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Wattwanderung

08. Januar 2010, 11:35

Wattwanderung

(oder: 7 = 5 und die Evolution des Fippthelers)

Warnung: der folgende Text ist gänzlich hirnlos, hat aber Hand und Fuss.

Eine Zeit lang wollte ich Paläontologe werden. Nicht wegen der Saurier - die fand ich nie spannend. Zu gross, zu plärrig, zuviel Hype. Das Devon fand ich aufregend, jene mittlere Periode des Paläozoikums, "als die Fische an Land gingen". 350 Millionen Jahre ist das her. "Major e longinquo reverentia", dacht' ich mir schon damals, "die Ehrfurcht nimmt mit der (zeitlichen) Entfernung zu". Und so beschaute ich die Fossilien der diversen devonischen Dachschädler (Stegocephalia - was für ein Name!) mit grösserer Ehrfurcht als jene der Dinos. Dort, im Devon, unter den dachschädelnden Fusskriechern ("Pederpes" ist der Gattungsname von so einem Stegocephalen), dort krauchte mein, kroch unser aller erster Ahn, das früheste Vierfusswesen, der erste Tetrapod. Die Saurier: ein Seitenzweig.

Ausserdem fand ich Paläontologie an sich prima. Das hatte so etwas von "Veritates aeternae" - ewige Wahrheiten, vor Jahrmillionen in Stein gemeisselt, fern aller holozänen ("jetztzeitigen") Wissenschaftshektik.

Dass ich diesem Trieb ins Devonische nicht folgte, hat mit einer Frau zu tun, was en detail hier aber nicht ausgebreitet werden soll. Statt mit dem Geologenhammer zu Felde zog ich mit dem Skalpell fortan Häute von Menschenleibern: Ich ward Humanatom. Freilich bleibt einem da der Blick des Biologen erhalten. Verträumt schaut der paläontologisch vorbelastete Anatom dann mitunter auf seine latex-behandschuhten Hände, Pinzette in der einen und Skalpell in der anderen, und denkt sich: "Naja - im Silur waren das halt noch Flossen!". Vor allem dann, wenn er gerade eine Präparation ungeschickt vermurkst hat. "An jeder Hand fünf Daumen!", verflucht er sich dann weiter selbst, womit wir beim Thema wären: Die Evolution der Pentadactylie, der Fünffingrigkeit also, und eben auch die Evolution paläontologischer "Veritates aeternae".

"Tetrapoden haben vier Füsse und daran je 5 Zehen". Das war so eine ewige Wahrheit der Paläontologie und der vergleichenden Anatomie. Es tat der Wahrheit keinen Abbruch, dass manche Tetrapoden nur zwei Füsse haben (der Mensch zum Beispiel) oder andere nur einen Zeh (der Esel zum Beispiel). Denn jene "4x5"-Gestalt war der "Bauplan", war die "Idealfigur", war die "Morphe" der idealistischen, prä-darwinschen Biologie, aus der heraus sich die Vielgestaltigkeit der Füsse, Hände, Flügel, Pratzen, Flossen, Tatzen, Flughautfinger und Hufhornhalter (etc.pp.) ableiten liess.

Kam Darwin, und ohne viel Federlesens wurde jener "Bauplan" (ein Abstraktum) in den Rang eines Vorfahren (eines Konkretums) erhoben, das nun eben als der letzte gemeinsame Vorfahr all dieser "4x5"-Wesen eingesetzt wurde. Man musste ihn nur noch ausgraben, den Vorfahren.

Tat man. Man fand in Grönland Wesen, die man Dachschädler, Stegocephalia,  nennt. Darunter ist Acanthostega - der Stacheldachler, wenn ich es recht übersetzt habe. Das "Dach", um das es da immer geht, ist das Schädeldach. Beim Acanthostega trägt es zwei rückwärts gewandte Dornen. Bei Ichthyostega, dem Fischdachler also, sieht es aus wie das mancher (ebenfalls fossiler) Fische. Alles wunderbar. Hier geht es aber nicht um Dächer, hier geht es um Hände, Füsse, Zehen und Finger.

