Macht Armut dumm weil Hirnforschung "dumm" gemacht wird? (Teil 2)
Dem scheint so zu sein, wenn man den Stand der Forschung zum Thema vor 35 Jahren und heute betrachtet. Allerdings darf man sich dabei nicht im noch gering kultivierten "Neurohype-Forschungsneuland" umsehen, sondern man muss sich "herablassen" und die Forschungen der völlig außer Mode gekommenen Psychologie betrachten. Der Blick darauf lässt die Illusion eines ständigen wissenschaftlichen Fortschrittes gewaltig schrumpfen....
Warum das "Neurohype-Forschungsneuland" nicht die Hoffnungen erfüllt, welche sich immer noch zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftsinteressierte gemacht haben bzw. immer noch machen, verdeutlicht eine Metapher, welche selbst schon in die "Jahre" gekommen ist. Dennoch ist sie immer noch hochaktuell und eignet sich - wie im vorigen Beitrag (Macht Armut dumm und leben Spitzenverdiener auf großem Fuß? (Teil 1) = Prüfung ob eine echte Ursache-Wirkungs-Beziehung vorliegt) gleichfalls als "Prüfkriterium":Es handelt sich dabei um die sehr anschauliche Metapher "Elefantengleichnis" von Hampden-Turner aus dem Jahre 1983, welches offenbar einen buddhistischen Ursprung hat:
Fachwissenschaftler an einem Untersuchungsgegenstand und die Erkenntnis ist jeweils anders:
Abb. 1: „Elefantengleichnis“, Quelle unbekannt
"Sechs blinde Weise versuchen, einen Elefanten durch Tasten zu erkennen. Der erste fühlt seinen Stoßzahn und vergleicht den Elefanten mit einem Speer. Der zweite ertastet die Flanke und beschreibt ihn als Wand. Der dritte hat ein Bein vor sich, was ihn auf die Ähnlichkeit mit einem Baum verweisen läßt. Der vierte fühlt den Rüssel und vergleicht den Elefanten mit einer Schlange, der fünfte betastet das Ohr und zieht den Vergleich mit einem Fächer; der letzte schließlich gerät an den Schwanz und besteht auf der Ähnlichkeit mit einem Seil. Das Ergebnis ist ein großer Streit: Jeder beharrt auf seinen Erkenntnissen – jeder hat recht, was den jeweiligen Körperteil betrifft, und alle haben unrecht, weil keiner das Tier als Ganzes erfaßt hat." (aus:http://neuropaedagogik.de, Forschung)
Hampden-Turner 1983, zit. nach Schräder-Naef 1993, S. 22 in Schräder-Naef, Regula D.: Informationsflut. 3., überarb. u. erg. Aufl. – Weinheim: Beltz Quadriga 1993 -
Das heißt:
Wissenschaft ohne Auswertung bestehender, bereits gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis bleibt notgedrungenerweise defizitär, wie ein Blick auf die zum Thema "Zusammenhang sozioökonomischer Status und Intelligenz" vorliegenden Theorien in der "konkurrierenden" Wissenschaftsdisziplin der Psychologie zeigt:
(Nachtrag vom 04.10.2009):
Stand und Entwicklung der Anlage-Umwelt-Diskussion seit 1876:(Zitatquelle: Prof. Dr. Werner Stangl "Angeboren oder gelernt? - Reifung und Förderung in der kindlichen Entwicklung" im Online-Familienhandbuch: http://www.familienhandbuch.de)
"Der "Erbe-versus-Umwelt-Streit" begann mit der im Jahr 1876 in London erschienenen Studie "Die Geschichte der Zwillinge als Prüfstein der Kräfte von Anlage und Umwelt" von Sir Francis Galton, einem Vetter Charles Darwins. Galton interessierte sich dafür, wie menschliche Eigenschaften weitergegeben werden, und schloss aus seinen Beobachtungen und Forschungen, dass die Anlage der Umwelt überlegen ist. Damit reicht diese Kontroverse bis in die Anfänge einer wissenschaftlichen Psychologie zurück. Dieser Anfang des 20. Jahrhunderts allgemein verbreiteten Ansicht von der Übermacht der Erbanlagen widersprachen die Behavioristen, Anhänger einer im Jahr 1912 unter anderen von John Watson begründeten Richtung der Psychologie. Der Behaviorismus ging davon aus, dass allein die Umwelt das Verhalten von Tier und Mensch bestimme: Menschliches Verhalten sei überwiegend wenn nicht ausschließlich erlernt und genetische Faktoren spielten bei der Ausformung von Begabungen, Fähigkeiten oder Charaktereigenschaften nur eine untergeordnete Rolle. Watson stellte sogar die kühne Behauptung auf, er könne aus jedem gesunden Kind einen Mathematiker, ein Finanzgenie oder einen Künstler jeder Richtung formen. Diese Grundgedanken haben lange Zeit und nachhaltig auch die Entwicklung des amerikanischen Erziehungs- und Schulsystems geprägt. Sie beeinflussten aber auch das allgemeine Denken und Handeln der Menschen, da bei jedem richtigen oder falschen Verhalten davon ausgegangen wurde, dass der Mensch selber oder andere dafür verantwortlich zu machen wären.
