Die Königin der Tropen
Falsch. Es folgt keine Abhandlung über eine ebenholzhäutige, elfenbeinzähnerne Aristokratin. Es folgt vielmehr etwas über Trope, Tropus, Tropen, Tropoi, was die Synonyme des Singulars und des Plurals ein und derselben Sache sind. Eine Trope ist eine rhetorische Figur, wörtlich übersetzt heisst sie "die Wendung", inhaltlich meint man damit die uneigentliche, übertragene Verwendung eines Wortes. Der Tropus ist das Salz der Sprache.
Der obige Absatz strotzt von Tropen. "Ebenholzhäutig" und "elfenbeinzähnern" sind Metaphern, bildliche Uneigentlichkeiten. Denn natürlich ist der Schönen Haut nicht aus Holz und ihre Zähne sind nicht aus Elfenbein. Die Metapher, so sagen die Rhetoriker, sei die Königin der Tropen. Die Wortfolge "Trope, Tropus, Tropen, Tropoi" ist keine Trope, sondern eine Stilfigur, eine Alliteration, die vokalischen Wohlklang erzeugen will. Aber die hinterhältige Verwendung des Wortes "Tropen" selbst, mit der der Leser in diese Zeilen gelockt werden sollte, der beabsichtigte Doppelsinn von Urwaldwelt und Uneigentlichkeit - die ist selbst wieder eine Trope, eine Polysemie (1). "Der Tropus ist das Salz der Sprache" ist auch ein Tropus, eine Form der Synekdoche nämlich, bei der ein Teil für das Ganze steht. Denn mit einem Salzkorn kann man zwar vielleicht einen Satz würzen, nicht aber eine ganze Sprache, dafür braucht es viele Tropen. Von diesen Tropoi - die Rhetoriker haben sie sorgsam katalogisiert - gibt es 8 Grundtypen (2), und alle sind natürlich mit schönen griechischen Namen belegt: Katachrese, Onomatopoiese, Metonymie, Antonomasie und Antiphrase plus die drei oben genannten. Schon die Namen sind so lecker, so klangvoll: man möchte Tropologe werden.
Tropen sind also Übertragungen, doppel- und hintersinnige Worte und Wendungen, Verbildlichungen, Synonymenspiel, Einsatz des Teiles fürs Ganze, des Ganzen fürs Teil - Uneigentlichkeiten eben.
Nein. Sie sind hier nicht
falsch. Sie sind nicht im Rhetorikseminar, sondern in den SciLogs. Es geht um (Natur-)Wissenschaft.
Was haben die Tropen damit zu tun? Nun, sie haben nach Ansicht einiger in ihr
nichts zu suchen. Ich zitiere Galileo Gallilei, sinngemäss: "Das Buch der
Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben." Ich zitiere Herrn
Professor Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Universität in
Bremen, aus seinem "Sprachlog" vom 26. Januar 2010: "... eine Wissenschaft, deren Ergebnisse sich nicht in die universelle
'Sprache' der Mathematik übersetzen lassen, [ist] ohnehin noch weit von ihrem
Ziel entfernt." (3)
Das ist Stachel, der mir im Fleische sitzt, der Sporn, der meinen Furor treibt, denn meine Heimat ist die Sprache, sind die Tropen. Und die Trope ist die Feindin der Mathematik und jene die Feindin der Trope. Denn was gäbe es in der Mathematik Ärgeres als Uneigentlichkeiten? Man stelle sich vor, ich sagte, die "7" sei eine gerade Zahl und die "2" eine ungerade, und meinte damit aber, dass zwei oder drei gerade Striche genügen, um die "7" zu schreiben, dass die "2" aber mindestens einen krummen Strich erfordere ... rhetorisch gesprochen ist das mal wieder eine Polysemie (in bedenklicher Nähe zum Kalauer). Rein graphisch hätte ich allerdings sogar recht, aber mathematisch ist es eine Katastrophe. Derlei wortgeborene Wirrnis auszutreiben ist ja wohl das Wesen der Mathematik. Und, wie mich ein Blick in die moderne Philosophie, vor allem die analytische, lehrt, auch der Ehrgeiz der Philosophen, die ihre Sätze nicht mehr in Worte, sondern in logische Formeln packen.
