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Wort zum Sonntag (Apologie der Irrelevanz)

01. Februar 2008, 13:19

Vorab das Wort zum Sonntag, von Joseph Hyrtl, 1889, Lehrbuch der Anatomie des Menschen, 20. Auflage, Wien, Verlag von Wilhelm Braumüller, S. 893/894

"Was nun die Functionenlehre des Gehirn anbelangt, beugen die Physiologen demüthig ihr Haupt, und bekennen, dass das menschliche Seelenwesen ihr durchaus unbekannt ist. Keine, wie immer verlautbarte Ansicht über die Hirnthätigkeit kann und wird es uns erklären, wie und wodurch den Factoren dieser Thätigkeit, den Ganglienzellen [=Neuronen, Anm.d.V] Bewusstsein [Hervorhebung im Original] innewohnen kann. ... Der Materialismus hat sich zwar bemüht, zu beweisen, dass das unbekannte Seelenwesen nur die Summe der materiellen Vorgänge des Gehirnorganismus sei. Die materiellen Vorgänge aber erfolgen in allen Organen mit unverbrüchlicher Nothwendigkeit und laufen in einer bestimmten Reihenfolge ab, an welcher die Organe selbst nichts ändern können. Ist die Seele nur eine Erscheinungsform des materiellen Hirnlebens, so ist sie auch in dieselben Fesseln der Nothwendigkeit gelegt, wie dieses. Selbstbestimmung, Spontaneität, Freiheit, und was wir sonst noch der Seele zuzumuthen gewohnt sind, fällt Alles hinweg, und es muss mit der neuen Lehre auch eine neue Weltordnung geschaffen werden, die sicher keine moralische sein wird." (weiter)

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Bewusstseinsquanten

28. Dezember 2007, 16:38

Es gibt Lichtquanten, Wirkungsquanten, Plancksche Längen, und vielleicht ist sogar die Zeit "gequantelt". Will heissen: die materielle Welt kommt in kleinen Päckchen daher, in lauter kleinsten Einheiten, die entweder ganz oder gar nicht da sind. Halbe Quanten gibt's nicht.

Gibt's auch Bewusstseinsquanten? Die kleinstmögliche Vorstellungseinheit, also die gerade eben noch so feststellbare Geistesregung, die, versuchte man sie noch weiter auszudünnen, einfach verschwände? Ist, mit anderen Worten, das Geistesleben sozusagen homöopathisch verdünnbar oder kommt das, was man so denkt, eher in Form von klassischen Pillen daher, die ab einer gewissen unteren Grenze der Dosierung keine Wirkung mehr zeigen? (weiter)

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Forschungsfront

20. Dezember 2007, 14:18

Von einigen Kommentatoren wurde die Forschungsferne und die vermeintlich zu philosophische Ausrichtung mancher Beiträge in "brainlogs" beklagt. Daher ein Bericht von der vordersten Front der Hirnforschung, brandaktuell. (weiter)

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Soziale Gerechtigkeit

03. Dezember 2007, 08:28

Tief im Innern meines Frontallappens, dort, wo mein Gerechtigkeitssinn haust, erschüttert die morgendliche Montagsmeldung meine Neuronenverbände: der Lotto-Jackpot ist auf 43 Millionen angewachsen!

Das heisst, mit einem Tag Arbeit - ach, was sag' ich - mit 10 Sekunden Kreuzchen malen können Sie, kann ich mehr verdienen, als Wendelin Wiedeking, der Chef von Porsche, mit einem ganzen JAHR harter Arbeit. Das ist doch sozial ungerecht! Ein ganzes JAHR! Dem Manne gehört doch ein fairer Mindestlohn, nicht wahr? Leistung muss sich schliesslich lohnen.

 



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Ein akademischer Witz samt Schimpf und Schande

23. November 2007, 15:13

"Sie sind nun", sage ich zu meinen Studenten, die in der grossen Anatomievorlesung des ersten Semesters sitzen, "an der Uni, Sie sind Studenten, Sie sind Akademiker. Akademiker nennt man uns, weil der olle Plato seine Philosophenschule in einem Wäldchen bei Athen gegründet hat. In dem Wäldchen stand ein Tempel für einen gewissen Herren Akademos. Das war ein Athener Nationalheld, der die Stadt vor den Spartanern gerettet hat. Also nannte man den Hain, später die ganze Philosophenschule die 'Akademie'." (weiter)

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Im Angesicht des Wahren, Guten, Schönen

06. November 2007, 10:25

Eigentlich gehört das ja in das "Psychologieblog". Trotzdem - es stammt aus dem Alltag des Anatomen, ein wenig verfremdet, so dass man die Personen nicht erkennt. Und so ganz "gender-neutral" ist es auch nicht. Da kann ich aber nichts dafür, ich bin qua Zusammensetzung meiner Chromosomen auch nicht "gender-neutral". Aber - Gott sei Dank - schon so alt, dass ich still bewundern kann, ohne dass überschiessende hormonelle und Durchblutungs-Reaktionen mich zu nicht publikationsreifen Gedanken oder gar Taten hinrissen. "Sublimation" nennt man das wohl, in diesem Falle also altersbedingt - einer der wenigen wirklichen Segen der beginnenden Seneszenz. (weiter)

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Zeitreise

29. Oktober 2007, 08:53

Im Alltag geht es doch so: man selbst steht mehr oder weniger still in seiner Gegenwart, während um einen herum die Zeit verfliesst, rasend schnell oder gähnend langsam, je nach dem, womit sie gefüllt ist. Wenn Sie mal eine Zeitreise machen wollen, durch eine Zeit, die steht, während Sie sich bewegen, dann sollten Sie Anatom werden. (weiter)

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Philosophenwitz

23. Oktober 2007, 11:19

Tolles Buch gelesen. John R. Searle: "Geist - Eine Einführung" (1).  Nicht alles, was da drin steht, stiess bei mir auf begeisterte Zustimmung, aber fast alles brachte mich zum Nachdenken. Und an einer Stelle - was bei philosophischer Lektüre eher selten vorkommt - hab' ich schallend gelacht. (weiter)

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Rosskur

22. Oktober 2007, 11:43

Mitunter bin ich depressiv. Eigentlich, so sag' ich mir dann immer, ist das nur recht und billig, denn jemand, der angesichts des Gesamtzustandes der Welt keine Depressionen kriegt, kann eigentlich keinen guten Charakter haben. Manchmal hilft diese Überlegung. Es kam aber auch schon vor, dass sie nicht mehr half. Die Lage wurde so finster, dass ich mich gezwungen sah, einen Therapeuten aufzusuchen. Ich war damals so Mitte vierzig. (weiter)

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Vieh

19. Oktober 2007, 14:02

Vorab: es ist mir mit dem, was ich hier schreibe, tödlich ernst.

Ich beziehe mich auf das gestrige Feuilleton der FAZ, in dem David Litchfield die bestialische Geschichte der Gräfin Margit von Batthyany, geborene Thyssen-Bornemisza, ausbreitet. Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges gab sie auf ihrem Schloss im Burgenland eine Party für Angehörige der SS und andere Bonzen des Regimes. Zur Zerstreuung der Gäste wurden nach Mitternacht Waffen ausgegeben, man trieb etwa 200 im Keller des Schlosses intenierte jüdische Zwangsarbeiter in eine Scheune, wo sie zum Jokus von den betrunkenen Herrenmenschen erschossen und mit Latten erschlagen wurden. Die Gräfin lebte später, bis zu ihrem Tode, unbehelligt in der Schweiz. (weiter)

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szmtag