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Psychotherapie für Heimwerker

von Helmut Wicht, 25. Oktober 2008, 18:02

Das ist ein "experimenteller" Text. Ich wusst' nicht, wohin damit. Also hierher, heisst ja "Anatomisches Allerlei". Und allerlei ist drin, wie schon der Titel verrät:

Psychotherapie für Heimwerker
(Gnothi seauton oder die Kunst des Ja-Sagens)


Ich bin begeisterter Heimwerker. Trotzdem steht meine Behausung noch, was damit zu tun haben mag, dass mein handwerklicher Ehrgeiz sich auf den Eigenbau von Motorrädern konzentriert, von denen einige sogar fahrbereit sind.

Ich bin gelernter Biologe. Im Studium hatte ich grosse Freude daran, das Mikrobenleben im fauligen Wassertropfen unter dem Mikroskop zu beschauen. Dem stetigen Formwandel der gestaltlosen Amöben hab' ich zugesehen, den rastlosen Rädertieren und den eiligen Paramecien, die zwar wie Pantoffeln aussehen, sich aber wie mit Siebenmeilenstiefeln durch ihre Winzigwelten bewegen. Käfer habe ich unter die Lupe genommen, Beinchen und Füsschen- und Fühlerglieder gezählt. Oh, wie ergötzte mich das schillernde Farbenspiel und wie bestaunte ich die feinmechanischen Wunderwerke der Gelenke und Beisswerkzeuge! Eine zeitlang habe ich sogar Käfer gesammelt und ihre gepanzerten Leichname auf Nadeln gespiesst, hübsch ordentlich nach taxonomischen Gruppen in Kästen sortiert. Denn man lehrte mich, nicht nur mit Wonne, sondern auch mit dem kalten, zählenden, klassifizierenden, objektivierenden Blick des Naturwissenschaftlers auf die krabbelnden, wuselnden Wesenheiten zu schauen. Und das war ja auch gut so.

Ich bin dann Anatom geworden. Tote Körper zerschneiden, etwas von ihnen abschneiden: das ist mein Handwerk. Und hätte ich nicht den kalten, objektiven Blick: nimmer könnt' ich's tun.

Ich bin dann ziemlich neurotisch geworden. Faderweise halt mit so 08/15-Depressionen, wie sie alle haben, also nichts wirklich Spannendes oder Interessantes. Ich stell' mir nämlich vor, dass ein Psychotiker, der z.B. glaubt, der Herrgott zu sein, einen unterhaltsameren Dachschaden hat als der Depressive, für die Aussenstehenden sowieso, und hoffentlich auch für sich selbst. Naja. Blöde Depressionen halt, kein wirkliches Distinktionsmerkmal, und insofern der Eitelkeit abträglich. Nicht mal eine interessante Neurose kriegt er hin ... aber doch schon eine ziemlich heftige. Irgendwas musste passieren.

Sehr zur Enttäuschung der Psychoanalytikerin konnte ich keine nennenswerten Kindheitstraumen vorweisen, und die endlose Bohrerei im Dreieck Vater/Mutter/Kind und in sonstigen Biographika meiner ziemlich durchschnittlichen Vita ging mir sehr rasch dermassen auf den Wecker (ich hab' mich beim Erzählen selber gelangweilt...), dass ich beschloss, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Ich bin ja Heimwerker, selbst ist der Mann.

Natürlich hält der ambitionierte Heimwerker alles, was er nicht selbst gemacht hat, für groben, billigen Schrott und Tand. Sonst müsst' er ja nicht heimwerken. Also hab' ich mir gesagt: "Helmut, die Welt um dich herum ist ein Murks und ein Schund, sie ist ein Loch und der Mensch ein Schuft, der Herrgott war ein Pfuscher und das Sein ist eine missliche Sache. Ergo ist deine Depression eigentlich die einzig angemessene Gemütsreaktion. Ein Schuft, wer heiter ist!"

Das ging eine Weile ganz gut, doch dann begannen in der dermassen möblierten Seelenwohnung doch die Tapeten von den Wänden zu fallen, im verfaulenden Parkett taten sich Löcher auf, durch die die Ratten aus dem Keller kamen. Grössere Möbelstücke drohten zu stürzen und ihren Besitzer zu erschlagen. Die Konstatierung des Elends, so merkte ich, ist nicht identisch mit dessen Abschaffung.

