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Die Königin der Tropen

03. Mai 2010, 09:00


Falsch. Es folgt keine Abhandlung über eine ebenholzhäutige, elfenbeinzähnerne Aristokratin. Es folgt vielmehr etwas über Trope, Tropus, Tropen, Tropoi, was die Synonyme des Singulars und des Plurals ein und derselben Sache sind. Eine Trope ist eine rhetorische Figur, wörtlich übersetzt heisst sie "die Wendung", inhaltlich meint man damit die uneigentliche, übertragene Verwendung eines Wortes. Der Tropus ist das Salz der Sprache.

Der obige Absatz strotzt von Tropen. "Ebenholzhäutig" und "elfenbeinzähnern" sind Metaphern, bildliche Uneigentlichkeiten. Denn natürlich ist der Schönen Haut nicht aus Holz und ihre Zähne sind nicht aus Elfenbein. Die Metapher, so sagen die Rhetoriker, sei die Königin der Tropen. Die Wortfolge "Trope, Tropus, Tropen, Tropoi" ist keine Trope, sondern eine Stilfigur, eine Alliteration, die vokalischen Wohlklang erzeugen will. Aber die hinterhältige Verwendung des Wortes "Tropen" selbst, mit der der Leser in diese Zeilen gelockt werden sollte, der beabsichtigte Doppelsinn von Urwaldwelt und Uneigentlichkeit - die ist selbst wieder eine Trope, eine Polysemie  (1). "Der Tropus ist das Salz der Sprache" ist auch ein Tropus, eine Form der Synekdoche nämlich, bei der ein Teil für das Ganze steht. Denn mit einem Salzkorn kann man zwar vielleicht einen Satz würzen, nicht aber eine ganze Sprache, dafür braucht es viele Tropen. Von diesen Tropoi - die Rhetoriker haben sie sorgsam katalogisiert - gibt es 8 Grundtypen (2), und alle sind natürlich mit schönen griechischen Namen belegt: Katachrese, Onomatopoiese, Metonymie, Antonomasie und Antiphrase plus die drei oben genannten. Schon die Namen sind so lecker, so klangvoll: man möchte Tropologe werden.

Tropen sind also Übertragungen, doppel- und hintersinnige Worte und Wendungen, Verbildlichungen, Synonymenspiel, Einsatz des Teiles fürs Ganze, des Ganzen fürs Teil - Uneigentlichkeiten eben.

Nein. Sie sind hier nicht falsch. Sie sind nicht im Rhetorikseminar, sondern in den SciLogs. Es geht um (Natur-)Wissenschaft. Was haben die Tropen damit zu tun? Nun, sie haben nach Ansicht einiger in ihr nichts zu suchen. Ich zitiere Galileo Gallilei, sinngemäss: "Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben." Ich zitiere Herrn Professor Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Universität in Bremen, aus seinem "Sprachlog" vom 26. Januar 2010: "... eine Wissenschaft, deren Ergebnisse sich nicht in die universelle 'Sprache' der Mathematik übersetzen lassen, [ist] ohnehin noch weit von ihrem Ziel entfernt." (3)

Das ist Stachel, der mir im Fleische sitzt, der Sporn, der meinen Furor treibt, denn meine Heimat ist die Sprache, sind die Tropen. Und die Trope ist die Feindin der Mathematik und jene die Feindin der Trope. Denn was gäbe es in der Mathematik Ärgeres als Uneigentlichkeiten? Man stelle sich vor, ich sagte, die "7" sei eine gerade Zahl und die "2" eine ungerade, und meinte damit aber, dass zwei oder drei gerade Striche genügen, um die "7" zu schreiben, dass die "2" aber mindestens einen krummen Strich erfordere ... rhetorisch gesprochen ist das mal wieder eine Polysemie (in bedenklicher Nähe zum Kalauer). Rein graphisch hätte ich allerdings sogar recht, aber mathematisch ist es eine Katastrophe. Derlei wortgeborene Wirrnis auszutreiben ist ja wohl das Wesen der Mathematik. Und, wie mich ein Blick in die moderne Philosophie, vor allem die analytische, lehrt, auch der Ehrgeiz der Philosophen, die ihre Sätze nicht mehr in Worte, sondern in logische Formeln packen.

Ich bin Naturwissenschaftler. Zugegebenermaßen aus einem, wie die Physiker (die die Mathematisierung ihres Faches am weitesten vorangetrieben haben) wohl sagen würden, "windelweichen" Fach: Der Anatomie. Und ich möchte der Trope eine Lanze brechen, der nicht-mathematischen Sprache von der Natur, von der ich glaube, dass sie Dinge - auch naturwissenschaftlich relevante Dinge - zu sagen vermag, die sich der Mathematik entziehen. Weil ich glaube, dass Uneigentlichkeit und Doppeldeutigkeit nicht nur Wesensmerkmale der Tropen, sondern der Wirklichkeit selbst sind.

 
Statt einer Zwischenüberschrift: Der geschätzte Leser denke sich hier eine mehrtägige Zäsur.

 

 

Mit dem Text vor der Zäsur hub ich an, meine Geliebte, die Königin der Tropen, die Metapher, gegen den Ansturm der Mathematik zu verteidigen. Ein "adversus mathematicos" sollte es werden. Und dann geschah ein Wunder. Ich kam mit klugen, mathematisch und philosophisch beschlagenen Leuten zusammen, von denen sich einige auch hier in diesem "Blog-Gewitter" zum Thema äussern. Das Wunder besteht darin, dass selbst ein Blogger - ich in diesem Falle - seine Meinung ändern kann. Was mir zu einer wütenden Verteidigung der Trope gegen das schaurigen mathematischen Drachen geraten sollte - ihr Perseus wollt' ich sein, und sie mir meine Andromeda - wird mir nun eher zur Beileidsbekundung für das Untier geraten, das sich der Trope unterwerfen muss. Denn sie ist die Königin, unangefochten, und der Drache windet sich hilflos unter ihren Füssen wie die Schlange unter der apokalyptischen Mondsichelmadonna ...

Entschuldigung. Ich rutsche aus der Metapher ins Gleichnis.