Seither gab es in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung immer Phasen, in denen in einer Art Pendelbewegung entweder die eine oder die andere Richtung den Diskurs und die Forschung bestimmten. Speziell durch die Untersuchung eineiiger Zwillinge, die nach der Geburt räumlich getrennt aufgewachsen sind, sollten die Prozentanteile von Vererbung und Umwelteinflüssen exakt festgestellt werden. Erreicht z.B. einer der Zwillinge ein höheres intellektuelles Leistungsniveau, wird dieser Unterschied im Wesentlichen auf den Umwelteinfluss zurückgeführt. Die Auseinandersetzung in der Psychologie, aber auch in anderen sozialwissenschaftlichen Fächern, nahm oft den Charakter von Glaubenskriegen an." (Zitat Ende)
Stand der Wissenschaft zum Thema anno 1974
Bereits 1974 ist diese Frage und das damit verbundene "Anlage-Umwelt-Thema" im nur noch antiquarisch erwerbbaren TB "Funkkolleg Pädagogische Psychologie" (Hrsg. F.E. Weinert, C.F. Graumann, H. Heckhausen, M. Hofer u.a., 880-ISBN-3-596-26115-5) ausführlich und sehr tiefgründig diskutiert worden.
Auch heute noch ist das Buch - dank seiner hervorragenden didaktischen Aufbereitung - eine lehrreiche Fundgrube und ein Gradmesser für wissenschaftlichen Fortschritt.
Vor 35 Jahren! skizzierte Heinz Heckhausen im 7. Kapitel: "Anlage und Umwelt als Ursache von Intelligenzunterschieden" ausführlich die vorhandene Forschungslage und die damit aufgeworfenen Forschungsfragen. Stellt man jenen "veralteten?" Ausführungen die Überblicksstudie von Farah et. al. und die ergänzenden Forschungsergebnisse der neurowissenschaftlich tätigen Kollegen gegegnüber dann entsteht der verhängnisvolle Eindruck, dass der aktuelle Stand der (Neuro-)Wissenschaft zu dieser Frage nicht den Stand der Wissenschaft, welche die Psychologie bereits vor 35 Jahren inne hatte, wiederspiegelt!
Ursache dieser Entwicklung ist, dass in der Psychologie eine mehr als ein Jahrhundert währende Forschungstradition besteht, welche sich insbesondere äußerst viel Gedanken um Forschungsdesigns, um Statistik und ihre Probleme und auch um wissenschaftstheoretische Standpunkte (= Positivismusstreit und Kategorie: Positivismus) gemacht hat.
Heinz Heckhausen schreibt im Funkkolleg Pädagogische Psychologie, Seite 278 im Kapitel 7 zum Thema: "Anlage und Umwelt als Ursache von Intelligenzunterschieden":
" In der pädagogischen Öffentlichkeit und in der gegenwärtigen bildungspolitischen Diskussion begegnet man eher selten differenzierteren Vorstellungen, realistischen Erwartungen und angemessenen Maßnahmen oder Programmen. Das ist nicht verwunderlich. Denn die Ursachenerklärung von Intelligenzunterschieden ist recht verwickelt und nicht auf eine kurze und bündige Antwort zu bringen".
