Psychotherapie für Heimwerker
von Helmut Wicht, 25. Oktober 2008, 18:02
Das ist ein "experimenteller" Text. Ich wusst' nicht, wohin damit. Also hierher, heisst ja "Anatomisches Allerlei". Und allerlei ist drin, wie schon der Titel verrät:
Psychotherapie für Heimwerker
(Gnothi seauton oder die Kunst des Ja-Sagens)
Ich bin begeisterter Heimwerker. Trotzdem steht meine Behausung noch, was damit zu tun haben mag, dass mein handwerklicher Ehrgeiz sich auf den Eigenbau von Motorrädern konzentriert, von denen einige sogar fahrbereit sind.
Ich bin gelernter Biologe. Im Studium hatte ich grosse Freude daran, das Mikrobenleben im fauligen Wassertropfen unter dem Mikroskop zu beschauen. Dem stetigen Formwandel der gestaltlosen Amöben hab' ich zugesehen, den rastlosen Rädertieren und den eiligen Paramecien, die zwar wie Pantoffeln aussehen, sich aber wie mit Siebenmeilenstiefeln durch ihre Winzigwelten bewegen. Käfer habe ich unter die Lupe genommen, Beinchen und Füsschen- und Fühlerglieder gezählt. Oh, wie ergötzte mich das schillernde Farbenspiel und wie bestaunte ich die feinmechanischen Wunderwerke der Gelenke und Beisswerkzeuge! Eine zeitlang habe ich sogar Käfer gesammelt und ihre gepanzerten Leichname auf Nadeln gespiesst, hübsch ordentlich nach taxonomischen Gruppen in Kästen sortiert. Denn man lehrte mich, nicht nur mit Wonne, sondern auch mit dem kalten, zählenden, klassifizierenden, objektivierenden Blick des Naturwissenschaftlers auf die krabbelnden, wuselnden Wesenheiten zu schauen. Und das war ja auch gut so.
Ich bin dann Anatom geworden. Tote Körper zerschneiden, etwas von ihnen abschneiden: das ist mein Handwerk. Und hätte ich nicht den kalten, objektiven Blick: nimmer könnt' ich's tun.
Ich bin dann ziemlich neurotisch geworden. Faderweise halt mit so 08/15-Depressionen, wie sie alle haben, also nichts wirklich Spannendes oder Interessantes. Ich stell' mir nämlich vor, dass ein Psychotiker, der z.B. glaubt, der Herrgott zu sein, einen unterhaltsameren Dachschaden hat als der Depressive, für die Aussenstehenden sowieso, und hoffentlich auch für sich selbst. Naja. Blöde Depressionen halt, kein wirkliches Distinktionsmerkmal, und insofern der Eitelkeit abträglich. Nicht mal eine interessante Neurose kriegt er hin ... aber doch schon eine ziemlich heftige. Irgendwas musste passieren.
Sehr zur Enttäuschung der Psychoanalytikerin konnte ich keine nennenswerten Kindheitstraumen vorweisen, und die endlose Bohrerei im Dreieck Vater/Mutter/Kind und in sonstigen Biographika meiner ziemlich durchschnittlichen Vita ging mir sehr rasch dermassen auf den Wecker (ich hab' mich beim Erzählen selber gelangweilt...), dass ich beschloss, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Ich bin ja Heimwerker, selbst ist der Mann.
Natürlich hält der ambitionierte Heimwerker alles, was er nicht selbst gemacht hat, für groben, billigen Schrott und Tand. Sonst müsst' er ja nicht heimwerken. Also hab' ich mir gesagt: "Helmut, die Welt um dich herum ist ein Murks und ein Schund, sie ist ein Loch und der Mensch ein Schuft, der Herrgott war ein Pfuscher und das Sein ist eine missliche Sache. Ergo ist deine Depression eigentlich die einzig angemessene Gemütsreaktion. Ein Schuft, wer heiter ist!"