Was lernte ich? Nun, zum einen, dass die Mathematiker keineswegs die Absicht haben, Professor Stefanowitschs Diktum zu folgen, und als Wissenschaft nur das anzusehen, was sich auf dem Weg der Mathematisierung befindet oder mathematisierbar ist. Zum andern lernte ich, dass meine Vorstellungen von dem, was Mathematik sei, doch ein wenig antiquiert waren. Der alles verschlingende Drache, zu dem ich sie mir aufblies, war aus dem Ei der Vorstellung geschlüpft, dass die Mathematik so etwas wie "Logos in Dosen" sei (4), die geronnene Vernunft an sich, der Weisheit letzter Schluss und aller Wahrheit Prüfstein, ein angsteinflössender, in sich ruhender Monolith. Man legte mir überzeugend dar, dass ich mich mit dieser Ansicht vor ungefähr hundert Jahren noch in der Gesellschaft einiger respektierter Mathematiker befunden hätte, heut' aber wär's schlicht ignorant, so zu denken. Frege, Russel, Gödel - alles hab' ich verpennt. Mathematik sei, so sagte man mir, in Ihrem heutigen Selbstverständnis "auch nur eine Sprache" (Werner Große). Aber eben eine sehr stark formalisierte.

Dann rief einer (es war Elmar Diederichs) das Wort "kognitive Metapherntheorie" in die Runde. Ich hab' das dann gegoogelt und herumgeschaut: Oha! Meine zierliche Andromeda, deren Perseus ich so gerne gewesen wäre, ist in der Tat eine fette Matrone, eine Herrscherin, so gewaltig (publikations-)beleibt, wie die steinzeitlichen Figurinen der Venus. Doch was soll's - diesem Matriarchat unterwerf' ich mich gerne, das Loblied dieser Matrone will ich gerne singen.

 

 

Das Lob der Tropen

Das dickste Lob der Trope, das die "kognitive Metapherntheorie" ihr macht, ist ihre Nähe zur Kreativität, zur fluiden Intelligenz. Sie ist eben eine Übergangsfigur vom einen zum andern, das Mittel der Vergleichung selbst des Inkommensurablen. Fast jede Verknüpfung ist machbar, nicht jede hat freilich Sinn. Aber sie überhaupt machen zu können, ist die Voraussetzung dafür, später die sinnvollen herauszusortieren.

Das Lob der Trope, das ich singen will, geht einen Schritt weiter, auf dünnes, auf ontologisches Eis. Das Fädchen, an dem das Lob baumelt, ist an der Definition der Trope festgezurrt: An ihrer "Uneigentlichkeit" (siehe oben). Und "Uneigentlichkeit", so will mir scheinen, ist das Wesen der Wirklichkeit, auch der Wissenschaft, nichts "Eigentliches" ist an beiden. Und wenn dort doch etwas "Eigentliches " sein sollte, dann ist es - die Trope.

Ich lasse die Anführungsstriche im folgenden weg, der Leserlichkeit halber. Und ich will mich bemühen, das, was jetzt folgt, in einer weitgehend tropen- und gleichnisfreien Sprache, fernab vom rhetorischen Überschwang zu schreiben. Es ist ein Stück über die Uneigentlichkeit der Gegenstände der Anatomie, meiner Naturwissenschaft.
 

Diesen Knochen nennt man "Humerus". Es ist der Knochen des Oberarms. Der Terminus technicus "Humerus" ist eine Trope. Eine Synekdoche, wenn auch eine tote, kaum noch erkennbare (siehe Fussnote 1). "Humerus" war nämlich ursprünglich die Schulter insgesamt, an deren Skelett drei Kochen teilhaben (Humerus, Schlüsselbein, Schulterblatt), die alle einst "Humeri" genannt wurden. Das verwirrt. Zum Glück, so können wir sagen, erkennen wir die Synekdoche heute gar nicht mehr. Um die etymologie- und sprachgeborenen Verwirrungen zu vermeiden, hat die Anatomie sogar ein Zahlensystem (5) eingeführt. Der Humerus ist A02.4.04.001.

In des Wortes eigentlichem Sinn ist der Humerus also nicht er selbst. Was ist er aber eigentlich? Der Knochen des Oberarms. Eigentlich aber auch wieder nicht, weil er auch an der Bildung der Schulter und der Ellenbogengegend beteiligt ist. Er ist ein Röhrenknochen. Eigentlich aber auch nicht. Zwar ist sein Schaft eine Röhre, aber seine Enden sind kugelig bzw. garnrollenartig. Die "Röhre" ist eine Antonomasie. Eine bezeichnende Teileigenschaft - hier das Aussehen des Schaftes - wird als Wort für's Ganze verwendet. Er ist ein Knochen. Eigentlich auch wieder nicht, denn er ist ein Organ, das aus vielen Geweben zusammengesetzt ist, darunter Knochengewebe, Knorpelgewebe, Fettgewebe, blutbildendes Gewebe (in der Kindheit zumindest), Bindegewebe (Knochenhaut und Sehnenansätze), Blutgefässgewebe. All das zusammen ist der Humerus. "Knochen" als Organbezeichnung ist also schon wieder eine Antonomasie. Was ist der Humerus eigentlich? Ein Organ. Ein Organ ist eine Funktionseinheit aus verschiedenen Geweben. Der Humerus ist aber keine Funktionseinheit. Er stützt, bildet Blut, speichert Fett und Calcium, das sind sehr verschiedene Funktionen. Was ist der Humerus eigentlich? Ein abgrenzbares hartes Objekt. Eigentlich aber auch wieder nicht, denn er fällt einem gemeinhin bei der Präparation nicht entgegen, sondern muss mühsam mit dem Messer aus einem Kontinuum von Bindegewebe herausgeschnitten werden. Er hat viele Grenzen. Gehört die Knochenhaut dazu? Oder jene Sehne, die fest in seiner Substanz verankert ist? Röntgenbild? Das zeigt nur eine seiner vielen Grenzen, nämlich die zwischen mineralisiertem Knochengewebe und allem anderen. Das, was Sie im obigen Bild sehen, ist auch nicht der Humerus. Es ist das, was von ihm bleibt, wenn man alles Organische von ihm entfernt, indem man ihn in Laugen mazeriert, in Aceton entfettet und mit Wasserstoffperoxid gebleicht hat. Was ist der Humerus? Ein Ding von dieser und jener Gestalt, mit Röhren, Höckern, Köpfen und Garnrollen. Man könnte einen detaillierten 3D-Scan machen, und seine Gestalt in Koordinaten, in Zahlen fassen. Aber er hat diese Gestalt immer nur im Moment. Er entsteht aus einer anderen Gestalt, einem ungegliederten Mesenchymstäbchen im Embryo, in dem an manchen Stellen Knorpel, an anderen Knochen entsteht. Er ändert seine Gestalt, die Dicke seiner Wände, die Architektur seiner Knochenbälkchen in Abhängigkeit von den Lasten, die er zu tragen hat. Und in der Stammesgeschichte sind die Humeri aller Landtiere mal aus Knochen entstanden, die noch keine Humeri waren, weil es noch keine fleischigen, muskelgestützten Extremitäten gab. Ossa/Cartilagines basipterygia (Flossenbasisknochen/ -knorpel) heissen die. Und wenn man den Humerus des Menschen als sein "Os basipterygium" bezeichnete, so machte man mit dieser Synekdoche, bei der das Frühere für das Spätere steht, evolutionsbiologisch nichts grundsätzlich falsch.