Die Kenntnis dieser Feststellung von Heinz Heckhausen hätten Farah et. al. sicherlich zu anderen Vorgehensweisen, anderen Forschungsmethodiken und Schlussfolgerungen gebracht. Spätestens mit folgender Feststellung hätten die Neurowissenschaftler andere Ansatzpunkte für ihre Forschungen gesucht:
"Da wir Menschen zudem am liebsten in Gegensätzen denken, verwandelt sich die Frage "Wieweit Vererbung, wieweit Umwelt" noch immer leicht in die Primitivformel "Vererbung oder Umwelt" während die Wissenschaft sich längst mit zwei Fragen auseinandersetzt:
- 1. Zu welchen Anteilen lassen sich Unterschiede der Intelligenz und der Schulleistung zwischen Individuen auf Erbfaktoren und auf Umweltfaktoren zurückführen (vgl. JENSEN 1969 und die von ihm in Gang gesetzte Kontroverse; Studientext 7.2)
- 2.In welcher Wechselwirkung stehen Vererbungs- und Umweltfaktoren in der individuellen Entwicklung (vgl. ANASTASI 1958).
Die Literaturangaben geben einen Hinweis, wie lange schon dieser Frage im Detail nachgegangen worden sein muss. Heckhausen verweist in diesem Zusammenhang auf Feststellungen, welche der Deutsche Bildungsrat bereits 1968 in seinem Gutachten zu diesem Thema abgegeben hatte:
1. Die Wissenschaft ist noch weit davon entfernt, Zusammenhänge zwischen Erbanlagen und Intelligenzmessungen direkt fassen zu können;
2. Die Zusammenhänge dürften äußerst verwickelt sein;
3. Ein Einflussspielraum durch Umweltunterschiede ist unbestreitbar.
Heinz Heckhausen kommentiert die Entwicklung in den 70ern mit dem Hinweis, dass der "dynamische Begabungsbegriff", den zuvor statischen (= Ansicht, dass Intelligenz insbesondere erbbedingt ist) abgelöst hätte. Dabei kritisiert Heckhausen, dass der dynamische Begabungsbegriff nicht weniger kritisch zu sehen sei, als der zuvor vorherrschende statische, denn auch dieser sei voreingenommen. Hier sei das Pendel lediglich zur anderen Seite ausgeschlagen.
Heinz Heckhausen verweist dabei auf einen äußerst interessanten Aspekt: Die Vertreter des "dynamischen" Begabungsbegriffes würden unter Begabung nicht dasselbe verstehen, wie die Vertreter des "statischen" Begabungsbegriffes. So eröffnet sich hier noch eine weitere Facette, welche zuvor ein Stück weit in der "Variablendiskussion" im ersten Blogbeitrag angeklungen ist (Zitat Funkkolleg Päd. Psych., Seite 279).:
"Während die Vererbungsanhänger eher eine allgemeine, grundlegende Fähigkeit wie "Intelligenz" meinen, verstehen die Umweltanhänger Begabung mehr in Richtung auf besondere einzelne Fähigkeiten und Fertigkeiten.
[...]
Die Frage ist dabei nur, mit welchem Aufwand an Lernzeit und Lernmühe.
[...]
Es ist ratsam, allen Aussagen, in denen von einem "statischen" und "dynamischen" Begabungskonzept die Rede ist, mit Skepsis zu begegnen."
Einen Ansatz zur Lösung des Problems der "Vereblichkeitsschätzung" führt Heckhausen zu einem ersten vorläufigen Versuch:
" Der einzig sichere Weg gegen diese Gefahr der Überschätzung ist es, wenn man gleiche oder ähnliche Genotypen in verschiedenen Umwelten untersucht. Beim Menschen kann man diesen Weg nur gehen, weil uns ein Experiment der Natur entgegenkommt. Es gibt nämlich einige Menschen mit identischem Genotyp: eineiige Zwillinge, die aus einer einzigen befruchteten Eizelle entstehen." (Zitat Funkkolleg Päd.Psych., S. 292/293)
Nach einem Blick in die Psychologiegeschichte nun zum aktuellen Stand der Wissenschaft:
Im Lehrbuch von Petermann und Koll. "Entwicklungswissenschaft" (2004) findet sich eine kompakte Darstellung (S. 237 ff.)des derzeitigen Standes der Wissenschaft, welchen die im Beitrag "Armut macht dumm" genannten Neurowissenschaftler außer Acht gelassen haben:
Zusammenfassend wird S. 259, 260 festgestellt:
"Anlage und Umwelt sind über den gesamten Entwicklungspfad von der Geburt zur Reifung (und darüber hinaus) untrennbar miteinander verwoben. Man sollte sich auf die Art konzentrieren, wie sie gemeinsam wirken (Macoby,2000), denn wenn diese Mechanismen erstmal verstanden werden, könnte es möglich sein, effektive Umweltinterventionen durchzuführen. (Rutter,1997b).
