brainlogs Gedankenwerkstatt

Denkanstöße - Die Triebkräfte der Evolution

12. August 2010, 13:40

Die Evolutionstheorie ist untrennbar mit dem Namen Charles Darwin verbunden. Er hat als erster ihre Grundsätze formuliert und das damals vorherrschende Dogma von der göttlichen Schöpfung und der Einzigartigkeit des Menschen erschüttert. Darwinismus wurde die Evolutionstheorie genannt, ganz so, als sei es eine Ideologie wie der Marximus.

Dabei wird aber immer wieder vergessen, dass Darwin zwar die Grundlagen gelegt hat, aber keineswegs alle Phänomene erklären konnte. Damals wusste niemand von der DNA und den molekularen Grundlagen der Vererbung. So nahm Darwin fälschlich an, dass erworbene Merkmale an die Nachkommen weitergegeben werden konnten.

Seine Theorie beantwortete auch nicht die Frage, auf welche Weise neue Arten entstanden. Gut, Tiere und Pflanzen veränderten sich ständig und diejenigen Neuentwicklungen, die am besten mit der jeweiligen Umwelt harmonierenden, setzten sich durch. Aber nach welchen Regeln veränderten Tiere und Pflanzen ihr Aussehen oder ihren Stoffwechsel? Und auf welche Weise wurden sie selektiert? Bereits Darwin hatte erkannt, dass die sexuelle Selektion, die Auswahl des Geschlechtspartners, eine große Rolle spielte. Nur dadurch konnten sich so sinnlose, ja hinderliche Merkmale wie das riesige Geweih eines Hirschs oder die Schwanzfedern eines Pfauen ausbilden. Aber davon abgesehen sind viele Tier und Pflanzenarten keineswegs so gut angepasst, wie man es bei einer anhaltenden strengen Auswahl erwarten sollte. Die Evolutionstheorie war zweifellos ein großer Wurf, aber sie bedurfte der genauen Ausarbeitung. Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts arbeiteten viele Wissenschaftler daran, Darwins grundlegende Ideen zu überprüfen, zu spezifizieren, zu korrigieren und zu ergänzen.  (weiter)

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Weltregierung und Jüngster Tag

27. März 2010, 09:28

US-Präsident Barack Obama hat seine erste große Reform durchgesetzt, gegen den erklärten Willen der Republikaner und zum beträchtlichen Missfallen vieler Amerikaner. Die völlig überzogene Propaganda der Obama-Gegner hat in den Köpfen der Amerikaner offenbar deutliche Spuren hinterlassen. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Harris Interactive am 24. März 2010 gezeigt, wie tief der Riss in der amerikanischen Gesellschaft ist.

In der Umfrage fragten die Mitarbeiter des Instituts die 2320 Teilnehmer, ob sie bestimmten Aussagen über den amerikanischen Präsidenten zustimmten. Das Ergebnis ist erschreckend. Hier die Zustimmungsraten erst von allen, dann in Klammern die Zahlen für die Anhänger der oppositionellen Republikaner:

  • Er ist Sozialist – 40% (67%).
  • Er will die Souveränität der USA an eine Weltregierung
    abgeben – 29% (51%).
  • Er ist der innere Feind, von dem die US-Verfassung
    spricht – 25% (45%).
  • Er will einen Zusammenbruch der Wirtschaft oder Terrorangriffe als Vorwand nutzen, um diktatorische Vollmachten zu
    erlangen – 23% (41%).

Das Umfrageergebnis wirkt schon auf den ersten Blick erschreckend. Die Ausleuchtung der Hintergründe einiger Fragen bringt aber das ganze Ausmaß der Abneigung zum Vorschein, sodass man schon von einem Hass sprechen muss.

Der erste Satz ist noch wenig aussagekräftig, da die meisten Amerikaner nicht wissen, was ein Sozialist ist und das Wort als Schimpfwort verwenden. Jeder Eingriff des Staates, jede gesetzliche Regelung, gilt in konservativen Kreisen als „sozialistisch“.

