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Joseph Goebbels und die Anatomie

von Helmut Wicht, 10. November 2008, 09:57

Auslese 2008
Einer der 15 besten wissenschaftlichen Blogartikel des Jahres 2008

Ein garstig Lied, ein (hochschul-)politisch' Lied: 

Joseph Goebbels und die Anatomie
(Sportpalast und Hochschuldidaktik)

Was haben Dr. Joseph Goebbels und die Anatomie miteinander zu schaffen? Oh, etliches.

Zum einen: dem Goebbels machte seine Anatomie zu schaffen. Er war klein geraten (einsfünfundsechzig), und hatte noch dazu einen Klumpfuss (Pes equinovarus). Sowas will erstmal kompensiert sein. "Die Behauptung, dass ich einen Klumpfuss hätte, ist eine infame Unterstellung unserer jüdisch-bolschewistischen Gegner! Das ist kein Klumpfuss, das ist die Batterie für meine grosse Schnauze!"

Na also, geht doch. Ein anderer Witz, aus meiner Heimatgegend, die für ihre Spargeln berühmt ist, besagt, dass Goebbels nur deshalb Ehrenbürger von Griesheim geworden sei, weil er als einziger die Spargeln quer essen konnte.

Zum andern: Grosse Schnauze ist immer gut, auch in der Anatomie. Es geht da nämlich mittlerweile zu, wie im Sportpalast anno '43. Das folgende Bild stammt aus dem Wintersemester 04/05, Hörsaal Hs. 23, Campus Niederrad der Goethe-Universität in Frankfurt. Das am Katheder bin ich. Einsachtundsiebzig, ohne Klumpfuss (die Batterie für's Mikrophon passt in die Hosentasche), aber mit grossem Maul. Und beide, Mikrophon und Schnauze, braucht's, denn ich soll da vor 500 Erstsemestern die "Anatomie I" lesen.


(Für große Version bitte anklicken)

Haben Sie schon mal vor 500 Leuten gestanden, in der Absicht und mit dem Auftrag, denen etwas zu sagen? Natürlich befindet sich das Herz des Rhetors jedes Mal in der Hose. Wie gut, dass das sperrige Batteriepaket in der Hosentasche es daran hindert, weiter in die Hosenbeine hinabzurutschen und dann hasenfüssig das Weite zu suchen. Es gibt nun verschiedene Strategien, mit dieser misslichen Situation umzugehen. Die Strategie jedoch bestimmt die Taktik, in Falle der Vorlesung also die Ditaktik -- Entschuldigung: die Didaktik -- soll heissen: die Wahl der Methode der Wissensvermittlung.

Ich selbst pflege die Strategie "Rampensau". Da mir eine Karriere als Frontmann einer Heavy-Metal-Band verwehrt geblieben ist und vermutlich auch verschlossen bleiben wird -- vergleichen Sie mal den gegenwärtigen Zustand der Behaarung der Kopfhaut von Robert Plant (ex-Led Zeppelin), der immerhin 10 Jahre älter ist als ich, mit dem meinigen -- da diese Karrieremöglichkeit also ausfällt, wie mir die Haare, kompensierte ich meinen Mangel an Haarigkeit durch den mitunter haarigen Versuch, nicht nur eine Vorlesung, sondern eine Inszenierung abzuliefern. Eine Inszenierung der Anatomie und meiner selbst. Das hat natürlich seine Tücken. Aber wenn es gut lief, dann war der Saal mucksmäuschenstille, keiner langweilte sich, ich selber mich am allerwenigsten. Multimedial waren meine Vorlesungen (unten dazu mehr). Mitunter liess ich badebehoste Body-Builder aufmarschieren, um die Anatomie der Muskulatur zu demonstrieren. Und als ich mal keinen Body-Builder fand, sprang meine bikinibewehrte Frau ein, die über einen Aerobic-gestählten Waschbrettbauch verfügt. Dann hielt ich meinen behaarten Ranzen daneben (auch um die Geschlechtsdimorphismen der Terminalbehaarung in der Regio pubica, umbilicalis und epigastrica zu demonstrieren, denn dort habe ich Haare), und es herrschten allgemeine Heiterkeit und Wohlwollen in der Zuhörerschaft. Und wenn ich am Ende der Vorlesung gerufen hätte:

"Wollt ihr die totale Anatomie?"

dann hätten alle: "Jaaaa!", gebrüllt. Denn eine gute Vorlesung, so pflegte ich zu sagen, ist ein wenig wie die Goebbels-Rede im Sportpalast. Man muss den Saal vom Katheder bis zur Hinterwand, von der Tafel bis zur Decke mit sich selbst und seinem Thema füllen, das Publikum muss - jawohl - vergewaltigt werden, es muss sein, wie Gruppensex mit allen 500 Zuhörern gleichzeitig. Und entsprechend fertig muss man hinterher auch sein.

---

Haben Sie noch ein wenig Geduld mit mir, lesen Sie noch ein wenig weiter, wenn ich jetzt einen Gang zurückschalte. Bislang habe ich in schrägen Vergleichen vom Inszenium geredet - jetzt aber will ich in bedächtigeren Worten von dem reden, was da eigentlich in Szene gesetzt werden soll. Denn - bei aller Selbstverliebtheit - ich hab' mir auch ein paar didaktische Gedanken gemacht. Und letztendlich wird dieser Beitrag sogar wieder politisch werden, ich werde den Bogen zurück zu Goebbels und zum Sportpalast kriegen, kritischer, weniger witzelnd, als ich ihn oben schlug.

Was hat so eine Vorlesung eigentlich für einen Auftrag? "Wissensvermittlung!", so schallt es ziemlich unisono aus dem Kreis meiner Kollegen. Und so lesen viele dann auch. Eine endlose, ermüdende Abfolge von "Ready-Mades" des Wissens, eine PowerPoint-Folie nach der anderen. Im Falle der Anatomie sind zwar meist Bilder drauf, das ändert aber nichts. Das Wissen wird nicht "verfertigt", es wird "verfüttert". Ach was: gestopft werden die Studiosi, wie die Mastgänse. Diese kriegen davon Fettlebern und werden zu Foie gras verarbeitet, von jenen aber erwartet man, dass ihr Hirn die Mast unbeschadet überstehe und sie Ärzte werden. Klappt sogar, denn das Hirn hat - anders als die Leber - die Fähigkeit zur "interaural-anastomotischen Detoxifikation". Im Falle der Überfütterung wird nämlich eine Nervenbahn, der sogenannte "Tractus auriculo-auricularis" ("Ohr-zu-Ohrbahn") aktiviert, so dass die Giftstoffe schadlos in's eine Ohr ein-, und durch das andere wieder austreten können. So leidet die Hirnrinde keinen Schaden und bleibt so klug als wie zuvor.

So also nicht. Sicherlich, eine Vorlesung hat auch den Auftrag der Wissensvermittlung, und auch ich erspare meinen Hörern freilich kaum ein Detail der Anatomie. Aber sie hat noch eine andere, wie ich finde, viel wichtigere Funktion. Lassen Sie mich, um das zu erläutern, zu einer Allegorie greifen: In eine Vorlesung zu gehen, in einer Vorlesung zu sitzen, das sollte so sein, wie ein Besuch im Aquarium. Man sollte dem Fisch beim Schwimmen, dem Kraken beim vielarmigen, tastenden Krabbeln und dem Rochen im Flug zuschauen können. Und mitunter sollte man auch mitkriegen, wie sich der Heilbutt plötzlich erbleichend im weissen Sand verbirgt.

Das ist es: mitzubekommen, wie der Dozent da vorne sich sein Thema zurechtlegt, wie er in der Fülle seines Wissens navigiert, wie er eben nicht darin absäuft (oder manchmal eben doch, sein Unwissen dann ängstlich verbergend, wie der Heilbutt, oder es elegant überfliegend, wie der Rochen), was er mit was assoziiert, wie er seine Gedanken ordnet, welche Fäden er spinnt - kurz: man sollte dem Dozenten beim Denken zuschauen können, wie dem Fisch beim Schwimmen. Und man weiss dann vielleicht noch nicht so recht, in was der da eigentlich schwimmt (weil man das meiste ja ohnehin nachlesen/schreiben/daheimlernen muss), aber man merkt, wie man in der Wissensfülle schwimmt, ohne darin zu ertrinken.