[..]
Die kartesische Trennung zwischen Körper und Seele, Biologie und Verhalten, Gehirn und Kognition beginnt dank zahlreicher Nachweise von Interaktionen zwischen den einzelnen Bereichen langsam aufgehoben zu werden.
[..]
Das Gehirn zu erforschen, erfordert einen biopsychosozialen Ansatz. Auf konstruktive Art ein ganzheitliches, systemorientiertes und zeitsensitives Entwicklungsmodell zu kombinieren ist sowohl notwendig. als auch schwierig. Bei der Erforschung der Beziehung zwischen Gehirn und Verhalten wird gewöhnlich - aus methodologischen Gründen nur eine dünne Scheibe aus der Geschichte des Individuums erfasst." (Hervorhebungen von mir)
Das biopsychosoziale Modell (Abb. 6.6. aus "Entwicklungswissenschaft", Seite 260) und
weiterführende Modelle in der Leseprobe Entwicklungswissenschaft (S. 261),
zeigen, wie detailliert in der Psychologie (Entwicklungswissenschaft) zwischenzeitlich die Anlage-Umwelt-Frage in der theoretischen Diskussion gesehen wird.
Es wird sehr deutlich, dass wir hier mit der Messung von zwei Variablen keine dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechenden Ergebnisse bekommen können und die von den Neurowissenschaftlern gezogenen Schlussfolgerungen viel zu kurz greifen.
Sie lassen die multifaktorielle Bedingtheit und die Bedeutung von zahlreichen weiteren in Frage kommenden Variablen und ihre Interdependenzen völlig außer Acht. An diesem Beispiel zeigt sich, dass die intradisziplinäre Fixierung der Neurowissenschaften und die daraus resultierende Ausblendung der psychologischen Forschungstradition zu einem gravierenden wissenschaftlichen Rückschritt führen kann. Geschuldet ist diese Entwicklung der großen Selbstüberschätzung eines ganzen Wissenschaftszweiges und dem damit verbundenen Anspruch auf die Deutungshoheit nicht nur für jene Teile, welche untersucht wurden, sondern für die Gesamtheit seiner Erscheinungen.
Geht es hier um Forschungsgelder, um Ansehen, um wissenschaftlichen Ruhm und um die Sehnsucht "Neuentdecker" sein zu wollen, wenn sich Neurowissenschaftler konsequent einer notwendigen interdisziplinären Forschungsweise entziehen?
Erste Folgen jener intradisziplinären Fixierung werden glücklicherweise zwischenzeitlich zunehmend in der Science Community diskutiert. Siehe dazu auch folgende Beiträge von meinem Blogkollegen Stephan Schleim:
Doch kein Voodoo in der Hirnforschung
Die Fehler bei der Datenerhebung sind außerdem mehr als peinlich. Damit sind aber nicht alle der kritischen Einwände vom Tisch. Vul und Kollegen wiesen nämlich auch auf methodisch Probleme hin, die beispielsweise mit der Verortung von Hirnaktivierung ganz allgemein zu tun haben. Viele Studien würden der Tatsache nicht Rechnung tragen, dass jedes Gehirn individuell ist und ihre Ergebnisse auf Vorlagen projizieren, die nicht repräsentativ sind. Außerdem würden Hinweise darauf fehlen, dass die in Einzelexperimenten gefundenen Zusammenhänge auch zu stabilen Vorhersagen über die Verhaltensmaße anderer Menschen taugen. Es bleibt also auch weiterhin viel für die Forscher zu tun.
Weitere Beispiele:
und
Es gebe ein objektivistisches Missverständnis der „zweiten Natur“, den Produkten der Menschheit, als etwas von Natur Gegebenes, Unveränderliches. Dabei würde vergessen, dass die im Labor untersuchten Phänomene sozialen und ethnographischen Bedingungen unterliegen, nicht zuletzt deshalb, weil die Forscher bestimmte Hintergrundüberzeugungen hätten. Der objektivistische Irrtum könne gar bestimmten ideologischen Interessen dienen, welche den Blick auf die Welt verzerrten.