Dies dekonstruktivistische (?) Spiel kann man natürlich mit allen Dingen, die die Wirklichkeit und damit auch die Wissenschaft bevölkern, spielen. Gestohlen habe ich die Grundidee bei Schopenhauer. Ein bischen "panta rhei", "alles fliesst" von Heraklit habe ich noch mit untergerührt: Man gehe an eine Sache heran, entblättere sie von allen Akzidentien und Attributen, um zu ihrem Wesenskern, ihrer Essenz, ihrer Substanz zu gelangen - und man wird keine Substanz finden, nichts, was der Sache eigentlich wäre. Schopenhauer machte mir das in der "Welt als Wille und Vorstellung" an dem Beispiele des "Ich" vor. Er nannte es am Ende ein "substanzloses Gespenst". Platon würde wohl sagen, dass alles stets nur wird, und nie eigentlich ist.

Um zur Rekonstruktion, zur Synthese zum gewagten, zum ontologischen Teil zu kommen: Ich denke wirklich, dass es in Wirklichkeit keine Substanzen, keine Eigentlichkeit, keine Authentizität gibt. Es gibt nur Relationen, Verwiesenheiten von einem auf's andere, vom anderen auf's eine, ohne dass das eine oder andere je eigentlich wäre. Der Fuss verweist auf den Schuh, der Schuh auf den Fuss, das Aussen auf's Innen usw. usf. Aus den Reihen der Physiker würd' ich für diesen "Relationismus" für diese "Verwiesenheit" die Vertreter der Kopenhagener Interpretation anrufen. Aus den Reihen der Anatomen rief ich mich selbst und den Humerus zum Zeugen.

Unter den Philosophen komm' ich jetzt freilich nicht um Martin Heidegger herum, der die "(Un-)Eigentlichkeit" als philosophischen Terminus erst populär gemacht hat (6).  Heidegger hat recht, wenn er von der "Uneigentlichkeit des Man" sagt: "Jeder ist der Andere und keiner er selbst". Adorno (7) hat aber auch recht, wenn er den Heideggerschen Versuch, mit den aberwitzigsten Agglutinationen ("Jemeinigkeit") in die "Eigentlichkeit" sich hineinzuschrauben, als leeren "Jargon" kritisiert.

Nur Relationen, nirgendwo Substanz (8). Keine Objekte, keine Subjekte. Sein heisst: in Relation sein. Doch es gilt auch: keine Relation ohne Relata (9). Was sind diese Relata?

Um ein Gleichnis zu verwenden: Mir will es scheinen, als ob diese Relata dort entstünden, wo sich verschiedene Relationen kreuzen, die dort aber nicht enden. Wie Winde, die aus vielen verschiedenen Richtungen wehen, sich in einer Gegend treffen, dort Wirbel bilden um dann in andere Richtungen weiterzuwehen. Wie ein Netz, mancherorts zu losen, andernorts zu festeren Knoten geschnürt.

Wenn ich also die Relata als die "Verdichtungsgegenden" der Relationen denke, dann sind die Tropen, in ihrer Unschärfe, in ihrer Ambiguität, in ihrer Uneigentlichkeit des "Das-Andere-Immer-Mitmeinens" (10) eine hochwillkommene Sache. Denn sie erlauben es - sozusagen - die Ende aller Fäden lose zu lassen, die Winde in alle Richtungen wieder davonwehen zu lassen, sie fassen die Uneigentlichkeit der Relata, ohne sie zu Substanzen zu verdichten; aber sie weben zugleich die Fäden des Netzes und atmen die Winde.

Zwei Hypothesen, eine flachere (a) und eine sehr steile (b):

(a) Die Tropen sind die geeigneten Begriffe, um die Wirklichkeit abzubilden.
(b) Die Tropen sind die Wirklichkeit.

 

Epilog, Apologese, Caveat

Das ist lang geworden. Entschuldigung. Und danke, falls Sie noch da sein sollten. Bedenken Sie bitte: ich bin von Beruf Anatom. Autoritativ kann ich also nur für das stehen, was ich über den Humerus schrieb.

Der Rest ist - hoffentlich im besseren Sinne - naiv, so naiv wie das Bild von Rousseau, das den Text krönt. Ich hab' mich meiner Geliebten, meiner Andromeda, meiner mächtigen Mutter, der Sprache, an die Brust geworfen, ja, hab' versucht, wieder in ihren Leib hineinzukriechen, in der Hoffnung, dass sie es schon richten wird. Urvertrauen. Hoffentlich bin ich dabei nicht in's Heideggersche "Raunen" abgerutscht. Und Wittgenstein'sch, kritisch, analytisch, modern ist es auch nicht. Aber dafür haben wir ja die Philosophen.

 

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Fussnoten (ich liebe Fussnoten!)

(1) Polysemien sind Redefiguren, die sich der Mehrdeutigkeit von Begriffen, der Subsumption verschiedener Dinge unter einem gleichlautenden Wort, bedienen. Auf Griechisch klingt das sehr vornehm ... auf Deutsch schon weniger, denn der Kalauer, der platte Wortwitz, ist das Paradebeispiel einer Polysemie.
In dem tropischen Kalauer, den ich Ihnen zugemutet habe, verstecken sich aber noch andere, "vornehmere" Stilfiguren, nämlich Metaphern, also bildliche Übertragungen. Denn "τροπή" (trope) heisst eben "Wendung", so wie man ein Blatt wendet, oder die Hand. Und die Tropen sind die Länder, die zwischen den südlichen und nördlichen Sommersonnwendekreisen (denen des Krebses und des Steinbocks) liegen. Das Bild der sich ihrem Zenith zu- und abwendenden Sonne steht also für die Landschaften. Die Worte, die man als Tropen bezeichnet, wenden sich aber gar nicht im Raum, sondern nur in der Bedeutung. In der Homonymie der von "τροπή" abgeleiteten Worte stecken also (mehrfache) Metaphern. "Tote" oder "lexikalisierte" Metaphern in den Worten der Metapherntheorie, solche, deren metaphorischer Gehalt gar nicht mehr erkennbar ist.

