Sing' er, Singer!
Au weia. Das wird jetzt, so fürchte ich, ziemlich technisch, kompliziert und noch dazu lang. Also genau so, wie man einen Blog-Eintrag eigentlich nicht machen sollte. Deshalb fang' ich erstmal heiter und kalauernd an, auch wenn's dadurch noch länger wird. Aber immerhin kann ich auf diese Art und Weise auch die Atmosphäre schildern, in der sich das zutrug, wovon ich berichten will.
Man muss ihm nicht nur eines lassen, dem Herrn Professor Wolf Singer, man muss ihm vieles lassen, aber vor allem dies. Wenn man sagt: "Sing' er!", dann singt er, und wie. Gestern in Frankfurt, rhetorisch brilliant, charmant, schlagfertig, klug, gutaussehend - der Sean Connery, der James Bond der Neurobiologie, der allerdings nicht die Beretta, sondern sein Publikum in der Tasche hat, sobald er nur vor es tritt. Er lockte weit über 600 Gäste an. So voll ist der Hörsaal sonst nur, wenn ich die Anatomie I lese. Der Unterschied freilich: meine Studenten müssen, Singers Publikum wollte.
Das wäre jetzt die perfekte Überleitung zum Thema "Willensfreiheit", aber nein: es ging diesmal nicht um sie (besser gesagt: um ihre Abwesenheit, Singers "grosses" Thema), sondern hauptsächlich um das Problem des "Binding". Die Frage also, wie es das Hirn fertigbringt, Kohärenzen zu erkennen oder herzustellen, sei's in der Form von Objekterkennung oder Sinnherstellung.
Und, was für ein ein Glück: ich muss den Vortrag gar nicht referieren (was ich auch gar nicht könnte, denn Singer und sein Vortrag sind, so wie es sich für einen Könner gehört, eines und gar nicht zu trennen) - ich muss ihn nicht referieren, weil er hier
Brain Awareness Vortrag (Video only Internet Explorer)
zu hören und zu sehen ist.
(Obacht: funktioniert NUR mit Internet Explorer - sorry, kann ich nichts dafür. Das Video wird vom IZN in Frankfurt produziert. Ich hoffe, dass es schon im Netz steht.)
"Binding" also, und jetzt wird's ein wenig technisch. Das alte Lied, doch zum Teil mit (mir) neuen Daten. Und zwar aus guten, alten Elektroenzephalogrammen (EEGs), die im Gegensatz zur allgegenwärtigen funktionellen Bildgeberei zwar den Nachteil einer relativ geringen räumlichen, aber den Vorteil einer hohen zeitlichen Auflösung haben. Und er kann zeigen, dass es eine klare Korrelation gibt: wenn Probanden vor verzwickte Mustererkennungsaufgaben gestellt werden, dann synchronisiert sich die Aktivität grosser, über den ganzen Cortex verteilter Neuronenverbände. Das ist nicht neu, das sagt er schon seit Jahren, aber er zeigt auch neue Daten von Schizophrenie-Patienten, bei denen nicht nur das im EEG sichtbare "Binding" viel geringer ist, sondern die auch in der Mustererkennung schlechter abschneiden.
Aber eigentlich geht ja kein Mensch zu Singer, um so einen Techno-Kram zu hören. Man will ja von ihm missioniert werden - oder aber das genaue Gegenteil: man geht hin, um sich an ihm zu reiben. Beide Bedürfnisse werden aufs beste befriedigt.
Gut. Wo juckte es mich? Gleich zu Anfang. Da wurden, alle kognitiven Vorgänge mal eben, um's in der Sprache der Philosophie zu sagen, als "emergente" Phänomene abgebügelt. Ja, sie sind da, aber nur als "Epiphänomene", sozusagen (meine Worte) als Auspuffgeräusche des Hirnmotors, die aber nicht dessen Zweck, nicht dessen eigentliche Aufgabe sind. Nebengeräusche, von der Funktionsweise des Motors bedingt, keineswegs aber diese bedingend. Singer liebt es an dieser Stelle, auf die Parapsychologie zu rekurrieren. Deren vollständiges Scheitern beweise, dass es keine kausale Beziehung der Art "Kognition verursacht neuronale Aktivität" gebe, sondern stets nur die umgekehrte Beziehung.