Bedenklicher ist schon der zweite Satz. Er ist für Europäer erst einmal rätselhaft. Es gibt keine Weltregierung, es hat nie eine gegeben und es ist keine in Sicht. Wie kann es also sein, dass über die Hälfte der Republikaner so etwas glauben? Die Vorstellung hat einen religiös-apokalyptischen Hintergrund. Viele amerikanische evangelikale Christen hängen der Bibelauslegung des englischen evangelikalen Pfarrers John Nelson Darby (1800-1882) an. Danach soll das Weltende mit einer siebenjährigen „Zeit der Heimsuchung“ (Tribulation) beginnen. Die Gerechten werden zu Beginn dieser Epoche bereits direkt in den Himmel geholt (The Rapture). Kriege, Naturkatastrophen, Terror und Christenverfolgungen kennzeichnen die unmittelbar folgende Endzeit. Der Teufel schickt den Antichristen auf Erde, eine charismatische, aber durch und durch böse Gestalt. Der Antichrist wird nach dreieinhalb Jahren Chef einer Weltregierung, bevor nach weiteren dreieinhalb Jahren Christus auf den Plan tritt und mit seiner Armee die Heere des Antichristen in der Schlacht von Armageddon besiegen wird. Eine Weltregierung ist nach dieser Auslegung eine buchstäbliche teuflische Einrichtung.

Der zweite Satz unterstellt also, dass Präsident Obama die Amerikaner an den Teufel verkaufen will. Alle weiteren Interpretationen, wie die Idee einer geheimen Weltregierung der Illuminaten, sind eher zweitrangig.

Der dritte Satz ist ebenfalls bemerkenswert, weil die US-Verfassung nirgendwo von einem inneren Feind (domestic enemy) spricht. Offenbar ist das vielen der Befragten nicht aufgefallen. Die Phrase stammt vielmehr aus dem amerikanischen Fahneneid, in dem die Soldaten schwören, die Verfassung gegen alle Feinde, äußere und innere, zu verteidigen. In diesem Satz schwingt also die Vorstellung mit, dass gegen Präsident Obama notfalls auch bewaffneter Widerstand gerechtfertigt ist. Das ist schon bedenklich, heißt aber nicht, dass sich bewaffnete Milizen auf den Weg nach Washington machen. Allerdings bietet diese Aussage bewaffneten Extremisten eine willkommene Rechtfertigung.

Der vierte Satz gibt einen uralten Verschwörungsglauben wieder, den bereits der Machttheoretiker Machiavelli kannte. Ein Herrscher, der eine Verschwörung rechtzeitig aufdeckt und die Beteiligten hinrichtet, setzt sich dem Verdacht aus, er habe die Bedrohung nur erfunden, um seinen Gegnern zu schaden, schrieb er schon vor mehr als 500 Jahren (Einzelheiten dazu in meinem Buch). Interessanterweise haben Verschwörungstheoretiker nach den Anschlägen auf das World Trade Center die Bush-Regierung beschuldigt, die Anschläge entweder selbst inszeniert oder bewusst geduldet zu haben, um ihre Weltherrschaftspläne besser durchsetzen zu können. Hier sehen wir jetzt das gleiche Muster, nur spiegelbildlich. Es drückt das tiefe Misstrauen gegen die jeweils andere Seite aus.

Von übler Nachrede zu wirklichen Aktionen ist es glücklicherweise ein weiter Weg. Dennoch sollte die Welt diese Anzeichen ernst nehmen. Das mühsame Verfahren zur Reform des Gesundheitswesens hat gezeigt, dass die USA eine Konsensdemokratie haben. Eine Minderheit von 40% kann im Senat einen Gesetzentwurf auf Dauer blockieren. Wenn sich zwei Blöcke unversöhnlich gegenüberstehen, ist die Gesetzgebung blockiert und nur die relativ starke Stellung der Regierung verhindert einen kompletten Stillstand. Die USA ist tief gespalten und eine beträchtliche Zahl der Amerikaner traut dem Präsidenten alles Böse einschließlich eines Pakts mit dem Teufel zu. Die Spaltung läuft entlang der Grenzen ethnischer und politischer Gruppen und ist deshalb selbst langfristig schwer zu kitten. Eine ernste Krise in den USA betrifft immer auch den Rest der Welt. Deshalb hoffe ich, dass alle Beteiligten Vernunft und Augenmaß bewahren.