[2] Ich folge der Einteilung von W. Stroh - "Die Macht der Rede", Ullstein, 2009, Seite 259f.

[3] http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachpolitik/2010-01-26/unverst-ndnis-auf-deutsch

[4] "Logos" nicht im Sinne von "Wort", sondern mehr im Sinne von "Vernunft/Logik/Denken".

[5] "Terminologia anatomica, International Anatomical Terminology", Thieme, Stuttgart, 1998. Enthält die gegenwärtig gültige anatomische Terminologie.

[6] Martin Heidegger, Sein und Zeit. Wo hab' ich das §$%§-Buch nur hingelegt? Ich hatte es, hab's sogar in grossen Teilen gelesen. Weg isses...

[7] Theodor W. Adorno, "Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie." 1964. Im Netz z.B. unter http://www.kritiknetz.de/Jargon_der_Eigentlichkeit.pdf

[8] Während ich diesen Text schrieb, ihn überdachte, und im Netz herumnsuchte, merkte ich mal wieder, dass eine vermeintlich originelle Idee nur eine schlecht recherchierte ist. Was ich hier über Substanz und Relation erzähle, wurde von David Hume längst vorgedacht. Ausserdem - das wusste ich vorher auch nicht - gibt es in der Philosophie eine ganze Sparte der Metaphysik, die mit der Idee der "Relationsbündel", die ich zwei Absätze weiter unten vorstellen werde, arbeitet. Die Sparte nennt sich "bundle-theory", und ulkigerweise spielt auch ihn ihr der Begriff "Trope" eine zentrale Rolle, wenn auch nicht im Sinne von "Sprachfigur". Ich finde diese beiden Einträge in der Stanford Encyclopedia of Philosophy ziemlich gut, da hab' ich mein Wissen her:
http://plato.stanford.edu/entries/substance/
http://plato.stanford.edu/entries/tropes/

[9] Ich habe allerdings hier http://www.mathematical-semiotics.com/pdf/Zrel.%20mit%20fehlenden%20Relata.pdf etwas Mathematisches gefunden, das ich natürlich nicht so recht verstehe, das mir aber zu sagen scheint, dass Relationen ohne Relata nichts ganz Undenkbares und ein Thema der Mathematik sind. Ich bin ausserdem auf den Begriff "Tropische Mathematik" gestossen, kann mir aber keinen Reim darauf machen. Geht es um die Trope oder um die Tropen?

[10] Wie entkommt man Heidegger, wie flieht man aus den Netzen der Agglutination?

 
______
 
Bildnachweise 

Henri Rousseau: Nègre attaqué par un jaguar, 1910, Quelle
Edward Burne-Jones, Perseus Slaying the Sea Serpent, ca. 1875-1877, Quelle

Mondsichelmadonna, Pfarrkirche Gomerdingen, Quelle 
Venus von Willendorf, Quelle
Humerus (Mensch), Quelle
Rene Magritte, Le Modele Rouge, 1935, Quelle



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Selbstverarschung

16. März 2010, 10:41

"Ist der Ruf erst ruiniert,
lebt sich's gänzlich ungeniert."
(Wilhelm Busch)

Oh ja. Der Titel ist mit Bedacht gewählt.

Eine wahre, eine ganz und gar wahre Geschichte aus dem Inneren der Wissenschaft und aus meinem Inneren will ich Ihnen erzählen. Eine Geschichte, die wohldokumentiert ist, zum Teil in "peer-reviewed journals", zum Teil in Texten, die ich hie und da im Netz verstreut habe. Ich werde Sie aus dem folgenden Text heraus dorthin verlinken.

Und es ist wirklich eine Geschichte der Verarschung. Wie ich versuchte, auf die Schippe zu nehmen und mich am Ende selber auf der Schippe wiederfand. Wie ich versuchte, mit Sprache zu veräppeln und von der Sprache veräppelt wurde. Einen Witz will ich Ihnen also erzählen, nur dauert er ein wenig länger.

Eh bien. Aus Gründen, die ich anderswo, vor allem hier und hier dargelegt habe, halte ich das menschliche Gesäss für den ästhetischen Höhepunkt der Humanevolution. Ich werde nicht müde, diesen Standpunkt auch in meiner Lehre, in den Kursen der Humananatomie, mit Nachdruck zu vertreten. Nach so einem halbsemestrigen Kurs, in dem es nicht nur, aber auch um die Anatomie der Regio glutaea (ho glutos: die Backe, die Wölbung) geht, kriegt man von seinen Studierenden, wenn Ihnen die Leistung des Dozenten zusagte, ein mehr oder weniger symbolisches Geschenk. Ein Buch. Eine Flasche Wein ...

Im letzten Jahr haben mir die meinigen 3 kg Marzipan zu einem Arsch geformt. Ich hab' ein Semester lang daran gefressen, leider vergessen, ihn zu photographieren.


Dieses Jahr ... dieses Jahr haben sie den Hintern einer Kommilitonin mit Gipsbinden abgeformt, das ganze blau angestrichen und auf einen Rahmen montiert. Ich glaub'. ich weiss sogar, wessen Hintern das ist. Und danke allen Göttern, dass ich mittlerweile so ein alter Knacker bin, dem schon der Anblick der Form (und nicht erst der Besitz) einer Sache Freude bereitet.

Die akademischen Kollegen hier im Haus schwanken angesichts dieser Geschenke zwischen Pikiertheit und Erheiterung. Ich fühle mich über die Massen gebauchpinselt. Von Jahr zu Jahr ein mehr ein Arsch: wer kann das schon von sich sagen?

Und so ward ich keck und beschloss, das Lob des hinteren Körperendes auch in die Wissenschaft zu tragen. Mein Schicksal ist es freilich, am vorderen Körperende zu forschen - an dem eines unscheinbaren Wesens, das man "Lanzettfisch" nennt. Die Forschung am Vorderende dieses Fischleins, so hofft man, so hoffe ich, trägt zum besseren Verständnis der Frage bei, wie unser Kopf evolutionär in's Sein gekommen ist. Die Lanzettfische haben nämlich keinen.