Das ging eine Weile ganz gut, doch dann begannen in der dermassen möblierten Seelenwohnung doch die Tapeten von den Wänden zu fallen, im verfaulenden Parkett taten sich Löcher auf, durch die die Ratten aus dem Keller kamen. Grössere Möbelstücke drohten zu stürzen und ihren Besitzer zu erschlagen. Die Konstatierung des Elends, so merkte ich, ist nicht identisch mit dessen Abschaffung.
Aber ich bin ja nicht nur Heimwerker, ich bin ja auch noch Biolog' und Anatom. Also, mit all diesen Expertisen in der Hand jetzt auf zur Psychotherapie im Do-it-youself-Verfahren! Ich merkte nämlich, dass ich - ganz Anatom - meine Neurosen sozusagen abschneiden, amputieren kann und sie - ganz wie der Biolog' - mit kaltem, klassifizierendem Blick unter die Lupe nehmen, ihre Beinchen zählen, ihre Mechanik analysieren, sie auf Nadeln spiessen kann. Und was kamen da für nette Käferchen zum Vorschein! Sehr zu meiner Freude konnte ich einen ansehnlichen, grossen, hirschkäferartigen Grössenwahn von mir abspalten, denn ein kleiner Grössenwahn, so denk' ich mir, ist ungefähr so nützlich wie ein grosser Minderwertigkeitskomplex oder ein Riese mit Zwergenstatur. Ein sehr ansehnlicher Käfer also, und in aller analytischen Ruhe hab' ich mir das Geweih angeschaut, das er mit sich herumträgt und das er mir immer wieder aufsetzte. Zinken hab' ich gezählt und Winkel vermessen und mich gefragt, wie dämlich ich in meinem megalomanen Kopfputz wohl ausgesehen haben muss und was für ein Hirsch ich war. Aber nun lag er ja vor mir. Die eiligen Pantoffeltiere der Verdrängung und der Flucht hab' ich mir aus der Seele geschnitten, ihnen zugesehen, wie sie hastig jeden Ort fliehen und ihr Heil an einem anderen suchen. Wie hab' ich mich danach gesehnt, auch ein beharrliches Rädertier zu finden, das, ein Weilchen an einem Ort verharrend, festgeheftet an etwas Stabilem, emsig seine Rädchen dreht - doch da war keines. Eine ansehnliche Angstamöbe habe ich auch von mir abschneiden können, und lange habe ich ihr im Mikroskop zugesehen, wie sie schleichend ihre Erscheinung änderte und die Zyklen von Furcht, Verzweiflung, Panik und Katatonie durchschritt.
Dann trocknete der Wassertropfen auf dem Objektträger unter dem Mikroskop durch die Hitze der Lampe aus und die ganze Bagage krepierte. Erst erschrak ich - was wär ich ohne meine Neurosen? - dann merkte ich aber schnell, dass sie nachwachsen.
Ich konnt' also meine heimwerkende Psychotherapie fortsetzen und habe es, wie ich nicht ohne Stolz sage, darin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Ein Gefühl, ein Affekt, eine Emotion, eine Angst: zack, ab damit, vor mich gelegt, genau und kalt und objektive beguckt, und schon ist's, als gehörte ich nicht mehr dazu. Sind gar nicht meine Probleme. Sind halt Probleme, Neurosen. Nur, wie gesagt: sie wachsen nach. Na gut: schneid' ich sie wieder ab. Nur: sie wachsen immer bizarrer nach. Es ist, als ob ich mir eine Hand mit fünf Fingern abgeschnitten hätte, worauf eine mit sechsen nachwächst. Auch ab damit. Und dann kommt eine mit siebenen und einer Nase auf dem Handrücken und einem Ohr auf der Kleinfingerseite. Und die Pantoffeltiere sehen in letzter Zeit echt bedrohlich aus...
Gut, könnte man sagen: da ist ja für Unterhaltung und Abwechslung gesorgt. Im Sinne des oben gesagten (positiv denken!): ich kann so aus einer faden Depression immerhin einen interessanten, bizarren Dachschaden basteln. Im Sinne des Ethos des Heimwerkers sicherlich ein Sieg: ungewöhnlich, beeindruckend und selbstgemacht.