Aber ich bin ja nicht nur Heimwerker, ich bin ja auch noch Biolog' und Anatom. Also, mit all diesen Expertisen in der Hand jetzt auf zur Psychotherapie im Do-it-youself-Verfahren! Ich merkte nämlich, dass ich - ganz Anatom - meine Neurosen sozusagen abschneiden, amputieren kann und sie - ganz wie der Biolog' - mit kaltem, klassifizierendem Blick unter die Lupe nehmen, ihre Beinchen zählen, ihre Mechanik analysieren, sie auf Nadeln spiessen kann. Und was kamen da für nette Käferchen zum Vorschein! Sehr zu meiner Freude konnte ich einen ansehnlichen, grossen, hirschkäferartigen Grössenwahn von mir abspalten, denn ein kleiner Grössenwahn, so denk' ich mir, ist ungefähr so nützlich wie ein grosser Minderwertigkeitskomplex oder ein Riese mit Zwergenstatur. Ein sehr ansehnlicher Käfer also, und in aller analytischen Ruhe hab' ich mir das Geweih angeschaut, das er mit sich herumträgt und das er mir immer wieder aufsetzte. Zinken hab' ich gezählt und Winkel vermessen und mich gefragt, wie dämlich ich in meinem megalomanen Kopfputz wohl ausgesehen haben muss und was für ein Hirsch ich war. Aber nun lag er ja vor mir. Die eiligen Pantoffeltiere der Verdrängung und der Flucht hab' ich mir aus der Seele geschnitten, ihnen zugesehen, wie sie hastig jeden Ort fliehen und ihr Heil an einem anderen suchen. Wie hab' ich mich danach gesehnt, auch ein beharrliches Rädertier zu finden, das, ein Weilchen an einem Ort verharrend, festgeheftet an etwas Stabilem, emsig seine Rädchen dreht - doch da war keines. Eine ansehnliche Angstamöbe habe ich auch von mir abschneiden können, und lange habe ich ihr im Mikroskop zugesehen, wie sie schleichend ihre Erscheinung änderte und die Zyklen von Furcht, Verzweiflung, Panik und Katatonie durchschritt.

Dann trocknete der Wassertropfen auf dem Objektträger unter dem Mikroskop durch die Hitze der Lampe aus und die ganze Bagage krepierte. Erst erschrak ich - was wär ich ohne meine Neurosen? - dann merkte ich aber schnell, dass sie nachwachsen.

Ich konnt' also meine heimwerkende Psychotherapie fortsetzen und habe es, wie ich nicht ohne Stolz sage, darin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Ein Gefühl, ein Affekt, eine Emotion, eine Angst: zack, ab damit, vor mich gelegt, genau und kalt und objektive beguckt, und schon ist's, als gehörte ich nicht mehr dazu. Sind gar nicht meine Probleme. Sind halt Probleme, Neurosen. Nur, wie gesagt: sie wachsen nach. Na gut: schneid' ich sie wieder ab. Nur: sie wachsen immer bizarrer nach. Es ist, als ob ich mir eine Hand mit fünf Fingern abgeschnitten hätte, worauf eine mit sechsen nachwächst. Auch ab damit. Und dann kommt eine mit siebenen und einer Nase auf dem Handrücken und einem Ohr auf der Kleinfingerseite. Und die Pantoffeltiere sehen in letzter Zeit echt bedrohlich aus...

Gut, könnte man sagen: da ist ja für Unterhaltung und Abwechslung gesorgt. Im Sinne des oben gesagten (positiv denken!): ich kann so aus einer faden Depression immerhin einen interessanten, bizarren Dachschaden basteln. Im Sinne des Ethos des Heimwerkers sicherlich ein Sieg: ungewöhnlich, beeindruckend und selbstgemacht.

Das mit dem Nachwachsen, das muss ich noch in den Griff kriegen. Ich weiss nur noch nicht, wie, mir fehlt das passende Werkzeug. Aber auch das ist ja Heimwerkerschicksal. Wenn ich es aber im Griff habe, dann ist es natürlich das Ziel, alles abzuschneiden und fein sortiert vor mich zu legen. Dann werde ich auf alle meine Neurosen, Emotionen, Affekte, Stimmungen, auf all mein Wissen und mein Können, auf meine Vita, meine Hoffnungen und meine Verzweiflungen, ja, auf die ganze Welt gucken können, wie der Forscher auf Käfergekrabbel. Nichts werde ich bei mir behalten, alles wird vor mir liegen. Ich werde das reine Auge der Erkenntnis sein, das reine Subjekt. Und ich werde erkennen, dass ich so alles erkennen kann, nur nicht mich, denn ich bin ja das, was erkennt, und nie das Erkannte. Alles kann ich wegschneiden: nur nicht das Erkennen selbst. Und wenn ich es fortdenke, das ganze Gewimmel, wenn ich ihn abfackele, den Ameisenhaufen der Objekte, wenn ich sie austrocknen lasse, die Amöben: dann bleibt das reine Erkennen, das nichts zu erkennen hat. Nein, das ist gar nicht wahr: es bleibt nicht das Erkennen, denn es wird ja nichts erkannt, es bleibt bestenfalls das Vermögen dazu. Wenn aber nichts zu erkennen da ist, dann ist auch das Vermögen dazu nichtig. Es bleibt nichts, ich bin nichts.

