Wort zum Sonntag (Apologie der Irrelevanz)
Vorab das Wort zum Sonntag, von Joseph Hyrtl, 1889, Lehrbuch der Anatomie des Menschen, 20. Auflage, Wien, Verlag von Wilhelm Braumüller, S. 893/894
"Was nun die
Functionenlehre des Gehirn anbelangt, beugen die Physiologen demüthig ihr
Haupt, und bekennen, dass das menschliche Seelenwesen ihr durchaus
unbekannt ist. Keine, wie immer verlautbarte Ansicht über die Hirnthätigkeit
kann und wird es uns erklären, wie und wodurch den Factoren dieser Thätigkeit,
den Ganglienzellen [=Neuronen, Anm.d.V] Bewusstsein [Hervorhebung im
Original] innewohnen kann. ... Der Materialismus hat sich zwar bemüht, zu
beweisen, dass das unbekannte Seelenwesen nur die Summe der materiellen
Vorgänge des Gehirnorganismus sei. Die materiellen Vorgänge aber erfolgen in
allen Organen mit unverbrüchlicher Nothwendigkeit und laufen in einer bestimmten
Reihenfolge ab, an welcher die Organe selbst nichts ändern können. Ist die
Seele nur eine Erscheinungsform des materiellen Hirnlebens, so ist sie auch in
dieselben Fesseln der Nothwendigkeit gelegt, wie dieses. Selbstbestimmung,
Spontaneität, Freiheit, und was wir sonst noch der Seele zuzumuthen gewohnt
sind, fällt Alles hinweg, und es muss mit der neuen Lehre auch eine neue
Weltordnung geschaffen werden, die sicher keine moralische sein wird." (weiter)
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