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Ketzerische Ideen zum Klimagipfel

21. Dezember 2009, 19:46

Die Weltklimakonferenz ist geplatzt, und das ist gut so. Paradoxerweise bringt ihr Scheitern die Klimadiskussion voran, ein sogenannter Erfolg hätte das nicht getan. Machen wir uns nichts vor: Die beim Gipfel aufgebrochenen Interessengegensätze sind bestehen seit Langem, jeder gemeinsame Beschluss hätte sie lediglich verdeckt. Und noch eine unangenehme Wahrheit: Alle dort beschlossenen Resolutionen und Selbstverpflichtungen hätten allenfalls die Verbindlichkeit von Silvestervorsätzen, weil keine Sanktionen möglich sind. (weiter)

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Gesichter und Menschen

06. Dezember 2009, 21:05

Über alles Mögliche habe ich in diesem Blog geschrieben, aber mein eigentliches Forschungsgebiet habe noch nie vorgestellt. Das möchte ich jetzt nachholen. Ich habe das Glück, ein wirklich faszinierendes Gebiet der Neurowissenschaft zu erkunden: die Störungen der Gesichtserkennung.

Die unmittelbare und sichere Erkennung von Gesichtern ist eine der erstaunlichsten Leistungen des menschlichen Gehirns. Für etwa 2,5% der Bevölkerung ist es allerdings nicht selbstverständlich: Sie leiden unter einer Gesichtserkennungsschwäche. Das zungenbrecherische Fachwort lautet Prosopagnosie (gesprochen Prosop-agnosie). (weiter)

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Gene, Richter und Gerechtigkeit

13. November 2009, 19:53

Am 30.10. meldete die Zeitschrift Nature, dass in Italien ein Berufungsrichter einem Mörder ein Jahr seiner Strafe erlassen hat, weil seine Verteidigerin ein Gutachten beibrachte, nach dem der Delinquent eine genetisch bedingte Neigung zur Gewalttätigkeit haben könnte. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass der Mörder wegen seiner psychischen Probleme bereits in der ersten Instanz einen Strafnachlass bekommen hatte.

Warum interessiert sich die angesehene, in England verlegte Wissenschaftszeitschrift Nature plötzlich für ein einzelnes Urteil eines italienisches Berufungsgerichts? Dies sei das erste Mal, dass ein europäisches Gericht neurogenetische Befunde zur Urteilsfindung herangezogen habe, erklärt der Nature-Artikel zur Begründung. Angesichts der Fülle von Urteilen, die täglich in Europa gefällt werden, ist das schwer zu überprüfen. Aber nehmen wir einmal an, es stimmt. (weiter)

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Seltsame Verschwörungstheorien in den USA

29. Oktober 2009, 11:34

Die Regierung der Vereinigten Staaten ist stets ein erstrangiges Ziel von Verschwörungstheorien. George Bush soll beispielsweise angeblich die Anschläge auf das World Trade Center selbst in Auftrag gegeben oder wenigsten geduldet haben. Das behaupten zumindest eine Reihe von Buchautoren und eine unübersehbare Zahl von Websitebetreibern. (weiter)

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Neuro-Enhancement: Keine optimale Idee

09. Oktober 2009, 11:43

Memorandum

Unter dem Titel Das optimierte Gehirn haben sieben Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche in der Zeitschrift Gehirn & Geist eine Denkschrift zum Thema „Neuro-Enhancer“ veröffentlicht. Das Papier ist ein bemerkenswertes Dokument akademischer Selbstgefälligkeit und argumentativer Armut. Statt eine Diskussion in Gang zu bringen, provoziert es mit seiner extremen Einseitigkeit allenfalls Streit. (weiter)

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Das schwarze Loch der Technologie - dritter Teil

06. Oktober 2009, 15:34

Im ersten Teil habe ich Ray Kurzweils Idee der sogenannten technologischen Singularität vorgestellt. Er behauptet, dass die technologische Entwicklung sich selbst befruchtet und damit immer weiter beschleunigt. Irgendwann in naher Zukunft, etwa im Jahre 2030 erreicht sie einen Punkt, an dem quasi alles gleichzeitig erfunden wird. Der Physiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge und der Schriftsteller Charles Stross koppeln das Auftreten der Singularität an die Erschaffung der ersten übermenschlich intelligenten Computer. Solche Maschinen, so argumentieren sie, können sich selbst optimieren und so ihre Intelligenz in kurzer Zeit unerhört steigern.