Das mit dem Nachwachsen, das muss ich noch in den Griff kriegen. Ich weiss nur noch nicht, wie, mir fehlt das passende Werkzeug. Aber auch das ist ja Heimwerkerschicksal. Wenn ich es aber im Griff habe, dann ist es natürlich das Ziel, alles abzuschneiden und fein sortiert vor mich zu legen. Dann werde ich auf alle meine Neurosen, Emotionen, Affekte, Stimmungen, auf all mein Wissen und mein Können, auf meine Vita, meine Hoffnungen und meine Verzweiflungen, ja, auf die ganze Welt gucken können, wie der Forscher auf Käfergekrabbel. Nichts werde ich bei mir behalten, alles wird vor mir liegen. Ich werde das reine Auge der Erkenntnis sein, das reine Subjekt. Und ich werde erkennen, dass ich so alles erkennen kann, nur nicht mich, denn ich bin ja das, was erkennt, und nie das Erkannte. Alles kann ich wegschneiden: nur nicht das Erkennen selbst. Und wenn ich es fortdenke, das ganze Gewimmel, wenn ich ihn abfackele, den Ameisenhaufen der Objekte, wenn ich sie austrocknen lasse, die Amöben: dann bleibt das reine Erkennen, das nichts zu erkennen hat. Nein, das ist gar nicht wahr: es bleibt nicht das Erkennen, denn es wird ja nichts erkannt, es bleibt bestenfalls das Vermögen dazu. Wenn aber nichts zu erkennen da ist, dann ist auch das Vermögen dazu nichtig. Es bleibt nichts, ich bin nichts.
Unfug natürlich. Denn ich bin natürlich nicht das reine Subjekt. Ich bin - als Person, mit Leib, Seele und Neurosen - irgendwo in diesem Gewusel von Beziehungen der Erkenntnis auf's Erkannte, der Objekte auf's Subjekt und der Objekte untereinander. Ich bestehe aus diesen Beziehungen, und aus nichts sonst. Ich bin ganz und gar Relation, nicht Substanz. Erkennen ist eines meiner Vermögen, aber ohne Erkanntes kann ich nicht sein, was ich bin. Ich bin stets erkennend und erkannt, durchschauend und durchschaut. Ich bin transparent, wenn ich mich vor mich lege, und undurchsichtig, wenn ich hinter mich zu schauen versuche. Ich bin's, der diesen Zoo von Relationen in Betrieb hält und der von ihm betrieben wird. Ich bin - Wille.
Ach, halt die Klappe, Arthur! Bis hierher bin ich Dir treu gefolgt, habe Dein "Ich, das substanzlose Gespenst" paraphrasiert und Dich womöglich auch noch hie und da missverstanden - nun mag ich nicht mehr. Ich heimwerke lieber noch ein wenig an meinem Seelenheil herum.
Unter den vielen interessanten Tierchen, die ich mir aus der Seele schneiden kann, und deren Treiben ich mit kaltem Interesse zuschaue, sind auch ein kleine, pelzige, friedliche, die mich entfernt an Bilche, an Siebenschläfer, erinnern. Sie tragen einen Silberstreif am Rücken, ich nenn' sie "Müdigkeiten". Sie sind klein, wehrlos und apathisch, und immer wenn ich sie aus mir hervorschneide, werden sie von den anderen Viechern da draussen in meinem Zoo rasch zerrissen und gefressen. Evolution halt, keine Chance dem Unfitten. Aber auch die Bilche wachsen nach, und während die anderen immer bizarrer werden, werden sie immer grösser. Irgendwann werde ich nur noch einen einzigen, riesigen Bilch als mein einziges Forschungsobjekt von mir abtrennen können, und er wird mich ansehen und fragen: "Bist Du nicht auch der ganzen Sache müde?"
Und als reines, erkennendes, leeres Subjekt der Erkenntnis werde ich dazu natürlich gar nichts sagen können. Als in Relationen gefangenes Ich aber werde ich hoffentlich einmal, vielleicht sogar das erste und einzige Mal in meinem Leben in ein wirklich affirmatives Verhältnis zur Welt treten und sagen: "Ja."