Unfug natürlich. Denn ich bin natürlich nicht das reine Subjekt. Ich bin - als Person, mit Leib, Seele und Neurosen - irgendwo in diesem Gewusel von Beziehungen der Erkenntnis auf's Erkannte, der Objekte auf's Subjekt und der Objekte untereinander. Ich bestehe aus diesen Beziehungen, und aus nichts sonst. Ich bin ganz und gar Relation, nicht Substanz. Erkennen ist eines meiner Vermögen, aber ohne Erkanntes kann ich nicht sein, was ich bin. Ich bin stets erkennend und erkannt, durchschauend und durchschaut. Ich bin transparent, wenn ich mich vor mich lege, und undurchsichtig, wenn ich hinter mich zu schauen versuche. Ich bin's, der diesen Zoo von Relationen in Betrieb hält und der von ihm betrieben wird. Ich bin - Wille.

Ach, halt die Klappe, Arthur! Bis hierher bin ich Dir treu gefolgt, habe Dein "Ich, das substanzlose Gespenst" paraphrasiert und Dich womöglich auch noch hie und da missverstanden - nun mag ich nicht mehr. Ich heimwerke lieber noch ein wenig an meinem Seelenheil herum.

Unter den vielen interessanten Tierchen, die ich mir aus der Seele schneiden kann, und deren Treiben ich mit kaltem Interesse zuschaue, sind auch ein kleine, pelzige, friedliche, die mich entfernt an Bilche, an Siebenschläfer, erinnern. Sie tragen einen Silberstreif am Rücken, ich nenn' sie "Müdigkeiten". Sie sind klein, wehrlos und apathisch, und immer wenn ich sie aus mir hervorschneide, werden sie von den anderen Viechern da draussen in meinem Zoo rasch zerrissen und gefressen. Evolution halt, keine Chance dem Unfitten. Aber auch die Bilche wachsen nach, und während die anderen immer bizarrer werden, werden sie immer grösser. Irgendwann werde ich nur noch einen einzigen, riesigen Bilch als mein einziges Forschungsobjekt von mir abtrennen können, und er wird mich ansehen und fragen: "Bist Du nicht auch der ganzen Sache müde?"

Und als reines, erkennendes, leeres Subjekt der Erkenntnis werde ich dazu natürlich gar nichts sagen können. Als in Relationen gefangenes Ich aber werde ich hoffentlich einmal, vielleicht sogar das erste und einzige Mal in meinem Leben in ein wirklich affirmatives Verhältnis zur Welt treten und sagen: "Ja."

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Kommentare

  1. sparta kein Betreff
    25.10.2008 | 19:31

    Angesichts des traumhaften Wetters heute eigentlich eine Schande, dass du soviel Zeit vor dem Rechner verbracht hast - andererseits ist die Skizze vom Frühstückstisch zu einem IMHO äußerst ansprechenden, facettierten und durchaus harmonischen Gebilde geworden.
    Das Lesen hat sehr viel Spaß gemacht und vielleicht taugt der große Bilch in langen Winternächten zum Wärmen der kalten Anatomen-Seele - wie die Herbstsonne auf dem Gesichtern der Rentner, die selbige auf den Parkbänken unter bunt fallenden Blättern genießen ;-)

    Cheers
    Peter

  2. Dietmar Hilsebein kein Betreff
    25.10.2008 | 19:53

    Helmut,

    "Helmut, die Welt um dich herum ist ein Murks und ein Schund, sie ist ein Loch und der Mensch ein Schuft, der Herrgott war ein Pfuscher und das Sein ist eine missliche Sache. Ergo ist deine Depression eigentlich die einzig angemessene Gemütsreaktion. Ein Schuft, wer heiter ist!"