Pentadactyl sollt' er sein, der Vorfahr. War er auch. Theoretisch. So etwa bis 1980. Im folgenden Jahrzehnt passierte dann etwas, was die Vertreter der Theorie des "punctuated equilibrium" ("angestochendes Gleichgewicht") in helle Begeisterung versetzen sollte - mit einem Schlag wurde die Luft aus der fünffingrigen Theorie gelassen. (Der Scherz mit dem "punctuated equilibrium" ist für die Insider. Ich erklär' ihn bei Bedarf...). Denn bis dahin hatte man nur die Schädel der Dachschädler. Jetzt kamen aber die Extremitäten zum Vorschein.

Und die trugen 6 Finger. Oder 7. Oder gar 8. Also machten die Paläontologen die Rolle rückwärts - die Geschichte der Fingerevolution musste neu erzählt werden, mit deutlich mehr Fingern zum Auftakt. Wurde sie auch. Das Zitat eines wunderschönen Reviews von Jennifer Clack hab' ich unten angehängt. Er ist nur ein Jahr alt, von 2009. In den Begriffen der Paläontologie ist das "rezent" - allergegenwärtigste Gegenwart, frischestes Holozän des känozoischen Quartärs.

In den Begriffen des Wissenschaftsbetriebs allerdings ist es schon wieder finsterstes Archaikum. "E Polonia lux", aus Polen fällt neues Licht auf die Evolution der dezimalen Fingerei und Zehnzehigkeit. In "Nature", ganz frisch, von Grzegorz Niedzwiedzki et al., das genaue Zitat steht unten. Die haben in einem polnischen Steinbruch, der im Mitteldevon mal ein Wattenmeer war, ziemlich imposante Fussabdrücke gefunden. Die folgende Abbildung (ich hab' sie direkt aus dem zitierten Paper gemopst) zeigt links (a) so einen Abdruck. Die Paläontologen nennen das ein "trace-fossil" - das Tierchen selbst, das den Abdruck hinterlassen hat, fanden sie nicht. Kein Skelett, nur die Spuren. Und ich sollte auch nicht "Tierchen" sagen. Der Abdruck ist gross - das Vieh muss über zwei Meter lang gewesen sein.

Ein Fussabruck im Matsch. Notabene ist dieser Matsch etwa 20 Millionen Jahre älter als die ganze Schädel- und Extremitätensammlung der Dachschädler, Ichthyostega und Acanthostega, von deren vielmehralszehn-zehigem Dasein oben die Rede war.

Man sieht Zehenabdrücke ("d"). Und zwar fünf, da gibt es wenig zu deuteln, denn auch andere Abdrücke zeigen diese Fünfzahl. In der Mitte des Bildes (b) ist nun die Hinterpfote des (Millionen Jahre jüngeren und viel kleineren) Ichthyostega zu bewundern. Dessen Skelett, wie gesagt, kennt man. Er hat sieben Zehenstrahlen, sieben Sätze von Zehenknochen, die die Anatomen "Phalanges" nennen - aber die grosszehenseitigen drei sind so klein, liegen so dicht beieinander, dass sie von einer gemeinsamen Weichteilhülle umgeben gewesen sein könnten - also könnte das ganze dann doch zu dem fünfzehigen Abdruck im Matsch passen.

Es könnte aber auch sein, dass der mitteldevonische Wattwanderer aus Polen wirklich nur 5 Zehen hatte. Und überhaupt (hier hebt der Anatom sein Haupt und schimpft auf die Paläontologen) - wovon reden wir denn eigentlich, wenn wir von "Pentadactylie" reden? Von den Fingern und Zehen ("Digitus" auf lateinisch, "Dactylos" auf griechisch) oder von deren Knochen ("Phalanges")? Ist ein Delphin, der eine Vorderflosse hat, "pentadactyl", bloss weil das Skelett im Inneren noch fünf Fingerstrahlen aufweist? Oder andersherum: ist nicht Ichtyostega "pentadactyl", aber "heptaphalangisch"? Ist sieben gleich fünf?

