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Aktuelle „Sündenböcke" unserer Gesellschaft: Computer- und Life-Rollenspiele

von Monika Armand, 11. April 2009, 23:10

Jugendämter und ihre Macht: Nun hat es die Dortmunder Rollenspieler (LARP= Live Action Role Playing) erwischt…..Heftige Proteste werden gegen die klugen Ratschläge der Dortmunder Sozialpädagogen erhoben, welche zum Schutze unserer Jugend derart „gefährliches“ Theaterspiel verboten:

  • Mittelalter-Spektakel Jugendamt entwaffnet Ritter
  • Larp-Fans fordern Ostereier-Verbot
  • LARP-Verbot für Dortmund! „Diese Zensur und das Einschränken von Freiheiten für vermeintliche Sicherheit macht mich krank! Diese verdammte Bewährpädagogik der Alt-68-er… grrr…“
  • Kampf gegen dunkle Mächte im Jugendamt ""Nach dem Amoklauf von Winnenden”, so Jugendamt-Fachbereichsleiterin Elisabeth Hoppe, „muss das Konzept noch einmal auf den Prüfstand”. Amtsleiter Ulrich Bösebeck, nach eigenen Worten „ein Freund des Mittelalters und mittelalterlicher Spiele”, legte am Freitag nach. Trotz pädagogischer Anleitung und Schaumstoffwaffen gebe es „berechtigte Zweifel an der Gewaltfreiheit”. Und Vorbeugung sei nun mal alles."

  Nun scheint unsere Gesellschaft ja noch vielen anderen, verderblichen Einflüssen ausgesetzt: Gewalt in Filmen, Gewalt und Aggression in Theaterstücken, Gewalt und Aggression am Arbeitsplatz, etc. pp.

Die – aus meiner Sicht – nahezu hysterischen Reaktionen unter Politikern, ErzieherInnen und PädagogInnen veranlassten mich, Thomas Hartmann (Autor des Buches „Schluss mit dem Gewalttabu) um einen Gastbeitrag in meinem Blog zu bitten:

Thomas Hartmann ist evangelischer Pfarrer in der Thalkirchengemeinde, Religionslehrer und Computerspielefan. Als Vater von vier Kindern hat Herr Hartmann einen guten Draht zu Jugendlichen. Seine Liebe zu Computerspielen und sein Engagement in der Jugendarbeit, sowie seine seelsorgerische Tätigkeit, hat ihn aufgrund der ständig wiederkehrenden pauschalen Kritik an Computerspielen ,veranlasst, der Sache in seinem Buch auf den Grund zu gehen.


Sein Buch nimmt daher unter anderem auch die fragwürdigen Seiten unserer modernen „Friedenspädagogik“ unter die Lupe und fragt zu Recht, ob hier die Pädagogik zuviel „Friedlichkeit“ verlange und so manche Aggressionen auf weitaus unangenehmere Arten in anderen Bereichen dann kompensiert werden:


Verbote machen Jugendliche nicht friedlicher – und nehmen Erwachsenen nichts von ihrer Verantwortung
Gastkommentar von Thomas Hartmann

Der bislang schlimmste Amoklauf aller Zeiten in den USA geschah durch einen koreanischen Studenten im April 2007 an der Virginia Tech University in Blacksburg. Dabei kamen über 30 Menschen ums Leben. Der viel zitierte Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover, Professor Christian Pfeiffer, forderte bald darauf medienwirksam und einmal mehr im Zeitungsinterview ein Werbe- und Verkaufsverbot von „gewaltverherrlichenden Killerspiele(n)“. Abgesehen davon, dass Gewaltverherrlichung in den Medien in Deutschland längst verboten ist und man sich bestenfalls darüber streiten kann, wo hier die Grenzen liegen – bei dem Amokläufer aus Virginia hatte man nicht ein einziges „Killerspiel“ oder andere Computerspiele gefunden.

Zumindest zeigt dieses Beispiel, dass es keine eindeutige kausale Verbindung zwischen noch so brutalen Computerspielen und späteren verheerenden Gewalttaten gibt. In vielen anderen Fällen ist es ähnlich – die Formel „Killerspieler = potenzieller Amokläufer“ geht einfach nicht auf. Und wenn Pfeiffer recht hätte, „dass sich vor allem männliche Jugendliche systematisch desensibilisieren durch Computerspiele, die solche Tötungsarien vorzeichnen“, dann müsste es beim Ausmaß der Verbreitung von Computerspielen, in denen es zu Ballereien und Prügeleien kommt, inzwischen zu schlimmsten Exzessen von jugendlicher Gewalt in der Realität gekommen sein.