    Oh ja! Das heißt aber auch, daß, wenn wir den Herrgott als Pfuscher betrachten, wir vll. schneller Antwort bekommen als uns lieb ist. Denn es könnte sein, daß dann der Herrgott seine Fehler zugibt und aus dem Wettersturm antwortet:
    "Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann: / Ich will dich fragen, du belehre mich!" Wer diese Stimme aushält -dieses grauenhafte Flüstern- ohne dabei verrückt zu werden, der mag mit dem Herrgott streiten!

  3. Helmut Wicht @ Dietmar
    25.10.2008 | 20:28

    Gerne will ich mit dem Herrgott streiten, so wie Hiob, doch er antwortet mir nicht. Er zeigt mir seine Werke und verbirgt sich hinter ihnen.

    Den Leviathan hab' ich aus der Tiefe geholt, und siehe: es war nur ein Wal, ein Huftier, das sich in die Abgründe verirrt hatte. Im Dornbusch war eine Flamme, aber siehe: es war nur Sauerstoff, der am Holz zehrte. Im Sturm war eine Stimme, aber siehe: es waren nur Geräusche, die ich für Worte hielt.

    Da ist niemand, mit dem man streiten könnte. Nur man selbst.

  4. Dietmar Hilsebein Nachtrag
    25.10.2008 | 20:33

    Helmut,

    Verstehe mich bitte nicht falsch: ich liebe es, mit dem Herrgott zu streiten, obwohl ich nicht wissen kann, was oder wer es ist. An Kant führt kein Weg vorbei, wenn wir nicht im Mittelalter landen wollen. Und all die Spinner... -Du weißt es ja, lieber Helmut...diesen Weg können wir gewiß nicht gehen...Und doch muß ich sagen: Herrgott? Ich mag ihn irgenwie, vor allem seine luziferische Seite!

  5. Helmut Wicht @ sparta
    25.10.2008 | 20:37

    Alte Männer auf Parkbänken...

    Ich empfehle an dieses Stelle:

    http://tinyurl.com/362hyz

    LAUT!

  6. Dietmar Hilsebein kein Betreff
    25.10.2008 | 20:43

    "Im Dornbusch war eine Flamme, aber siehe: es war nur Sauerstoff, der am Holz zehrte. Im Sturm war eine Stimme, aber siehe: es waren nur Geräusche, die ich für Worte hielt."

    Ich verstehe! Hast Du die Kraft, nihilistisch zu sein -in aller Konsequenz? Alles in Frage zu stellen? Ich weiß auch, daß die Flamme sich am Sauerstoff nährt. Die Stimme, die da spricht, ist die Vernunft, die der Wille gebar. Wenn Du mit Dir selbst sprichst und Dir selbst widersprechen kannst, dann kommt auf einmal die Frage: Wer widerspricht hier mir?

  7. sparta Aqualung
    25.10.2008 | 21:01

    Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich in diesem Text schon länger wiederfinde...
    leg hurting bad...

    Vom Titel und den Analogien zu Darth Vader (hallo, bad intent, du auch wieder hier) ganz zu schweigen, respiratorisch gesehen.

    Und der Herrgott?
    Der ist eh tot (sagt der Rether). Seine letzten Worte waren: Adam, lass den Scheiß.

  8. Dietmar Hilsebein @ sparta
    25.10.2008 | 21:13

    "Und der Herrgott?
    Der ist eh tot (sagt der Rether). Seine letzten Worte waren: Adam, lass den Scheiß."

    Genau! Denn wären sie zur Liebe fähig gewesen, dann hätten sie sich vor "Gott" verteidigt denn angeklagt!

  9. Helmut Wicht @ Dietmar
    25.10.2008 | 21:14

    "...dann kommt auf einmal die Frage: Wer widerspricht hier mir?"

    Wer hier wem widerspricht? Is' doch längst klar: ich mir. Die Welt sich. Das Faktum dem Desideratum. Das Ist dem Soll. Das Sein dem Werden. Das Vergehen dem Bestehen. Das Vergessen dem Erinnern.

    Ein Mahlwerk ist's, in das wir geraten sind, schlimmer: wir sind nicht nur sein Mahlgut, wir sind zugleich die Mühlsteine, die es zerreiben.

    Wonach ich mich sehne?

    Nach dem Nichts, das keine Mühlen mehr kennt. Schrecklicher Gedanke: es könnte unerreichbar sein.

  10. Dietmar Hilsebein @ Wicht
    25.10.2008 | 21:34

    "Nach dem Nichts, das keine Mühlen mehr kennt. Schrecklicher Gedanke: es könnte unerreichbar sein."