Ich bin Naturwissenschaftler. Zugegebenermaßen aus einem, wie die Physiker (die die Mathematisierung ihres Faches am weitesten vorangetrieben haben) wohl sagen würden, "windelweichen" Fach: Der Anatomie. Und ich möchte der Trope eine Lanze brechen, der nicht-mathematischen Sprache von der Natur, von der ich glaube, dass sie Dinge - auch naturwissenschaftlich relevante Dinge - zu sagen vermag, die sich der Mathematik entziehen. Weil ich glaube, dass Uneigentlichkeit und Doppeldeutigkeit nicht nur Wesensmerkmale der Tropen, sondern der Wirklichkeit selbst sind.
Statt einer Zwischenüberschrift: Der geschätzte
Leser denke sich hier eine mehrtägige Zäsur.
Mit dem Text vor der Zäsur hub ich an, meine Geliebte, die Königin der Tropen, die Metapher, gegen den Ansturm der Mathematik zu verteidigen. Ein "adversus mathematicos" sollte es werden. Und dann geschah ein Wunder. Ich kam mit klugen, mathematisch und philosophisch beschlagenen Leuten zusammen, von denen sich einige auch hier in diesem "Blog-Gewitter" zum Thema äussern. Das Wunder besteht darin, dass selbst ein Blogger - ich in diesem Falle - seine Meinung ändern kann. Was mir zu einer wütenden Verteidigung der Trope gegen das schaurigen mathematischen Drachen geraten sollte - ihr Perseus wollt' ich sein, und sie mir meine Andromeda - wird mir nun eher zur Beileidsbekundung für das Untier geraten, das sich der Trope unterwerfen muss. Denn sie ist die Königin, unangefochten, und der Drache windet sich hilflos unter ihren Füssen wie die Schlange unter der apokalyptischen Mondsichelmadonna ...
Entschuldigung. Ich rutsche aus der Metapher ins Gleichnis.
Was lernte ich? Nun, zum einen, dass die Mathematiker keineswegs die Absicht haben, Professor Stefanowitschs Diktum zu folgen, und als Wissenschaft nur das anzusehen, was sich auf dem Weg der Mathematisierung befindet oder mathematisierbar ist. Zum andern lernte ich, dass meine Vorstellungen von dem, was Mathematik sei, doch ein wenig antiquiert waren. Der alles verschlingende Drache, zu dem ich sie mir aufblies, war aus dem Ei der Vorstellung geschlüpft, dass die Mathematik so etwas wie "Logos in Dosen" sei (4), die geronnene Vernunft an sich, der Weisheit letzter Schluss und aller Wahrheit Prüfstein, ein angsteinflössender, in sich ruhender Monolith. Man legte mir überzeugend dar, dass ich mich mit dieser Ansicht vor ungefähr hundert Jahren noch in der Gesellschaft einiger respektierter Mathematiker befunden hätte, heut' aber wär's schlicht ignorant, so zu denken. Frege, Russel, Gödel - alles hab' ich verpennt. Mathematik sei, so sagte man mir, in Ihrem heutigen Selbstverständnis "auch nur eine Sprache" (Werner Große). Aber eben eine sehr stark formalisierte.
Dann rief einer (es war Elmar Diederichs) das Wort "kognitive Metapherntheorie" in die Runde. Ich hab' das dann gegoogelt und herumgeschaut: Oha! Meine zierliche Andromeda, deren Perseus ich so gerne gewesen wäre, ist in der Tat eine fette Matrone, eine Herrscherin, so gewaltig (publikations-)beleibt, wie die steinzeitlichen Figurinen der Venus. Doch was soll's - diesem Matriarchat unterwerf' ich mich gerne, das Loblied dieser Matrone will ich gerne singen.