Ich mach' also Kopfforschung an kopflosen Fischen, und als ob das nicht schon bizarr genug wäre, beschloss ich dennoch, gleichzeitig dem Hintern eine Lanze zu brechen. Hier hab' ich den ersten Akt dieses Unterfanges dokumentiert.

In Kürze: ich schrieb zusammen mit meinen Forscherkollegen ein Manuskript, das wir zur Veröffentlichung im Journal of Comparative Neurology einreichten. Und damals, als das Manuskript noch in der Mache war, frug ich mich bange, ob folgende erste Sätze der Einleitung, die ich als scherzhaftes Lob des Hinterns dort einbaute, Bestand haben würden, ob sie die Kritik meiner Co-Autoren und der Gutachter überstehen würden:

"The animals on which we wish to report here are famed for the phylogenetic role they play (see below). They are also notorious for hiding not only in the sediments of their marine habitat, but also behind an impressive array of synonyms: cirrostomes, cephalochordates, acraniates, lancelets, branchiostomids, amphioxi: the same beasts in different disguises. "Amphioxus" literally means "pointed at both ends". Traditionally, the front end of the amphioxi has attracted more scientific interest than the rear one, as its study was expected to shed light on the evolution of the craniate (and human) head and brain.

Leaving aside the question why the evolution of the rear end of craniates and humans has attracted so relatively little attention, it can be stated safely that amphioxi indeed are one of the outgroups of craniates (Delsuc et al., 2006). Thus, the interest in their anatomy is fully justified from the viewpoint of anyone interested in the evolution of craniates....

Sie sehen: der Hintern bildet das logische Scharnier zwischen dem ersten und zweiten Absatz, und zumindest ich fand dieses im Kopf versteckte Lob des Hinterteiles witzig. Ein paar Kommentatoren des Blogs auch.

Und dann - dann geschah ein Wunder. Die Gutachter schluckten die Formulierung, ja, schluckten das ganze paper mit "minor revisions". Und einer schrieb gar, es sei "well-written". Ha! Hier ist das veröffentlichte Produkt unserer Bemühungen zu besichtigen. Zur Zeit nur online, Druck folgt (1).

Und dann, nach den "minor revisions", die die Datendarstellung und ein paar andere Ungenauigkeiten betrafen, danach kamen die "proofs", die Druckfahnen. Und die liest man dann als Autor noch mal, sozusagen mit der Lupe vor Augen, mit korinthen- und kommakackender Genauigkeit, denn es ist die letzte Chance, noch irgendeinen Unfug zu eliminieren. In den "proofs" sind auch die letzten Fragen und Anmerkungen des Lektorats, Kleinkram meist, einzelne Worte und Formatierungen betreffend.

Die "take-home-message" der Publikation war eigentlich ganz einfach. Unsere Daten lieferten Anhaltspunkte dafür, dass die Evolution der Komplexität des Gehirns der Chordatiere anfangs ein "add-on"-Prozess war: Neue Strukturen kamen zu alten, bereits existierenden "Bausteinen" (von denen wir in diesem Fisch einige identifiziert hatten) hinzu. Also weniger "Differenzierung" von Praexistentem, als "Addition" von Neuem. Aber das wollt' ich nicht so simpel sagen. Am Ende der Diskussion, in den letzten Sätzen der Publikation, da wollt ich nochmal Pathos buttern, da wollt ich von "Kathedralen der Komplexität" reden, die auf "alten Fundamenten" errichtet wurden.

Und ich schrieb, wir schrieben:

"...that these [gemeint sind die von uns identifizierten "alten" Bausteine] were among the ancient "building blocks" of the chordate brain, serving as a solid fundament for the cathedral of complexity that was to be erected from new stones on an old fundament later in evolution."

Der Lektor/die Lektorin hatte das Wort "fundament" angekringelt. Wir kratzen uns am Kopf, guckten ins Wörterbuch und lachten dann schallend. Wir - ich vor allem - waren so blöde, "foundations" zu meinen, aber "fundament" zu schreiben. Und "fundament" heisst: "Gesäss".

"...eine Kathedrale der Komplexität, auf einem alten Arsch errichtet."

"Foundations", wir schrieben dann "foundations" in die Druckfahnen hinein. In der online-Version stehen aber noch unsere "fundaments". Ich bin ja mal gespannt, was das im Druck werden wird. Hin- und hergerissen bin ich. Einerseits wünsch' ich natürlich nicht, dass man mich dieses "lapsus linguae" überführt. Andererseits: Ist es nicht ein wunderbarer Scherz, den die Sprache selbst da mit mir getrieben hat, dem Hintern zu Ehren? Also ganz in meinem Sinne? Wär's nicht wert, dafür Hohngelächter zu riskieren?

Was ich hiermit tue.

(1) Spatial and temporal expression patterns of Bmal delineate a circadian clock in the nervous system of Branchiostoma lanceolatum (2010) Helmut Wicht, Elke Laedtke, Horst-Werner Korf, Christof Schomerus. The Journal of Comparative Neurology.



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Guido Westerwelle und die Neuroanatomie der Aufmerksamkeit

12. März 2010, 16:04

Bietet sich ja gerade an, kann ich auch meinen schlechten Ruf aufpolieren, weil ich so wenig Neurowissenschaftliches schreibe.


(Quelle: dpa. Hoffentlich darf ich das.... Nee, leider nicht. Hab das Bild entfernt. L.F.)

Wie erregt man Aufmerksamkeit? Guido macht's aktuell vor: man lasse alle Hemmungen fahren. Witzigerweise macht das Hirn das anders, mit Hemmung nämlich. Und vielleicht sollte man, wenn man Hirn hat, sich hie und da auch ein wenig zurückhalten.

Das Paper ist schon ein wenig älter, dafür aus prominenter Feder, und soweit ich sagen kann, immer noch einigermassen aktuell, was die thalamo-corticalen Mechanismen der Aufmerksamkeitssteuerung angeht:

Francis F. Crick (Ja! DER Crick!): Function of the reticular thalamic nucleus: The searchlight hypothesis. Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, Vol. 81, pp. 4586-4590 (1984).