Im zweiten Teil habe ich über die Kritik an dieser Idee berichtet. Niemand kann ausreichend sicher vorhersagen, wie sich die Schaffung einer künstlichen Überintelligenz auswirken wird. Wer sagt denn, dass diese Maschinen motiviert sind, sich selbst zu verbessern? Vielleicht tun sie wirklich nur das, was ihre Schöpfer ihnen vorgeben. Das würde den technischen Fortschritt kaum beeinflussen.

Es könnte aber auch sein, dass die technologische Singularität nicht durch das Auftreten von künstlichen Intelligenzen ausgelöst wird, sondern durch die Erschaffung von hyperintelligenten Menschen. Ihre Motivation wäre unserer vermutlich sehr ähnlich, sie würden wohl tatsächlich versuchen, ihre eigenen Möglichkeiten zu erweitern, viel Geld mit bisher undenkbaren Erfindungen zu verdienen. Aus diesem Grund könnten sie ein echter Machtfaktor werden.

Intelligenz ist zum Teil erblich. Es tobt ein heftiger Gelehrtenstreit darüber, wie groß dieser Teil ist. In jedem Fall kann die Manipulation geeigneter Gene die Intelligenz eines Kindes deutlich steigern. Das ist nach heutigen Standards unethisch, aber Moral ist bekanntlich dehnbar.

Zum Zweiten könnte man das menschliche Nervensystem direkt mit einem Computer verbinden. Das würde die Möglichkeiten des Gehirns erheblich erweitern. Erste Ansätze dazu gibt es bereits: So werden seit etwa 20 Jahren taube oder schwerhörige Menschen mit sogenannten Cochleaimplantaten versorgt. Die Cochlea ist die Hörschnecke. Hier setzen Haarzellen die vom Ohr aufgenommenen akustischen Schwingungen in Hörnervenreize um. Das Implantat bringt eine eigene Elektronik für die Aufbereitung der Schallschwingungen mit und leitet die so gewonnenen Impulse über bis zu 22 Elektroden direkt an den Hörnerven weiter. Das so erzeugte Hörerlebnis ist klingt nicht unbedingt natürlich, aber besser als mit externen Hörgeräten.

Entsprechende Implantate für Blinde sind noch im Versuchsstadium, die englische Wikipedia gibt einen guten Überblick darüber. Einige Projekte sehen vor, den visuellen Cortex direkt zu stimulieren, also tatsächlich einen Computer direkt mit dem Gehirn zu verbinden.

Sollte das funktionieren, wäre es nur noch ein kleiner Schritt zu einer Erweiterung des Sehsinns auf infrarotes oder ultraviolettes Licht.

Auch die direkte Steuerung von künstlichen Gliedmaßen durch Nervenimpulse is möglich. Manche Menschen können sich nach einem schweren Schlaganfall nicht mehr bewegen, sind aber bei Bewusstsein. Viele können sogar einigermaßen normal hören und sehen. Sie sind quasi bei vollem Bewusstsein in einem gelähmten Körper eingeschlossen. Man spricht dann vom „Locked-in-Syndrom“. Eine Computer-Schnittstelle direkt zum Gehirn ist die einzige Chance für diese Menschen, über mit der Umwelt in Verbindung zu treten. Die Hirnströme zur Steuerung des Rechners können am Schädel, direkt auf der harten Hirnhaut oder über eine direkt ins Gehirn plazierte Sonde abgenommen werden. Technisch wäre es also in absehbarer Zeit möglich, Menschen mit Computerhilfe zu Superintelligenzen aufzurüsten.