Von der Parapsychologie halte ich auch nichts. Aber der Emergentismus/Epiphänomenalismus ist meiner Ansicht nach auch unseriös. Was wir haben sind Korrelationen - Korrelationen zwischen mentalen und neuronalen Ereignissen. Was wir aber definitiv NICHT haben, ist irgendeine Theorie, irgendein Schimmer von einer Ahnung, wie (als kausale Theorie, als Ursache-Wirkungskette beschrieben) ein Aktionspotential (oder auch 30 Milliarden synchrone davon) so etwas wie ein "kognitives Ereignis" hervorbringen kann. Singer sagt dazu nichts, besser gesagt: er sagt zwischen den Zeilen: "ignorabimus" - wir werden es auch nie wissen.
Ein paar Dias später ist er mitten drin in gleich mehreren hermeneutischen Zirkeln und Kategorienfehlern, die man ihm so gerne ankreidet. Er schildert die Beschränktheit unseres kognitiven Apparates, der auf die "mesoskopische" Welt (schönes Wort: Alltagswelt der Dinge, die uns umgeben) zugeschnitten sei. Stellt sich natürlich sofort die Frage, wie er von "Beschränktheit" reden kann, wenn nicht von einem Standpunkt der "Allwissenheit" oder "unbeschränkten Erkenntnis" aus, den er aber - qua Kraft seines eigenen Argumentes von der Beschränktheit - nie zu erreichen vermag.
Auch nett: die "Evolution" wird als "kognitives System" bezeichnet. Als ein Prozess, der der stammesgeschichtlichen, erblichen Akkumulation von selektiv vorteilhaftem "Wissen über die Umwelt" in den Genen und in der Hirnverdrahtung dient. Nun schmeichelt es mir, der ich selbst Evolutionsbiologe bin, sehr, wenn man den Prozess, für den ich mich interessiere, als irgendwie "schlau" bezeichnet. Aber ist es nicht ein grausiges Zirkelargument, mit dem wir es hier zu tun haben? Grade hiess es noch: "Kognition" (also auch "Wissen") sei emergent, kausal wirkungslos. Und nun plötzlich wird justament dieses "Wissen" zum Selektionsfaktor, also kausal wirksam. Das ist es, dieser Zirkel ist Ausdruck des "ignorabimus", von dem ich oben schrieb.
In der Diskussion auf diese Fragen angesprochen, sagt Singer nur: "Ja, das sind eben die Kategorienfehler, die man uns immer wieder vorwirft. Aber was wollen wir machen?" Diese Nonchalance, diesen Mut zur Lücke muss man erst mal haben.
Aber er kann es sich leisten, denn er ist grandios. Vor ein paar Wochen hab' ich ihn bei einer Podiumsdiskussion im Senckenberg-Museum erlebt. Da ging's wirklich um "Willensfreiheit". Er vertrat, wie immer, seinen harten, reduktionistischen, deterministischen Standpunkt: "Nein" zur Willensfreiheit. Die mesoskopische Welt und das Hirn in ihr, samt allen seinen "Emergenzen", stecken in geschlossenen Kausalzusammenhängen fest. Kein Raum für das Unbedingte. Aber - und jetzt kommt der grandiose Singer - er sagte das in einer Diktion, in Worten zwischen und in den Zeilen, die eine geradezu existenzialistische Verzweiflung durchblicken liessen. Es ist zwar so. Aber es ist falsch so wie es ist. Ich liebte ihn dafür.
Und gestern war er auch wieder klasse. "Der Ort des Ich", der "Ort der Kognition", der "Sinngebung" im Gehirn? Der "Ort der Intentionalität"? (Im philosophischen Sinne, also nicht im Sinne von "absichtlich", sondern "Bezogensein auf" oder "Bedeutung"... gucken Sie's bei Wikipedia nach.) Alle nicht greifbar, im Hirn nicht vorhanden. Alles, was man findet, sind synchrone oder asynchrone Aktivitäten neuronaler Netze, kein Zentrum im Gehirn. Auch wieder olle Kamellen. Aber dann: er sagt, dass sich all diese Dinge, Intentionalität insbesondere, im sozialen Raum zwischen den einzelnen Gehirnen abspielen, sozusagen durch Sychronisationen über die einzelnen Schädeldecken hinweg.