Oh, ich glaub es ist ganz gut, dass ich doch nicht Paläontologe geworden bin. Ja, "major e longinquo reverentia". Aber aus der sicheren Distanz, die die Ignoranz verleiht, schimpft es sich auch besser. Und eigentlich wollt' ich ja auch gar nicht schimpfen. Nein, ganz im Gegenteil, es war eine herrliche Exkursion. Als ich nämlich all das hier eilig in die Tastatur klapperte, war ich im Geiste im Mitteldevon, sah mächtige Fischlurche durch Wattenmeere krauchen, deutete mit dem Zeigefinger auf einen von ihnen und sagte "Opa" zu ihm. Er hob mahnend eine fünffingrige Pfote aus dem Matsch und gab zurück: "Also, Jungchen, dsa mit dem Zeehnfingre-Sytsem aufd er Trasrtatur, asd musst Du nohc ein wneig üben, das sieht hja uas, als ob Du an jder Hand siebne Daumen hättst..."



Jennifer A. Clack (2009) The fin to limb transition: new data, interpretations and hypotheses from paleontology and developmental biology. Annual Review of Earth and Planetary Science, 37, 163-179

Grzegorz Niedz'wiedzki, Piotr Szrek, Katarzyna Narkiewicz, Marek Narkiewicz, and Per E. Ahlberg (2010) Tetrapod trackways from the early Middle Devonian period of Poland. Nature, 463, 43-48

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"Einförmig stellt Natur sich her..."

01. Dezember 2009, 11:10

"Einförmig stellt Natur sich her..."
(Einstimmung aufs Schopenhauerjahr 2010)


"Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat: – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt."
(Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Band II, dessen erster Satz)

Der Schimmel, aus dem wir hervorgingen, entstand genau einmal, im Archaikum, die Universalität des genetischen Codes, die er den vielgestaltigen Hyphen und Myzelien mitgab, die Jahrmillarden lang aus ihm hervorwucherten, beweist es. "Omnis cellula ex cellulae" - wie passend, dass gerade ein Pathologe, Robert Virchow nämlich, dem Leben die ursächliche Pathodiagnose stellt. "Alle Zellen entstehen aus Zellen". Die Generatio spontanaea (Urzeugung) fand einmal in Schopenhauers Schimmelrinde statt, und seither nicht wieder. Es sei denn, Craig Venter schüfe neues Leben aus der Retorte. Nur zu. Und warum sollte es ihm nicht gelingen, es gibt keine Vis vitalis. Anstatt uns mit den Nachfahren eines Schimmelpilzes herumzuschlagen, hätten wir's dann mit derer zwei Nachkommenschaft zu tun: Fortschritt!

Aber noch gilt Virchows Diktum. Lebendiges erbt Leben stets von Lebendigem. In monotoner Einförmigkeit gebären Zellen Zellen, die Zellen gebären. Man lügt, wenn man sagt, dass neues Leben gezeugt werde. Es vererbt sich nur. Vom ersten Schimmelpilz zu jeder der Milliarden Zellen meines Leibes spannt sich das vererbte Band des Lebens, ununterbrochen. Alles, was in mir lebt, war schon je lebendig und nie tot. Das Singuläre an mir ist nicht meine Lebendigkeit: Das Singuläre wird mein Tod sein, wenn diese Milliarden von Lebensfäden, die jede meiner Zellen mit der Generatio spontanaea des Archaikums verbinden, abgeschnitten werden. Millionenfach stirbt es in mir schon jetzt jeden Tag. "Regeneratio" nennt's die Wissenschaft, die "Wiedererzeugung", die "Zellmauser" - lauter Euphemismen angesichts der Einsicht, dass der Tod jeder Zelle das Ende einer fast unendlichen Geschichte jahrmilliardenlangen, ununterbrochenen Lebens ist.

"Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod." (August Graf von Platen, nach der Lektüre von Schopenhauers "Welt als Wille und Vorstellung").

Lebendiges erbt Leben stets von Lebendigem. Es scheint eine Art von ansteckender Erkrankung zu sein, die über die Materie herfällt. Denn eigentlich will die nur eines: zerfallen, dorthin fallen, wo alles eins ist, kein Innen, kein Aussen, kein Verschiedenes.

Eisen, sagt man mir, sei das stabilste Element. Am Ende der Kosmogenie, am Ende des universalen Schimmels, am Ende aller Fusionen und Spaltungen, aller schwarzen Löcher und Supernovae, so sagt man mir, stehe das zeitlose Zeitalter der Eisensterne. Was für ein Glück: Eisen schimmelt nicht.

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Dicke Fische und dicke Hirne

28. Oktober 2009, 12:57

Der Leviathan...

Am vergangenen Mittwoch, abends, in der 636. Sitzung der altehrwürdigen Frankfurter Medizinischen Gesellschaft ... ich döste so vor mich hin, weil mich der "Autismus des Kindesalters" nicht wirklich interessiert. Die hohe Kunst des akademischen Vortrags-Nickerchens - die mir anzutrainieren ich ein Berufsleben lang Zeit hatte - besteht nun darin, das "Sensorium commune" und die "Vis cogitativa" fast ganz zu entkoppeln. Mit anderen Worten: man guckt und hört zwar zu, denkt aber an etwas ganz anderes. Nur ein dünnes Fädchen, ein tröpfelndes Rinnsaal verbindet den Strom der Sinnesdaten mit dem Ozean der Imagination: die "keywords". Bei bestimmten "Schlüsselwörtern" taucht die "Vis cogitativa" plötzlich aus den Abgründen ihres Assoziationsozeanes auf, wie ein Wal, der unvermittelt aus dem spiegelglatten Meer hervorbricht, von einer Gloriole glitzernder Gischt gerahmt, für einen winzigen, unwirklichen Moment im Zenith seines Parabolsprunges wie angenagelt, ein Zeno'sches Paradox, die Welt steht still, doch dann, wenn die Zeit wieder einsetzt, die krachende Auflösung des Paradoxons, wenn der Wal ins Meer zurückstürzt, gewaltige Wellen schlagend.

Ich glaube, ich schweife gerade ab...

Die Schlüsselworte, die den lethargischen Leviathan meiner Aufmerksamkeit zum Auftauchen brachten, waren "Hirnvolumen" und "Intelligenzquotient" (IQ). Frau Professor Freitag, die Referentin, erwähnte in einem Nebensatz, dass es eine Korrelation zwischen Hirnvolumen und IQ gäbe. Eigentlich war es die Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sie dies sagte, die mich so richtig hellhörig machten, denn ich lehre meinen Studenten seit 20 Jahren das genaue Gegenteil. "Was", so dacht' ich mir, "was hast du im Walfischtran deiner Venia legendi alles verschlafen und was hast du vom Katheter deiner turmhohen Ignoranz herab als erwiesen gelehrt? Was sind das für Daten? Subito, sofort wirst du aus deinem Tran in die Gänge kommen und der Sache nachspüren!"

"Nein", sagt Frau Professor Freitag nach dem Vortrag, "das sind nicht meine Daten. Ich schick' Ihnen das Zitat per email."

Das macht sie am nächsten Tag (danke!) und ich setze mich in Betrieb, indem ich mich zunächst mal an dem Literaturverzeichnis der einen Publikation, auf die sich mich verwies, entlang hangele.

