brainlogs Gedankenwerkstatt

Das schwarze Loch der Technologie - erste Folge

von Thomas Grüter, 08. September 2009, 13:23

Bei meinen Recherchen zur künstlichen Intelligenz bin ich auf ein interessantes Stichwort gestoßen: die technologische Singularität.

Der Begriff Singularität bezeichnet in der Mathematik und Physik eine Stelle, an der eine Größe undefiniert oder unendlich wird. Das Zentrum eines Schwarzen Lochs ist das bekannteste Beispiel. Nach den gegenwärtig bekannten Gesetzen der Physik ist die Gravitation dort unendlich groß. Der Urknall, der Beginn des Universums, verkörpert eine weitere Singularität. Alle Theorien über Temperatur und Dichte setzen erst unmittelbar danach ein, der Urknall selbst entzieht sich jeder Berechnung. Nach Meinung einiger Forscher könnte der Menschheit sehr bald ein derartiges Ereignis bevorstehen.

Die technologische Singularität tritt ein, sobald die künstlichen Intelligenz den Menschen überflügelt. Der Ausdruck stammt von dem Mathematiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge. In einem Artikel aus dem Jahre 1993 unter dem Titel „The Coming Technological Singularity: How to Survive in the Post-Human Era“ beschrieb er die Vorbedingungen für dieses Ereignis:
  • Es können Computer entwickelt werden, die „bewusst“ und übermenschlich intelligent sind. Bis heute ist umstritten, ob wir Computer nach dem Vorbild des Menschen konstruieren können. Aber wenn die Antwort lautet, „yes, we can“ dann ist es kaum zweifelhaft, dass kurze Zeit später auch noch intelligentere System erschaffen werden können.
  • Große Computernetze (und die angeschlossenen Benutzer) können ein eigenes Bewusstsein entwickeln und zu einem übermenschlich intelligentes Wesen werden.
  • Computer können mit Menschen so weit zusammenwachsen, dass sie im Ergebnis als übermenschlich intelligente Einheiten betrachtet werden können (ein sogenanter Cyborg = Cybernetic Organism).
  • Die Biologie mag ebenfalls Möglichkeiten finden, die menschliche Intelligenz zu steigern.

Sobald ein Computer oder ein Cyborg übermenschlich intelligent werden, können sie diese Intelligenz dazu nutzen, sich selbst zu verbessern. Dadurch würden sie noch intelligenter und würden sich um so schneller weiterentwickeln. Ab diesem Moment würde die Zukunft unvorhersehbar, denn der Mensch hätte die Gestaltungshoheit verloren. Kurz darauf, so schreibt Vinge, endet die Ära der Menschen.

In den letzten Jahren haben die ersten wissenschaftlichen Projekte zur Erschaffung einer menschenartigen künstlichen Intelligenz begonnen. Auch wenn ich bereits ausgeführt habe, warum ich das Blue Brain Projekt für eine Sackgasse halte, so wird es doch wertvolle Informationen für weitere Forschungen liefern. Auch das FACETS Projekt arbeitet daran, die Grundlagen biologischer Datenverarbeitung zu verstehen und komplexe Nervenstrukturen in Computerchips nachzubauen. In spätestens dreißig Jahren sollte der erste übermenschlich intelligente Computer fertig sein. Wenn ein Prototyp einmal gebaut ist, wäre es ein leichtes, ihn in Massen herzustellen. Durch den Zusammenschluss vieler solcher Rechner würde ihre Leistung noch einmal potenziert. Das Gedankenspiel von Vernor Vinge wäre Wirklichkeit. Und dann? Ja was dann? Würde es wirklich einen beispiellosen technologischen Bruch geben, einen Urknall, der uns alle zerstören kann? Oder würde der größte Teil der Menschen sich schnell daran gewöhnen, dass sein Auto ihn ohne sein Zutun an jedes gewünschte Ziel fährt („Die Fahrt wird heute etwas länger dauern, auf der Weseler Straße steht ein Stau. Ich habe mir die Freiheit genommen, eine Auswahl von Filmen geeigneter Länge zu ihrer Unterhaltung herunterzuladen.“) und seine Küche ihm automatisch und gesundheitsbewusst das richtige Essen vorsetzt („Sie müssen abnehmen, deshalb werde ich Ihnen heute nur einen grünen Salat servieren. Sie haben sicher Verständnis dafür.“)?