Was hat er jetzt eigentlich gesagt?
Bevor ich mich daran mache, meine Antwort auf diese Frage zu geben, muss ich nochmal kurz auf den Rahmen eingehen, in dem er seinen Vortrag hielt. Es war ein Beitrag zur "International Brain Awareness Week" also ein Beitrag mitten im Getümmel des Neuro-Hype. Und was hat er gemacht? Er hat einen Vortrag wider den Neuro-Hype gehalten. Er hat zugegeben, dass sich die Neurowissenschaften, sofern sie sich als Wissenschaften von der Kognition gerieren, in hermeneutischen Zirkeln bewegen, er hat eingestanden, dass wir keine Antworten auf die grundlegende Frage nach den Mechanismen der Emergenz haben und, viel wichtiger: dass "Intentionalität", "Bedeutung", "Wirklichkeit" nicht im Gehirn sind, sondern vielmehr anderswo, dazwischen (meiner Ansicht nach: nirgendwo, sie sind zwar, haben aber keinen Ort). Er hat, mit anderen Worten, den Hirntheologen und -philosophen (und all den neumodischen Panto-Neuro-Scientisten) einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und das inmitten des Neuro-Trubels.
Ungelogen: ich find' ihn grossartig, und das ohne jede Ironie. Der Mann ist klug, und alles andere als ein sturer Dogmatiker. Man kann zusehen, wie sich seine Denkweise differenziert.
PS.: Dieser Beitrag wäre ohne die luziden Anmerkungen, die ich Prof. Dr. Robert Nitzsch von der Charité in Berlin verdanke, nie zustande gekommen. Er wird demnächst ein Buch zu diesem Thema veröffentlichen. Ich werde Sie alarmieren, wenn es soweit ist.
Noch ein PS, nach ein paar Tagen angehängt: ich hab' im Originaltext da oben "Emergentismus" und "Epiphänomenalismus" in einen Topf geworfen, was ein übler Faux-pas war. In der Diskussion, die unten dran hängt, hat der Stephan Schleim das (danke!) richtig gestellt.
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Danke für den Link zu dem Vortrag. Ich habe mir die Dias angeschaut, ein Video gab es (bis gestern) noch nicht. Ebenso wie Sie schätze auch ich Wolf Singer sehr als kompetenten Hirnforscher, habe ihn schon öfter gehört, zuletzt im Senckenberg-Museum. Gleichwohl teile ich nicht alle seine Ansichten. Er, wie auch sein Bremer Fachkollege Roth, geben - auf Befragen - stets zu, dass niemand weiss, wie Gehirn und Geist tatsächlich funktionieren, selbst die Funktion des Gedächtnisses ist noch völlig unbekannt, der neurale Code noch nicht entschlüsselt. Die Vorlesungen und Vorträge (sicherlich aller Hirnforscher) beschränken sich daher auf Altbekanntes/Triviales (wie in Singers einführenden Dias) oder auf Nebenschauplätze wie „Die dissoziativen Störungen kognitiver Leistungen bei schizophrenen Patienten“. Auf der Hauptbühne (bei Singer „Das Credo der Hirnforschung“) schleichen eigentlich alle um den heißen Brei - neural vs. mental - herum.
Bei Singer sieht es so aus:
„Alle mentalen Funktionen sind emergente Eigenschaften komplexer neuronaler Interaktionen.
(Kein Raum für ontologischen Dualismus)
Dennoch sind mentale und neuronale Prozesse nicht identisch und bedürfen verschiedener Beschreibungssysteme.“ [...]
Die Bemerkung in Klammern bedeutet, dass Singer wie die meisten heutigen Naturwissenschaftler Begriffe wie „Dualismus“ oder „Ontologie“ nicht ernstnehmen und nicht zuende denken. Ich meine das ist ein großes Versäumnis, und das führt auch immer wieder zu Kategorienfehlern.
Die Verschiedenheit von neuralen und mentalen Eigenschaften festzustellen, ist ja bereits ein ontologischer Prozess. Und wenn die Wissenschaft schon ein getrenntes neurales und mentales Beschreibungssystem fordert, impliziert das zwei verschiedene Beschreibungsebenen, m.a.W. eine materielle und eine geistige Ebene - soviel Dualismus muss sein. Mit dem alten Descartes hat das überhaupt nichts mehr zu tun.