    Ich liebe es, mit Dir zu diskutieren! Du bist ein Mensch -ganz nach meinem Geschmack! Ich stellte mir folgende Frage:
    Warum ist die "Welt" eine "Welt", in der wir etwas zu lernen haben? Warum ist die "Welt" so organisiert? Ich habe keine Antwort darauf! Aber die Mühlen gefallen mir!

    Ich? Ich bin gar nicht Ich! Vielmehr sind da zwei Stimmen in meinem Hirn, die sich einander die gegensätzlichen Meinungen an den Kopf werfen. Und ich? Ich werde zwischen ihnen aufgerieben. Ich bin kein Wanderer zwischen den Welten, ich bin ein Getreidekorn zwischen den Mühlensteinen. Vielleicht haben wir zu viel geredet, alles zerredet...Können wir je zurückfinden, zun jener Handlungsfähigkeit, die wir als Kinder noch besaßen?

  11. Helmut Wicht @ Dietmar
    25.10.2008 | 22:20

    Wir diskutieren nicht.

    Wir sind auf der Suche nach Bildern, die unsere Verzweiflung illustrieren und versuchen zugleich, uns darin zu überbieten. Du borgst Deine Bilder von Nietzsche und aus der Bibel, ich meine von Schopenhauer und aus der Anatomie.

    Wir streiten aber an EINER Front: das Sein ist eine Erscheinung, die besser nicht wäre.

    Wir sollten und zusammentun, Nietzsche und Schopenhauer und Kant und Mephisto ins's Gepäck nehmen, und der Welt ein Ende bereiten. Sie wäre bessser nicht. Wir sollten uns über den Weg unterhalten, der zu ihrer Abschaffung führen kann, nicht über Minutia ihrer Interpretation.

    Kann aber sein, dass ich Dich missverstanden habe....

  12. Dietmar Hilsebein @ Helmut
    25.10.2008 | 22:32

    "Kann aber sein, dass ich Dich missverstanden habe..."

    Nein! Du hast mich nicht mßverstanden -die Welt ist ein Irrtum -mit und ohne Musik! Das, worüber wir uns noch einigen müssen: ist das Ganze nicht eine Nummer zu groß für uns?

  13. Dietmar Hilsebein Nachtrag @ Helmut
    25.10.2008 | 23:05

    Du sprachst über Größenwahn -da bin ich ganz bei Dir. Ich habe mit dem Herrgott (keine Ahnung, was das ist) gesprochen und ihm das Elend der "Welt" vor Augen geführt. Du magst es so nehmen oder auch nicht: es war mir, als sollte das bunte Auto mich mitnehmen. Die Gedanken waren alles andere als vertraut -und doch: ich habe drei Wochen gestritten. So schlimm, wie man meinen könnte, war es gar nicht! Der Herrgott hat durchaus Humor. Ich für meinen Teil nenne ihn lieber Luzifer -schon um ins Freie zu springen. Es sind zwei Seiten der selben Medaille. Er sagte mir: deine Meinung in allen Ehren -kannst du auch danach leben? Ich sprach immer von Schöpfung, doch ER widersprach mir: Nenne es Konstruktion! Gib mir ein Feedback. Maschinen können kein Feedback geben -sie funktionieren oder nicht. Sie können aber nicht wissen, wie es sich anfühlt. Diese Ausführungen sollen nur eines vergegenwärtigen: Ohne "Gott" (was immer das auch sein möge) sind dem Größenwahn Tür und Tor geöffnet!

  14. Steffen Rehm "Ich bin-Wille"
    25.10.2008 | 23:39

    Lieber Helmut,

    Für mich bist Du---Sprache, und zwar vom Feinsten mit diesen Sätzen:

    „Ich bin ganz und gar Relation, nicht Substanz. Erkennen ist eines meiner Vermögen, aber ohne Erkanntes kann ich nicht sein, was ich bin. Ich bin stets erkennend und erkannt, durchschauend und durchschaut.“

    Der beste Wille kann nichts ohne Sprache sagen, und Dein Wille sagst eine ganze Menge in einer Form, die ich gern lese.

    Gute Nacht

    S.R.

  15. Michael Wald Paulus an die Römer
    26.10.2008 | 00:11

    Wer bist du denn, dass du als Mensch mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es erschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht?

  16. Dietmar Hilsebein kein Betreff
    26.10.2008 | 00:42

    "Wer bist du denn, dass du als Mensch mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es erschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht?"