Superintelligente Menschen hätten vermutlich ähnliche Gefühle, Motive und Ziele wie andere Menschen. Ihnen ständen aber überlegene geistige Mittel zu Gebote. Das heißt aber nicht, dass sie gleich die Weltherrschaft übernehmen. Im Gegenteil: Sie müssten mit dem geballten Misstrauen der übrigen Menschheit rechnen und werden es schwer haben, in Entscheidungspositionen zu gelangen.

In der Wirtschaft und der Politik reicht Intelligenz sowieso für einen raschen Aufstieg nicht aus, Ehrgeiz und Beharrlichkeit sind mindestens ebenso wichtig. In der Wissenschaft hätten Superintelligente sicherlich gute Chancen, aber auch dort kommt man ohne Geduld und Fleiß nicht weiter. Außerdem ist Forschung heute eine Industrie und Wissenschaftler brauchen Geldgeber, Geräte und Mitarbeiter. Der „Mad Scientist“, der im Kellerlabor geniale Erfindungen macht, gehört einer versunkenen Epoche an.

Es könnte natürlich sein, dass immer mehr Eltern ihren Kinder das Intelligenzgen einzupflanzen lassen, sobald das möglich wird. Und vielleicht wird irgendwann ein universelles Brain-Computer-Interface so einfach zu implemtieren sein wie eine künstliche Hüfte. In diesem Fall gäbe es sehr schnell Millionen von superintelligenten Menschen. Und dann? Keine Ahnung. Wie soll ich vorhersehen, was Menschen tun werden, die viel intelligenter sind als ich?


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Das schwarze Loch der Technologie - zweite Folge

25. September 2009, 11:08

In der ersten Folge habe ich die Idee der sogenannten technologischen Singularität vorgestellt. Sie wird besonders vom KI-Forscher Ray Kurzweil propagiert. Er behauptet, dass die technologische Entwicklung immer schneller voranschreitet und sich irgendwann sozusagen selbst überholt.
Der Physiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge oder der Schriftsteller Charles Stross sehen das ähnlich, aber sie koppeln das Auftreten der Singularität an die Erschaffung der ersten übermenschlich intelligenten Computer. Solche Maschinen, so argumentieren sie, können sich selbst optimieren und würden deshalb ihre Intelligenz in sehr kurzer Zeit unerhört steigern. Und dann, ja dann gehört ihnen die Erde. Was sie aber mit den Menschen anstellen werden, ist nicht vorhersehbar. Der Mensch würde vielleicht in einem selbst gegrabenen schwarzen Loch verschwinden, der technologischen Singularität.

Mit dieser Graphik möchte Ray Kurzweil belegen, dass der technische Fortschritt sich ständig beschleunigt und bis spätestens 2030 ein dichter Hagel von Erfindungen den Beginn eines technologischen Utopia einleitet. Das sehen aber keineswegs alle Wissenschaftler so (ich übrigens auch nicht). Der Biologe PZ Myers verreißt die Idee in seinem Blog. Kurzweil habe willkürlich Schlüsselereignisse und Erfindungen zusammengesucht, damit sie in seine Graphik passen, führt er aus. Dem kann ich nur zustimmen: Eine durchgängige Regel für die Aufnahme bestimmter Punkte in die Graphik ist nicht erkennbar. Ein Beweis oder auch nur eine Faustregel für die stete Beschleunigung der Erfindungsrate läßt sich daraus nicht ableiten. Vielleicht, so gibt Jürgen Schmidhuber zu bedenken, ist die Beschleunigung der Erfindungsrate auch nur eine Illusion der menschlichen Wahrnehmung. Könnte nicht ein Gelehrter um 1525 ebenfalls zu dem Ergebnis kommen, eine technologische Singularität stünde unmittelbar bevor? Schließlich dauerte es von der Erfindung des Buchdrucks (ca. 1444) bis zur Entdeckung Amerikas (1492) viel länger als von Kolumbus' erster Reise bis zur Reformation (ab etwa 1517). Die stete Beschleunigung der Ereignisse wäre in der Tat kaum zu leugnen.