@ Martin Braun:
Natürlich können Sie den Bericht einer Versuchsperson, dass sie etwa gerade Schmerzen spürt oder etwas Rotes sieht, mit Hirnaktivierung korrelieren; das machen experimentelle Psychologen und kognitive Neurowissenschaftler seit Jahrzehnten und es hat nichts Anrüchiges...
...allerdings provoziert es doch auch interessante philosophische Erwägungen, wie schnell man beispielsweise von einem methodologischen zu einem ontologischen Dualismus kommt.
@ Alle
Eine schöne philosophische Diskussion haben wir ja hier!
@ Helmut
Prachtvoller Beitrag! Ich hatte mir nach dem Durcharbeiten von zig "Neurotheologien" für die Diss eigentlich vorgenommen, eine Zeit lang solche Themen zu meiden (die Kategorienfehler sind häufig & ärgerlich, manchmal wirkt es eher wie Wortspiele) - aber Du bereitest das so großartig auf, dass man wieder richtig Lust bekommt...
@ all
Mich reizt der emergentistische Ansatz schon seit längerem sehr und ich wäre auch bereit, mich da auch mal reinzuknien. Daher die offene Frage: Gibt es da schon etwas richtig Gutes dazu? Welches aktuelle Buch dazu wäre wirklich empfehlenswert? Da wäre ich für einen Tip wirklich dankbar.
>Mit der Phrase "was alles nicht der Fall ist" komme ich überhaupt nicht klar.<
Ich gehe davon aus, dass es beispielsweise folgende drei Dinge gibt: erstens mich (cogito ergo), zweitens meinen PC (hat Samsun so gebaut, dass ich mit ihm ins Internet gehen kann) und sagen wir drittens den Eifelturm (der in Paris steht, ich war schon einmal da).
Dann ist im Sprachgebrauch Wittgensteins folgendes der Fall: „Ich sitze derzeit an meinem PC“. Dagegen ist „ich stehe derzeit auf dem Eiffelturm“ nicht der Fall. Soviel zu der Frage, ob etwas der Fall ist oder nicht.
Ich könnte allerdings denken, dass ich auf dem Eiffelturm stünde. Dann wäre „ich denke derzeit, dass ich auf dem Eiffelturm stehe“ der Fall. Die vieldiskutierte Frage lautet: kann ich zwischen „ich stehe auf dem Eiffelturm“ und „ich denke, dass ich auf dem Eiffelturm stehe“ unterscheiden. Meine Antwort ist schlicht: Ich oder zumindestens man kann. Mag sein, dass es Grenzfälle gibt, in denen solch eine Unterscheidung nicht ganz leicht fällt und in denen man zu meinem subjektiven Augenschein noch weitere Unterscheidungskriterien hinzunehmen muss.
Eine Erkenntnistheorie aber, die solche Unterscheidungen prinzipiell nicht zulässt, ist vortefflich für Diskussionen geeignet, zur Beschreibung der Welt allerdings nicht.
Ich weiss, dass der letzte Satz in seiner rigiden Formulierung sehr apodiktisch klingt, aber es ist nun mal der Fall, dass ich ihn für richtiger halte, als manch anderen Satz.
Danke - und ich bitte nochal um Vergebung, was meine Ignoranz bzgl. "Emergenz" und "Epiphänomen" angeht. Im Kern, so hoffe ich aber, hab' ich es jetzt begriffen.
Die moderneren Theorien zur Emergenz (darunter die schon erwähnte "Superdupervenienz") sind mir ein Buch mit sieben Siegeln. Mehr noch: ich halte eine Theorie, die sich solch eines albernen Ungetüms von Namen bedient, schon mal aus diesem Grund für unseriös. Das ist allerdings schon wieder "nur" ein ästhetisches Argument.
Im alten Popper und Eccles ("Das Ich und sein Gehirn") ist, wenn ich mich recht entsinne, eine recht lesbare Zusammenstellung der älteren Theorien. Ist sicher längst überholt, aber auf einem sprachlichen und theoretischen Niveau, das zumindest mein beschränktes Gemüt zu erklimmen vermochte.