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Dietmar: danke.
Ich würde geren noch ein wenig über die (Un?)Möglichkeit der nicht-metaphorischen Rede reden/denken.
Nachtrag zu meinem Beispiel (der Musculus bizeps): der Muskel ist natürlich auch kein "Mäuschen" ("Musculus"). Ein Atom ist nicht unteilbar und ein String keine Strippe.
Bevor ich mich jetzt zu der Aussage versteige (was ich eigentlich möchte), das JEDE Rede Metaphorik sei, würd' ich mich dennoch gerne über die "Epistemologie der Mathematik" aufkären lassen, wenn es die denn gibt. Ist die mathematische "Rede" (ich meine jetzt z.B. eine Gleichung, eine Formel) vielleicht deshalb a-metaphorisch und "rein objektiv", weil sie von puren Formalismen handelt, denen gar keine "Dinge" zugeordnet sind?
Werter Herr Foucher!
Unsere letzten Beiträge haben sich gekreuzt, und jetzt muss ich leider loslaufen, eine Anatomievorlesung zu halten und einen Präparierkurs zu geben.
Ich würde mich arg freuen, wenn ich Sie bei Gelegenheit mal wieder als Gesprächspartner gewinnen könnte, hier im Blog, oder sonstwie.
Falls Ihnen der Sinn nach etwas heitereren Formen der Auseinandersetzung mit der Anatomie steht -- ich nehm' mir die Freiheit, Sie auf "Wichts Winkel" unter
www.gehirn-und-geist.de
zu verweisen, da geht's ähnlich verkopft, aber lustiger zu.
Denn wir alle im Netz hier tragen verschiedene Masken und spielen Spiele auf vielen verschiedenen Bühnen, erpoben uns, indem wir unsere Masken proben.
Wie gesagt: Abstraktion ist nicht meine Stärke ... Eine Antwort auf Ihre letzte Frage könnten Sie vielleicht in Bachelards Der neue wissenschaftliche Geist (Suhrkamp, 1988) erhalten. Vielleicht, ich habe das Buch nicht gelesen. Aber es scheint mir plausibel.
Gibt es nicht in der Anatomie den Begriff "antagonistische Muskeln"? Wenn ich mich richtig erinnere (Wie gesagt: Bibliothek .. Kartons ... 250 Km von hier), inspirierte er Marx (über Kant?) zu demjenigen des Klassenkampfes ...
Also Ja, Anzieus Entdeckung zeigt es, die Metapher ist zumindest mit ein Grundstein des menschlichen Denkens und, also, der menschlichen Rede, würde ich auf die Schnelle sagen. Laut Bachelard (Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes) ist es aber auch der Grund gewesen, weshalb die Naturwissenschaften so lange nicht vorankamen. Erst als die Forscher sich überkommener Metaphern bewusst wurden und, um diesen von der Sprache gestellten Fallen zu entgehen, zu mathematischen Formulierungen (z. B. von der Alchemie zur Chemie) übergingen, wurde - um mit einer Metapher zu schliessen ! - der neue/neuzeitliche wissenschaftliche Geist geboren.
Die Metapher ein "Grundstein" des menschlichen Denkens: Damit wurde unwillentlich die Probe aufs Exempel gemacht, dass das Reden in Metaphern eine gefährliche Sache ist !
Wie schön, dass Sie noch da sind!
Eben wird's spannend. Deshalb vielleicht, weil ich Ihren Begriff von der "Metapher" zu eng genommen habe, ihn wirklich nur als "Trope", als uneingentliche Bezeichnung verstand.
Chemie und Alchemie - lassen Sie mich doch noch mal den Begriff von der "Analogie" aufgreifen, der am Anfang unserer Unterhaltung stand. Die "vorwissenschaftlichen", "magischen" Naturwissenschaften arbeiten mit Analogien (die romantischen übrigens auch): makroskosmisch-mikrokosmische Entsprechungen vor allem. Man denke, sofern man in der Alchemie bleiben will, an Sonne/Gold und Mond/Silber, den Hermes Trismesgistos und das Quecksilber.