Das Lob der Tropen
Das dickste Lob der Trope, das die "kognitive Metapherntheorie" ihr macht, ist ihre Nähe zur Kreativität, zur fluiden Intelligenz. Sie ist eben eine Übergangsfigur vom einen zum andern, das Mittel der Vergleichung selbst des Inkommensurablen. Fast jede Verknüpfung ist machbar, nicht jede hat freilich Sinn. Aber sie überhaupt machen zu können, ist die Voraussetzung dafür, später die sinnvollen herauszusortieren.
Das Lob der Trope, das ich singen will, geht einen Schritt weiter, auf dünnes, auf ontologisches Eis. Das Fädchen, an dem das Lob baumelt, ist an der Definition der Trope festgezurrt: An ihrer "Uneigentlichkeit" (siehe oben). Und "Uneigentlichkeit", so will mir scheinen, ist das Wesen der Wirklichkeit, auch der Wissenschaft, nichts "Eigentliches" ist an beiden. Und wenn dort doch etwas "Eigentliches " sein sollte, dann ist es - die Trope.
Ich lasse die
Anführungsstriche im folgenden weg, der Leserlichkeit halber. Und ich will mich
bemühen, das, was jetzt folgt, in einer weitgehend tropen- und gleichnisfreien
Sprache, fernab vom rhetorischen Überschwang zu schreiben. Es ist ein Stück
über die Uneigentlichkeit der Gegenstände der Anatomie, meiner
Naturwissenschaft.
Diesen Knochen nennt man "Humerus".
Es ist der Knochen des Oberarms. Der Terminus technicus "Humerus" ist
eine Trope. Eine Synekdoche, wenn auch eine tote, kaum noch erkennbare (siehe
Fussnote 1). "Humerus" war nämlich ursprünglich die Schulter
insgesamt, an deren Skelett drei Kochen teilhaben (Humerus, Schlüsselbein,
Schulterblatt), die alle einst "Humeri" genannt wurden. Das verwirrt.
Zum Glück, so können wir sagen, erkennen wir die Synekdoche heute gar nicht
mehr. Um die etymologie- und sprachgeborenen Verwirrungen zu vermeiden, hat die
Anatomie sogar ein Zahlensystem (5)
eingeführt. Der Humerus ist A02.4.04.001.
In des Wortes eigentlichem Sinn ist der Humerus also nicht er selbst. Was ist er aber eigentlich? Der Knochen des Oberarms. Eigentlich aber auch wieder nicht, weil er auch an der Bildung der Schulter und der Ellenbogengegend beteiligt ist. Er ist ein Röhrenknochen. Eigentlich aber auch nicht. Zwar ist sein Schaft eine Röhre, aber seine Enden sind kugelig bzw. garnrollenartig. Die "Röhre" ist eine Antonomasie. Eine bezeichnende Teileigenschaft - hier das Aussehen des Schaftes - wird als Wort für's Ganze verwendet. Er ist ein Knochen. Eigentlich auch wieder nicht, denn er ist ein Organ, das aus vielen Geweben zusammengesetzt ist, darunter Knochengewebe, Knorpelgewebe, Fettgewebe, blutbildendes Gewebe (in der Kindheit zumindest), Bindegewebe (Knochenhaut und Sehnenansätze), Blutgefässgewebe. All das zusammen ist der Humerus. "Knochen" als Organbezeichnung ist also schon wieder eine Antonomasie. Was ist der Humerus eigentlich? Ein Organ. Ein Organ ist eine Funktionseinheit aus verschiedenen Geweben. Der Humerus ist aber keine Funktionseinheit. Er stützt, bildet Blut, speichert Fett und Calcium, das sind sehr verschiedene Funktionen. Was ist der Humerus eigentlich? Ein abgrenzbares hartes Objekt. Eigentlich aber auch wieder nicht, denn er fällt einem gemeinhin bei der Präparation nicht entgegen, sondern muss mühsam mit dem Messer aus einem Kontinuum von Bindegewebe herausgeschnitten werden. Er hat viele Grenzen. Gehört die Knochenhaut dazu? Oder jene Sehne, die fest in seiner Substanz verankert ist? Röntgenbild? Das zeigt nur eine seiner