brainlogs Anatomisches Allerlei scilogspreis

Das Schweigen der Apokalyptiker

12. Februar 2009, 11:35

Das Schweigen der Apokalyptiker

Kurse im freien Fall. Rezession auf allen Märkten. Arktische Eisschmelze. Global warming. Methanblasen steigen aus der Tiefsee. Die Völker wandern. Staaten zerfallen. Tribes, Clans and Warlords, die Rückkehr der Stämme, Horden und Condottieri. "The future's so dark, we gotta store candles." Wächserne. Sofern nicht alle Bienen schon von der Varoa-Milbe hinweggerafft wurden und alle synthetischen Wachse vom Markt verschwanden. Also Fackeln und Lagerfeuer. Feuersteine und Zunder nicht vergessen. Die Katze schlachten, häuten, Fell gerben, gut aufheben: gibt 'nen warmen Lendenschurz, sofern die Scham dann noch gebieten sollte, irgendwas zu bergen. Vielleicht haben wir ja Glück, und uns wächst wieder ein Fell. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (26). Trackbacks: (1). Permalink


Phönix, Orpheus, innere Uhren und Zeit

05. Februar 2009, 11:56

Wie Phönix der Asche bin ich gerade der Dusche entstiegen: gereinigt, erfrischt - aber keineswegs verjüngt oder gar verschönt, wie der mythische Vogel. Die Zeit nagt an mir. Der Phönix geht durch's Feuer, um der Zeit zu entfliehen, mein Purgatorium aber ist die Zeit selbst. Die Forschung an ihr, um genau zu sein.

Die Dusche, der ich entstieg, ist am Anatomischen Institut. Ich hab' da genächtigt. Das kommt hin und wieder vor, weil ich eben an der Zeit forsche, an der circadianen Zeit, an den inneren Uhren der Lebewesen. Und so geschieht es eben, dass man rund um die Uhr Proben nehmen muss. Also bleibt man abends, wenn alle anderen gegangen sind, am Institut, spielt am Computer herum, und bereitet sich darauf vor, alle vier Stunden in die Unterwelt der Anatomie absteigen zu müssen. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (17). Trackbacks: (0). Permalink


Metaphysische Schubladen

29. Januar 2009, 16:11

Letzte Woche Donnerstag in Frankfurt: ein Vortrag von Frau Professor Martine Nida-Rümelin aus Fribourg. Thema: ihr Buch zur "transtemporalen Identität bewussteinsfähiger Wesen". Nur zog Sie's diesmal nicht transtemporal, sondern "transmundan" auf: Möglichkeiten der Identität in verschiedenen Welten.

Bewusstseinsphilosophie, heavy duty. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (20). Trackbacks: (0). Permalink


Eine Rede, die ich gestern hielt

17. Januar 2009, 11:50

Gestern hatte ich die Ehre und das Vergnügen, beim Festakt zur Verleihung der Approbationsurkunden an die Absolventen des Studiums der Humanmedizin an der Goethe-Universität in Frankfurt den Festvortrag zu halten. Wie eine subalterne Charge, ein Privatdozent wie ich, dazu kommt, so einen Vortrag zu halten? Nun, das steht in der Rede.

Der Vortrag ist mir ziemlich politisch geraten, ziemlich hochschulpolitisch. Also, so dacht' ich mir, stell' ich ihn mal hier in den Blog. Sein Auftakt ist heiter, mittendrin wird er garstig. Für einen Blogbeitrag ist er - entschuldigt bitte - ungebührlich lang. Für eine Festrede war er erfrischend kurz, hat gerade mal 20 Minuten gedauert. Die Resonanz schwankte zwischen einer gewissen Betroffenheit und (grimmiger) Zustimmung... (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (5). Trackbacks: (0). Permalink


Weihnachtliches Sektionsprotokoll

12. Dezember 2008, 11:18

Weihnachtliches Sektionsprotokoll

Körper in gutem Allgemeinzustand. Sekundäre Geschlechtsmerkmale (Vollbart, Konstitution) weisen auf einen männlichen Leichnam hin, primäre Geschlechtsmerkmale hingegen bei der äusseren Inspektion vollständig abwesend. Körper leichenstarr, jedoch keine Anzeichen von Leichenflecken oder Fäulnis. Keine Hämatome oder Zeichen äusserer Gewalteinwirkung. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (16). Trackbacks: (0). Permalink


Joseph Goebbels und die Anatomie

10. November 2008, 09:57

Auslese 2008
Einer der 15 besten wissenschaftlichen Blogartikel des Jahres 2008

Ein garstig Lied, ein (hochschul-)politisch' Lied: 

Joseph Goebbels und die Anatomie
(Sportpalast und Hochschuldidaktik)

Was haben Dr. Joseph Goebbels und die Anatomie miteinander zu schaffen? Oh, etliches.

