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Zum Fernseher, Videospiel und wieder zurück

von Peter Schipek, 10. Januar 2008, 22:42

Kann man sich dumm und aggressiv spielen? Ja - lautet die Antwort.

Besonders schlimme Auswirkungen hat das Spielen von gewalthaltigen Computerspielen auf Kinder und Jugendliche, die Stunden und tagelang vor dem Computer sitzen. Untersuchungen von renommierten Hirnforschern stützen den Verdacht, dass übermäßiges Videospielen erfolgreiches Lernen verhindert. Denn um neu Gelerntes nachhaltig zu speichern“ benötigt das Gehirn mindesten 24 Stunden um das Gelernte zu verfestigen - und es braucht auch Ruhe.

Dazu ein Interview mit Prof. Dr. Gerald Hüther zum Thema „Computer - Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche“

Peter Schipek: Computersüchtig - Kinder im Sog moderner Medien, so der Titel Ihres Buches. Welches Interesse haben Sie als Hirnforscher an diesem Thema, Herr Professor Hüther?

Gerald Hüther: Herauszufinden, was bei übermäßigem Computerkonsum im Gehirn passiert.

Peter Schipek: Und was passiert dabei im Gehirn?

Gerald Hüther: Wenn Kinder und Jugendliche täglich mehrere Stunden vor ihrem Computern verbringen, verändert das nicht nur ihre Wahrnehmung, ihr Raum- und Zeitempfinden und ihre Gefühlswelt - alles was sie in den Computerspielen erleben verändert auch ihr Gehirn.

Peter Schipek: Wie, auf welche Art verändert Computerspielen das Gehirn?

Gerald Hüther: Die Art und Weise, wie die Nervenzellen im Gehirn miteinander verknüpft werden, hängt davon ab, was man mit seinem Gehirn macht. Wer immer wieder in den Strudel virtueller Welten eintaucht, bekommt also ein Gehirn, das immer besser an all das angepasst ist, was dort geschieht, mit dem man sich aber im realen Leben immer schlechter zurechtfindet.
Die Fiktion wird dann zur lebendigen Wirklichkeit und das reale Leben zur bloßen Fiktion. Hirnforscher haben herausgefunden haben, dass die Strukturierung des Gehirns, die Verschaltungen zwischen den Milliarden Nervenzellen davon abhängt, wofür ein Kind sein Gehirn benutzt.

Peter Schipek: Unser Gehirn wird also so, wie wir es benutzen?

Gerald Hüther: Ja und das gilt vor allem für das Gehirn von Kindern und Jugendlichen. Hier wird vor allem in der Großhirnrinde zunächst ein riesiges Überangebot an Nervenzellverbindungen bereitstellt. Stabilisiert und erhalten bleiben davon aber nur diejenigen, die auch wirklich benutzt, das heißt häufig genug aktiviert werden. Der Rest wird wieder abgebaut.

Peter Schipek: Wie hoch ist die Zahl computersüchtiger Kinder und Jugendlicher in Deutschland?

Gerald Hüther: Wir gehen davon aus, dass sie in die 100 000 geht. Das ist allerdings eine nur Schätzung. Genaue Zahlen gibt es nicht. Das Problem ist ja, dass diese computersüchtigen Kinder und Jugendlichen lange Zeit kaum auffallen.

Peter Schipek: Warum sind vor allem Jungen beziehungsweise Männer davon betroffen?

Gerald Hüther: Die gängige Vorstellung, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, stimmt physiologisch gesehen nicht. Männliche Föten sterben leichter ab. Babys, wenn es Jungs sind, sind auch schwerer durch Krisen zu bringen als Mädchen. Jungen gehen also mit einem schwächeren Fundament ins Leben hinaus. Das führt dazu, dass sie stärker als Mädchen darauf angewiesen sind, Halt in äußeren Dingen zu suchen.
Das manifestiert sich in einer stärkeren Außenorientierung oder auch Extrovertiertheit. Dies macht sie anfälliger für Angebote von außen. Das Spektrum haltbietender Krücken, die die Jungs dann leichter und bereitwilliger ergreifen als die Mädchen reicht von Drogen über Gewalt bis hin zu Computerspielen.

Peter Schipek: Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind computersüchtig ist?

Gerald Hüther: Wenn ein Kind seine Zeit lieber vor dem Computer verbringt, als seinen natürlichen Bedürfnissen nachzugehen, draußen herumzurennen und mit anderen zu spielen, wird es bedenklich. Das Kind zieht sich immer mehr in seine Computerwelt zurück. Besonders gefährlich sind übrigens Online-Computerspiele.