[..]
Nicht nur wenn Journalisten über Hirnforschung schrieben, sondern selbst bei Büchern, die von Wissenschaftlern stammten, würden sich eklatante Fehler nachweisen. Fine konzentrierte sich auf The Female Brain von Louann Brizendine, einen internationalen Bestseller. In dem Buch würden zahlreiche Thesen über hirnphysiologisch bedingte Unterschiede zwischen Mann und Frau aufgestellt und dafür reihenweise wissenschaftliche Belege angeführt. Ginge man diesen jedoch auf den Grund, stellten sie sich oft als Überinterpretationen oder schlicht falsche Zitate heraus.
und von Vinzenz Schönfelder:
und
Doch seit einiger Zeit finden immer mehr nichts-sagende mathematische Neuro-Modelle Verbreitung.
Was genau meint das freche "nichts-sagend"? Frage: Welche Voraussetzungen erfüllt ein gutes Modell? Ganz einfach: Es muss experimentelle Beobachtungen erklären. Je mehr davon und je genauer, umso besser. Ein Modell, das ein einziges Experiment erklärt, hat weniger Wert, als ein anderes, dass neben dem ersten Versuch zusätzlich den Ausgang eines zweiten erklärt. Auch verliert es an Wert, wenn es anderen Beobachtungen widerspricht.
Weiterführende Informationen:
Prof. Dr. Werner Stangl (im Online Familienhandbuch):
Angeboren oder gelernt? - Reifung und Förderung in der kindlichen Entwicklung
- Kurzer historischer Abriss
- Welche Merkmale sind angeboren?
- Welche Merkmale sind gelernt?
- Position der Anlage-Umwelt-Wechselwirkung
- Die Perspektive der Entwicklung
- Die Perspektive der aktiven Auseinandersetzung
Dieser Blogbeitrag ist eine Fortsetzung von: Macht Armut dumm und leben Spitzenverdiener auf großem Fuß? (Teil 1)
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Danke, liebe Monika, für diesen umfassenden und auch historisch interessanten Vergleich.
Das Elefantengleichnis stammt meines Wissens aus der buddhistischen Tradition und wird dort in sehr vielen religiösen Texten zitiert. Ich habe sogar schon einmal eine Theateraufführung davon gesehen.
Vielen Dank für Deinen Hinweis...Dachte ich es mir schon, dass die Urheberschaft des Elefantengleichnisses gleichfalls "alter Wein in neuen Schläuchen" auch anno 1983 war. Und wie man an diesem Beispiel sieht: "Religion bildet" ;-)
Liebe Monika Armand,
Ihre Kritik an den Hirnforschern und Neurowissenschaftlern mag ja berechtigt sein. Aber die beiden Autoren der von Ihnen kritisierten Studie, Farah und Hackman, sind doch gelernte Psychologen, oder irre ich mich da?
Diese Frage kann ich leider nicht beantworten. Sofern Martha J. Farah, Ph.D. tatsächlich ein Vollstudium im Fach Psychologie absolviert hätte, müsste man sich fragen, welche Inhalte im Fach Psychologie in den USA vermittelt werden....
Ihr Beschäftigungsort ist: Center for Cognitive Neuroscience, Department of Psychology, University of Pennsylvania..
Vielleicht weiß Christian Wolf etwas über den biografischen Hintergrund der beiden Autoren?
Ich habe mich 2004 in einem Artikel im Familienhandbuch "Angeboren oder gelernt? - Reifung und Förderung in der kindlichen Entwicklung. Versuch über die Veränderung der psychologischen Perspektive" mit diesem Problem auseinandergesetzt.