Zum einen: dem Goebbels machte seine Anatomie zu schaffen. Er war klein geraten (einsfünfundsechzig), und hatte noch dazu einen Klumpfuss (Pes equinovarus). Sowas will erstmal kompensiert sein. "Die Behauptung, dass ich einen Klumpfuss hätte, ist eine infame Unterstellung unserer jüdisch-bolschewistischen Gegner! Das ist kein Klumpfuss, das ist die Batterie für meine grosse Schnauze!" (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (11). Trackbacks: (0). Permalink


Psychotherapie für Heimwerker

25. Oktober 2008, 18:02

Das ist ein "experimenteller" Text. Ich wusst' nicht, wohin damit. Also hierher, heisst ja "Anatomisches Allerlei". Und allerlei ist drin, wie schon der Titel verrät:

Psychotherapie für Heimwerker
(Gnothi seauton oder die Kunst des Ja-Sagens)


Ich bin begeisterter Heimwerker. Trotzdem steht meine Behausung noch, was damit zu tun haben mag, dass mein handwerklicher Ehrgeiz sich auf den Eigenbau von Motorrädern konzentriert, von denen einige sogar fahrbereit sind. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (103). Trackbacks: (2). Permalink


Malthus - Darwin - Bankencrash

09. Oktober 2008, 09:49

Die Wurzeln der Evolutionstheorie, so lehrte man mich einst, liegen auch in der Ökonomie. Darwin, so hiess es, habe den Nationalökonomen Malthus (1766-1834) perzipiert. Die eigentlich schlichte Einsicht von Thomas R. Maltus: eine ungehindert sich vermehrende Population wächst über der Zeit exponentiell. Die Ressourcen aber, die sie sich durch Ackerbau und Viehzucht oder sonstige Aktivitäten erwirtschaften kann, wachsen bestenfalls linear. Es öffnet sich eine Schere zwischen Bedarf und Angebot. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (37). Trackbacks: (2). Permalink


Stultitia pulchra

29. August 2008, 10:08

Ich bin Wissenschaftler, Hirnforscher. Ich leide an einer Erkrankung, die man "Stultitia pulchra" nennt. Sie befällt die Augen. Tränenden Auges - nein, beidäugig tränend schreib' ich diesen Text nieder. Mir ist, als ob ich ohne Brille tauchte: wie Fische verschwimmen mir die Buchstaben vor Augen, welche Mühsal, sie zu erkennen und einzufangen. Und meine Lider fühlen sich an, als wären sie inwendig mit Schmirgelpapier überzogen: jeder Lidschlag ein Sandsturm über'm Tränensee. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (12). Trackbacks: (0). Permalink


Zu meiner Ehrenrettung - Neuropathologie und Parkinson

19. August 2008, 14:54

Dann doch mal wieder was richtig Wissenschaftliches, ganz ernst gemeint, aus unserem Haus, der Dr. Senckenbergischen Anatomie in Frankfurt, schon um meinen geradezu pathologisch schlechten Ruf  (Feuilletonist/Flamer/sprachverliebter Labersack)  aufzubessern. Das Paper könnte wichtig sein und ich kann ein wenig von der Anatomie dazu erzählen:

Heiko Braak und Kelly Del Tredici (2008) Nervous system pathology in sporadic Parkinson disease. Neurology, 70, 1916 ff

Wenn man einen Medizinstudenten (und auch die meisten Mediziner) fragt, was es denn mit dem "Morbus Parkinson" auf sich habe, dann kommt wie aus der Pistole geschossen: "Substantia nigra!" Die "Nigra", der "schwarze Kern", ist eine zweiseitige, im Querschnitt sichelförmige Ansammlung von Nervenzellen mit schwarz-bräunlichem Pigment ("Neuromelanin") im Mittelhirn. Sehr auffällig, schon mit blossem Auge zu sehen. Und beim Morbus Parkinson verschwindet dieser Kern. (weiter)

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (21). Trackbacks: (0). Permalink


szmtag