..naja, dann ist man ruck-zuck in Debatten über "Eigenschaftsdualismus", "ontologischen Dualismus" und was der Subtilitäten mehr sind, mit denen sich die Philosophen herumschlagen (müssen).
Ich wäre - in aller hybriden Bescheidenheit, die dem Dilettanten eignet - geneigt, dem allen ein "Antiprogramm" entgegen zu halten. Nämlich das von der vollständigen Irreduzibilität von irgendwas auf irgendwas. Was ist, ist. Basta.
Wird nur schwer durchzuführen sein, ohne dass man sich der (natur-)wissenschaftlichen Lächerlichkeit preisgibt. Vielleicht vertrag' ich mich deshalb mit manchen Theologen und Künstlern so gut.
"Wird nur schwer durchzuführen sein, ohne dass man sich der (natur-)wissenschaftlichen Lächerlichkeit preisgibt. Vielleicht vertrag' ich mich deshalb mit manchen Theologen und Künstlern so gut."
* In-wortloser-Verbundenheit-umarm * (-;
Wenn jemand eine Antwort schon mit
„... naja“ beginnt, steht er wohl über den Dingen und möchte da auch bleiben. Das Leben ist eh schon schwer genug. Ende der Diskussion, basta.
Schade um das großartige Thema.
Bitteschön,
so hab' ich das nicht gemeint. Ich will hier keineswegs über irgendwelchen Dingen stehen.
"Bekennen" will ich mich gerne - als Monist. Aber Ihren Dualismus, der "mit Descartes nichts zu tun hat" verstehe ich nicht. Deshalb frug ich, ob Sie einen Dualismus der Substanzen, oder einen Beschreibungsebenen meinen.
Ich bin durch die Singer’sche Diktion erst darauf gekommen: Er unterscheidet ja (Abteilung „Das Credo der Hirnforschung“) ganz klar Neurales und Mentales, was vollkommen logisch ist, denn es gibt nun mal diese beiden Ebenen im Gehirn (was die Welt "draußen" betrifft, bin ich genau so Monist wie Sie). Aber Singer scheut sich, das beim Namen zu nennen: es ist die uralte Dichotomie der menschlichen Weltsicht, die materielle und die geistige Welt. Das kann auch ein Hirnforscher von heute nicht wegerklären, und man darf es ruhig auch Dualismus nennen (vielleicht etwas abgeändert formuliert).
Das größte Problem der Hirnforscher besteht ja darin, den Code zu entziffern, mit dem das neuronale Netzwerk arbeitet, d.h.die uns vertrauten mentalen Inhalte letztlich darstellt, speichert etc..Das kann noch viele Jahre dauern. Aber auch dann, also wenn man Gedanken physisch aus dem Neuronennetz auslesen kann, wird es natürlich den (Quasi-)Dualismus von materieller und geistiger Welt weiterhin geben. Wir werden immer auseinanderhalten können, ob wir einen 500-Euro-Schein in der Hand haben oder uns einen nur vorstellen oder wünschen.
Lieber Herr Hardt,
fast glaube ich, dass unsere Ansichten doch weit auseinanderliegen. Und zwar schon auf dem Niveau, das anscheinend sowohl Sie als auch ich für "vollkommen logisch" halten: nämlich auf dem Niveau der Klassifikation dessen, "was sei".
Wenn ich Sie recht verstehe, folgen Sie Singer und dem "commons sense" so weit, dass Sie die Welt in zwei Klassen von Erscheinungen einteilen (meine Worte):
- die "draussen", die "neuralen", die "materiellen"
- die "drinnen", die "mentalen", die "subjektiven"
wobei mir allerdings immer noch nicht klar ist, in welches Verhältnis Sie die beiden setzen wollen. Sind die "inneren" Repräsentationen der "äusseren", besteht ein kausaler (reduzibler) Zusammenhang oder ist es "nur" ein Dualismus der Beschreibungsebenen ein und derselben Sache?