...und die Craniometrie

Aha. Es gibt in der Tat, so seit etwa 15 Jahren, eine ganze Latte von neueren Studien, die sich mit IQ und Hirnvolumen beschäftigen. Ist ja ein uraltes, spannendes Thema. 150 Jahre lang, von etwa 1800 bis 1950, hat man fleissig Hirne und Schädel gesammelt, von Deppen und Genies, von Herrenmenschen und ihren Sklaven, aus jungsteinzeitlichen Gräberfeldern und von zeitgenössischen Schafotten, und hat versucht, die Volumina von Hirn und Schädel mit den intellektuellen Fähigkeiten in Zusammenhang zu bringen, mathematisch gesprochen: zu korrelieren. "Craniometrie" nannte man diesen Wissenschaftszweig, der Köpfe und deren Inhalte vermass. Herausgekommen ist: Nichts. Und das lehrte ich.

Es gibt zwei Möglichkeiten, warum nichts dabei herauskam. Entweder gibt es keinen Zusammenhang, oder man hat ihn nicht gefunden. Wenn man ihn nicht gefunden hat, dann ist das ja wohl ein methodisches Problem, und die Kritik der Methodik dieses ganzen Forschungszweiges füllt Bände. Sofern Sie nur einen Band - noch dazu einen unterhaltsamen - lesen wollen, verweise ich Sie auf Stephen Jay Goulds "Der falsch vermessene Mensch".

In Zusammenhang bringen, korrelieren - das heisst in der Wissenschaft zunächst mal: quantifizieren. Wo wachsweicher Worte wabernde Wolkigkeit war, soll Zahl werden. Auf die Kritik der numerischen Quantifizierbarkeit der menschlichen Intelligenz via IQ will ich mich hier gar nicht einlassen. Das ist Sache der Psychologen, die können das besser als ich. Ich unterstelle hier einfach mal, dass die wissen, was sie tun, und dass der IQ tatsächlich ein "Mass der Intelligenz" ist.

Aber auf eine Kritik der Quantifikation auf der "anderen Seite", der des Gehirnes und seiner Volumina nämlich, will ich mich einlassen, denn davon verstehe ich was, ich bin Hirnanatom. Und auf eine Kritik der Datenpräsentation und der Statistik, denn von einen verstehe ich manches (...man schreibt ja schliesslich selbst) und vom zweiten zwar deutlich weniger, aber immerhin hoffentlich genug, um mein kritisches Anliegen deutlich zu machen.

Craniometrie einst...

In der Tat, die Methoden der alten Craniometer waren krude und kaum untereinander vergleichbar. Die einen füllten Hirsekörner oder Bleischrot in leere Schädelhöhlen, um die Hirnvolumina abschätzen zu können, andere, die die Hirne selber in Händen hielten, wogen diese, aber mal mit Hirnhäuten und mal ohne, mal mit Ventrikelwassser oder trocken, mal frisch, mal nach jahrzehntelanger alkoholischer Einlagerung. Am allerärgsten aber war es, dass es kaum eine Möglichkeit gab, die altersbedingten Veränderungen des Hirnvolumens in den Griff zu bekommen. Im Alter geht das nämlich abwärts, und zwar sehr unterschiedlich schnell. Da hatte man nun all die wunderbaren Gehirne von all diesen berühmten Leuten gesammelt (Einstein war dabei, Lenin, Gauss, Liebig, Turgenjew, Franzl Schubert und und und....) - aber die waren meist (ach, armes Franzl...) hochbetagt gestorben, lange nachdem sie den Zenith ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit erreicht hatten. Und so kam es chronisch zu dem irritierenden Befund, dass z.B das Gehirn des gerade frisch gehängten debilen Serienmörders mehr wog als das des greisen Genies. Wobei erschwerend noch hinzukommt, dass sich beim Erhängen das Blut im Hirn staut und es schwerer werden lässt. Sollte man die Kontrollgruppe also besser an der Guillotine rekrutieren?

Mit derlei und allen möglichen anderen delikaten Unzulänglichkeiten hatte man sich herumzuschlagen. Weitgehend erfolglos, und gegen Mitte des vergangenen Jahrhunderts war die Craniometrie eigentlich sanft entschlafen.