Peter Schipek: Was ist so besonders gefährlich daran?

Gerald Hüther: Diese Spiele sind so beschaffen, dass man sich beispielsweise eine Figur aufbaut, quasi einen Repräsentanten für sich selbst. Dem gibt man alle möglichen Eigenschaften mit, damit er gut durch die Welt finden kann. Soweit ist das ja auch ganz wunderbar.
Da aber online gespielt wird, dürften die Kinder eigentlich gar nicht abschalten: Denn sonst laufen sie Gefahr, dass andere Spieler ihre Abwesenheit nutzen, um der Figur etwas wegzunehmen. Die Kinder versuchen also, um jeden Preis dran zu bleiben. Dabei wird dann das Essen vergessen, ganz zu schweigen von Hausaufgaben und sozialen Kontakten.

Peter Schipek: Was ist Ihre Empfehlung an Eltern?

Gerald Hüther: Eltern, die der Meinung sind, das Gehirn ihrer Kinder entwickele sich von allein, egal, ob sie draußen spielen, ob sie lesen, Musik machen oder vor ihren Computerspielen hocken, müssen dringend umdenken.

Peter Schipek: Weil ihre Kinder sonst vor dem Computer verdummen?

Gerald Hüther: Das Problem ist viel subtiler. Denn in ihren virtuellen Welten, finden sich diese Kinder mit ihrem so angepassten Gehirn ja hervorragend zurecht. Die dabei aktivierten Nervenzellverschaltungen werden immer stärker gebahnt und stabilisiert. Es entwickelt sich quasi eine auf diese Computerspiele spezialisierte, enorm reaktionsschnelle und abstrahierende Intelligenz - auf Kosten anderer, seltener aktivierter Verschaltungen.

Peter Schipek: Wie können Eltern Kinder und Jugendliche vor übermäßigem Computerkonsum schützen?

Gerald Hüther: Kinder und Jugendliche brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen und neue Erfahrungen machen können. Sie brauchen auch Anregungen und Gelegenheiten, um ihre sportlichen oder künstlerischen Talente zu entwickeln und Eltern, die ihnen Liebe, Geborgenheit und Orientierung geben. Das sind die wichtigsten Säulen für eine glückliche Kindheit. Wer davon getragen wird, braucht keine Krücken.

Peter Schipek: Der Computer ist also für viele Kinder und Jugendliche eine Krücke?

Gerald Hüther: Ja, ein besonders attraktiver Ersatz, für das, was viele Kinder und Jugendliche in unserer heutigen Welt nicht finden: Lösbare Aufgaben, Abenteuer und eigene Entdeckungen, überschaubare Regeln und erreichbare Ziele. So schaffen die Computerspiele ein Ersatz-Glück, das die „Belohnungszentren“ im Hirn sehr effizient aktiviert, nicht zuletzt dadurch, dass es die Möglichkeit bietet, Fähigkeiten und Geschicklichkeiten auszubilden, über die andere nicht verfügen. Die Welt erscheint beherrschbar, das Ego wird aufgewertet.

Peter Schipek: Und weil der Computer dieses Ersatz-Glück bietet, kann es zur Sucht kommen?

Gerald Hüther: Sucht war noch nie etwas anderes, als die Suche nach einem Ersatzglück, einer Krücke eben. Das tückische bei der Computersucht ist der Dopamin-Kick mit seiner Zweifachwirkung:
Endogene Opiate werden freigesetzt und erzeugen einen rauschartigen Zustand. Gleichzeitig werden die dabei aktivierten Nervenzellverschaltungen zu immer breiteren Straßen und schließlich zu Autobahnen ausgebaut, die schließlich das gesamte Denken und Verhalten lenken.

Peter Schipek: Breitere Straßen, Autobahnen im Kopf?

Gerald Hüther: Wenn die Nervenzellen unten im Belohnungszentrum aktiviert werden, wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, der die Freisetzung endogener Opiate stimuliert, die wie Opium oder Heroin wirken. Neben dem rauschhaften Zustand bewirkt Dopamin aber auch, dass die beim Computerspiel aktivierten Nervenverbindungen allmählich immer fester gebahnte Wege, Straßen und am Ende sogar breite Autobahnen werden, von denen man wenn überhaupt, dann gar nicht so leicht wieder herunterkommt.

Peter Schipek: Autobahnen ohne Ausfahrt also?

