brainlogs Alles hängt mit allem zusammen

Tabu: manipulierte Wissenschaft

von Monika Armand, 23. November 2009, 09:19

Mitunter heftige Diskussionen gab es in den Wissenslogs wenn es um das Thema "Klima" ging. Manche Kommentatoren waren in ihrer Wortwahl kaum noch zu halten, so dass sogar die Scilogs-Redaktion sich das ein oder andere Mal einschalten und/oder gar eine ausufernde Diskussion schließen musste.

Mit großer Skepsis habe ich die teilweise wachsweichen Diskussionen - eher an der Oberfläche - verfolgt. Und nun taucht eine Nachricht auf, welche nichts Ungewöhnliches ist, wenn man die Anwendung statistischer Methoden in den verschiedenen Wissenschaften aufmerksam verfolgt hat. Denn wer denkt schon noch darüber nach, ob eine Korrelation eine echte Ursache-Wirkungsbeziehung ist und nicht nur eine künstlich hergestellte Beziehung (Scheinkorrelation)?

Wer denkt noch als "Wissenschaftskonsument" darüber nach, ob die Forscher ihre Zahlenergebnisse statistisch gesehen seriös verarbeitet haben? Für viele Wissenschaftler war Statistik während ihres Studiums nicht unbedingt ein gut verstandenes Lieblingsfach, sondern viele haben es mehr oder weniger "hinter sich gebracht". Schließlich erledigt die "digital gesteuerte Wissenschaft" jene undurchsichtigen mathematischen Zahlenoperationen mit spielerisch anmutender Leichtigkeit.

Die höhere Mathematik der Wahrscheinlichkeitsrechnung bleibt für viele Wissenschaftler ein Buch mit sieben Siegeln.  Die mageren Zugriffszahlen auf diesen Blogbeitrag (Macht Armut dumm und leben Spitzenverdiener auf großem Fuß? (Teil 1)) zeigen mir, dass der Begriff "Korrelation" Wissenschaftsinteressierte nicht gerade vom Hocker reißt.

Jedoch: wenn Fragen nach der Logik einer Untersuchung, nach Hintergründen zu Ursache-Wirkungsbeziehungen, nach der Bedeutung in Zahlen gepackter Forschungsergebnisse nicht gestellt werden, dann können vermeintlich sichere Forschungsergebnisse plötzlich wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen:

Nun erschüttern interne Klimaforscher-Wissenschaftlerdialoge die wissenschaftsgläubige Gemeinde. Die folgenden Zitate stammen aus "Welt Online - Wissen" - Die Tricks der Forscher beim Klimawandel:

 

Die durch Hacker an die Öffentlichkeit gebrachten Dokumente des Instituts, vor allem 1072 E-Mails, erregen nun einen vielfältigen Verdacht: unter anderem, dass Datensätze verändert wurden, um Trends zur Abkühlung zu verdecken, dass kritische Wissenschaftler aus der Meinungsfindung entfernt werden sollen, dass intern über die Abwehr unliebsamer Forschungsergebnisse diskutiert wird, und dass bestimmte E-Mails besser gelöscht werden sollten.

Und hier deutet sich an, dass ein in der statistischen Darstellung gewählter Trick zur Anwendung gekommen sein soll.

[...]

Phil Jones, prominenter CRU-Forscher, an einen Kollegen mailte, er habe gerade „einen Trick“ von Michael Mann angewandt, um einen sinkenden Temperaturverlauf „zu verstecken“.

Hintergrund sei die Ratlosigkeit der Wissenschaftler gewesen:

[...]

„Fakt ist, dass wir das derzeitige Ausbleiben der Erwärmung einfach nicht erklären können, und es ist ein Hohn, dass wir es nicht können.“

Man könne eine Entwicklung nicht erklären.....Wie bitte? Und warum wird dies nicht offen geäußert? Warum soll die Ratlosigkeit über eine (augenblickliche??) Entwicklung vertuscht werden? Welches Wissenschaftsverständnis steckt dahinter?

Es kommt noch bunter:

[...]
Vor Monaten waren die CRU-Forscher kritisiert worden, weil sie sich weigerten, Kritikern die Basisdaten für die publizierten Temperaturtrends zugänglich zu machen.