...und heute

Aber jetzt! Natürlich! Bildgebung! CT und NMR - wir können Volumina, selbst von Teilgebieten des Gehirnes, nicht-invasiv in vivo messen! Und genau mit dieser Methodik - IQ-Test, und dann ab in die Röhre - arbeiten die Craniometer der Gegenwart. Mist. Auf die simple Idee hätt' ich von 20 Jahren auch kommen können, als ich Stephen Jay Goulds Buch mit der Einsicht aus der Hand legte, dass die Craniometrie zwar spannend, aber nicht zu retten sei.

Ein Paper, nämlich das, auf das mich Frau Professor Freitag verwies, greif' ich heraus:

Katherine L. Narr, Roger P. Woods, Paul M. Thompson, Philip Szeszko, Delbert Robinson, Teodora Dimtcheva, Mala Gurbani, Arthur W. Toga, and Robert M. Bilder:
Relationships between IQ and Regional Cortical Gray Matter Thickness in Healthy Adults

Cerebral Cortex September 2007;17:2163-2171

Das sind die Rohdaten, das ist ein Ausschnitt aus der Abbildung 1 der Publikation. IQ auf der x-Achse, "Overall Intracranial Volume" auf der y-Achse. Erste Verwunderung des Anatomen - intraCRANIAL Volume? Es soll doch vom HIRN die Rede sein, und nicht von der Schädelhöhle, die stets geräumiger ist. Also - Methodenteil mit der schärfstmöglichen Brille gelesen: es ist wirklich das Volumen des Gehirns (plus Ventrikel), das hier aufgetragen ist, es sollte also eigentlich "Brain Volume" dort stehen. Jaja, die wolkigen Worte, auch sie verdienen die Achtsamkeit des Wissenschaftlers, nicht nur die Zahl.

Zweite Verwunderung des Anatomen: bischen klein, diese Gehirne. So 1200 Kubikzentimeter im Durchschnitt ... da hatt' ich doch aus den alten Tagen der Craniometrie gute 100 Kubik mehr in Erinnerung. Also wieder in Material und Methoden - die haben das Cerebellum und den Hirnstamm weggelassen, also nur das Grosshirn samt Cortex gemessen. Warum? Das sagen sie nicht.

Egal. Die Korrelation (die Gerade) in der Abbildung ist der spannende Befund. Und der Korrelationskoeffizient "r" (die Steigung der Gerade) von etwa 0,3 wird von anderen Studien, darunter eine wirklich umfassende Metastudie mit tausenden von Datenpunkten, gestützt. Es gibt, mit anderen Worten, eine positive Korrelation mit einem Koeffizienten von 0,3 zwischen Hirnvolumen und IQ.

Wow!

Wow?

Was ist denn jetzt damit gesagt? Über die Einzelperson: Nichts. Schaun' Sie auf die Datenpunkte: das dickste Gehirn ist mittelschlau, das schlauste Gehirn mitteldick. Über Kausalität: Nichts. Das liegt im Wesen der Korrelationsanalyse, die zunächst nur Koninzidentien liefert. "Cum hoc ergo propter hoc" - das ist der beliebte Fehlschluss aus einer Korrelation. Ist die Korrelation "0" - dann ist ein Kausalzusammenhang in der Tat widerlegt. Hat sie einen anderen Wert, dann ist ein solcher Zusammenhang zwar möglich, aber noch keineswegs erwiesen.

Und der schöne, objektive, nicht hinweg zu diskutierende Zahlenwert - "r=0,3"? Was sagt der? Nun, das "r" ist die Wurzel des "Bestimmtheitsmasses" der Korrelation, jenes ist also etwa 0,09. Und das wiederum besagt, dass sich 9% der beobachteten Variation in Hirnvolumen und IQ durch einen statistischen Zusammenhang auszeichnen.