Lieber Herr Prof.Stangl,
vielen Dank für Ihren Hinweis auf Ihren weiterführenden und sehr lesenswerten Beitrag hier: Angeboren oder gelernt? - Reifung und Förderung in der kindlichen Entwicklung
Ich bin überrascht, wie alt dieser "Streit" schon ist. Für um so peinlicher halte ich, dass die Neurowissenschaftler hier offenbar bei Punkt "Null" begonnen haben. Diese Peinlichkeit ist letztendlich auch ein wissenschaftspolitisches Problem. Mein Psychologieprofessor Dr. Rainer Dollase beklagt seit vielen Jahren und leider ohne Konsequenzen, dass eine Unmenge an psychologischer Forschung in digitaler und Papierform in tausenden von Archiven unverwertet vor sich hin schlummert. Viel Geld für vermeintlich "neue" und oberflächlich geführte Forschung könnte gespart werden, wenn die vorhandenen Forschungs- und Wissensbestände gesichtet werden würden.
Wie Ihr Beispiel zur Anlage-Umwelt-Diskussion zeigt, sollte "Psychologiegeschichte" zu einem Pflichtfach für Psychologiestudenten und Fachverwandte werden:
"Der "Erbe-versus-Umwelt-Streit" begann mit der im Jahr 1876 in London erschienenen Studie "Die Geschichte der Zwillinge als Prüfstein der Kräfte von Anlage und Umwelt" von Sir Francis Galton, einem Vetter Charles Darwins."
(Ich werde dahingehend den obigen Blogbeitrag erweitern ,-))
Ich bin überrascht, wie alt dieser "Streit" schon ist. Für um so peinlicher halte ich, dass die Neurowissenschaftler hier offenbar bei Punkt "Null" begonnen haben.
Liebe Frau Armand, ich fürchte, die peinlichen Neurowissenschaftler, auf die Sie hier anspielen, sind in Wahrheit Psychologen (siehe z.B. hier: http://www.psych.upenn.edu/~mfarah/ )
Ich denke ja, dass sich inzwischen viele Psychologen auf dem Feld der Neurowissenschaften tummeln - nicht sehr zum Vorteil dieser Disziplin.
Ich teile Ihre Befürchtungen ;-).....Ursache?!:Der betörende Nimbus der Neurowissenschaften......
Nun ja,
in den vergangenen 12 Monaten sind laut Pubmed knapp 16.000 neurowissenschaftliche Artikel erschienen (neuro* OR neural*).
Wie viele davon sind von einem breiten Publikum wahrgenommen worden? 0,05%?
Im Blog "Osiris, Isis und Horus" von Michael Blume (Chronologs) hat Lars Fischer auf folgenden aktuellen Artikel hingewiesen: Neuroanatomical Variability of Religiosity (http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0007180)
Zitat aus dem Abstract:
Therefore, key aspects of religiosity are associated with cortical volume differences. This conclusion complements our prior functional neuroimaging findings in elucidating the proximate causes of religion in the brain.
Vielen Dank für Ihren Hinweis auf die zahlreichen "Neuro-Publikationen". Womöglich ist Ihre Annahme über einen Rezipientenanteil von 0,05% noch zu hoch gegriffen ;-)
Diese Leute haben nicht die richtigen "Trommeln" geschlagen bzw. sind wohl auch in der sehr groß gewordenen Szene ein sog. "No-Name". Ich gebe Ihnen Recht, wenn Sie zu bedenken geben, dass zigtausende Neurostudien ebenso wie in der Psychologie ein Schattendasein führen und auch hier niemand sich berufen fühlt, Ordnung in den vorhandenen Wissenswust zu bringen....
Hinzu kommt: Der Neurohype produziert also in Überfülle Forschungsergebnisse und fertige Studien, deren Plausibilität und Qualität selten hinterfragt werden.
Zu Ihrem Hinweis auf das Link von Lars Fischer:Neuroanatomical Variability of Religiosity:
"In these studies, subjects have performed (among other tasks) formalized and improvised praying [12], [13], “mystical” praying [14] and meditation [15]. These studies have reported several functional brain correlates to these practices, with variable engagement of both subcortical [12] and cortical areas which had been previously implicated in social cognition [13]
In dieser Schilderung steckt ein Hinweis für mögliche Mängel oder dafür, dass mein Gehirn auch "religiöse" Ausschläge zeigt, wenn ich ein spannendes Thema aus den Wissenschaften habe ;-)
Und im Ernst:
Die Messung von Religiosität mit Hilfe von Korrelationen wirft besondere forschungsmethodische Probleme auf.
Ist z.B. das Beten gleichzusetzen mit Religiosität? Betet ein Nichtreligiöser anders als ein echter gläubiger Mensch? Welche Hirnaktivitäten ließen sich z.B. messen, wenn jemand einen besonderen Aberglauben hat und einen "Stein" anbetet?