Ich frage mich, was jene "Wissenschaftler" unter "Wissenschaft" verstehen, wenn es zutreffen sollte, dass sich diese Wissenschaftler geweigert haben sollen, ihre Ergebnisse zu diskutieren?

[...]

„Das war die Gefahr, dass wir uns immer auf das ,Peer reviewed'-Argument verlassen haben“, heißt es darüber in einer der jetzt vorliegenden E-Mails. Dessen Autor schlägt deshalb vor, künftig jene Zeitschriften, in denen Kritiker zu Wort kommen, durch einen gemeinsamen Boykott unter Druck zu setzen.

Ein solcher Kommentar erinnert mich daran, dass wir ca. vor einem knappen halben Jahr in den Medien die Diskussion um gekaufte Doktortitel (Verdacht auf verschacherte Doktortitel Staatsanwaltschaft ermittelt gegen hundert Professoren) in großem Stile verfolgt haben. Zumindest gilt das für jene, welche im Verbreitungskreis der "Neuen Westfälischen" gewohnt haben....

[...]

Gavin Schmidt, sagte zu der Affäre: „Wissenschaft funktioniert nicht, weil wir alle nett sind.

Das hatte ich auch einmal gedacht......die Realität sieht scheinbar anders aus......oder was meinen Sie?

_____________________________________

Anmerkung:

Dieser Blogbeitrag bezieht sich auf die Frage, ob sich in verschiedenen Wissenschaftszweigen möglicherweise eine sinkende wissenschaftliche Moral und Seriosität breit macht bzw. breit gemacht hat. Es geht hier nicht darum, einzelne Wissenschaftler anzuprangern, sondern vielmehr um die Frage, welche ethisch-moralische Grundhaltung praktiziert wird, wenn Wissenschaftler der Öffentlichkeit Forschungsergebnisse vorenthalten. Weiter geht es mir um die Frage, welchen Einfluss wissenschaftliche Manipulationen auf die Wissenschaft als solche haben bzw. haben können. 

Wer über die Frage der Legitimität der vorgenommenen Veröffentlichung von Emaildialogen in der "Welt" und anderen Medien diskutieren möchte verweise ich auf die entsprechenden Originalbeiträge hier" Die Tricks der Forscher beim Klimawandel" und an Blogbeiträge, welche diese Frage explizit thematisiert haben.

Ich bitte darum, zu beachten, dass meine Äußerungen keine Tatsachenfeststellungen sind (wie anderswo wider besseren Wissens falsch behauptet wird) , sondern von mir bewusst im Konjunktiv formuliert worden sind. Ich habe mir daher erlaubt, die verwendeten Konjunktive in blauer Farbe hervorzuheben. Unsachlich gehaltene Kommentare und illegale Links in den Kommentaren sind aus rechtlichen Gründen und den Anforderungen an die "Netiquette" entfernt worden.

Ähnliche Artikel:


antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. Jürgen Bolt ein Link
    23.11.2009 | 13:05
  2. Helmut Wicht @ Bolt
    23.11.2009 | 14:41

    ..sehr schönes Link, danke. Nach der Lektüre ist mir so - wie soll ich sagen - "schwebend". Als ob die Schwerkaft auf einmal weniger schwer wäre.

    Und so, in dieser schwebenden Gemütsverfassung, erlaube ich mir, die ganze Debatte mit einem malignen lateinischen Palindrom zu kommentieren, das ich lapidar mit "Wesen der Wissenschaft" übertiteln möchte:

    "muta datum!"

    So malign ist es übrigens gar nicht. Denn die Veränderung der Gegebenheiten ist ja _auch_ Sache der Wissenschaft.

  3. Luchs Erklärung?
    23.11.2009 | 15:34

    „Fakt ist, dass wir das derzeitige Ausbleiben der Erwärmung einfach nicht erklären können, und es ist ein Hohn, dass wir es nicht können.“

    Hmm, ich hätte da eine Lösung anzubieten, die sich für mich logisch plausibel anhört. Es liegt an der Verteilung von Kälte. Die Gletscher schmelzen und Flüssigkeiten verteilen sich besser als Festkörper.