Ich kann Ihnen allerdings noch nicht mal bis an die Schwelle dieser Dualismen folgen. Ich finde schon die Klassifikation (e.g. "mental - materiell") verfehlt. Denn wenn ich mir die Welt so betrachte, hat sie nur einen kleinsten gemeinsamen Nenner: sie ist "mental". Nichts ist, was nicht zugleich irgendjemandes Vorstellung ist. Ja, ich in ein Monist. Aber halt ein idealistischer.
Auch die gängige Unterscheidung "drinnen/mental - draussen/materiell" halte ich für nicht zulässig. Zum einem mit Verweis auf Singers Vortrag (viele mentale Entitäten konstituieren sich im "intersubjektiven Raum"), aber auch mit Verweis auf den altehrwürdigen Popper. Denn was für eine Sorte von mentalen Ereignissen sind z.B. "Sätze der Logik". Sind sie irgendwo "drinnen"? Oder "draussen"?
Popper sah sich genötigt, ihnen eine eigene, dritte Welt des "darüber" (Wort von mir) zuzuweisen, so dass er sogar zum "Trinitarier" wurde. DREI Welten. "Aussen" (materielle Dinge), "innen" (deren Repräsentation in den Köpfen), "darüber" (Einsichten, Theorien, mathematische Sätze etc.).
Ich weiss nicht. "Entia nun sunt multiplicanda" (Ockham?) und ich bin geneigt, der "Realität" nicht mehr Böden einzuziehen, als sie unbedingt braucht. Und der sicherste Boden, den ich bislang fand, ist eben die Vostellung, dass alles seinem Wesen nach Vorstellung sei.
Es sind immer drei Welten. Es kann gar nicht anders sein, denn um zu einem Schluß zu gelangen, bedarf es eines vermittelnden Prinzips. Doch ich neige nicht zu einer Welt "darüber" (Theorien), denn dann laufen wir Gefahr, in jene Hinterwelten zu geraten, die Nietzsche mit den Worten kritisierte: "nicht den Kopf in den Sand himmlicher Dinge zu stecken, sondern den Erdenkopf frei zu tragen -für den Sinn der Erde". Vielmehr gebe ich Ihnen, lieber Herr Wicht recht, wenn sie sagen: Nicht mein Hirn, nicht das Hirn des Anderen, sondern zwischen den Hirnen ist jener Raum, den wir Wirklichkeit nennen.
"nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn schafft!"
So ist es besser.
Lieber Herr Wicht,
das merke ich nun auch, dass unsere Ansichten („Welt-Anschauungen“) weit auseinander liegen. Wenn ich von Ihrem letzten Satz ausgehe, müssten Sie ein lupenreiner Solipsist sein, von denen es nicht mehr allzu viele gibt.
Aber das kann ich eigentlich nicht glauben. Dass alles „seinem Wesen nach Vorstellung sei“ ist meiner Meinung nach gerade nicht „der sicherste Boden“, weil Vorstellungen ja nur im Kopf eines Menschen hausen und sonst nirgendwo, also sterben sie auch irgendwann mit ihm.
Krass ausgedrückt: wenn es mal keine Menschen mehr gibt, gibt es auch keine Ideen mehr. Mir hat mal ein Student darauf geantwortet, es gäbe heute schon Speichermöglichkeiten für das gesamte Weltwissen, die jedes atomares Ende überstehen. Aber leider sind da eben keine Ideen gespeichert, sondern irgendwelche technischen Codes, und die wären ja auch nur wieder von Menschengehirnen entzifferbar.
Poppers Vorschlag einer dritten Welt, sozusagen für die großen geistigen Werte, sehe ich persönlich als überflüssig an. Es reicht doch, wenn man eine einzige geistige Welt postuliert, unter der man alles einordnen kann, was in ein Menschengehirn paßt: Repräsentationen der Welt, Gedanken über die Welt, Lyrik, Logik etcetera.
Zu Ihrer Frage nach dem Verhältnis von „innen“ und „außen“ etc. bzw. wie ich es sehe: Ich halte mich an die Ontologie der Physikalisten, also den „Mainstream“. Das besagt: Alles in der Welt ist materiell, physischer Natur, auch das Gehirn und seine neuronalen Prozesse. Durch diese Prozesse und dank der Sprache verfügt der Mensch (im Kopf) über ein Abbild der Welt, und nicht nur das, er kann auch ganz neue künstliche (= geistige) Welten erschaffen. Dieses Abbild (Repräsentationen, Vorstellungen oder wie immer man es auch nennt) entsteht neuronal, d.h. auf rein materielle Weise, aber es ist nicht selbst materiell.