Kann man auch mit anderen Aufgaben die gleichen Hirnaktivitäten hervorrufen und messen? Bereits diese oberflächlichen Fragen lassen die "Messung von Religiosität" in einem anderen Licht erscheinen.
"The purpose of the fMRI study was to identify cognitive processes and brain networks engaged by exposure to a range of religious beliefs." Diese Anmerkung und die einzelnen Ausführungen im Originalbeitrag sind für mich ein Hinweis, wie außerordentlich oberflächlich und grob die vorgenommenen Messungen sind. Es fehlen klare Operationalisierungen, welche bestimmen, was genau unter Religiosität verstanden wird. Weiterhin müssen jene Operationalisierungen abgegrenzt werden gegen andere nicht-religiöse Erscheinungen, welche ähnliche Hirnaktivitätsmessungen auslösen könnten.
Daher mein scherzhafter Hinweis, dass ich mich bei meiner Beschäftigung mit bestimmten wissenschaftlichen Themen auch in einer Art von Trance oder mediativem Zustand befinde und wahrscheinlich ganz ähnliche Messergebnisse produzieren würde...
Eine ausführliche (und damit leider auch recht aufwendige) Analyse der o.g. Forschungsergebnisse hinsichtlich ihrer Plausibilität würde m.E. zu dem Ergebnis führen, dass die Autoren das "Prüfkriterium" Korrelation = Ursache-Wirkungs-Beziehung (siehe vorangehender Blogbeitrag) außer Acht gelassen haben und ähnliche Hirnaktivitäten auch durch andere Emotionen erzielt werden können....
Ich finde, Sie sind ein wenig ungerecht gegenüber den noch jungen Neurowissenschaften. So viele Möglichkeiten, lokale Hirnaktivitäten zu messen, haben die armen Hirnforscher ja nun auch nicht. Und dass Studien von unterschiedlicher Qualität sind, ist ja beileibe nichts Neues und auch nicht auf die Neurowissenschaften beschränkt. Und obwohl die Disziplin erst in den Anfängen steckt, weiß man doch schon erstaunlich viel, finde ich (jedenfalls erheblich mehr, als ich hier referieren könnte).
'The purpose of the fMRI study was to identify cognitive processes and brain networks engaged by exposure to a range of religious beliefs.' Diese Anmerkung und die einzelnen Ausführungen im Originalbeitrag sind für mich ein Hinweis, wie außerordentlich oberflächlich und grob die vorgenommenen Messungen sind."
Sie beziehen sich da, wenn ich Sie recht verstehe, auf eine zitierte fMRI-Studie (Cognitive and neural foundations of religious belief), die parallel zur Studie "Neuroanatomical Variability of Religiosity" durchgeführt wurde, und vermuten darin gravierende methodische Mängel.
Nun haben die Forscher aber, wie sie selbst schreiben, Methoden angewandt, die in der Psychologie durchaus üblich sind:
"We conducted a multidimensional scaling (MDS) study to determine the psychological components underlying religious belief (Experiment 1)...
...
MDS has been extensively used in cognitive psychology to uncover psychological processes underlying behavioral measures (12). MDS was also successfully used in defining the psychological structure of social-event knowledge,..."
Ich kann das nicht beurteilen, aber mein Eindruck ist hier schon, dass die Leute nicht nur oberflächlich die Religiösität der Probanden gemessen haben; sondern so, wie es für diese Studie angemessen war (der Untersuchungsaufwand muss ja auch im vertretbaren Rahmen bleiben).
Das Ergebnis der beiden Studien war - so habe ich das zumindest verstanden - dass es für religiöse Aktivitäten offenbar kein besonderes Hirnareal gibt. Damit haben die Evolutionspsychologen, die meinen, Religiösität habe den Gläubigen mal einen Selektionsvorteil verschafft, schlechte Karten. Fürs Erste jedenfalls. Aber es wird ja weiter geforscht. Kommende Studien werden besser sein als die heutigen und liefern dann auch validere Ergebnisse. Ganz bestimmt. So läuft das in den Wissenschaften. Nicht zuletzt dank der kritischen Stimmen ;-)
PS. "...und ähnliche Hirnaktivitäten auch durch andere Emotionen erzielt werden können..."