Ist sogar schnell erklärt (siehe Abbildung, stammt aus Cricks Publikation). Was zum Cortex, zu Bewusstsein soll, muss durch den Thalamus im Zwischenhirn. Sensorische Nervenfasern kommen von links unten (in der Abbildung, in Wirklichkeit aus allen Sinnessystemen) im Thalamus an. Erregende Synapse, thalamisches Neuron schickt Faser in Cortex, alldort wieder erregende Synapse auf corticales Neuron. Auf dem letzten Wegstück - zum Cortex - hängt aber noch der Nucleus reticularis thalami dazwischen, der den Thalamus auf seiner einen Seite wie ein Becher umgibt. Die Neurone dieses Kernes sind inhibitorisch (GABA) und schicken ihre Fasern in den Thalamus. Sie sehen's in der Abbildung: Die thalamischen Nervenzellen projizieren nicht nur erregend zum Cortex - nein, sie haben kurze Seitenaxone, die die hemmenden Zellen des Nucleus reticularis erregen. Die aber hemmen nun wieder die thalamischen Neurone, die sie erregten. Kurzum: ein Neuigkeitsdetektor, ein Hochpassfilter. Von links unten, aus der Sensorik, kommt ein Signal, Durchschaltung in den Cortex. Doch dann - nach kurzer synaptischer Verzögerung - gleich wieder eine Dämpfung. Das System detektiert also Änderungen eher als Stasis. In den Worten der Physiologen: ein "phasisches System".

Der Cortex hat natürlich auch die Finger im Spiel. Er ist nicht nur auf die Information angewiesen, die ihm Thalamus und Nucleus reticularis (sozusagen "pflichtschuldigst") zukommen lassen, er kann das System aktiv modulieren. Sie sehen's in der Abbildung. Er schickt (massenweise, siehe unten) Axone hinab zum Zwischenhirn, die einerseits die Neurone des Thalamus, andererseits die hemmenden des Nucleus reticularis aktivieren.

Jetzt wird's in Cricks Modell der Sache ein wenig trickreich, denn es kommt ein Synapsentyp ins Spiel, den man "Malsburg-Synapse" nennt. Eine Synapse, die die Effektivität ihrer Übertragung in Abhängigkeit von ihren "Benutzungsbedingungen" ändert. Ganz so wie die "Hebbsche Synapse", die beim Lernen eine Rolle spielt. Stichwort "long term potentiation" (LTP). Nur soll die Malsbergsche Synapse halt nicht "long term", sondern nur sehr kurz, sekundenlang, ihre Wirkung verstärken können. Dieser Synapsentyp ist, soweit ich sagen kann, bislang hypothetisch geblieben. Die Hebbschen gibt's in Massen, im Kleinhirn, im Hippocampus - LTP ist ein eigener Forschungszweig der Neurobiologie geworden.

Die "take-home message" bleibt von der Frage nach der Existenz der Malsburgschen Synapse ganz unberührt: Der Cortex kann aktiv kontrollieren, was ihm zu Aug' und Ohren kommen soll (sozusagen), und was nicht. Er wird vom Thalamus nicht nur einfach mit sensorischer Information zugemüllt, er kann sortieren. Der Thalamus selbst und der Nucleus reticularis sortieren via Hemmung die Neuigkeiten aus. Der Cortex kann diesen Filter aber nachregulieren.

Als Neuroanatom und Erbsenzähler und Westerwelle-Kritiker find' ich einen Befund besonders spannend. Der Cortex schickt viel mehr "Kontrollfasern" in den Thalamus und den Nucleus reticularis als ersterer "Meldefasern" in den Cortex schickt.

(Wort-)meldung ist schon gut, wenn man Aufmerksamkeit erregen will. Aber corticale Kontrolle ist besser.



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Gorgias von Leontinoi (de nihilo)

11. Februar 2010, 17:07

Ich für meinen Teil finde Worte und das, was sich in Ihnen ausdrückt, Gedanken nämlich, gerade dann spannend, wenn sie missverständlich sind. Also schreibe ich das Folgende unter dem Caveat, dass ich alles falsch verstanden haben könnte, ja wollte. Eine Apologie der Ambiguität, ein Dikanikon über das Diffuse, ein Epideiktikon des Uneindeutigen - ein Lob der Unschärfe also.

Wie man an den schönen griechischen Worten - mit denen ich meinen Vortrag nicht um der Klarheit, sondern um des Klanges willen würze - wie man an den schönen griechischen Worten für die verschiedenen Redegattungen bemerkt, lese ich gerade ein überaus fremdwörterhaltiges Buch:

Wilfried Stroh: Die Macht der Rede: Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom, Ullstein, 2009

Ich muss das lesen, denn Redenschreiben ist mein Broterwerb. Ich will das lesen, denn zusammen mit dem Evangelisten Johannes bin ich der Ansicht, dass 'en archai en he logos'. Und eben nicht 'arithmos'. Am Anfang war das vage Wort, nicht die Zahl. Also les' ich Stroh und freue mich über seine Beschreibung, wie die Alten Worte droschen, leeres Stroh und volle Garben, dass die Spelzen und die Körner nur so flogen.

Und es begegnet mir in diesem Buch der Gorgias von Leontinoi (um 400 v. Chr.), der den Rhetorikern als Hexenmeister galt, den Philosophen aber als ein nur sätzedrechselnder Sophist, der die Worte in seinem und anderer Leute Münder nach Belieben umherdrehte, wie die Drechselbank das Werkstück. Schön anzuschauen, seine Sätze, schöner wohl noch zu hören, wie sich im rhythmischen Gleichklang der Isokolie, in antithetisch verknüpften Isophonien (etc.etc. "gorgianische Redefiguren") der Zauber des Logos entfaltet - derweil die Logik zerbröselt. Sagt man. Der säulenheilige Sokrates, sakrosankter Stammvater seriöser Sprachverwendung habe, sagt man (Platon), den Gorgias und andere Sophisten sauber seziert, und ihnen nachgewiesen, dass dies alles nur Getändel sei, Wortklaubereien, an der Sache vorbei - "Sophismen" eben

Gorgias von Leontinoi oder Platon? Gorgias von Leontinoi. Oder Platon? Keine Ahnung, die Zuordnung des Portraits ist umstritten. Es könnte also sein, dass es Platon ist, ebensogut könnte er es aber nicht sein. Oder umgekehrt.