Ist es das (was ich das "Analogische" nennen würde) das Sie mit "Metapher" meinten?
Diese "analogische" Rede von der Natur ist innerhalb der modernen Naturwissenschaften fast ganz und gar durch eine "kausalanalytische" Rede verdrängt worden - wohl schlicht deshalb, weil die Anrufung des Hermes Trismesgistos Silber NICHT in Gold zu verwandeln mag, der Beschuss mit Neutronen aber schon (allerdings zu teuer..). Und in einer Welt, die auf Technolologien zur Naturberrschung zielt, ist das ja auch gut so. Nur was man (kausal) durchkonstruieren kann, hat man verstanden (Kant). Verstanden in dem Sinne, dass man es beherrschen kann. "Der Mann der Technik kennt die Dinge, sofern er sie machen kann. Dadurch wird ihr 'An sich' ein 'Für ihn'." (Adorno)
Doch ist der Mond silbern und die Sonne golden. Und ICH frag' mich halt, ob sich die Natur in der "analogischen" Rede, uns nicht AUCH erschliesst. Halt nicht so, dass man daraus eine Herrschaftstechnik ableiten könnte. Aber doch soweit, das man auch dieser Form der Rede über die Natur einen gewissen "Wahrheitswert", ja, sogar einen gewissen wissenschaftlichen Wert beimessen kann.
Seh'n Sie: deshalb bin ich Anatom geworden. Weil es hier "noch" geht. Wie könnt' ich meinen Studenten die Achillessehne zeigen, ohne die halbe Ilias gleich mitzuerzählen .. ich kann es nicht. Am Faden der Achillessehne hängt ein Kosmos vom Geschichten und ein Kosmos von Geschichten verdichtet sich in ihr zu einem Namen.
Achill war dort verletztlich, unter des toten Hektors Achillessehnen hindurch wand er das Seil, an dem er Hektors Leichnam um Troja schleifte. Dort traf Achill Paris' Pfeil, Verletzungen jener Sehne hielt Hippokrates für tödlich, unter jene Sehne hindurch stösst man den Haken, an dem man tote Ochsen im Schlachthof hängt.
Ist das irrelevant? Nein. Das ist, um's mit Monika Armand zu sagen: "AHMAZ". Alles hängt mit allem zusammen. Es gibt kausale Zusammenhänge, die alle Schichten des Seienden durchdringen. Aber es gibt auch andere. Die Dinge sind nicht nur kausal aufeinander verwiesen, sie verweisen auch ästhetisch aufeinander.
Und ich weiss nicht so recht warum: aber ich halt' das für wichtig.
Wunderschön!
Ich stimme Ihnen voll zu (bis auf die Stelle, wo Sie erwägen, dass "dieser Form der Rede über die Natur ... sogar einen gewissen wissenschaftlichen Wert beimessen" könnte : das glaube ich nicht. Aber nichts befugt mich wiederum dazu, darüber zu befinden) und d a n k e Ihnen, dass der sensible Naturforscher, der Sie sind, den etwas drögen Literaturliebhaber, der ich bin, zur schöpferischen Träumerei ermuntert.
Das Wort Metapher benutze ich als das, was es von Haus ist : einen Begriff aus der Rhetorik (Rhetorik im Sinne von Repertoire der Sprachfiguren). Eine Metapher ist ein kurzgeschlossener Vergleich (= bei dem das verbindende Wort 'wie' ausgelassen wird, so dass beide verglichene Gegenstände bzw. Gebiete sozusagen in eins fliessen).
Gestatten Sie mir, Sie zu bedrängen : lesen Sie den deutschen Wikipedia-Artikel über Bachelard, er ist ausgezeichnet. Sie werden entzückt sein zu entdecken, dass dieser wirklich grossartige Rationalist es gewusst hat, sich für den Zauber der "materiellen Imagination" offen zu halten und die zweite Hälfte seines geistigen Lebens der (bejahenden) Untersuchung der in der über die Materie "träumenden" menschlichen Psyche entstehenden Phantasien widmete. Sehr schade, dass nur drei von den Büchern, die er ab der Psychoanalyse des Feuers schrieb, ins Deutsche übersetzt wurden. Aber dieses Buch wird Sie wenigstens seine grosse Subtilität ahnen lassen.
