Neues vom Nichts (in eigener Sache)
Oha.
Was für ein herrliches, tiefes, dunkles, bodenloses Fass. Man kann fallen, fallen, fallen; ohne die Furcht, je irgendwo aufzuschlagen, nirgendwo ein Boden der Tatsachen, nur droben, beim offenen Deckel des Fasses, ein müder Schein der normativen Kraft des Faktischen, verblassend, während man fällt, fällt, fällt, der Grundlosigkeit entgegen...
"Wicht", hab'
ich mir gesagt (denn so heisse ich), "Wicht, kümmer' Dich erstmal um die
Etymologie des 'Nichts', denn Worte sind wichtig!" In den Abgründen meiner Seele schlummert nämlich
ein Realist (im Sinne des Universalienstreites). Und - hätt' ich es wissen
sollen? Treibt ein kichernder Gott der Etymologie ein Spielchen mit mir? Ist es
ein Witz oder ein Wink? ICH BIN DIE WURZEL DES NICHTS! Denn das Wort
'nicht" ist, wie mich die Gebrüder Grimm lehren, aus althochdeutsch "nêowiht"
abgeleitet. "Wi(c)ht" aber ist "irgendein Wesen, ein kleines
Ding", " nêowiht" ist die Verneinung: "noch nicht mal
irgendeine Winzigkeit".
Es wird Zeit, eine
nicht-existente grammatikalische Form, den sogenannten "Erikativ"
oder "Inflexiv", zum Einsatz zu bringen:
ÄCHZ!
Also: dieser alberne Etymologiegott gibt mir den Namen eines kleinen Etwas, und jedesmal wenn ich "nichts" sage (was ich oft tue), negiere ich mich selbst. Ad hominem, zumindest ad nominem - was den Begriffrealisten, der, wie gesagt, tief in mir schlummert, aufwachen lässt.
"Was", so fragt er, "geht denn hier vor sich? In welchen Sumpf tappen wir denn da wieder hinein? Sind wir Wichts? Sind wir Nichts? Sind wir Ichts?" (Noch Luther kannte das Wort "Ichts", aus demselben Stamm wie "Wicht", als Synonym für "(irgend)etwas").
Nochmal ächz.
Ich kann nichts dafür. Das
Nichts und das Ichts, das Nichts und das Sein haben mich stigmatisiert, als sie
mich meinem Vater, dessen Namen ich trage, in die Wiege legten. Goethe sagt:
"Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb' es, um es zu besitzen!"
Das kann ja heiter werden...ich lese, lese, lese. Sartre. Rosenzweig. Noch schrecke ich vor Hegel und Heidegger zurück. Aber auch da trau' ich mich noch 'ran. I'm a man with a name, I'm a man with a mission: "Wicht. Nicht."
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Herrlich wie viel man über „Nichts“ schreiben kann, Sie sind doch wirklich ein begnadeter Feulletonist.
Ich will aber zu der Thematik nichts weiter sagen, mir fiel nur eine Bemerkung über „Abgründe, die in Ihrer Seele schlummern“, auf, nämlich Ihr Bekenntnis, Sie seien ein Realist (im Sinne des Universalienstreites).
Das erinnert mich an die schöne Diskussion anlässlich Singers Vortrag im März. Damals haben Sie gesagt, dass alles „seinem Wesen nach Vorstellung sei“, und argumentiert „ ... wenn ich mir die Welt so betrachte, hat sie nur einen kleinsten gemeinsamen Nenner: sie ist "mental".
Verstanden habe ich das damals schon nicht, aber wenn Sie sich heute als „Realisten“ bezeichnen, steht das ernsthaft im Widerspruch dazu, denn bei der Debatte über die Universalien ging es ja gerade darum, dass Vorstellungen, Ideen real existieren.
Schöne Grüße
Wolf Hardt
Es gilt wohl zwei Vorgänge zu unterscheiden: Assimilation und Akkommodation.
Herr Wicht, vielleicht nageln Sie ja doch noch einen Pudding an die Wand?