vielen Grenzen, nämlich die zwischen mineralisiertem Knochengewebe und allem anderen. Das, was Sie im obigen Bild sehen, ist auch nicht der Humerus. Es ist das, was von ihm bleibt, wenn man alles Organische von ihm entfernt, indem man ihn in Laugen mazeriert, in Aceton entfettet und mit Wasserstoffperoxid gebleicht hat. Was ist der Humerus? Ein Ding von dieser und jener Gestalt, mit Röhren, Höckern, Köpfen und Garnrollen. Man könnte einen detaillierten 3D-Scan machen, und seine Gestalt in Koordinaten, in Zahlen fassen. Aber er hat diese Gestalt immer nur im Moment. Er entsteht aus einer anderen Gestalt, einem ungegliederten Mesenchymstäbchen im Embryo, in dem an manchen Stellen Knorpel, an anderen Knochen entsteht. Er ändert seine Gestalt, die Dicke seiner Wände, die Architektur seiner Knochenbälkchen in Abhängigkeit von den Lasten, die er zu tragen hat. Und in der Stammesgeschichte sind die Humeri aller Landtiere mal aus Knochen entstanden, die noch keine Humeri waren, weil es noch keine fleischigen, muskelgestützten Extremitäten gab. Ossa/Cartilagines basipterygia (Flossenbasisknochen/ -knorpel) heissen die. Und wenn man den Humerus des Menschen als sein "Os basipterygium" bezeichnete, so machte man mit dieser Synekdoche, bei der das Frühere für das Spätere steht, evolutionsbiologisch nichts grundsätzlich falsch.
Dies dekonstruktivistische
(?) Spiel kann man natürlich mit allen Dingen, die die Wirklichkeit und damit
auch die Wissenschaft bevölkern, spielen. Gestohlen habe ich die Grundidee bei
Schopenhauer. Ein bischen "panta rhei", "alles fliesst" von
Heraklit habe ich noch mit untergerührt: Man gehe an eine Sache heran,
entblättere sie von allen Akzidentien und Attributen, um zu ihrem Wesenskern,
ihrer Essenz, ihrer Substanz zu gelangen - und man wird keine Substanz finden,
nichts, was der Sache eigentlich wäre. Schopenhauer machte mir das in der
"Welt als Wille und Vorstellung" an dem Beispiele des "Ich"
vor. Er nannte es am Ende ein "substanzloses Gespenst". Platon würde
wohl sagen, dass alles stets nur wird, und nie eigentlich ist.
Um zur Rekonstruktion, zur Synthese zum gewagten, zum ontologischen Teil zu kommen: Ich denke wirklich, dass es in Wirklichkeit keine Substanzen, keine Eigentlichkeit, keine Authentizität gibt. Es gibt nur Relationen, Verwiesenheiten von einem auf's andere, vom anderen auf's eine, ohne dass das eine oder andere je eigentlich wäre. Der Fuss verweist auf den Schuh, der Schuh auf den Fuss, das Aussen auf's Innen usw. usf. Aus den Reihen der Physiker würd' ich für diesen "Relationismus" für diese "Verwiesenheit" die Vertreter der Kopenhagener Interpretation anrufen. Aus den Reihen der Anatomen rief ich mich selbst und den Humerus zum Zeugen.
Unter den Philosophen komm' ich jetzt freilich nicht um Martin Heidegger herum, der die "(Un-)Eigentlichkeit" als philosophischen Terminus erst populär gemacht hat (6). Heidegger hat recht, wenn er von der "Uneigentlichkeit des Man" sagt: "Jeder ist der Andere und keiner er selbst". Adorno (7) hat aber auch recht, wenn er den Heideggerschen Versuch, mit den aberwitzigsten Agglutinationen ("Jemeinigkeit") in die "Eigentlichkeit" sich hineinzuschrauben, als leeren "Jargon" kritisiert.
Nur Relationen, nirgendwo Substanz (8). Keine Objekte, keine Subjekte. Sein heisst: in Relation sein. Doch es gilt auch: keine Relation ohne Relata (9). Was sind diese Relata?