Andersherum formuliert wird das, was die Korrelationsanalyse sagt, viel deutlicher: 91% der Variation lassen sich NICHT durch einen Zusammenhang von Hirngrösse und IQ erklären. Wenn es einen Kausalzusammenhang gäbe (was, wie gesagt, durch keine Korrelationsanalyse bewiesen werden kann), müsste man also sagen: 9% meiner Intelligenz kommen vom Volumen. Der Rest von irgendwoher anders.

Schon weniger "Wow", nicht wahr? Zur Ehrenrettung der Autoren der Publikation: das ist ihnen auch klar. Sie behaupten ja auch zunächst mal nichts weiter, als dass es diese "r=0.3" gäbe. Und darin stimme ich ihnen ja auch gerne zu. Nur behaupte ich weiter, dass damit in über 90% der Fälle nur eines gesagt ist: nämlich Nichts.

 

Sneak preview and teaser

So. Ich merke gerade, dass dieser Blogbeitrag viel zu lange wird. Zuviel habe ich von den Leviathanen meiner Verschlafenheit und den tranigen Walfischen der Vergangenheit der Craniometrie erzählt. Die Publikation aber, von der ich berichten wollte, wird erst jetzt, im ihrem zweiten Teil, so richtig spannend. Da beginnen die Autoren nämlich, TEILvolumina des Gehirns mit dem IQ zu korrelieren, und es kommen herrlich bunte, suggestive, sehr schöne Bilder. Als eye-catcher hier schon mal eines davon:

Nehmen Sie's als "sneak preview" - ich werd' versuchen, mich in einem zweiten Blogeintrag mit diesem Teil der Publikation auseinander zu setzen, sofern dieser erste hier Ihr Wohlwollen findet. Und ausserdem, so hab' ich gemerkt: ich muss über diese Daten noch ziemlich nachdenken. Ich weiss nämlich noch nicht, WAS damit gesagt ist.

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Neuro-Enhancement: Pimp your brain!

09. Oktober 2009, 09:06

Pimp your brain!
(Neuro-Enhancement)

Querer Einstieg über Frisuren und Krafträder

Als Buben haben wir selbstverständlich an unseren Mopeds herumgebastelt, und um den Preis des penetranten zwiebacksägenartigen Zweitaktradaus versucht, die Leistungsgrenzen, die das Gesetz uns vorschrieb, niederzuringen. "Frisieren" nannte man das damals, heute heisst es "Pimp your ride!". Wem die Mopedfrisur nicht recht gelingen wollte, der versuchte wenigstens, der Um- und Mädchenwelt mit einer modischen VoKuHiLa-Frisur zu imponieren. Und jetzt, wo uns die Haare ausgehen -- und zwar zunächst vorne und oben, und erst dann seitlich und hinten, so dass wir, ganz ohne Friseur und Frisur, nur durch's Wirken der Natur, zu einer schicken VoNiHiFra-Frise kommen könnten (will heissen: "vorne nichts, hinten Fransen") -- jetzt sollen wir auf unsere alten Tage unsere Hirne frisieren. Oder wollen sie frisieren. (weiter)

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Zur Psychopathologie des Weibes, Teil II

06. August 2009, 08:31

Zur Psychopathologie des Weibes, Teil II

(Apologese und Prolegomena)
Sommerloch, wir sind mitten im Sommerloch. Das füll' ich jetzt mit dem zweiten Teil einer Textserie, deren ersten ich hier zu veröffentlichen mich nicht getraue. Ausserdem distanziere ich mich natürlich sofort von dem folgenden Text, den irgendein etwas in mir, das sich "ich" nannte, im Zustand der Traumatisierung schrieb. Der Text ist schon ein wenig älter.