Doch trotz übelster Einzelfälle hat die Jugendgewalt parallel zur zunehmenden Verfügbarkeit von Ballerspielen seit 1993 („Doom 1“) weiterhin abgenommen, wie auch Pfeiffers Institut zuletzt nach einer großangelegten Studie öffentlich feststellte. Jugendgewalt korreliert eher mit sozialen Faktoren wie Mangel an Bildung und Armut als mit Spielgewohnheiten am Computer.

Zudem ist aufschlussreich, dass virtuelle und reale Gewalt offensichtlich in ganz unterschiedlichen Hirnarealen verarbeitet wird, wie neueste Untersuchungen des Instituts für kognitive Neurowissenschaften der Uni Bremen nahelegen:

Die Darstellung realer Gewalt zeigt ihre Spuren bei der Messung im funktionellen Magnetresonanztopographen im prä-motorischen limbischen System, virtuelle Brutalität wie in Computerspielen dagegen in Teilen des Großhirns, wo eher Intelligenz und Urteilsvermögen als archaische Triebe zuhause sind. Dies untermauert die Hypothese von der „Rahmungskompetenz“, über die junge Menschen ab spätestens 12 Jahre verfügen sollen: die klare innere Unterscheidung zwischen dem „Killen“ von digitalen Gegnern und Monstern am Bildschirm und dem Respekt und Mitgefühl, die man realen Wesen wie Eltern, Geschwistern, Lehrern und Mitschülern entgegenbringt.





Kompetenz statt Stammtischparolen!

Das Geschehen rund um Computerspiele, Jugendgewalt, Hirnforschung, sozialer Realität und gesellschaftlich-politischer Moral ist jedenfalls sehr komplex. Sicherlich nicht klar und einfach genug, um es mit Stammtischparolen und Kaskaden von Verbotsforderungen vor allem aus bayerischen Landen wirkungsvoll zu beurteilen oder gar positiv zu beeinflussen. Über Geschmack lässt sich natürlich trefflich streiten – oder auch nicht.

Brauchen wir wirklich all die widerlich wirkenden Gewaltdarstellungen in manchen Computerspielen, wenn Köpfe zerplatzen und Blut und Organe die Böden verschmieren? Aber brauchen wir extreme Gewaltdarstellungen in Theater und Literatur (etwa Shakespeares „Titus Andronicus“), Filme wie „Das Parfüm“ (in Begleitung Erwachsener ab 6 Jahren freigegeben!) oder Bestsellerromane im Stil von „Der siebte Tod“ oder „Die Chemie des Todes“ mit feinsten Beschreibungen rohester Gewalt und ihren detailliert geschilderten anatomischen Folgen? Sollte all das verboten werden, nur weil es vielleicht wie einst Goethes Werther Nachahmer motivieren könnte – sei es zum Suizid oder Mord?

Wie holzschnittartig muss das Bewusstsein und Denken von Menschen sein, die derart banale und vor allem unzulässig verkürzte „Korrelationen“ herstellen bzw. am liebsten noch gleich „Kausalitäten“ statuieren? Nein, Verbote bringen gar nichts. Sicher ist in manchen Fällen darüber nachzudenken, ob öffentliche Schaustellungen von Gewalt wirklich sein müssen, wenn Schreckliches geschehen ist und Menschen trauern. Dabei denke ich aber eher an Waffenmessen und Wettbewerbe in Schützenvereinen, denn es sind letztlich reale Gewehre und echte Pistolen, nicht Computerspiele oder gepolsterte Ritterwaffen, die getötet haben.

Und müssen Privatpersonen tatsächlich bis zu 15 potenziell scharfe Waffen im eigenen Haus horten, nur weil sie diese angeblich in ihren Schützenvereinen oder zur Jagd brauchen? Hierzu würde man gerne einmal deutliche Worte aus Bayern oder Niedersachsen hören, doch die Welt der Schützen und Jäger liegt den bajuwarischen und anderen „Jugendschützern“ näher als die der jugendlichen Gamer.

Also keine pauschalen Verbote, wohl aber einen ernst zu nehmenden Jugendschutz brauchen wir. Es gibt ja schließlich Richtlinien, nach denen zum Beispiel Computerspiele für bestimmte Altersgruppen geeignet sind – oder eben nicht, und die Vorgaben in Deutschland gehören bereits zu den schärfsten in Europa. Auffällige Altersangaben auf den Verpackungen in Kaufhäusern mögen dabei schön und gut sein, verhindern aber natürlich nicht, dass Kinder und Jugendliche trotzdem an für sie ungeeignete Spiele herankommen. Nur Politiker, die Tatendrang und Entscheidungskompetenz vorführen müssen, können so etwas glauben.