Beispiel: etwa das Wort „Kopfgeburt“: Das ist ja kein Name für etwas, sondern ein Code, ein Kürzel, für einen sonst nur mit einem ganzen Satz beschreibbaren Vorgang oder Sachverhalt und darüberhinaus für eine noch komplizierter ausdrückbare Metapher. All das, in nur zehn Buchstaben. Da ist „Geist“ entstanden, das „Mentale“, das ontologisch real existiert, aber eben nur „innen“, in unseren Köpfen. „Draußen“, so das Credo der Physikalisten, gibt es keinen Geist.
Schöne Ostergrüße
"Ich halte mich an die Ontologie der Physikalisten, also den „Mainstream“. Das besagt: Alles in der Welt ist materiell, physischer Natur, auch das Gehirn und seine neuronalen Prozesse."
Für diesen materialistischen Monismus hätte ich gerne eine Begründung. Was soll das sein - "Materie"?
Lieber Helmut,
du schriebst oben noch das Wörtchen "frug",
das finde ich ja ganzschön klug,
wenn auch mancher meiner Freunde
es mir um die Ohren schlug.
Für die starken Verben,
möchte ich hier werben,
ob "ien", "karrm" oder auch "krug"
davon gibt's noch lange nicht genug!
Gesellschaft zur Stärkung der Verben
(Form und Inhalt)
Ein Verbum,
so es stark flektiert,
ein Verbum,
so es recht platziert,
ein Verbum,
in der starken Biegung,
zeigt zu jedermanns Vergniegung:
selbst wenn das
Argument erschlafft,
das Verbum
doch Bedeutung schafft!
Drum beugt denn eure Verben kräftig!
Und dächt't ihr schlapp:
so klingt's doch heftig...
Den Begriff Materie kann ich nicht definieren. Trotzdem kann ich klar abgrenzen, welche Entitäten zur materiellen Welt oder zur geistigen Welt zählen. Das reicht mir, um mit den meisten philosophischen Fragen klarzukommen, auch mit den Argumenten der Physikalismus-Gegner.
Ich sehe auch keine wirkliche Alternative zum (reduktionistischen) Physikalismus. Was die Gegenseite betrifft, muss ich vielleicht nur Kant („Widerlegung des Idealismus“) zitieren: „Das bloße, aber empirisch bestimmte Bewusstsein meines eigenen Daseins beweist das Dasein der Gegenstände im Raum außer mir.“
Ein Bericht einer Versuchsperson ist ein physisches Ereignis, kein mentales. Ich bin erstaunt über die begriffliche Verworrenheit in vielen Diskussionsbeiträgen.
Selbstverständlich können Korrelationen zwischen Berichten von Versuchspersonen und neuronalen Vorgängen beobachtet werden. All dies hat jedoch nichts mit "mentalen" Ereignissen zu tun.
Liegen hinter dem Knattern und dem Quietschen eines Mopeds auch "mentale" Ereignisse?
"Ein Bericht einer Versuchsperson ist ein physisches Ereignis, kein mentales. Ich bin erstaunt über die begriffliche Verworrenheit in vielen Diskussionsbeiträgen."
..vielleicht habe ich es überlesen oder gar selbst im Eifer hingetippt - aber wo in der obigen Diskussuin wird behauptet, dass der "Bericht" ein "mentales Ereignis" sei? Man kann natürlich ÜBER mentale Ereignisse berichten, wobei diese Berichte die Form physikalischer Ereignisse annehmen (Klänge/Töne/Buchstaben), die aus der Perspektive der dritten Person beobachtbar sind. Nichts anderes machen wir hier.
In einem früheren Beitrag schrieben Sie, das der Begriff des Mentalen als "Gerümpel" entsorgt werden müsse. Wenn Sie mir konzidieren, das "Subjektivität" eine Erscheinungsform des Mentalen ist, dann bitte ich Sie doch, mir die Argumente von Berkeley und Schopenhauer wider die Unmöglichkeit sener Elminination zu widerlegen.