sonstige Tiefe. Was für eine schreckliche Vorstellung von Glück! Ein Dokument des Machbarkeits- und Wissenschaftsaberglaubens ist dieses Memorandum, argumentativ unfassbar schlecht. Ich werde mich am kommenden Donnerstag auf meiner Wissenschaftsseite im Handelsblatt dazu äußern mit ähnlichem Fazit wie Sie.

  3. Thomas Grüter @Helmut Wicht
    09.10.2009 | 19:14

    Hätte mich doch gewundert, wenn wir bei dem Thema nicht zu einer ähnlichen Bewertung gekommen wären.

  4. Thomas Grüter @Ferdinand Knauß
    09.10.2009 | 19:16

    Wird Ihr Artikel im Internet zu lesen sein? Dann wäre ich für den Link dankbar.

  5. T.W. Oh man...
    12.10.2009 | 13:37

    Es ist schon erstaunlich, was heute philosophie sein soll und was, wie man das jetzt gerne nennt: "kompetente Experten" (schreckliche wörter!) zu vermitteln haben. mir scheint, dass kaum noch menschen dieser gattungen existieren, die sich nicht von dem glorreichen fortschrittszirkus verzaubern (haben) lassen.
    vor kurzem lass ich in einer eher mittelmäßigen zeitung, online, zum nobelpreis für "die entdeckung des ewigen lebens" (was totaler schmonz ist, weil das "entdeckte" (die telomere) schon lange, zusammen mit ihrer funktion, bekannt sind...) las ich also einen kommentar, den man so zusammenfassen könnte: "dann werde ich 130 jahre alt und brauch vom 80igsten lebensjahr an pflegekräfte, damit ich noch 50 jahre dahinsiechen kann. was sich sowieso nur reiche leisten werden können. das soll leben sein? nein danke!".

    daher muss ich diesen artikel hier loben, in dem es nicht um "medizinsches pro-und-kontra" geht sondern um praktisch-ethisches problematisieren der frage "wer sollte so leben wollen? sollte man so leben wollen? Was heißt das, wenn man diesen wunsch hat?". nach dem motto: ich mag leute die wollen, was sie brauchen, nicht leute, die nicht brauchen, was sie wollen.

    das in dem gesamten memorandum, dass schon nach 5 sätzen literarisch und wissenschaftlich im einheitsbrei unserer zeit versinkt, der gesamte leistungstelos unserer zeit marginalisert wurde, erschreckt mich besonders wenn ich lesen muss, dass einer der verfasser im deutschen ethikrat sitzt. da wird mir schlecht, wer da im ethischen denken "besser" oder (noch schlimmer) "kompetenter" sein soll als ich und es defintiv nicht ist. was haben solche leute dort zu suchen und seit wann kann es eigentlich einen "ethik"rat für 80 millionen menschen geben? bisher hat keiner dieser menschen m i c h je etwas zu ethik gefragt, was man doch aber gerade bei dieser sache annehmen sollte, denn sonst kann man ja schlicht nicht viel wissen.

    und eben solch ein gestus des fortschrittsglaubens, ja fortschrittsgeilheit fast, ist es, den ich immer erdrückender finde, weil ich das gefühl nicht loswerde, das die menschen hier eine sache anbeten, die ihr eigenes gefängnis werden wird, denn aus solchem ist dieser wunsch erst entsprungen. nachdem ethik und alle geisteswissenschaft, zu großem teil mit recht, von den meisten menschen zurückgewiesen wurden (innerhalb der letzten 40 jahre), betet man nun die medizin an oder wird von den "schlauen" leuten dazu gezwungen, mitzumachen, insofern ja diese "großen geister", diese "innovativen" mitverantwortlich sein werden für alles, was krankenkassen und politik zum neuro enhancement zu sagen haben werden.

    millionen kranke, vergewaltigte, entrechtete, missbrauchte, ausgenutzte, ausgebeutete, verletzte auf diesem planeten und in unseren breiten hat man nichts besseres anzufangen mit seiner energie, geld und verstandeskraft, als putschmittel, verjüngungskuren und kosmetika zu erfinden, die einem den alltag entweder erleichtern (bsp anna im memorandum) oder moralische diskrepanzen zu umgehen möglich machen sollen, die auftreten, wenn man sein unterbewusstes nur noch als müllkippe für seine immer rapider werdende, stetig steigenden leistungsanforderungen benutzt. und irgendwann werden wir noch glauben, dass intelligenz, gesitesstärke, klarheit, frische des verstandes - all das per pille zu erreichen ist. und wir werden es uns erfinden und so genug daran glauben, dass es wahr sein wird.
    wie heute mit dem Neuro enhancment oder der psychologie ist, deren fatale kritik in den 70iger und 80iger bis heute nicht angekommen ist (deleuze, foucault, basalgia usw.) und uns zum pathologisieren unserer kinder nötigt, die, völlig zu recht total gelangweilt sind und sich vor lügen in der schule schützend, nun mit ads/adhs, legasthenie, dyskalkulie usw. belegt werden, damit wir nicht über schule nachdenken müssen oder sollen. genau das gleiche, nur anders verpackt und vielleicht noch schlechter, wird uns das neuro enhancement bringen.

    lassen wir das zu? ich hoffe nicht.

    ich mache jetzt einen spaziergang und es wird mir völlig gleich sein, was meine neuronen dabei für transmitter ausschütten und welche gehrinteile angeblich aufleuchten: ich genieße die luft, den gang und die sicht. das wird wohl ausreichen müssen...

  6. Elmar Diederichs @T.W. : Moment!
    12.10.2009 | 13:57

    Wer hat behauptet, daß es in dem Memorandum philosophisch zuginge? Diese gewagte These höre zum ersten Mal.

    "nachdem ethik und alle geisteswissenschaft, zu großem teil mit recht, von den meisten menschen zurückgewiesen wurden"

    Wieso "mit recht"?

    "betet man nun die medizin an"

    Aber was sagt das über Geisteswissenschaft? Während Medizin den Vorteil hat, Fortschritte anzubieten, von deren Existenz man sich selbst überzeugen kann, auch ohne zu verstehen, wie sie zustandegekommen sind, ist das bei "den geisteswissenschaften" nicht so: Alles ist abstrakt, nicht wahrnehmbar.

    Die Folge ist, daß so wie Religionen Wunder herbeilügen, die Medizin etwas Ähnliches kann: "Hier z.B. das Bein, das nicht so kann, hier das Wunder(=Pille, deren Wirkungsweise keiner versteht) und siehe - er erhob sich und ging seines Weges.".

    Klar, was ich meine?

    "wird von den "schlauen" leuten dazu gezwungen, mitzumachen"

    Das ist doch nicht Ihr Ernst: Wer zwingt Sie denn wozu und wodurch?

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