Mehr noch: auf alle Fälle sind die "Ready-Mades" des Wissens zu vermeiden! Das ist in der Anatomie, die von "Tatbeständen" strotzt, gar nicht so einfach, doch es geht. Natürlich ist der Musculus glutaeus maximus da und dort, an den ewig gleichen Knochenpunkten und Sehnen befestigt, und das hat, ein für alle mal, vom Studiosus gewusst zu werden. Aber wenn ich das lehren will, dann kann ich das dennoch auf verschiedene Arten tun. Ich kann einfach ein aus einem x-beliebigen Lehrbuch gescanntes .ppt auf den Videoprojektor klatschen, mir einen Laser-Pointer schnappen und sagen: "Die Ursprünge des Musculus glutaeus maximus sind die Fascia glutaea, das Os sacrum und das Ligamentum sacro-tuberale, seine cranialen Fasern konvergieren zum Tractus iliotibialis, wohingegen die caudaleren an der Tuberositas glutea femoris inserieren -- nächste Folie bitte..."

Ich kann aber auch folgendes tun:
- ich kann oben, in der Mitte ein .ppt auf den Videoprojektor legen, das eine Photographie der Beckenknochen oder andere Bilder zeigt ,
- ich kann ein Skelett in den Hörsaal stellen,
- ich kann überall von den Wänden grosse anatomische Tafeln hängen lassen, die die Muskulatur und die Gefässe und Nerven der Gesässregion zeigen,
- ich kann links via Overhead-Projektor eine klassische (Transparent-)Folie zeigen, darauf die schönhintrige Venus ("Venus kallipygos") aus der Villa Farnese oder von Velazquez zu beschauen ist,
- ich kann rechts auf Overhead-Projektor eine weitere Folie zeigen, auf der ein Schimpanse aus Brehms Tierleben von 1870 zu sehen ist, welcher, wie man vielleicht weiss, keinen Hintern hat, zumindest keinen nett gerundeten,
- ich kann dann die interessante Frage stellen, warum der Affe eigentlich keinen Arsch hat,

...und ich kann dann, immer munter plappernd und assoziierend, mir die weissen und die bunten Kreiden schnappen, die Doppel-Tafel im Lauf einer Dreiviertelstunde zweimal füllen, erst die Beckenknochen zeichnen, sie beschriften, die Muskeln drübermalen, ab und zu mal ein Päuschen machen und vor der Tafel herumhampeln, um anschaulich zu machen, weshalb die Affen, wenn sie auf zwei Beinen gehen, herumeiern wie betrunkene Seemänner, was wiederum mit den Muskeln des Beckens und der Geometrie der Oberschenkelknochen zu tun hat; zurück an die Tafel, alles einmalen und dann auf den anatomischen Tafeln zeigen; dann auf die Rolle des Musculus glutaeus medius kommen; wieder vor die Tafel, Schauspieleinlage und Demonstration des "Trendelenburgschen Zeichens" bei Lähmung des Muskels; zurück an die Tafel, skizzenhafte Erklärung der Biomechanik des aufrechten Ganges, Ursprung, Ansatz des Musculus glutaeus medius einmalen, von dessen Innervation durch die Vasa glutaea superiora erzählen; alles einmalen; zwischendurch oben eine anderes PowerPoint zeigen, um zu erklären, wo man mit der Kanüle in den Hintern pieksen muss, um jene Nerven nicht zu schädigen; endlich das Becken eines Affen aus dem Rucksack zaubern, jenes neben das Skelett des Menschen halten und die endgültige Erklärung des Zusammenhanges Zweifüssigkeit/Arschvorhandensein abliefern, nicht ohne zwischendurch immer wieder, im Angesicht des Gesässes der Venus kallipygos, Reflexionen über die Ästhetik des menschlichen Hinterns anzustellen; unter besonderer Berücksichtigung der Lenden-Raute ("Michaelis-Raute") natürlich; jenes rhombischen Vierecks, das das weibliche Gesäss oberhalb der Spalte zwischen den beiden Pobacken ziert; kurzer Exkurs in die Geburtshilfe (ein paar neue .ppts); Lendenraute und deren Verhältnis zur Weite des Geburtskanales; kurze biographische Würdigung des Herrn Michaelis, welcher diesen Zusammenhang in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannte; einer der fortschrittlichsten Gynäkologen seiner Zeit, was man schon daran erkennt, dass er für seinen Selbstmord das damals allermodernste Verkehrsmittel wählte: die erste Eisenbahn Norddeutschlands, vor die er sich warf.