Gerald Hüther: Die gibt es nicht. Wichtig sind Vorbilder, die Kindern zeigen, wie man Probleme, die das Leben immer mit sich bringt, löst, anstatt in Ersatzbefriedigungen zu flüchten. Ein Blick in den eigenen Spiegel kann deshalb bisweilen recht aufschlussreich sein.

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Leiter der Abt. für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen.

Seine Forschungsschwerpunkte betreffen die Auswirkungen, die Angst, Stress, psychische Abhängigkeiten und Ernährung auf das Gehirn nehmen sowie die Beeinflussbarkeit der kindlichen Hirnentwicklung durch psychosoziale Faktoren und psychopharmakologische Behandlungen.Neben ca. 150 Originalarbeiten auf dem Gebiet der experimentellen Hirnforschung in internationalen Fachzeitschriften hat er noch mehrere wissenschaftliche Monographien sowie populärwissenschaftliche Sachbücher publiziert.



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Kommentare

  1. Dieter Past Ist-Zustand - Zielzustand und Lösungswege
    11.01.2008 | 09:13

    Der Ist-Zustand wird hier sehr gut beschrieben. Mehr und mehr setzen sich diese Ansichten durch und Verantwortungsträger wie Eltern, Erzieher und Jugendleiter werden sich dieser Zusammenhänge bewusst. Letztes Jahr habe ich einen Vortrag mit Podiumsdiskussion bei einer großen Veranstaltung der Diakonie, dem Krea(k)tivtag zum Thema Medienkompetenz im Kontext mit Gehirn, Bewusstsein und Lernen gehalten. Es gab sehr viele Interessierte. Alle Beteiligten sahen die Situation und den erwünschten Zielzustand. Aber wie knackt man die Nuss? Wo setzt man den Hebel an um Jugendliche aus dem Kreislauf herauszubekommen? Es ist eine Dauerhafte Konkurrenz der Motivation für Projekte aller Art mit dem Medium Computerspiel und Fernsehen. Im Vorjahr hatte ich das Thema: "Wo wohnt das Glück? Auf der Basis der Neurobiologie der Philosophie, der Psychologie und der Anthropologie. Mit großer Freude habe ich den Bericht über das Heidelberger Gymnasium aufgenommen, welches "Glück" als Projekt Unterrichtsfach aufgenommen hat. In unserer Stadt habe ich auch vor einem Jahr in einem Rundbrief an die Schulen so etwas ähnliches vorgeschlagen. Ich verzichte bewusst auf die Nennung von weiteren Aktionen die wir durchgeführt haben und freue mich auf Anregungen.
    Dieter Past

  2. 11.01.2008 | 10:19

    Die beschriebenen Sichtweisen legen eine sehr repräsentationale Sicht von Erkennen und Erleben (mit entsprechenden neurobiologischen Äquivalenten) voraus, die m.E. dem Phänomen "virtuelle Welten" nicht gerecht wird. Den Suchtbegriff halte ich ebenfalls für problematisch. Es stellt sich die Frage wie Wertetransfer und Affektivität "zwischen den Welten" geschieht und welche Kontexte für die Ausprägung übermäßiger Mediennutzung relevant sind. Welche Strukturellen Voraussetzungen führen zu einer Vulnerabilität? Eine generalisierte Pathologisierung scheint mir wenig hilfreich.

  3. Monika Armand Kann man sich dumm und aggressiv spielen? Ja - lautet die -"wissenschaftlich nicht bestätigte" - Antwort.
    11.01.2008 | 21:40

    Begründung:
    1. Dummheit und Aggressivität ist multifaktoriell bedingt.
    2. Es gibt keine seriöse Forschung oder Metaanalyse, welche die ursprüngliche Headline-Aussage bestätigen kann.
    3.will ich Herrn Prof. Hüther's Kompetenzen zur Neurobiologie nicht in Frage stellen, jedoch sind die in seinem populärwissenschaftlichen Buch "Computersüchtig - Kinder im Smog moderner Medien" geäußerten Feststellungen keine Forschungsergebnisse aus der Hirnforschung, welche Kinder beim Computerspielen untersuchen, sondern Prof. Hüther versucht dort seine ureigenen, persönlichen Auffassungen über Computerspiele "neurobiologisch" zu erklären. Dabei blendet er Erkenntnisse der Medienwissenschaftler und anderer Disziplinen, welche über seine "Mutterdisziplin" = Biologie resp. Neurobiologie hinausgehen, nahezu vollständig aus.