Um ein Gleichnis zu verwenden: Mir will es scheinen, als ob diese Relata dort entstünden, wo sich verschiedene Relationen kreuzen, die dort aber nicht enden. Wie Winde, die aus vielen verschiedenen Richtungen wehen, sich in einer Gegend treffen, dort Wirbel bilden um dann in andere Richtungen weiterzuwehen. Wie ein Netz, mancherorts zu losen, andernorts zu festeren Knoten geschnürt.
Wenn ich also die Relata als die "Verdichtungsgegenden" der Relationen denke, dann sind die Tropen, in ihrer Unschärfe, in ihrer Ambiguität, in ihrer Uneigentlichkeit des "Das-Andere-Immer-Mitmeinens" (10) eine hochwillkommene Sache. Denn sie erlauben es - sozusagen - die Ende aller Fäden lose zu lassen, die Winde in alle Richtungen wieder davonwehen zu lassen, sie fassen die Uneigentlichkeit der Relata, ohne sie zu Substanzen zu verdichten; aber sie weben zugleich die Fäden des Netzes und atmen die Winde.
Zwei Hypothesen, eine flachere (a) und eine sehr steile (b):
(a) Die Tropen sind die
geeigneten Begriffe, um die Wirklichkeit abzubilden.
(b) Die Tropen sind die Wirklichkeit.
Epilog, Apologese, Caveat
Das ist lang geworden. Entschuldigung. Und danke, falls Sie noch da sein sollten. Bedenken Sie bitte: ich bin von Beruf Anatom. Autoritativ kann ich also nur für das stehen, was ich über den Humerus schrieb.
Der Rest ist - hoffentlich im besseren Sinne - naiv, so naiv wie das Bild von Rousseau, das den Text krönt. Ich hab' mich meiner Geliebten, meiner Andromeda, meiner mächtigen Mutter, der Sprache, an die Brust geworfen, ja, hab' versucht, wieder in ihren Leib hineinzukriechen, in der Hoffnung, dass sie es schon richten wird. Urvertrauen. Hoffentlich bin ich dabei nicht in's Heideggersche "Raunen" abgerutscht. Und Wittgenstein'sch, kritisch, analytisch, modern ist es auch nicht. Aber dafür haben wir ja die Philosophen.
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Fussnoten (ich liebe Fussnoten!)
(1) Polysemien
sind Redefiguren, die sich der Mehrdeutigkeit von Begriffen, der Subsumption
verschiedener Dinge unter einem gleichlautenden Wort, bedienen. Auf Griechisch
klingt das sehr vornehm ... auf Deutsch schon weniger, denn der Kalauer, der
platte Wortwitz, ist das Paradebeispiel einer Polysemie.
In
dem tropischen Kalauer, den ich Ihnen zugemutet habe, verstecken sich aber noch
andere, "vornehmere" Stilfiguren, nämlich Metaphern, also bildliche
Übertragungen. Denn "τροπή" (trope) heisst eben "Wendung",
so wie man ein Blatt wendet, oder die Hand. Und die Tropen sind die Länder, die
zwischen den südlichen und nördlichen Sommersonnwendekreisen (denen des Krebses
und des Steinbocks) liegen. Das Bild der sich ihrem Zenith zu- und abwendenden
Sonne steht also für die Landschaften. Die Worte, die man als Tropen
bezeichnet, wenden sich aber gar nicht im Raum, sondern nur in der Bedeutung.
In der Homonymie der von "τροπή" abgeleiteten Worte stecken also
(mehrfache) Metaphern. "Tote" oder "lexikalisierte"
Metaphern in den Worten der Metapherntheorie, solche, deren metaphorischer
Gehalt gar nicht mehr erkennbar ist.
[2] Ich folge der Einteilung von W. Stroh - "Die Macht der Rede", Ullstein, 2009, Seite 259f.
[3] http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachpolitik/2010-01-26/unverst-ndnis-auf-deutsch
[4] "Logos" nicht im Sinne von "Wort", sondern mehr im Sinne von "Vernunft/Logik/Denken".