Uff, Vorlesung vorbei.

Seh'n Sie: Deshalb war ich nach einer Vorlesung immer so fertig. Aber der didaktische Trick funktionierte. Die Studiosi waren voller Aufmerksamkeit, zeichneten mit, so gut sie konnten, das Wissen entwickelte sich ihnen, und sprang sie nicht einfach an. Und, das weiss man ja: rein passives Zuhören ist dem Lernen nicht sehr zuträglich, wenn man's aktiv (zeichnend zum Beispiel) nachvollzieht, sitzt's rascher und leichter. Und noch dazu: man hat das befriedigende Gefühl, selbst etwas getan zu haben, etwas, was man "bunt auf weiss" mit nach Hause nehmen kann, und, noch besser, was einem hilft, das Wissen, das zu Lernende zu organisieren.

Anatomie als Multimedia-Ereignis, sie kam auf allen Kanälen. Dynamisch im Wort, im Satz, im sich entwickelnden Gedanken, dynamisch an der Tafel, im wachsenden, mählich entstehenden Kreidebild, das die Statik der "Tatbestände", die auf Folien und Tafeln und .ppts zu sehen waren, interpretierte, sie re- und dekonstruierte. Dynamisch als hampelnder Dozent, der den Affen gibt, indem er seiner Vorliebe für die Ästhetik des Hinterns und für schwarzen Humor Ausdruck verleiht.

Ich war sehr stolz auf diese Vorlesungen.

---

(Bildungsgipfel-Geseier, Bologna-Geschwätz)

Bildungspolitiker unter sich: "Wollen wir die totale Akademikerquote?"
Bildungspolitiker zu sich: "JAAAAAAAA!"

Aber keinen Pfennig mehr in's Bildungswesen investieren. Ergo wird die Kapazität der Universitäten ausgereizt, hochgesetzt, per Federstrich das Lehrdeputat erhöht - denn wie viele Studierende wir aufzunehmen haben, darüber entscheidet nicht die Anzahl der Sitzplätze im Hörsaal, nicht das Fassungsvermögen unserer Kursräume, das entscheidet die Anzahl der verfügbaren Dozenten. Kommt einer neu dazu: zack, haben wir auch gleich 30 Studenten mehr.

Ergo les' ich meine Anatomie I neuerdings nicht mehr vor 500, sondern vor 700 Studiosi und Studiosae. Siebenhundert passen aber beim besten Willen nicht in unseren grössten Hörsaal, der eigentlich mal für 400 ausgelegt war. Drum muss (weil wir aus Zeitgründen die Vorlesung nicht zweimal halten können, das Curriculum ist zu eng) die Vorlesung aus dem einen, grossen Hörsaal "live" in einen zweiten, etwas kleineren, übertragen werden.

Sie ahnen, was kommt?