(Prolog)
Im Gegensatz zu dem, was die diversen "Brigitte", "Maxi", "Muschi" und Sonstwie-Magazine, die sich auf unserem Klo in zunehmender Zahl unter die Motorradheftchen mischen, im Gegensatz zu dem, was diese Magazine insinuieren (schickes Wort, nicht?), also, im Gegensatz zu dem, was man meinen könnte, wenn man diese Magazine zwischen den Zeilen liest - dass der Mann nämlich keine Seele habe - im Gegensatz dazu SCHREIE ich es jetzt in die Welt hinaus: jawohl, der Mann HAT eine Psyche, das Weib hingegen eine Psychopathologie. (weiter)

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Wissenschaft, brühwarm

24. Juni 2009, 14:43

Es klingt zunächst nicht so, aber was folgt, ist eigentlich ein direkter Folgebeitrag zu den Plagen des Herrn Meier, die ich hier geschildert habe. Der englische Text da unten ist der Auftakt des Manuskriptes zu einer wissenschaftlichen Publikation, an der ich gerade schreibe. Ich denke, Sie können die Fachausdrücke einfach überlesen - es reicht, wenn Sie wissen, dass ich von dem Fisch reden will, dessen Vorderende Sie unten im Bild sehen. Und der Fisch - besser gesagt: die Gruppe von Fischen zu der er gehört - hat viele Namen. Er ist recht eng mit uns Menschen verwandt - jedenfalls enger als, sagen wir mal: ein Hummer. (weiter)

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Wie es der Herr Meier mit dem Tod hält

21. Juni 2009, 12:28

Genug. Ich hab' genug von Bologna. Es wird Zeit für ernsthafteren Blödsinn, der subito weiter unten folgen wird. Eigentlich ist es die Fortsetzung eines Gedankens, den ich in "De Nihilo" und "Neues vom Nichts" angedacht habe. Eine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Das übliche Caveat: ein "experimenteller" Text, womöglich ist er mir ja ein wenig zu innerlich und pathetisch geraten. (weiter)

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"Bloggewitter" - Gastbeitrag Prof. Dr. Hörisch

20. Juni 2009, 12:27

 
Ich freu' mich arg, den Herrn Prof. Dr. Jochen Hörisch als germanistischen Gast im Allerlei des Anatomen zu haben. Er ist Ordinarius an der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim, er lehrt und forscht über neuere deutsche Literatur und Medienanalyse.

Wie Sie sehen werden: ein Träumer wie ich. Nur - ei der Daus! - er träumt politischer als ich, wie Sie im zweiten Teil seines Beitrages sehen werden. Nun, das mag damit zu tun haben, dass er als Professor in eben jenen Mühlen steckt, deren Mahlwerk ich in der "Traumzeit" knirschen liess.

Hier ist sein Beitrag: (weiter)

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"Bloggewitter"- Gastbeitrag Prof. Dr. Reisinger

20. Juni 2009, 08:30

 

Prof. Dr. med. Emil C. Reisinger, MBA, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock und Direktor der Abteilung für Tropenmedizin und Infektionskrankheiten an der Universität Rostock hielt den folgenden Vortrag beim Treffen des Arbeitskreises Hochschulmedizin der Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten der Bundesrepublik Deutschland am 19. Juni 2009 in Lübeck.

 

 

 
Kein Platz für Bachelor oder Master in der Medizin in Deutschland

Seit mehr als 60 Jahren gibt es Bestrebungen zur Harmonisierung der höheren Ausbildung in europäischen Ländern. Unter anderem wurden 1953, 1964, 1979 und 1990 Regelwerke verabschiedet, die auf eine Äquivalenz der Ausbildung zielten. (weiter)

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"Bloggewitter" - Gastbeitrag Prof. Dr. Thiery

19. Juni 2009, 13:18

 

Der Herr links im Bild ist mein nächster Gast. Es ist Prof. Dr. Joachim Thiery. Er ist der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Es folgt der Text einer Rede, die er als Tagungspräsident bei der 70. Tagung des Medizinischen Fakutätentages im Juni in Leipzig hielt.

(Dafür, dass man ihm das Scheitelbein abgeschnitten hat, kann ich, wiewohl ich Anatom bin, nichts. Ich war's nicht, weder mit der Säge noch mit dem Photoshop: Das Bild war schon so.  Und zudem hat es seiner Redekunst nicht geschadet, wie man im folgenden merken wird.) (weiter)

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