Metapher : ein Kurzschluss, der 'analog' durch 'identisch' ersetzt.
Frau Ypsilanti wurde von vier Abgeordneten „im Stich gelassen“.
B.Obama hat „die letzten Hürden“ zur Präsidentschaft überwunden.
Beide Sätze sind unwahr, niemand wurde erstochen, keine Hürde wurde übersprungen, aber jeder weiß, was gemeint ist, was der wahre Sinn der Sätze ist.
Metaphern sorgen für Anschaulichkeit, unterstützen die Darstellungsfunktion der Sprache.
Falsche Metaphern können jedoch auch in die Irre führen.
Zum Beispiel finde ich die linguistische Metapher „Kodierung“ für die Umwandlung von Worten in Vorstellungen irreführend, finde dafür den Begriff „Komprimierung“ zutreffender.
Nach Nietzsche gehört die christliche Metapher vom „Himmlischen Vater“ zu den großen Lügen, die unsere Moral verdorben haben.
Ohne Metaphern kommt die Mathematik aus, „weil sie von puren Formalismen handelt, denen gar keine "Dinge" zugeordnet sind“ (wieder eine der schönen Formulierungen vom „Heimwerker“).
„An der Matratze horchen“ ist angesagt,
S.R.
Moin!
"Das mit dem Nachwachsen, das muss ich noch in den Griff kriegen."
Möglicherweise ist eine naivere Herangehensweise eher zielführend. Ich denke da an die Übertragung der fernöstlichen Bonsai-Gartenkunst zur Wuchsbegrenzung auf den seelischen Bereich. Wenn Du Deine Neurosen nicht loswerden kannst, lasse ihnen Pflege angedeihen. Und das wäre durchaus mit Deiner Heimwerkermentalität vereinbar.
Munter bleiben... TRICHTEX
"Metaphern sorgen für Anschaulichkeit, unterstützen die Darstellungsfunktion der Sprache" : ja! Sie sind ein Mittel der Expressivität.
Aber sie leisten noch mehr: sie erschaffen Neues. Sie sind eine Produktion des schöpferischen denkenden-sprechenden Menschen, und es könnte sein, dass diese Kreation auf dem Gebiet der Metaphysik Erkenntniswert hat ("Dieu sensible au coeur" Pascal). ["Es könnte sein" : Ich muss gestehen, dass ich da sehr zaghaft oder kleinmütig bin].
Der naiv/spontan sich äussernde Mensch denkt-spricht in Metaphern. Für den um saubere Begriffstrennung bemühten Denker sind sie ärgerliche Denkfehler, aber da, wo der Mensch über sich, Gott und die Welt sinniert, sind sie vielleicht der Zugang zur Einsicht in suprarationale Zusammenhänge. Jedenfalls ahnte Benn richtig (wenigstens der junge Benn, Frau Schwab!), dass sie "eine Art Vision" sind.
Wir üben halt mal die reine, mal die praktische Vernunft bzw. mal den esprit de géométrie, mal den esprit de finesse (Pascal) aus. Es kommt darauf an, sie am passenden Ort/Objekt anzuwenden (Naiv von mir?). Ich meine wieder einmal, dass Anzieus Entdeckung uns vor Augen führt, dass da, wo der Mensch sich mit den "letzten Dingen" befasst (dem Alpha, das er sich selbst ist, und dem Omega, nach dem er sich sehnt), die Metapher d e r Operator seines Denkens oder besser Dichtens ist.
So ungefähr !
Denn dichterisch bewohnt der Mensch die Erde (So, wieder einmal: ungefähr, Hölderlin).
Vielen Dank,
Mir ist nicht klar, welche „Entdeckungen“ von D.Ansieu hier gemeint sind.