Viel wichtiger ist Medienkompetenz bei den Eltern, ganz banal: Was spielst du denn da, darf ich mal sehen, erklärst du es mir?, wenn es ballert und kracht und Blut über den Bildschirm zu laufen scheint.
Erziehung ist vor allem Beziehung, im Kontakt und durch ein Gespräch lässt sich oft schon eine Menge klären. Kinder sollten auch nicht zu früh eigene PCs im Zimmer haben. Schulen müssen mit den Kindern und Jugendlichen pädagogisch kompetent klären, am besten in einem eigens eingerichteten Fach, welche Medien für die Altersgruppen geeignet sind, welche Faszination von Gewaltdarstellungen ausgeht und wo die Grenzen liegen. Wobei die Suchtgefahr bei Online-Spielen wie „World of Warcraft“ erwiesenermaßen viel höher ist als jede angebliche „systematische Desensibilisierung“ gegenüber realer Gewalt durch „Killerspiele“.

Fazit: Packen wir es an – aber richtig!

Und wo wir schon bei den Schulen sind: Ganztagsschulen sind vermutlich eine große Hilfe dabei, Jugendliche ohne stabiles und sozial zuverlässiges Elternhaus zu fördern und sie positiv zu fordern. In diesem Punkt stimme ich Christian Pfeiffer uneingeschränkt zu. Dass man als erste und leichter flächendeckend zu realisierende Maßnahme zunächst einmal massiv Schulpsychologen einstellen sollte, denn in dieser Beziehung ist Deutschland immer noch europäisches Entwicklungsland, hört man von Politikern leider auch nur selten.

Verbote sind schließlich billiger zu realisieren und vor allem zu fordern! Mit Psychologen oder anderem ausgebildeten Fachpersonal an Schulen könnte man aber sehr viel mehr für die kompetente Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern tun, auch zum Beispiel um verstärkt auf so genannte „Leaking“-Phänomene zu achten. Denn spätere jugendliche Gewalttäter haben ihre fatalen Pläne fast immer durch ihr Verhalten oder ganz offen im Internet angekündigt. Hier könnte man präventiv versuchen einzugreifen, wenn man denn darauf geschult wäre oder Experten für solche Fälle leichter und schneller vor Ort hätte.

Es gibt eine Menge zu tun. Es wäre schön, wenn die zuständigen Personen in Politik und Pädagogik endlich damit anfingen, sie umzusetzen, anstatt nach immer neuen Verboten zu rufen. Denn Verbote sind kontraproduktiv und ersetzen weder Verantwortung noch Kompetenz. Nichts weniger aber sind wir unseren Kindern schuldig!

 

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Weiterführende Infos zum Thema "Schluss mit dem Gewalttabu"
Buchvorstellung und zahlreiche Links zum Thema:
Müssen Kinder ballern und sich prügeln? Ja, sagt Thomas Hartmann


Warum Kinder ballern und sich prügeln müssen
272 Seiten - ISBN 3821856637
Preis € 17,95 , Eichborn Verlag

Eine spannende, unterhaltsame und lehrreiche Lektüre zum Thema Aggression, Gewalt, Computerspiele und Umgang mit denselben.

 

 und noch ein aktuelles Interview mit Herrn Hartmann:

Der Spiele-Pfarrer: Interview Interview von Harald Fränkel


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antworten

Kommentare

  1. Monika Armand "Gefährliches Theaterspiel"
    12.04.2009 | 10:12

    wenn dem so wäre, dann müssten wir uns doch große Sorgen um jene machen, welche tagtäglich auf der Theaterbühne oder im Fernsehspiel ihre Rolle als Bösewicht, Verbrecher oder gar Mörder wahrnehmen.

    Denn sie üben fiktive Gewalt aus, welche mit der virtuellen Gewalt nahe verwandt zu sein scheint. Anstatt zum Verbrecher zu werden, erringen sie allerdings oftmals Ruhm und Ansehen.....

    Auch das sog."Psychodrama" (ausführlich hier: Psychodrama und hier: "Psychodrama und Gruppenpsychotherapie: Jakob Levy Moreno") und das therapeutische Rollenspiel (z.B. Übernahme der Rolle eines mobbenden Kollegen, Chefs oder andere Nachstellungen schwieriger Situationen)müssten ihre Schädlichkeit bereits unter Beweis gestellt haben! Das Gegenteil ist der Fall!

    Mit einer dem Psychodrama verwandten Form, wird ein Antigewalttraining (auch Coolnesstraining genannt) mit Jugendlichen gemacht. Seine Methoden, welche ganz klar den Annahmen des Jugendamtes Dortmund widersprechen und wohl von dort verboten werden würden:
    "Kämpfen" wird hier zur pädagogischen Disziplin: Es wird "regelgeleitet" miteinander gekämpft, wie dies auch in den Life-Rollenspielen der Fall ist.