Die einzigen (synchronisierbaren) Übertragungskanäle vom grossen in den kleineren Hörsaal sind:
- Ton
- Videoprojektion

Zur Erinnerung: vorher hatte ich fünf "statische" visuelle Medien, (Skelett, aufgehängte anatomische Tafeln, zwei Overhead-Projektoren, Video-Projektor), zwei "dynamische" visuelle Medien (Tafelbild und meine Slapstickeinlagen/Body-Builder) und das Medium "Ton/Sprache". Macht summa acht. Geblieben sind mir zwei. Gar nicht zu reden vom völligen Verlust der non-verbalen, körpersprachlichen Kommunikation mit den Hörern im zweiten Hörsaal. Geld für weitere Kanäle? Geld gar für jemanden, der "Regie" führen würde, um eine Multi-Media Nummer von einem Ort zum anderen zu übertragen?

Hohngelächter.

Meine Tafel, ich trauere meiner Tafel nach. Sie war's, da lief alles zusammen, das sich entwickelnde Tafelbild band alles, die disparaten Dinge der Vorlesung zusammen. So etwa sahen solche Tafelbilder aus:


(Für große Version bitte anklicken)

...und der Charme war eben, dass sie sich entwickelten. Sie waren dynamisch. Aber das Tafelbild lässt sich nicht übertragen. Ich jammere. Man gibt mir ein White-Board. Man sagt: "Wicht, stell' Dich nicht so an, sei nicht so rückschrittlich! Das ist 'ne elektronische Tafel."

Hohngelächter meinerseits.

Was für ein kindisches Medium! Spielzeug für Dozenten, denen es als Höhepunkt der Didaktik erscheint, wenn sie in einer .ppt-Folie händisch eine wackelige rote Unterstreichung vornehmen können. Oder einen tollkühnen Pfeil zeichnen. Das White-Board ist einen Meter hoch und vielleicht einssiebzig breit. Goebbels hätte also quer gut davor gepasst. Meine Tafel aber war einsfünfzig hoch und etwa 5 Meter breit, und ich hatte zwei davon. Das dämliche White-Board ist in drei Minuten voll, es kann keine Bildgeschichten erzählen, wie die Tafel das tat.

Man gab mir auch noch einen Tablet-PC. Derselbe Unfug in klein. Die Boards/der PC haben gläserne, harte Oberflächen, man zeichnet mit einem elektronischen Stift. Nein, "zeichnen" ist gelogen: man kritzelt. Selbst dem Herrn daVinci wäre das Abendmahl zu einer Strichmännchenkonferenz geraten (übrigens stelle ich mir einen Bildungsgipfel genau so vor: eine Strichmännchenkonferenz), hätte er es auf dem White-Board zeichnen müssen. Hilflos rutscht der Stift über die glatte Fläche. Kein Zug, kein Widerstand. Keine Möglichkeit tastend, skizzierend, die richtige Linie zu suchen. Digital halt: Strich/kein Strich. Und lahm ist das Ding: wenn ich Gas gebe, ist die Spitze des Stiftes stets ein paar Millimeter vor dem Ende des Striches. Resultat: es ist wie schreiben und zeichnen mit geschlossenen Augen. Grauenhaftes Gekrakel.

Ich behelf' mir im Augenblick mit einem Visualizer. Das ist so ein Apparat, bei dem eine Video-Kamera eine gut DIN A4 grosse Fläche abtastet, das Signal kann man dann auf den Video-Projektor geben. Da leg ich dann halt' ein Blatt Papier drunter und mach' das, was ich früher an den Tafeln tat, mit Blei- und Buntstiften. Aber es ist ein schäbiges Surrogat der Tafel. Ich bin - sitzend - an diesen Visualizer genagelt, rede mehr zu ihm als zu den Studierenden, kriege keinen Augenkontakt zu ihnen, weil der Spiegel des Apparates mir die Sicht verdeckt, der Hörsaal muss stark abgedunkelt werden, und - wie gesagt - die Parallelität des Medieneinsatzes von früher ist dahin. Stur sequentiell muss ich arbeiten. PowerPoint-Folie vom Beckenknochen zeigen, erklären, umschalten auf den Visualizer, zeichnen, wieder umschalten ... früher stand das Photo des Beckenknochens die ganze Zeit oben an der Wand, und die Zuhörer konnten ganz leicht und intuitiv erfassen, wie das Tafelbild von ihm abstrahierte, es interpretierte, manches hervorhob und manches gar übertreibend verfälschte.