Wenn ich es recht in Erinnerung habe, waren die "Realisten" jene, die behaupteten, dass den allgemeinen BEGRIFFEN ("Universalia") ebensoviel, wenn nicht gar mehr Wirklichkeit zukäme, als den Dingen, die unter ihnen begriffen sind. (Schlachtruf: "Universalia sunt realia", daher der "Realist", den man heute - noch ein terminologischer Treppenwitz - allerdings wohl eher einen "Idealisten" nennen würde).
Die "Nominalisten" hingegen (Schlachtruf: "Universalia sunt nomina") glaubten, dass die Begriffe keine eigene "Wirklichkeit" enthielten, sie seien halt nur Namen.
Man korrigiere mich, wenn ich das falsch wiedergegeben haben sollte. Aber auf dem Hintergrund seh' ich den Widerspruch in meinen Aussagen nicht SO deutlich hervortreten, zumal ich den "Realisten" ja auch schlummern liess. Der "Ídealist" haust noch (das mag sich ändern...) in den wacheren Stockwerken, er ist sich mit dem halbschlafenden "Realisten" aber darin einig, dass die Substanz der Welt nichts "Dingliches, Materielles" sondern etwas abstrakteres, mentales ist. Nur würde der Idealist das eben "Vorstellung" nennen, denn auch ihm (vide Schopenhauer) sind die "Universalia" (Bgriffe) abgeleitete Entitäten, die ihre Wirklichkeit von den Vorstellungen nur geliehen haben.
Und ansonsten freut es mich, dass Sie meine Ausführungen goutieren. Und, ganz im Ernst: so VÖLLIG unverbindlich und feuilletonistisch ist es nun auch wieder nicht gemeint (obwohl mich gerade dieses Lob sehr freut). Ich versuch' wirklich - mit den Mitteln die mir zur Verfügung stehen - in etwas einzudringen, was ich für einen Kernbereich des Menschseins halte. Es geht mich irgendwie an, so wie mein Name mich ja auch angeht.
Wirklich: das ist ein seltsamer Witz. Als ich anfing, mich für das Nichts zu interessieren, dachte ich, ich sei nur ein "Zwerg". Nun bin ich ein Etwas, ein Seiendes und der Quell von dessen Negation.
Das ist 'ne Karriere, oder?
Ich glaub', sie "haben mich genagelt" und zugleich recht.
Ich versuch' wirklich einen Pudding zu nageln, ach was, gleich zweie: einen schokoladenschwarzen (das Nichts) und einen vanillehellen (das Sein). Und zum Puddingnageln, so scheint mir, braucht man flüssige Nägel, luftige Hämmer und Wände aus Licht.
Derlei Werkzeug ist bei den neuzeitlichen Philosophen leider in Verruf geraten, ja, das Puddingnageln selbst gilt ihnen als unseriöse Betätigung, weil's halt - selbst wenn der Pudding mal hängt - nur schwer nachzumachen ist (Mangel an Reproduzierbarkeit), weil's keine Möglichkeit gibt, festzustellen, ob der Pudding richtig hängt (Mangel an Falsifizierbarkeit), weil keine vorhersagbare Nutzanwendung des genagelten Puddings erkennbar ist (Mangel an Technisierbarkeit) und weil der Pudding immer wieder runterfällt und irgendwie neu genagelt werden muss (Mangel an Erkenntnisgewinn).
Kurzum, das Puddingnageln trägt alle Merkmale der menschlichen Existenz an sich, denn auch jene ist nicht falsifizierbar (man IST halt), reproduzierbar (man IST einmalig), technisierbar ("stets Zweck, nie Mittel", der Herr aus Königsberg)und völlig erkenntnisfrei und ohne Lerneffekt(WOZU eigentlich??). Life sucks and in the end you die. That's it.
Leute - nagelt Pudding, wenn ihr irgendwas über Euch selbst erfahren wollt!
Lassen wir den leidigen Universalienstreit und die alten -ismen mal beiseite. Sie sagen, "dass die Substanz der Welt nichts Dingliches, Materielles sondern etwas abstrakteres, mentales ist. Nur würde der Idealist das eben Vorstellung nennen".
Das heisst im Klartext doch: unser Universum existiert für Sie nicht materiell sondern nur mental - richtig?