 

 

 

 

 

Seither stehen die Sophisten und ihre Sophismata in einem schlechten Ruf. Aber übel beleumundete Leute faszinieren mich. So las ich weiter, und lernte, dass Gorgias die Frechheit besass, sich mit Parmenides persönlich anzulegen. Parmenides von Elea (ca. 500 v. Chr), also 100 Jahre älter als Gorgias. Und kein Rhetoriker wie dieser, sondern ein überaus ernstzunehmender Kirchenvater der Wissensliebe, ein vielgepriesener Philosoph. Nichts wäre wie es ist, hätte es den Pamenides nicht gegeben, alles wäre womöglich den herakliteischen Bach 'runtergegangen, wäre im ewigen Fluss des Werdens und Vergehens ('panta rhei') versoffen. Parmenides ist nämlich der Philosoph des ewigwährenden immergleichen Seins, das felsenfest in sich ruht.

Er lehrte etwa Folgendes:
1. Das Sein ist.
2. Das Nichts ist nicht.
3. Ergo hüte Dich vor der Rede vom Nichts. 

Gorgias behauptete frech:
1. Es ist nichts.
2. Selbst wenn etwas wäre, könnte man es nicht erkennen.
3. Selbst wenn man etwas erkennen könnte, könnte man nicht darüber reden.

Auf die Herleitung, die Quellenkritik, auf den ganzen herrlichen philologischen und philosophischen Apparat muss ich leider verzichten. Es mangelt mir am Graecum, es mangelt mir an der Expertise, es mangelt mir womöglich auch an Verstand. Ja, es mangelt mir sogar an dem rhetorischen Fachausdruck für diese Sprachfigur der vorauseilenden Selbstanklage, mit der der Verteidiger einer Sache die wunden Flanken seiner Argumentation zu schliessen versucht, indem er sie offenlegt. Ich hab' Strohs Buch halt noch nicht zu Ende gelesen.

Parmenides gilt als "dunkel, aber bedeutungsschwer". Gorgias, wie gesagt, als Schwätzer. Das legen seine drei Sätze ja auch nahe. Von hinten nach vorne logisch aufgedröselt: Wenn man nicht reden könnte, wieso redet er dann? Und wenn er nichts erkannt hätte, wie könnte er mit der Erkenntnis, dass nichts ist, daherkommen? Und wie kommt er angesichts des allgegenwärtigen Seins, von dem sein Geschwätz ein nicht geringer Teil ist, zu der widersinnigen Behauptung, dass nichts sei?

Das Wenige an Quellenkritik und philosophischem Diskurs zu Gorgias' Frechheit, das ich en passant mitbekommen habe, lässt mich vermuten, dass er sich geradezu lustvoll und mit Absicht in den Ambiguitäten des Wortes "sein" verstrickt hat. Denn das ist ja das Gemeine am "sein", dass es uns gemeinhin verschweigt, dass es zugleich zweierlei meint - "sein" als Existenzbehauptung und "sein" als Eigenschaftszuordnung. Ich bin. Ich bin glatzköpfig. Das sind zweierlei Paar Stiefel, aber natürlich kann man nun versuchen, sich den linken an den rechten Fuss und umgekehrt zu ziehen.

Also, wenn das Sein ist, und das Nicht-Sein nicht ist, dann ist das Nicht-Sein doch immerhin in dem Sinne ein Sein, dass es ein Etwas ist, dem die Eigenschaft des Seins abgeht, ergo ist es ein Etwas, das eine Eigenschaft hat, nämlich das Nicht sein, ergo ist es, ergo sind Sein und Nicht-Sein dasselbe, indem sie beide sind....(usw).

Ad nauseam lässt sich die Gorgias'sche Seinschraube der Doppeldeutigkeit weiterdrehen, und wenn ich nicht ganz falsch informiert bin, hat endlich sogar Hegel, der vielgerühmte und -gescholtene, die Identität vom Sein und dem Nichts erklärt.

Was soll das? Diese aberwitzigen Sprachfiguren, die wie betrunkene Marionetten an den Fäden der Doppeldeutigkeit und der Metaphern zappeln, wie eben dieser Satz selbst, der sich des fadenpüppigen Bildes bedient, um noch weitere, fadenscheinigere Verwirrungen zu stiften? Warum den Knoten schürzen, statt ihn durchzuhauen, warum Wirrheiten weben, warum ein Dickicht errichten, wo ein Weg sein könnte?

Ganz einfach, in diesem Falle: weil der Weg des Parmenides ein Zirkel ist, ein Gedanke, der stets immer nur in sich zurückführt. Das Sein kennt nichts ausser sich, alles Sein führt zurück ins Sein, jeder Gedanke, der von ihm weg will, findet sich sogleich wieder in die Seinsfesseln gelegt. Das Sein ist totalitär. Es drückt sogar seiner Negation den Seinsstempel auf. Auf diese gewalttätige Totalität des Seins gründen sich - so will mir es zumindest scheinen - auch Christian Hoppes theologische Argumente hier in dem "Wirklichkeit"- Blog. Schade, ich habe lange nichts mehr von ihm gelesen. Also: die Wege des Szientismus, des Naturalismus, der Naturwissenschaften, der allermeisten Theologien und Ideologien: alle führen sie in die Seinsverstrickung.

Natürlich ist Ihnen längst klar, was ich will: mit Gorgias als Sprachrohr den Buddha gegen den Parmenides in Stellung bringen. Oder den Diabolos, den Mephisto: "...drum besser wär's, dass nichts bestünde." Diabolos trägt die Methode des Stellungskampfes im Namen, den "diaballein" heisst "durcheinanderwerfen"

Das Sein ist mit Logik nicht zu knacken. Vielleicht aber mit dem Logos, den vagen Wort. Das Sein lässt sich nicht sezieren, seine Härte spottet jedem Messer, die klarsten Gedanken sind jene, die man ganz unmittelbar aus der Kristallkugel des Seins empfängt: "cogito ergo sum", "esse est percipi", "shit happens" - die Grundlage allen Denkens und aller philosophischen Sicherheiten liegt in Seins- und Geschehensbehauptungen.

Das Sein lässt sich nicht sezieren. Aber womöglich kann man es zerreden. Weil Worte so herrlich doppeldeutig sein können. Deshalb find' ich Gorgias momentan gerade so klasse. Wegen der Ambiguität, die ein Weg ins Nichts sein könnte.

Am Rande und zum Schluss, ernsthaft und wahr und weil wir hier bei den "Brainlogs" und im "Anatomischen Allerlei" sind: diejenige Gruppe von Nervenzellen im Gehirn, die die Muskeln unseres Kehlkopfes kontrolliert und die uns mithin sprechen lässt, heisst "Nucleus ambiguus". Wirklich.