Der amerikanische Informatiker und Sachbuchautor Raymond Kurzweil geht davon aus, dass jede technische Entwicklung sich ständig beschleunigt. Von der Beherrschung des Feuers bis zur Erfindung von Pfeil und Bogen vergingen mehr als 100000 Jahre, von der Erfindung der Schrift bis zum Buchdruck waren es nur noch 5000 Jahre. Vor dreißig Jahren führte die deutsche Bundespost den Faxdienst ein, 10 Jahre später war ein Fax im Geschäftsleben unentbehrlich, jetzt ist es technisch schon fast veraltet. Der Siegeszug der Handys vollzog sich in weniger als 10 Jahren. Alle Technologien, so argumentiert Kurzweil, entwickeln sich mit exponentiell zunehmender Geschwindigkeit, weil sie auf einer ständig wachsenden Basis von Wissen und Fertigkeiten aufbauen. Eine Singularität ist also unvermeidbar. Kurzweil betrachtet diese Entwicklung aber nicht als Gefahr, sondern als Ausgangspunkt einer besseren Zukunft für die gesamte Menschheit.

In den USA wird das Thema derzeit heiß diskutiert: Auf dem Gelände des NASA Ames Research Center in Kalifornien wurde im September letzten Jahres die Singularity University gegründet. Gründungspartner sind der Internetdienstleister Google, Inc. und die Venturekapitalfirma ePlanet Ventures. Zum Gründungskanzler wurde – nicht ganz überraschend – Raymond Kurzweil berufen. Die Institution betrachtet sich als eine Bildungseinrichtung, die Studenten und Manager auf die Herausforderungen der bevorstehenden massiven Beschleunigung der technologischen Entwicklung einstimmen soll. Oder, in ihren eigenen Worten:

Die Singularity University möchte einen Kader von Führungspersonen versammeln, ausbilden und inspirieren, die danach streben, den exponentionellen technischen Fortschritt zu verstehen und zu befördern, und die die dabei entstehenden Werkzeuge dazu nutzen und darauf ausrichten wollen, die gewaltigen Herausforderungen der Menschheit zu meistern.

Was meinen Sie: ist das sinnvoll, wird es eine Singularität geben, oder handelt es sich nur um eine besonders originelle Art, den Weltuntergang zu beschwören?

In der zweiten Folge des Blog wird es um die Kritik von Wissenschaftlern an der Idee der technologischen Singularität gehen.





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Kommentare

  1. Karl Bednarik Die Menschheit
    10.09.2009 | 15:59

    Seit 750.000 Jahren Feuer und Faustkeil,
    seit 8.000 Jahren Ackerbau und Viehzucht,
    seit 300 Jahren Dampfmaschine,
    seit 150 Jahren Elektromotor.

    Seit 350 Jahren mechanische Rechenmaschinen,
    vor 150 Jahren Babbages difference engine und analytical engine scheitern leider,
    seit 120 Jahren Hollerith-Lochkarte,
    vor 68 Jahren Zuses Z3 ist erster Computer auf Relais-Basis,
    danach ersetzte man die Relais durch Elektronenröhren,
    danach ersetzte man die Elektronenröhren durch Transistoren,
    danach ersetzte man die einzelnen Transistoren durch integrierte Schaltkreise.

    So gesehen gilt das Mooresche Gesetz schon seit 750.000 Jahren.

    Überhaupt alles wird exponentiell kleiner, schneller, und besser.