  4. Dieter Past Past @ Armand - Bitte um Hinweise
    12.01.2008 | 09:38

    Hallo Frau Armand,
    ich möchte mein Wissen zum Thema vertiefen. Sie erwähnen Erkenntnisse der Medienwissenschaftler und anderer Disziplinen. Können Sie mir Quellen nennen? In wie weit weichen diese Erkenntnisse ab?
    Vielen Dank bereits jetzt.
    Dieter Past

  5. Mathias Wölfelschneider Kommentar Frau Armand
    12.01.2008 | 12:53

    Liebe Frau Armand, vielen dank dass Sie eine "Begründung" ergänzt haben. Ich war etwas in Eile...

    Die Debatte wird seit einigen Jahren (mit einem Tiefpunkt sicher in 2007) höchst unseriös und populistisch geführt. Vermeintliche Ergebnisse der Neurobiologie legen eine vermeintliche Kausalität in einer linearen Beziehung "Computerspielen >>> Hirnveränderung" nahe, die unsinnig und nicht haltbar ist - sich aber sehr populär verkaufen lässt. Zum Thema gibt es sehr interessante Artikel in einem Band der Bundeszentrale für politische Bildung, die eine psychologisch-konstruktivistisch fundierte Nutzungs- und Wirkungstheorie des Computerspiels erörtern und m.E. deutlich besser geeigenet sind sich dem Phänomen zu nähern als bunte fMRT- oder SPECT-Bilder.

    Wer daran interessiert ist:
    Jürgen Fritz/Wolfgang Fehr (Hg.): Computerspiele. Virtuelle Spiel- und Lernwelten. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.

    Ein Teil der Artikel wird auch online angeboten:

    http://www.bpb.de/themen/ST72BG,0,0,Computerspiele.html

  6. MagBon Kinder und Jugendliche brauchen Aufgaben
    26.01.2009 | 18:13

    Zitat Gerald Hüther: "Kinder und Jugendliche brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen und neue Erfahrungen machen können. Sie brauchen auch Anregungen und Gelegenheiten, um ihre sportlichen oder künstlerischen Talente zu entwickeln und Eltern, die ihnen Liebe, Geborgenheit und Orientierung geben. Das sind die wichtigsten Säulen für eine glückliche Kindheit. Wer davon getragen wird, braucht keine Krücken."
    Hat Gerald Hüther da nicht eine wichtige Säule für eine glückliche Kindheit vergessen - die Schule? Fast die Hälfte der Schüler hat Angst in der Schule, Angst zu versagen! Ca. 25 % scheitern tatsächlich.
    Solange Schule willkürlich Aufgaben stellt, an denen Kinder massenhaft scheitern (O-Ton einer "guten" Lehrerin: Ich hab einen starken Kurs, nur 1 hat eine 2" (alle anderen 3en, 4en ...)) ist es für Eltern fast unmöglich ihnen die Geborgenheit zu geben, die sie für eine glückliche Kindheit brauchen.
    Da ist die Flucht in die Sucht vorprogrammiert ... ob PC, Alc oder anderes

  7. hanspeter uihrzytuzt
    08.09.2009 | 12:22

    Der Ist-Zustand wird hier sehr gut beschrieben. Mehr und mehr setzen sich diese Ansichten durch und Verantwortungsträger wie Eltern, Erzieher und Jugendleiter werden sich dieser Zusammenhänge bewusst. Letztes Jahr habe ich einen Vortrag mit Podiumsdiskussion bei einer großen Veranstaltung der Diakonie, dem Krea(k)tivtag zum Thema Medienkompetenz im Kontext mit Gehirn, Bewusstsein und Lernen gehalten. Es gab sehr viele Interessierte. Alle Beteiligten sahen die Situation und den erwünschten Zielzustand. Aber wie knackt man die Nuss? Wo setzt man den Hebel an um Jugendliche aus dem Kreislauf herauszubekommen? Es ist eine Dauerhafte Konkurrenz der Motivation für Projekte aller Art mit dem Medium Computerspiel und Fernsehen. Im Vorjahr hatte ich das Thema: "Wo wohnt das Glück? Auf der Basis der Neurobiologie der Philosophie, der Psychologie und der Anthropologie. Mit großer Freude habe ich den Bericht über das Heidelberger Gymnasium aufgenommen, welches "Glück" als Projekt Unterrichtsfach aufgenommen hat. In unserer Stadt habe ich auch vor einem Jahr in einem Rundbrief an die Schulen so etwas ähnliches vorgeschlagen. Ich verzichte bewusst auf die Nennung von weiteren Aktionen die wir durchgeführt haben und freue mich auf Anregungen.

    hanspeter

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