Dazu kommt, daß ich wenig Zutrauen zu den Schülern von Freud und Lacan habe, deren Theorien teilweise entsetzlich irreführende Metaphern enthalten (z.B. den „Ödipus-Komplex“).
Bisher habe ich nichts von Ansieu gelesen, nur über ihn bei Wikipedia.
Demnach hat er sich wohl von Freud und Lacan entfernt und seine Theorie aus dem „Haut-Ich“ entwickelt, also aus der sensiblen Körpergrenze des Ichs.
Wenn ich den kurzen Wiki-Artikel richtig verstehe, richtete sich sein Interesse vorwiegend auf die Grenzen bzw. Grenz-Erfahrungen der Menschen, aus denen Erkenntnisse gewonnen werden können.
Das ist sicher ein interessanter Ansatz, aber weshalb die Metapher der Operator des Denkens und Dichtens sein soll,
wird mir damit noch nicht verständlich.
Sind nicht alle Wörter als Operatoren des Denkens und Dichtens im Gebrauch?
Speziell die mathematischen Begriffe?
Mit Grüßen
S.R.
Warum die Metapher d e r Operator usw. ? Da ich mich nicht mehr so sehr auf diesem Blog breitmachen möchte, erlaube ich mir, Sie auf meine Einsendungen vom 27.10., 28.10. und 04.11. (Fortsetzung) hinzuweisen.
Die Einsicht kommt spät ... Ich denke, Sie haben recht: ich übertreibe das mit der Metapher wohl etwas. Aber ich bin sooo begeistert von Anzieus Haut-Ich ! Richtig verliebt ...
@ TRICHTEX
..auch hier? Wie schön. Weia, die Baustellen hier werden allmählich genauso anstrengend wie die früher in d.r.m. Aber Deinen Rat will ich gerne befolgen, ja, ich befolge ihn schon: denn was tu ich hier anderes als das, was ich in d.r.m je tat - meine Neurosen wässern.
@ Foucher
Artikel über Bachelard gelesen. Der IST gut, danke. Allerdings: blankes Entsetzen meinerseits. Einer Einsicht halber, denn ich fand einen Stereotypen, einen immer wiederkehrenden Defekt meiner Ratio bestätigt: das französische Denken ist mir ebenso fremd, wie seine Sprache. Erlauben Sie mir, zu einer Metapher zu greifen: dort werden mit feinem Pinsel Grisaillen gemalt, wird mit dem Stichel fein radiert, dort werden feine Netze gewoben, in denen sich alles verfängt. Ich hingegen verfertige Holzschnitte, schneide mit groben Messern in zähe Matrizen, knote grobmaschige Netze aus derben Tauen, mit denen man vielleicht den schrecklichen Leviathan vom Grunde des Meeres, nicht aber die nahrhafte, flinke Sardine von seiner Oberfläche fischen kann.
Kurzum: ich denke wie ein Boche, ich schreibe wie ein Boche, in bin ein Boche. Dort werden Menuette getanzt, ich führe eine Holzschuh-Polka vor.
Ich hab' da WIRKLICH ein Problem: ich SOLLTE das alles rezipieren, ich SOLLTE über den Begriff der "Surrationalität" nachdenken (ohne ihn einfach als einen vom "Surrealismus" geborgten Slogan abzutun, was ich allerdings momentan noch tue).
Ich bin aber ein Boche. Ich will staunend vor all diesen schillernden Oberflächen stehen, wie der Boche im Spiegelsaal von Versailles, und sie dann alle zerschmeissen und durch die Scherben hindurchfallen in's Maul des Leviathans, der aus der Tiefe steigt.
Ich bin zu blöde, ich bin zu grob für französische Philosophen. Cioran hab' ich noch verstanden. Aber der ist ja Rumäne, und kommt aus einer noch dunkleren Ecke der Welt. Die Denke der Franzosen ist mir -- wie sagt man -- zu hell, zu licht, zu luzide. Ich will die Tonnen von Blei spüren, die mir mein Sein angehängt hat. Ich will - verzeihen Sie erneut die Metaphern - Karfreitag, nicht Pfingsten. Den jener geht diesem voran: erstmal muss man das Denken kreuzigen, bevor es - wiederauferstanden - erleuchten kann. Alles gehört aber erstmal zerschmissen.