Genau das lese ich aus den Schlußfolgerungen dieser beiden Studien heraus.
"The brain areas identified in this and the parallel fMRI studies are not unique to processing religion, but play major roles in social cognition. This implies that religious beliefs and behavior emerged not as sui generis evolutionary adaptations, but as an extension (some would say “by product”) of social cognition and behavior."
PPS. Was die Ursache der kortikalen Volumenunterschiede angeht, die mit Religiösität assoziert sein sollen, da bin ich auch skeptisch.
"Ich finde, Sie sind ein wenig ungerecht gegenüber den noch jungen Neurowissenschaften. So viele Möglichkeiten, lokale Hirnaktivitäten zu messen, haben die armen Hirnforscher ja nun auch nicht."
So gesehen haben Sie vollkommen Recht. In der Hirnforschung gibt es tatsächlich "nur" die Möglichkeit, Hirnaktivierungsmessungen anhand einfachster Aufgabenstellungen vorzunehmen und diese Korrelationsmessungen dann zu veröffentlichen.
Was jedoch stört: Jene Ergebnisse werden, trotz forschungsmethodischer Begrenzungen, als der Weisheit letzter Schluss verkauft. Die dazu abgegebenen Erklärungen /Schlussfolgerungen sind letztendlich nichts anderes als reine Spekulationen.Aus komplexen, multifaktoriell bedingten Sachverhalten werden lineare Beziehungen konstruiert und als "wissenschaftliches Ergebnis" verkauft.
Weiter stört, dass - gerade wenn es um Fragen von Erziehung und Bildung geht - aus jenen linearen Ursache-Wirkungsbeziehungen dann von Neurowissenschaftlern "Kochrezepte" gebastelt werden, ohne den bisherigen Erkenntnisstand der Pädagogik und Päd.Psychologie in diese "Kochrezepte" einzubeziehen (Bsp.: "Überraschung" interdisziplinär betrachtet........ Im Ergebnis bleiben jene "Kochrezepte", weil sie eben viele Aspekte unter den Tisch fallen lassen, völlig nutzlos und können im Einzelfall sogar schädlich sein.
Ich habe mit meiner Kritik vor allem Eines bezweckt: nämlich den Hinweis, dass bei Betrachtung bereits vorhandener Forschungsergebnisse, auch aus anderen Fachgebieten, jene einfach aufgebauten Forschungsdesigns dazu führen, dass Wissenschaft wieder an Punkt "Null" ansetzt und wissenschaftliche Fortschritte dadurch eher behindert, als gefördert werden.
Ich vermisse hier, wie es eigentlich für jeden Studierenden /Akademiker, der eine Haus-, Diplom- oder Doktorarbeit schreibt zur Pflicht geworden ist, dass zunächst einmal ein kurzen Abriss zum Stand der Wissenschaft (nach Möglichkeit interdisziplinär, d.h. unter Berücksichtigung der Forschungsergebnisse aus verwandten Disziplinen) vor dem eigenen Untersuchungsplan geschildert werden muss und das eigene Forschungsdesign eine Art Weiterentwicklung bereits vorhandener Studien sein sollte......
Alles andere ist m.E. letztendlich "steinzeitliche" Forschung. Wer wirkliche Fortschritte möchte, sollte doch an dem bereits vorhandenen Wissen ansetzen, oder etwa nicht?
"Alles andere ist m.E. letztendlich 'steinzeitliche' Forschung. Wer wirkliche Fortschritte möchte, sollte doch an dem bereits vorhandenen Wissen ansetzen, oder etwa nicht?"
In diesem Punkt kann ich Ihnen nur vorbehaltlos beipflichten.
Danke ;-)....und gerade das ist das Bedauerliche, dass Kenner der Szene mir auch noch beipflichten können und die Kritisierten sich mit ihrer Kritik an meiner Kritik so "vornehm" zurückhalten (müssen?);-)))
Ich wünschte Sie könnten mich dabei auf Punkt 4) (=> Macht Armut dumm und leben Spitzenverdiener auf großem Fuß? (Teil 1)):" Hinzu kommen noch von mir nicht entdeckte Fehler, welche durch die Begrenzungen meines fachlichen Wissens zustande kommen....
verweisen und mich eines Besseren belehren......