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Wattwanderung

08. Januar 2010, 11:35

Wattwanderung

(oder: 7 = 5 und die Evolution des Fippthelers)

Warnung: der folgende Text ist gänzlich hirnlos, hat aber Hand und Fuss.

Eine Zeit lang wollte ich Paläontologe werden. Nicht wegen der Saurier - die fand ich nie spannend. Zu gross, zu plärrig, zuviel Hype. Das Devon fand ich aufregend, jene mittlere Periode des Paläozoikums, "als die Fische an Land gingen". 350 Millionen Jahre ist das her. "Major e longinquo reverentia", dacht' ich mir schon damals, "die Ehrfurcht nimmt mit der (zeitlichen) Entfernung zu". Und so beschaute ich die Fossilien der diversen devonischen Dachschädler (Stegocephalia - was für ein Name!) mit grösserer Ehrfurcht als jene der Dinos. Dort, im Devon, unter den dachschädelnden Fusskriechern ("Pederpes" ist der Gattungsname von so einem Stegocephalen), dort krauchte mein, kroch unser aller erster Ahn, das früheste Vierfusswesen, der erste Tetrapod. Die Saurier: ein Seitenzweig. (weiter)

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"Einförmig stellt Natur sich her..."

01. Dezember 2009, 11:10

"Einförmig stellt Natur sich her..."
(Einstimmung aufs Schopenhauerjahr 2010)


"Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat: – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt."
(Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Band II, dessen erster Satz) (weiter)

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Dicke Fische und dicke Hirne

28. Oktober 2009, 12:57

Der Leviathan...

Auslese 2009Am vergangenen Mittwoch, abends, in der 636. Sitzung der altehrwürdigen Frankfurter Medizinischen Gesellschaft ... ich döste so vor mich hin, weil mich der "Autismus des Kindesalters" nicht wirklich interessiert. Die hohe Kunst des akademischen Vortrags-Nickerchens - die mir anzutrainieren ich ein Berufsleben lang Zeit hatte - besteht nun darin, das "Sensorium commune" und die "Vis cogitativa" fast ganz zu entkoppeln. Mit anderen Worten: man guckt und hört zwar zu, denkt aber an etwas ganz anderes. Nur ein dünnes Fädchen, ein tröpfelndes Rinnsaal verbindet den Strom der Sinnesdaten mit dem Ozean der Imagination: die "keywords". Bei bestimmten "Schlüsselwörtern" taucht die "Vis cogitativa" plötzlich aus den Abgründen ihres Assoziationsozeanes auf, wie ein Wal, der unvermittelt aus dem spiegelglatten Meer hervorbricht, von einer Gloriole glitzernder Gischt gerahmt, für einen winzigen, unwirklichen Moment im Zenith seines Parabolsprunges wie angenagelt, ein Zeno'sches Paradox, die Welt steht still, doch dann, wenn die Zeit wieder einsetzt, die krachende Auflösung des Paradoxons, wenn der Wal ins Meer zurückstürzt, gewaltige Wellen schlagend.

Ich glaube, ich schweife gerade ab... (weiter)

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Neuro-Enhancement: Pimp your brain!

09. Oktober 2009, 09:06

Pimp your brain!
(Neuro-Enhancement)

Neuro Enhancement

Querer Einstieg über Frisuren und Krafträder

Als Buben haben wir selbstverständlich an unseren Mopeds herumgebastelt, und um den Preis des penetranten zwiebacksägenartigen Zweitaktradaus versucht, die Leistungsgrenzen, die das Gesetz uns vorschrieb, niederzuringen. "Frisieren" nannte man das damals, heute heisst es "Pimp your ride!". Wem die Mopedfrisur nicht recht gelingen wollte, der versuchte wenigstens, der Um- und Mädchenwelt mit einer modischen VoKuHiLa-Frisur zu imponieren. Und jetzt, wo uns die Haare ausgehen -- und zwar zunächst vorne und oben, und erst dann seitlich und hinten, so dass wir, ganz ohne Friseur und Frisur, nur durch's Wirken der Natur, zu einer schicken VoNiHiFra-Frise kommen könnten (will heissen: "vorne nichts, hinten Fransen") -- jetzt sollen wir auf unsere alten Tage unsere Hirne frisieren. Oder wollen sie frisieren. (weiter)

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Zur Psychopathologie des Weibes, Teil II

06. August 2009, 08:31

Zur Psychopathologie des Weibes, Teil II

(Apologese und Prolegomena)
Sommerloch, wir sind mitten im Sommerloch. Das füll' ich jetzt mit dem zweiten Teil einer Textserie, deren ersten ich hier zu veröffentlichen mich nicht getraue. Ausserdem distanziere ich mich natürlich sofort von dem folgenden Text, den irgendein etwas in mir, das sich "ich" nannte, im Zustand der Traumatisierung schrieb. Der Text ist schon ein wenig älter.

(Prolog)
Im Gegensatz zu dem, was die diversen "Brigitte", "Maxi", "Muschi" und Sonstwie-Magazine, die sich auf unserem Klo in zunehmender Zahl unter die Motorradheftchen mischen, im Gegensatz zu dem, was diese Magazine insinuieren (schickes Wort, nicht?), also, im Gegensatz zu dem, was man meinen könnte, wenn man diese Magazine zwischen den Zeilen liest - dass der Mann nämlich keine Seele habe - im Gegensatz dazu SCHREIE ich es jetzt in die Welt hinaus: jawohl, der Mann HAT eine Psyche, das Weib hingegen eine Psychopathologie. (weiter)

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Wissenschaft, brühwarm

24. Juni 2009, 14:43

Es klingt zunächst nicht so, aber was folgt, ist eigentlich ein direkter Folgebeitrag zu den Plagen des Herrn Meier, die ich hier geschildert habe. Der englische Text da unten ist der Auftakt des Manuskriptes zu einer wissenschaftlichen Publikation, an der ich gerade schreibe. Ich denke, Sie können die Fachausdrücke einfach überlesen - es reicht, wenn Sie wissen, dass ich von dem Fisch reden will, dessen Vorderende Sie unten im Bild sehen. Und der Fisch - besser gesagt: die Gruppe von Fischen zu der er gehört - hat viele Namen. Er ist recht eng mit uns Menschen verwandt - jedenfalls enger als, sagen wir mal: ein Hummer. (weiter)

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szmtag