Ich will, mit anderen Worten, in's Dunkel. Die Welschen, mit der Helligkeit ihres Intellekts, sind da eher störend.
Was Sie bitte als ein Kompliment lesen wollen.
Lieber Herr Wicht,
Sollte Ihre Selbstbezichtigung stimmen, eines wenigstens steht fest: Sie können wunderbar schreiben und einen zum lauthalsigen Lachen bringen, was immer eine Wohltat ist.
Hoffentlich liegen Sie jetzt nicht in Scherben am Boden! Aber, bevor Sie Ihr deutsches Ambiente wieder aufnimmt: tun Sie sich bitte jetzt noch die Tortur (ich meine: die Freude)an, Die Psychoanalyse des Feuers zu lesen!
Im Vorfeld (scheussliches Wort!) seiner Untersuchung der Bildung des wissenschaftlichen Geistes hat Bachelard Lehrbücher der Physik und Chemie (vielleicht auch der Medizin, ich weiss es nicht mehr) aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert gewälzt, darunter auch Handbücher der Alchemie. Nachdem er dieses Material in erkenntnistheoretischer Absicht kritisch gelesen hatte, hat er es später, zusammen mit literarischen Werken (Novalis, Poe u.v.a.m), wieder verwendet als "Steinbruch" für seine passionierte Untersuchung der von ihm so genannten "materiellen Imagination". [Übrigens, ich habe inzwischen herausbekommen, dass der Wikipedia-Artikel 2006 von einem Daniel Wagner, Student - wohl Doktorand - bei Prof. Franz Martin Wimmer in Wien, stammt].
Das mit dem Boche:
1. Glauben Sie mir, das Wort ist bei uns nicht mehr im Umlauf.
2. Es ist halt so: unsere jeweiligen Kulturen haben sich anders entwickelt. Das ist es ja auch, was sie - bei gewissen Individuen, bis zu einem bestimmten Grad oder Zeitpunkt jedenfalls - füreinander so attraktiv macht. Ich - habe bis zu meinem 25. Lebensjahr Deutscher sein wollen. Fast 40 Jahre später ist mir alles Deutsche fast gleichgültig. Alles Zeitgenössische Deutsche. Vielleicht ein Zeugnis davon, dass ich alt geworden bin.
Allerdings war mein Schüler Charlie (ein wirklich charmanter Junge, aber in Deutsch eine absolute Niete) erst 14, als er mir am Ende unseres ersten gemeinsamen Schuljahres 1995 verriet : "Ich mag die Deutschen nicht. Ich mag die Art nicht, wie sie Fussball spielen".
Wohlgemerkt : er sagte "die Deutschen", nicht "die Boches"!
Und hiermit verabschiedet sich
Ihr PF
"Boche"...ich MUSS diesem Witz erzählen, in der Hoffnung, dass Sie auch den belachen (danke für die Blumen mal wieder).
Also, der Witz:
Irgendwo in USA, Interview mit einem fiesen, schwarzen Gangsta-Rapper, Goldketten, drei Rolexe am Handgelenk usw. Irgendwas über Rassenprobleme und "politically correct speech".
An' he says:
"Nigger???
I stand in front of the mirror every morning an' say to myself 'NiggerNiggerNigger...' a hundred times -- it makes my teeth white!"
SO hab' ich den "Boche" gemeint. Wär'n Sie Schweizer, hätt' ich "Sauschwoob" geschrieben. It makes my thoughts deep.
Ok, Psychoanalyse des Feuers ... na dann.
Eine letzte, (zum Glück nicht Ihnen ins Grab) nachgeworfene Blume : Herr Wicht, mit Verlaub, Sie sind eine Wucht !
"Herr Wicht, mit Verlaub, Sie sind eine Wucht !"
Als er hörte, dass er von der Menge gelobt werde, sagte er: "Was hab' ich denn falsch gemacht?" (über Antisthenes)