"Das heisst im Klartext doch: unser Universum existiert für Sie nicht materiell sondern nur mental - richtig?"
(Klartext:)
Ja.
(Rest ist Unklartext und Suche:)
Noch.
Denn - glauben Sie mir - ich bin kurz davor, jede Substantialität zu leugnen. Da ist Nichts. Keine Materie. Kein Geist. Die Substanz der Welt ist: Relation, Bezogensein. Aber die Relata, auf die die Relation verweist sind ihrerseits: Nichts. "Sunyata", schönes buddhistisches Wort, hier im Blog gelernt - danke!
Ich hab' einen an der Waffel, ich geb's ja zu. Ich hab' noch nicht mal einen Grund, "Ich" zu sagen, denn ich hab' Schopenhauer und Metzinger gelesen (wobei sich weisen werden wird, ob letzterer es verdient, in einem Satz mit ersterem genannt zu werden...).
Wen dieses Konglomerat, das sich "Ich" nennt, bewundert, wem es zustrebt?
Dem Mephisto, der einsah, dass das Nichts dem Sein vorzuziehen sei. Und seinem Herrn, dem Pfuscher, dem Demiurgen, dessen unbarmherziger Kritiker der Mephisto ist. Und dem Herrn dieses Herrn, den kein Leid, keine Freude, kein Pfusch und kein Gelungenes rührt. Dem Idioten also, dem die Idiotie der Welt zu verdanken ist.
Sie ist widerwärtig.
Ich bin mir widerwärtig.
Und der Gott, den ich suche, ist es mir auch. Und ich, der ich sein Geschöpf sein möchte, bin es mir erst recht, bin mein eigener, mir widerwärtiger Gott.
Ich bin noch nicht einmal.
Ich bin nicht.
Ich bin.
Bin.
Bin?
Bin er?
Binär?
Null - Eins?
Nichts - Etwas?
Interessant...
"Haben Sie denn nicht begriffen?", würde Friedrich Nietzsche hier fragen, "haben Sie denn nicht begriffen, dass hier auf einem nicht vorhandenen Seil getanzt wird?"
Oaaoohhwoahhauuuuuu...(Sturz)
Kein Pferd, kein Kutscher, weit und breit.
Mist.
Noch nichtmal den Wahnsinn kann man heutzutag' gescheit inszenieren.
Noch ein Rationalist
René Descartes
Oh wie schön, mit Ihnen allen gedanklich spazieren zu gehn........;-)))))
Da seh'n Sie mal, wie rasch sich die Leere füllt, mit Dingen, die nicht sind. Mit possierlichen Gestalten, wie Puddingnaglern, aber auch mit Monstren und Allverschlingern.
Ich glaub', ich muss mal den kamenin fragen, wie das mit dem "Nichts" (dem Vakkuum) in der Physik so steht.
Mach ich jetzt gleich.
Grüße
Helmut Wicht
"... ich hab' Schopenhauer und Metzinger gelesen (wobei sich weisen werden wird, ob letzterer es verdient, in einem Satz mit ersterem genannt zu werden...)."
... bestimmt nicht. Metzinger ist doch ein Möchtegern-Philosoph, ein Second-Hand-Denker, was schon daraus hervorgeht, dass er einen dickleibigen Wälzer mit Meinungen aller möglichen (und unmöglichen) Philosophen herausgegeben aber bislang keine eigene Meinung über das Phänomen Bewusstsein hat.
Ihr Beitrag über das Nichts, vordergründig so nett und locker geschrieben, aber letztlich wohl doch aus einer persönlich-negativen, pessimistischen Stimmung entstanden, gab schon zu denken. Ihr weltanschaulicher Kommentar von gestern abend gibt die Erklärung: Sie sind Schopenhauer-geschädigt. Der große Meister selbst litt, obwohl er so großartige Dinge geschrieben hat, mindestens die Hälfte seines Lebens unter - wie man heute sagt - kognitiven Depressionen. Sein Lebensschema war immer bestimmt durch finanzielle Sorglosigkeit und emotionale Hilflosigkeit.