  2. Thomas Grüter KI und Übeersetzungen
    11.09.2009 | 11:05

    Maschinelle Übersetzungen, wie Google sie beispielsweise liefert, sind immer wieder erheiternd. Aber ich würde sie nicht als Nagelprobe für Künstliche Intelligenz hernehmen. Auch natürliche Intelligenzen erstellen zum Teil sehr sonderbare Übersetzungen. Auf der anderen Seite müsste ein System mit einer ausreichenden Basis an lexikalischem und grammatikalischem Wissen gute Übersetzungen erstellen können, ohne intelligent zu sein. Aus der Häufigkeit von Fachworten könnte man auch noch auf das Thema eines Textes schließen und damit wiederum auf die wahrscheinlichste von verschiedenen Wortbedeutungen. Berücksichtigt man nicht nur Worte, sondern ganze Phrasen oder sogar komplette Sätze, dann ließe sich eine recht genaue Übersetzung erzeugen.
    Also: Auch eine gute Übersetzung macht noch keine künstliche Intelligenz, andererseits würde auch ein sehr intelligentes System eine schlechte Übersetzung abliefern, wenn ihm das passende Wissen fehlt.
    Bis in die neunziger Jahre galt es als ausgeschlossen, dass Computer besser Schach spielen als Menschen. Diese Vorstellung ist überholt: seit mehr als 10 Jahren hat kein Weltmeister mehr die besten Schachprogramme besiegen können. Keines dieser Programme ist aber intelligent im Sinne einer höheren Einsichtsfähigkeit.

  3. steffen rehm Übersetzungsmaschinen
    12.09.2009 | 20:07

    Das wäre die optimale Lösung: Ein Handy, selbstverständlich mit eingebauter Kamera, MP3-Player, Radio, Videorecorder, Internet-Zugang, Navigationsfunktion, und dem Clou: mit eingebauter Übersetzungsmaschine, die auf verschiedene Sprachen umgeschaltet werden kann.
    Beim Telefonieren mit Russen oder Chinesen muß man nur die richtige Einstellung wählen, und schon hört man den Gesprächspartner in der eigenen Sprache, in Echtzeit und perfekt sinngemäß, während die eigenen Worte in dessen Sprache übersetzt werden, ohne daß dabei alberner Unsinn entsteht, wie bei den derzeitigen „Übersetzungs“-Programmen.
    Nicht nur beim Telefonieren, schon bei jedem Gespräch ist das Gerät einsetzbar und in der Lage, in Echtzeit eine Übersetzung der aufgenommenen Sprache in verschiedene andere Sprachen (Standart:3, Luxusausführung 6, nachrüstbar mit Zusatzmodulen für seltene Sprachen) zu liefern. Zwischen Mikrophon und Ohrhörer müssen nur ein paar Gigabyte algorithmisch wirksam sein.

    Traurig wäre es nur für die Dolmetscher und Übersetzer von Büchern, die allesamt arbeitslos werden, aber die Schachprofis mußten ja auch schon dran glauben, die Sekretärinnen sind als nächste dran.

    Eine Frage drängt sich auf: Woran liegt es, wenn weltweit Riesensummen in KI-Forschung investiert werden, um solche sprachfähigen Maschinen zu produzieren, aber die Ergebnisse so kümmerlich sind, wie bei Googl, purer Unsinn.

    Meines Erachtens ist ein „sinnvolles“ Übersetzen nur mit Bewußtsein möglich.
    Sinn ist das Medium des Bewußtseins, und Sprache ist Kommunikation von Sinn.

    Solange wir keine Maschinen mit Bewußtsein (wie HAL) herstellen können, kann es keine automatische Übersetzung mit dem Prädikat „sinngemäß“ geben.

    S.R.

  4. Karl Bednarik Wo kommt der "Sinn" her?
    13.09.2009 | 07:50

    Wo kommt der "Sinn" her?

    Ein Netz aus Begriffen hängt so lange in der Luft, solange es nicht an seinen Rändern an der realen Welt befestigt ist.

    Das so genannte "Verstehen" von Begriffen bedeutet eben diese Verknüpfung von rein akustischen Worten mit Dingen in der realen Welt.

    "Ich haue Dir eine Watsche hinein" bekommt neben dem akustischen Reiz zusätzlich noch eine mechanische, taktile Bedeutung, die diesen akustischen Reiz an die physische Realität ankoppelt.

  5. steffen rehm @Karl Bednarik
    13.09.2009 | 16:50

    Wo kommt der "Sinn" her?
    N.Luhmanns Antwort: Sinn wird von einem selbstreferentiellen System. autopoitisch aus Unterscheidungen gebildet als ein vereinfachtes Modell der unfassbaren Komplexität des Welt-Ganzen.

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