Andere Autoren bezweifeln die Beschleunigung grundsätzlich und halten sogar eine Verlangsamung oder einen Stillstand des technologischen Fortschritts für unausweichlich. Warten wir es also ab. Der Kognitionsforscher Edward Boyden vom MIT bezweifelt die These, dass die Erschaffung hyperintelligenter Computer zu einer Singularität führen muss. In einem Beitrag für die Zeitschrift Technology Review schrieb er, statt einer Singularität mit rasanter Entwicklung könne auch ein Fixpunkt entstehen, an dem alles zum Stillstand kommt. Nicht nur die Intelligenz, auch die Motivation muss stimmen. Und schließlich könnte eine Hyperintelligenz so viele Handlungsalternativen entwerfen, dass sie sich nur schwer entscheiden könnte. Vielleicht verfiele sie sogar in eine völlige Starre, während sie ununterbrochen darüber nachdenkt, welche ihrer endlos vielen Optionen sie verfolgen soll.

Sie sehen: Bei genauerem Hinsehen ist die Idee der Singularität keineswegs zwingend. Was den Befürwortern wie ein schwarzes Loch erscheint, könnte auch einfach ein blinder Fleck in ihrer Wahrnehmung sein.

Im dritten Teil wird um die Verbesserung des Menschen gehen, um künstliche Implantate, Neuro-Interfaces und den Download, die Übertragung eines menschlichen Bewusstseins auf einen Computer.


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Das schwarze Loch der Technologie - erste Folge

08. September 2009, 13:23

Bei meinen Recherchen zur künstlichen Intelligenz bin ich auf ein interessantes Stichwort gestoßen: die technologische Singularität.

Der Begriff Singularität bezeichnet in der Mathematik und Physik eine Stelle, an der eine Größe undefiniert oder unendlich wird. Das Zentrum eines Schwarzen Lochs ist das bekannteste Beispiel. Nach den gegenwärtig bekannten Gesetzen der Physik ist die Gravitation dort unendlich groß. Der Urknall, der Beginn des Universums, verkörpert eine weitere Singularität. Alle Theorien über Temperatur und Dichte setzen erst unmittelbar danach ein, der Urknall selbst entzieht sich jeder Berechnung. Nach Meinung einiger Forscher könnte der Menschheit sehr bald ein derartiges Ereignis bevorstehen.

Die technologische Singularität tritt ein, sobald die künstlichen Intelligenz den Menschen überflügelt. Der Ausdruck stammt von dem Mathematiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge. In einem Artikel aus dem Jahre 1993 unter dem Titel „The Coming Technological Singularity: How to Survive in the Post-Human Era“ beschrieb er die Vorbedingungen für dieses Ereignis:
  • Es können Computer entwickelt werden, die „bewusst“ und übermenschlich intelligent sind. Bis heute ist umstritten, ob wir Computer nach dem Vorbild des Menschen konstruieren können. Aber wenn die Antwort lautet, „yes, we can“ dann ist es kaum zweifelhaft, dass kurze Zeit später auch noch intelligentere System erschaffen werden können.
  • Große Computernetze (und die angeschlossenen Benutzer) können ein eigenes Bewusstsein entwickeln und zu einem übermenschlich intelligentes Wesen werden.
  • Computer können mit Menschen so weit zusammenwachsen, dass sie im Ergebnis als übermenschlich intelligente Einheiten betrachtet werden können (ein sogenanter Cyborg = Cybernetic Organism).
  • Die Biologie mag ebenfalls Möglichkeiten finden, die menschliche Intelligenz zu steigern.

Sobald ein Computer oder ein Cyborg übermenschlich intelligent werden, können sie diese Intelligenz dazu nutzen, sich selbst zu verbessern. Dadurch würden sie noch intelligenter und würden sich um so schneller weiterentwickeln. Ab diesem Moment würde die Zukunft unvorhersehbar, denn der Mensch hätte die Gestaltungshoheit verloren. Kurz darauf, so schreibt Vinge, endet die Ära der Menschen.