So wird das nix mit dem Sportpalast, so wird das nix mit der totalen Anatomie. An die Zeiten des Faschismus erinnert's mich dennoch: die Volksgenossen, die nicht in den Sportpalast kommen konnten, sassen vor knacksenden Volksempfänger, so wie die Studierenden im Hörsaal neben dran, wohin meine erbärmliche Show übertragen wird.

---

Letzte Woche waren ein paar amerikanische Hochschuladministratoren in Frankfurt zu Besuch. Eine Dame (ich glaub' sie kam von einer staatlichen Universität in Iowa) erzählte mir, dass sie dort gerade einen Medizinstudiengang aufbauen. Ich hatte ihr die Zustände hier geschildert, und sie bekam fast ein schlechtes Gewissen, als ich sie frug, wieviele Studierende sie denn habe.

"Fourty...", she said.
"And how many faculty do you have?", I asked her
She hesitated for a moment.
"Fourty...", she said.

So wird das nie was mit dem Faschismus in den USA.

---

 

"Ich muss gegen eine hypochondrische Müdigkeit oft arbeiten, es steht mir alles, auch Kleinigkeiten, wie Berge entgegen. Mein Verstand sieht die Thorheit davon ein, aber was kehrt sich mein Gemüth daran."
(Gustav Adolph Michaelis, 1798-1848, der Gynäkolog', von dem oben die Rede war)

 



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Kommentare

  1. Martin Huhn Schade
    11.11.2008 | 12:31

    In meinem Studium, da gab es so manchen Professor/Dozenten, da ging man zur ersten Vorlesung und schreib sich die Inhalte auf, die da kommen sollten und zur letzten, um zu hören, was in den Klausuren dran kommen könnte. In der Zwischenzeit lernte man dann zu Hause, weil die Vorlesungen sowas von schlecht waren.

    Und dann gab es andere, die waren richtig beherzt bei der Sache. Zwar nicht so in dem Maße wie Helmut Wicht, aber doch sehr engagiert. Schade, daß diese Menschen ausgebremst werden, weil keine vernünftigen Unterrichtsmaterialien vorhanden sind bzw. weil die Übertragung in den Nebensaal eine multimedia Vorlesung unmöglich macht.

    Das war es dann mit der totalen Anatomie. Ein fehlendes Medium und es ist aus.

  2. 17.11.2008 | 10:13

    wollte mal testen ob die Kommentarfunktion gesperrt wurde...

  3. Helmut Wicht @ Wald
    17.11.2008 | 10:51

    (Kommentarfunktion gesperrt?)

    Nö.

    Ich frag' mich halt, wie das alles weitergehen soll. Demnächst kommen die G8er (doppelte Jahrgangsstärke!). Vermutlich wird man uns das Lehrdeputat hochsetzen. Von mir aus. Dadurch werden aber unsere Kursräume nicht grösser und die Hörsäle auch nicht.

    Aber die Eintracht ist bis dahin vermutlich eh' in der dritten Liga. Dann machen wir unsere Vorlesung halt in der Commerzbank-Arena (ehemals Waldstadion).

  4. Michael Wald Frontalunterricht
    17.11.2008 | 11:53

    Viel effizienter wäre es doch, einen Vortrag auf Video auf zu nehmen, den sich dann alle deutschsprachigen Studenten per Internet anschauen können.

    Die Übersetzung in andere Sprachen kann dann Web 2.0 üblich kostenlos von Usern angefertigt werden.

    Weiterführende Fragen werden von Experten, vornehmlich kostenlos in Wikis, Foren und Blogs beantwortet.