[5] "Terminologia anatomica, International Anatomical Terminology", Thieme, Stuttgart, 1998. Enthält die gegenwärtig gültige anatomische Terminologie.
[6] Martin Heidegger, Sein und Zeit. Wo hab' ich das §$%§-Buch nur hingelegt? Ich hatte es, hab's sogar in grossen Teilen gelesen. Weg isses...
[7] Theodor W. Adorno, "Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie." 1964. Im Netz z.B. unter http://www.kritiknetz.de/Jargon_der_Eigentlichkeit.pdf
[8] Während
ich diesen Text schrieb, ihn überdachte, und im Netz herumnsuchte, merkte ich
mal wieder, dass eine vermeintlich originelle Idee nur eine schlecht
recherchierte ist. Was ich hier über Substanz und Relation erzähle, wurde von
David Hume längst vorgedacht. Ausserdem - das wusste ich vorher auch nicht -
gibt es in der Philosophie eine ganze Sparte der Metaphysik, die mit der Idee
der "Relationsbündel", die ich zwei Absätze weiter unten vorstellen
werde, arbeitet. Die Sparte nennt sich "bundle-theory", und
ulkigerweise spielt auch ihn ihr der Begriff "Trope" eine zentrale
Rolle, wenn auch nicht im Sinne von "Sprachfigur". Ich finde diese
beiden Einträge in der Stanford Encyclopedia of Philosophy ziemlich gut, da
hab' ich mein Wissen her:
http://plato.stanford.edu/entries/substance/
http://plato.stanford.edu/entries/tropes/
[9] Ich habe allerdings hier http://www.mathematical-semiotics.com/pdf/Zrel.%20mit%20fehlenden%20Relata.pdf etwas Mathematisches gefunden, das ich natürlich nicht so recht verstehe, das mir aber zu sagen scheint, dass Relationen ohne Relata nichts ganz Undenkbares und ein Thema der Mathematik sind. Ich bin ausserdem auf den Begriff "Tropische Mathematik" gestossen, kann mir aber keinen Reim darauf machen. Geht es um die Trope oder um die Tropen?
[10] Wie entkommt man Heidegger, wie flieht man aus den Netzen der Agglutination?
Henri Rousseau: Nègre attaqué par un jaguar, 1910, Quelle
Edward Burne-Jones, Perseus Slaying the Sea Serpent, ca. 1875-1877, Quelle
Mondsichelmadonna, Pfarrkirche Gomerdingen, Quelle
Venus von Willendorf, Quelle
Humerus (Mensch), Quelle
Rene Magritte, Le
Modele Rouge, 1935, Quelle
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Am vergangenen Mittwoch, abends, in der 636. Sitzung der altehrwürdigen Frankfurter
Medizinischen Gesellschaft ... ich döste so vor mich hin, weil mich der "Autismus
des Kindesalters" nicht wirklich interessiert. Die hohe Kunst des
akademischen Vortrags-Nickerchens - die mir anzutrainieren ich ein Berufsleben
lang Zeit hatte - besteht nun darin, das "Sensorium commune" und die
"Vis cogitativa" fast ganz zu entkoppeln. Mit anderen Worten: man
guckt und hört zwar zu, denkt aber an etwas ganz anderes. Nur ein dünnes Fädchen, ein tröpfelndes
Rinnsaal verbindet den Strom der Sinnesdaten mit dem Ozean der Imagination: die
"keywords". Bei bestimmten "Schlüsselwörtern" taucht die
"Vis cogitativa" plötzlich aus den Abgründen ihres
Assoziationsozeanes auf, wie ein Wal, der unvermittelt aus dem spiegelglatten
Meer hervorbricht, von einer Gloriole glitzernder Gischt gerahmt, für einen
winzigen, unwirklichen Moment im Zenith seines Parabolsprunges wie angenagelt,
ein Zeno'sches Paradox, die Welt steht still, doch dann, wenn die Zeit wieder
einsetzt, die krachende Auflösung des Paradoxons, wenn der Wal ins Meer
zurückstürzt, gewaltige Wellen schlagend.