In den letzten Jahren haben die ersten wissenschaftlichen Projekte zur Erschaffung einer menschenartigen künstlichen Intelligenz begonnen. Auch wenn ich bereits ausgeführt habe, warum ich das Blue Brain Projekt für eine Sackgasse halte, so wird es doch wertvolle Informationen für weitere Forschungen liefern. Auch das FACETS Projekt arbeitet daran, die Grundlagen biologischer Datenverarbeitung zu verstehen und komplexe Nervenstrukturen in Computerchips nachzubauen. In spätestens dreißig Jahren sollte der erste übermenschlich intelligente Computer fertig sein. Wenn ein Prototyp einmal gebaut ist, wäre es ein leichtes, ihn in Massen herzustellen. Durch den Zusammenschluss vieler solcher Rechner würde ihre Leistung noch einmal potenziert. Das Gedankenspiel von Vernor Vinge wäre Wirklichkeit. Und dann? Ja was dann? Würde es wirklich einen beispiellosen technologischen Bruch geben, einen Urknall, der uns alle zerstören kann? Oder würde der größte Teil der Menschen sich schnell daran gewöhnen, dass sein Auto ihn ohne sein Zutun an jedes gewünschte Ziel fährt („Die Fahrt wird heute etwas länger dauern, auf der Weseler Straße steht ein Stau. Ich habe mir die Freiheit genommen, eine Auswahl von Filmen geeigneter Länge zu ihrer Unterhaltung herunterzuladen.“) und seine Küche ihm automatisch und gesundheitsbewusst das richtige Essen vorsetzt („Sie müssen abnehmen, deshalb werde ich Ihnen heute nur einen grünen Salat servieren. Sie haben sicher Verständnis dafür.“)?

Der amerikanische Informatiker und Sachbuchautor Raymond Kurzweil geht davon aus, dass jede technische Entwicklung sich ständig beschleunigt. Von der Beherrschung des Feuers bis zur Erfindung von Pfeil und Bogen vergingen mehr als 100000 Jahre, von der Erfindung der Schrift bis zum Buchdruck waren es nur noch 5000 Jahre. Vor dreißig Jahren führte die deutsche Bundespost den Faxdienst ein, 10 Jahre später war ein Fax im Geschäftsleben unentbehrlich, jetzt ist es technisch schon fast veraltet. Der Siegeszug der Handys vollzog sich in weniger als 10 Jahren. Alle Technologien, so argumentiert Kurzweil, entwickeln sich mit exponentiell zunehmender Geschwindigkeit, weil sie auf einer ständig wachsenden Basis von Wissen und Fertigkeiten aufbauen. Eine Singularität ist also unvermeidbar. Kurzweil betrachtet diese Entwicklung aber nicht als Gefahr, sondern als Ausgangspunkt einer besseren Zukunft für die gesamte Menschheit.

In den USA wird das Thema derzeit heiß diskutiert: Auf dem Gelände des NASA Ames Research Center in Kalifornien wurde im September letzten Jahres die Singularity University gegründet. Gründungspartner sind der Internetdienstleister Google, Inc. und die Venturekapitalfirma ePlanet Ventures. Zum Gründungskanzler wurde – nicht ganz überraschend – Raymond Kurzweil berufen. Die Institution betrachtet sich als eine Bildungseinrichtung, die Studenten und Manager auf die Herausforderungen der bevorstehenden massiven Beschleunigung der technologischen Entwicklung einstimmen soll. Oder, in ihren eigenen Worten:

Die Singularity University möchte einen Kader von Führungspersonen versammeln, ausbilden und inspirieren, die danach streben, den exponentionellen technischen Fortschritt zu verstehen und zu befördern, und die die dabei entstehenden Werkzeuge dazu nutzen und darauf ausrichten wollen, die gewaltigen Herausforderungen der Menschheit zu meistern.

Was meinen Sie: ist das sinnvoll, wird es eine Singularität geben, oder handelt es sich nur um eine besonders originelle Art, den Weltuntergang zu beschwören?

In der zweiten Folge des Blog wird es um die Kritik von Wissenschaftlern an der Idee der technologischen Singularität gehen.





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