  5. Michael Wald kein Betreff
    17.11.2008 | 14:38

    Über persönliche Motive und harte Realität im Lehramtsstudium

    http://tinyurl.com/6exccv

  6. Martin Huhn Wicht und Dekohärenz
    19.11.2008 | 09:52

    Helmut, ich habe mir jetzt mal das erste Foto von Deiner Vorlesung genauer angeschaut. Anscheinend wird bei Deinem Vortrag die Dekohärenz aufgehoben und und Menschen superpositionieren sich wie Quanten. Es fängt so in der Mitte an, wo ein blondes Mädel, so halb doppelt erscheint. Etwas weiter rechts und höher entdeckt man eine junge Dame (stehend), die uns den Rücken zuwendet. Rosa Pulli, Halstuch, Jeans und Zopf. Noch etwas weiter rechts taucht die junge Dame wieder auf. Diesmal von vorne und in Bewegung. Das ist echt ein starkes Stück! Wie hast Du das nur wieder gemacht? ;-)

  7. Helmut Wicht @ Huhn
    19.11.2008 | 10:33

    :-)

    Das sind drei oder vier nacheinander gemachte Einzelphotos (wir hatten kein Fischauge, das den ganzen Saal hätte abbilden können), die hinterher zusammengebastelt wurden.

    Aber die Analogie zur Quantenphysik ist herrlich! Da wird ja auch aus lauter Einzelaufnahmen die Welt zusammengebastelt.

    Gruss
    Helmut

  8. Michael Wald Glioblastom
    22.11.2008 | 00:10

    Hallo Herr Wicht

    Ich hätte mal eine Frage die nicht zu Ihren Beitrag gehört.

    Bei meinem Bruder hat man Glioblastom diagnostiziert.

    Er lebt in Portugal und ich mach mir Sorgen um seine medizinische Versorgung. Überhaupt bin ich mit dem Thema ziemlich überfordert im Moment.

    Haben Sie vielleicht irgendwelche Tipps?

  9. Sören Schewe Sehr schöner Artikel
    22.07.2009 | 18:18

    Herrlicher Artikel. Schade, dass ich keine Ihrer Vorlesungen erlebt habe und es auch nicht erleben werde. Klingt äußerst interessant.

    Außerden haben Sie eine sehr schöne Art, Ihre Gedanken rüberzubringen, macht richtig Süaß zu lesen.

    Ich glaube, ich habe Sie bei mir teilwesie nicht ganz verstanden, aber das wird noch^^

  10. Der Sascha 2.te Runde 42 Jahre muss ich werden, aber vorne
    01.08.2010 | 14:34

    Ja, vorne werd ich sitzen.Mein Einfuehrungsjahr habe ich nun hinten gesessen, absolut unmoeglich, aus Ihrem Fundus zu schoepfen. 22 Jahre hab ich auf diesen Studienplatz gewartet, nur 10 trennen den weisen ohne weisses Haar, hehe, und mich. Design must ich studieren, Englisch Foto und Film in Mexico lehren, oh bin ich dankbar wieder Student zu sein, da ist ein Yoda den ich mir schnappe.Obi van Wicht- gib bloss nicht auf jetzt, immer noch erreicht Ihre Energie das Volk. Es ist eine Ehre und Freude Ihr Padawan zu sein, freue mich riesig auf ein Wiedersehen, die pars subarachnoidalis sive perforans plexus chorioidei ventriculi cuarti, die zona glomerulosa cortexis medulae supra renalis und Sie als Rockerunikat und Meister Lampe, Pyramis, pyramidis, f, konsonantische Deklination, daher der Nominativ Plural pyramides und Genitiv Plural pyramidum, ......vielleicht bekomme ich Sie doch noch dazu, sich ueber das kopulationspneumoperitoneum nach sebesteny auszulassen- zu Tisch sage ich, mit stetem Muehen ein Dauerpraeparat ins Glas zu bekommen

  11. Der Sascha 2.te Runde Oh Pardon ich nochmah
    01.08.2010 | 14:41

    Kann mann, also Sie, den Teil mit dem Bikinivergleich und so im Jahrgang 2010-11 nochmal einbringen?
    Aber ich komme auch so, bin eben wie ein Schnupfen
    Vielen Dank, sooooolange kein Wort nutzlosen Wissens

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