Zitat aus Wikipedia/Depression: "Durch Benutzung dysfunktionaler Schemata kommt es zu kognitiven Verzerrungen der Realität, die im Falle der depressiven Person zu pessimistischen Sichtweisen von sich selbst, der Welt und der Zukunft führen (negative Triade)."
Die Jammertal- und Idioten-Mentalität ist Schopenhauers persönliche Sache, sie erhebt ja keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Mir steht nicht zu, Ihnen Ratschläge zu erteilen, aber ich möchte doch sagen: Lassen Sie sich nicht anstecken.
"Haben Sie denn nicht begriffen?", würde Friedrich Nietzsche hier fragen, "haben Sie denn nicht begriffen, dass hier auf einem nicht vorhandenen Seil getanzt wird?"
Eher würde er sagen: der Possenreißer ist über den Tänzer gesprungen und dieser hat das Gleichgewicht verloren. Und dann würde Nietzsche den lieben Helmut fragen, ob er gerne ein Grablied für seinen Gott anstimmen wolle.
Nihilismus, Blödsinn, Wahnsinn, Gott und Teufel – da haben Sie jetzt aber echt viel Dramatik reingepackt.
Andrerseits, solange jemand seine Verzweiflung noch so gelungen inszenieren und locker in schöne Worte kleiden kann, ist noch nicht alles verloren :-)
Ihren „Unklartext“, von dem Sie zu Anfang sprechen, sehe ich vor allem in Ihrer etwas verqueren Metaphysik, z.B. betreffend „Substanz“. Sie können natürlich, wie Sie es ausdrücken, „jede Substantialität leugnen“, das steht Ihnen frei. Aber Sie können sie nicht beseitigen, denn so etwas wie „Substanz“ existiert nun mal in der Welt. Dagegen gehören Relationen in eine andere Kategorie und können nicht, ebenso wenig wie z.B. Tatsachen oder Eigenschaften, für eine „Substanz“ stehen.
„Les Er nit so viel – denk Er“ (Mephistopheles)
(ganz ernst, ohne Ironie, neugierig)
Sagen Sie mir:
Was ist die Substanz der Welt, was ist das, an dem das Akzidens haftet?
'Das Nichts' bezeichnet die Abwesenheit aller Existenz, ein absolutes Nicht-Sein. Der Gedanke 'Nichts'ist aber etwas und macht damit den Begriff zum Ausdruck eines Widerspruchs in sich. Seine Bedeutung macht durch die eigene Existenz, nicht zuletzt auch des sie denkenden Bewußtseins, das angebliche absolute Nicht-Sein zunichte. Die Bedeutung des Begriffs 'Nichts' läßt sich nicht denken, sie führt sich selbst ad absurdum.
Vielleicht Strings, die mit ihrer zweidimensionalen Weltfläche entlang der Weltlinie tanzen?
Sie schreiben hier u.a.
"...die essentielle logisch unhaltbare Unterscheidung zwischen Natur und Kultur."
Ganz meine Meinung!!!
Warum haben Sie kein blog?
Das ist die parmenidische Denklinie. Sartre hat aber zu Recht gesagt (sinngemässes Zitat): wenn die Vernunft beim Nachdenken über das Nichts in Aporien gerät, beweist das nur, dass das Nichts ausserhalb ihres Geltungsbereiches liegt.
Schwingende Strings als Weltsubstanz?
Da hat der Schopenhauerianer in mir grade drauf gewartet! WAS ist denn ein String? Ein Ding? Sicher nicht. Eher ein Etwas, ein Feld, von dem man (ich jedenfalls) nicht so recht weiss, ob es durch die mathematische Formel BESCHRIEBEN wird, oder ob es nicht vielmehr diese mathematische Formel IST.
Mithin ein Abstraktum.
Mist.
Da ist jetzt Schwung in der Sache, viele Diskutanden, neue Namen, neue Ideen - und da muss ich weit weg, nach Linz, meinen maladen Sohn im Krankenhaus besuchen. Der arme Kerl...
Kein Netz, nirgends, Internet dort sowieso nicht, aber auch kein Netz, das uns Trapezartisten der Lebendigkeit sanfte auffangen würde...