    Die Situation ist ähnlich, wie in folgendem Topf: Unten Flüssigkeit von 10°C. Darauf schwimmt dunkles Holz mit einem Stück Eis (O°C). Von oben Wärmestrahlung. Im Topf 10 Messfühler, auf dem Eis 1 Messfühler. Das Eis schmiltzt. Der Messfühler zeigt unentwegt 0°C an. Im Topf sinkt die Temperatur. Die 10 Messfühler im Topf zeigen nur noch 9°C an. Die Durchschnittstemperatur ist gesunken, obwohl es wärmer geworden ist. Wärme und Temperatur ist eben nicht dasselbe.

    mfg
    Luchs

  4. Monika Armand @ Bolt- weiteres Link
    23.11.2009 | 15:53
  5. Jürgen Bolt @Palindrom
    25.11.2009 | 15:54

    "Muta Datum" ist einfach genial. Nur eine eine kleine Bemerkung: ich habe die Pointe von 'Newtongate' als Ermahnung verstanden, Autor und Werk auseinanderzuhalten. Nimmt es Balzacs Romanen (um ein Beispiel eines Helmut Wicht ebenbürtigen Poeten zu wählen) etwas von ihrem sozialreformatorischen Gehalt, wenn man weiß, daß der Autor reaktionär war?

  6. Helmut Wicht @ Bolt
    25.11.2009 | 16:12

    ..genau so - ironisch in Bezug auf die aktuelle Debatte - verstand ich den Aufsatz über Newtons Korrespondenz auch.

    Das "muta datum" hab' ich, glaub' ich, wirklich in dem Moment erfunden, als ich es niederschrieb. Zumindest hab' ich es nicht bewusst irgendwo abgeschrieben.

    Danke!

  7. Claus Fritzsche Zugriffszahlen-Qualität-Korrelation
    25.11.2009 | 16:38

    +++ Zitat Anfang +++

    Denn wer denkt schon noch darüber nach, ob eine Korrelation eine echte Ursache-Wirkungsbeziehung ist und nicht nur eine künstlich hergestellte Beziehung (Scheinkorrelation)?

    ...

    Die mageren Zugriffszahlen auf diesen Blogbeitrag (Macht Armut dumm und leben Spitzenverdiener auf großem Fuß? (Teil 1)) zeigen mir, dass der Begriff "Korrelation" Wissenschaftsinteressierte nicht gerade vom Hocker reißt.

    +++ Zitat Ende +++

    Hallo Frau Armand,

    also ich würde keine Korrelation zwischen Zugriffszahlen und der Qualität eines Blogbeitrags ableiten.
    (... machen Sie auch nicht ...)

    Hohe Zugriffszahlen deuten mitunter eher auf eine hohe Affinität zum Thema, zur Sichtweise oder auf eine hohe Emotionalität.

    Meine These:
    Je komplexer ein wissenschaftlicher Sachverhalt ist, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass er nur Leser interessiert, die lieber ein wissenschaftliches Journal und eher ungerne ein Weblog studieren.

    Die unzulässige oder vorschnelle Gleichsetzung von Korrelation und Kausalität ist in den Wissenschaften meines Erachtens ein Mega-Thema und eine große Bias-Quelle.

    Dies hängt bestimmt auch damit zusammen, dass Wissenschaftler durch ihre Präferenzen und Überzeugungssysteme einen sehr großen "formenden Einfluss" auf ihre eigenen Forschungsergebnisse haben.

    Hier ein kleines Beispiel aus der Medizinforschung:

    Zweifelhafte Meta-Analysen: Wie evident ist die Evidenzbasierte Medizin
    http://www.psychophysik.com/h-blog/?p=7036

    Beste Grüße :-)

    Claus Fritzsche

  8. Michael Hendel link
    02.12.2009 | 20:29

    http://en.cop15.dk/news/view+news?newsid=2790

    wie ich ihrer redaktion auf grund der abgeschalteten kommentarfunktion bereits sagte, finde ich es verwerflich in bezug auf eine stattfindende klimakonferenz so einen artikel erscheinen zu lassen.
    deswegen eine gegen-artikel im link.

    grüße m.

  9. Michael Blume @ Jürgen Bolt
    19.12.2009 | 22:00

    Toller Fund, ein Danke auch von mir! Wobei ich auch die Kommentare sehr unterhaltsam fand und in einigen Fällen immer noch unsicher bin, ob die satirisch gemeint waren... ;-)

szmtag