    Haha...Der Mensch ist eben KEINE Schöpfung, sondern eine Konstruktion, die feedback zu geben imstande ist. Warum? Wenn wir es religiös formulieren wollen, ist doch der Begriff "Fehler" gar nicht möglich, wenn der Urheber keinen Fehler macht. Aber ich für meinen Teil, habe "Gott" verziehen! Möge er aus den Fehlern lernen -wir müssen es schließlich auch!

  17. Uwe Kauffmann Kein Faulpelz ein streifen am Horizont.
    26.10.2008 | 06:45

    Sehr geehrter Herr Wicht,
    ich glaube der Mensch, kann diesem großem und letzten Bilch, getrost den Spitznamen Hein geben.
    Und wächst nicht durch das Heimwerken erst ein Gespinnst an Abstraktionen, daß zumindest in der Lage ist einen leichten Sommerregen abzuhalten?
    Und was ist denn die Alternative? Ein second Level Kybernetiker zu sein, der nur aus Relationen besteht, aber eine eigene Persöhnlichkeit missen muss.

    Mag sein das der Bilch, aus seiner natürlichen Umgebung, auf Ihren Seziertisch umgezogen, klein und hilflos, von seinen Nachbarn aus seinem ursprünglichem Lebensraum zerissen wird.

    Aber in seiner normalen Exsistenz, ist er es der bestimmt. Er ist es der die Relationen relativiert und Sie zum Spiel, mit der Fahrpysik schickt.

    Er ist nicht der Held, der die Faulheit verdeidigt, er wacht über die Efizienz und sorgt dafür das alle schön am Ball bleiben.
    Nun scheint es eher eine Hausmeistertätigkeit zu sein, sich um den Erhalt eines kongruenten Ichs zu bemühen, aber wer schon einmal versucht hat eine Gruppe von fünf Menschen dazu zu bringen, sich wirklich über ein und die selbe Sache zu unterhalten, weiss das dies Schwerstarbeit ist.

    Ich würde die Depression eher als nicht zwingend auftrettenden Lebensabschnitt sehen wollen.
    Und ich denke mal, das die durch psychologische Fehlausrichtung entstehenden Blickwinkel, einem neuronallem Netzwerk erlauben, anders konstruierend auf die Realität einzugehen. In den seltesten Fällen führt die wohl aber dazu, das sein Träger, besonders glücklich wird.
    Frei nach dem Motto:"Er ist zwars genial, keine Frage, aber total kaputt".
    Deswegen meine Bemerkung gegenüber Herr Hilsebein, erwürde nicht wirklich gern wie Nitsche sein, wenn er es denn wäre.

    mmmmhh, irgendwie finde ich jetzt gerade kein Ende, deswegen mache ich mal einfach so Schluß.

    Gruß Uwe Kauffmann

  18. Dietmar Hilsebein @ Kauffmann
    26.10.2008 | 09:10

    "Deswegen meine Bemerkung gegenüber Herr Hilsebein, erwürde nicht wirklich gern wie Nitsche sein, wenn er es denn wäre."

    Oh -da haben Sie mich mißverstanden: Ich schrieb, daß man Nietzsche nicht einfach verstehen kann, sondern Nietzsches Gedanken selbst erleben müsse. Ich hege nicht den Wunsch, in eine geistige Umnachtung zu geraten und von einer Schwester wie eine Schaufensterpuppe ausgestellt zu werden.

  19. Michael Wald @Hilsebein
    26.10.2008 | 11:06

    Ist es nicht so, dass man einen Fehler nur erkennen kann, wenn man erkennt wie etwas ohne Fehler aussieht?

    Man müsste also den Sollzustand kennen, um beim Istzustand eine Abweichung feststellen zu können.

  20. Dietmar Hilsebein @ Wald
    26.10.2008 | 11:20

    "Ist es nicht so, dass man einen Fehler nur erkennen kann, wenn man erkennt wie etwas ohne Fehler aussieht?"

    Gewiß. Daher bedarf es ja des feedbacks. Es geht ja nicht darum, sich dem Willen masochistisch zu unterwerfen, sondern ihn zu hinterfragen und auch sagen zu dürfen: Entschuldigung -dein Werk in allen Ehren, aber der Pfusch überwiegt. Mir schwebt da eine Kooperation vor: die Konstruktion auf Augenhöhe zum Konstrukteur zu bringen. Als cartesische Maschine wird das aber schwer möglich sein -mit Bio davor oder nicht!

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