    Viele Schulen und auch etliche Jugendämter haben diese erfolgreiche Methode bereits in ihrem Programm aufgenommen!

    FAZIT: Es bleibt ein Rätsel, wie die Dortmunder Sozialpädagogen ihr Verbot mit wissenschaftlichen Argumenten belegen wollen.

    Leider haben viele Pädagogen und Sozialpädagogen in dieser Hinsicht eine unzureichende Ausbildung genossen, um diese Sachverhalte in wissenschaftlicher Hinsicht zu hinterfragen...........und leider bestimmen solche unhinterfragten Vorurteile nicht nur Verbote gegen harmloses Rollenspiel, sondern auch lebenslängliche "Kinderschicksale".....

  2. Stefan Vielen Dank!
    12.04.2009 | 10:52

    Es ist es wirklich erfrischend, einen durchdachten und realistischen Artikel wie diesen zu lesen.

    Er stellt ein Kontrastprogramm zu dem lächerlichen populistischen Gelaber einiger (meist bayerischer) Politiker dar.

  3. 12.04.2009 | 11:29

    Das Thema ist wirklich komplex.
    Make Love not War?
    http://www.youtube.com/watch?v=Wk8uNWF77gg

  4. Monika Armand @ Michael Wald
    12.04.2009 | 11:48

    Vorsicht, denn mit Ihrem Link vermischen bzw. vergleichen Sie Dinge miteinander, welche meines Erachtens überhaupt nichts miteinander zu tun haben.

    Second Life - soweit ich das aus diesem Filmbeitrag und aus Erzählungen von Spielern entnehmen konnte - ermöglicht eine absolut "anonyme" Gestaltung einer virtuellen Welt, ja einer zweiten Identität. Die Webseite wird von San Francisco aus gesteuert, weswegen hier wohl Fehlentwicklungen schwerer beizukommen ist.

    Ich denke, es würde niemand über die Sinnhaftigkeit eines Verbotes jener "Elemente" in dieser virtuellen Welt diskutieren.....

    Dass sich dort, d.h. in dieser gesicherten Anonymität auch Kriminelle, Pädaphile etc. tummeln, welche dort noch weitaus exzessiver als im realen Leben ihre kriminellen Neigungen ausleben können, unterscheidet das "Second-Life-Spiel" auch von "normalen" Computerspielen und vor allem von "LARP".

    Dort sind die Rahmenbedingungen klarer. Computerspiele müssen genehmigt werden und Life Rollenspiele erfolgen gerade nicht in einem "geschützten" anonymen Raum, in welchem dann auch kriminelle Neigungen ausgelebt werden könnten.

    Ich halte daher einen Vergleich mit diesen Erscheinungen eher für kontraproduktiv, weil hier ganz andere Probleme vorhanden sind, die einer völlig anderen (wissenschaftlichen) Betrachtungsweise unterworfen werden müssen.

  5. Petra Zugschwerdt LARP soll gefährlich sein? Unfaßbar!
    12.04.2009 | 14:03

    Erstmal: Das ist ein sehr schöner Gastbeitrag von Herrn Hartmann, der vielleicht von den richtigen Stellen mal gelesen werden sollte.

    Vor seinem Gastbeitrag mußte ich beim Lesen wirklich hysterisch kichern. LARP soll gefährlich sein? Ich selbst spiele zwar nicht, kenne aber einige herzensgute LARPer und finde daher dieses Urteil wirklich beleidigend und diffamierend. Wieder schön alles über einen Kamm scheren, was man nicht versteht.

    Das ist eine traurige Lachnummer und ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Wer hat nicht als Kind Cowboy und Indianer im Wald gespielt und sich gegenseitig "erschossen"? Wer hat nicht mit abgebrochenen Ästen miteinander als Ritter gefochten? Versteckfangen spielen regt vielleicht auch dazu ein, irgendwann Einbrecher zu werden. Fazit: alles Spielen sollte verboten werden! Playmobil darf keine Plastikpistolen mehr herstellen. Lego muß die Raumschiffe abrüsten. Und zu Karneval gibt es keine Kinderpistolen mehr. Aber das ist vermutlich wieder etwas anderes, weil die Menschen in den verantwortlichen Stellen das ja auch getan haben.

    Es ist einfach grotesk, was für vemeintlich schnelle Lösungen gesucht werden und wie einfach Leute, die ein wenig aus dem gut-altbürgerlichen Rahmen rausfallen, als potentiell gewaltbereit dargestellt werden, weil einfach von der urteilenden Seite das Grundverständnis für die Thematik fehlt. Es kann doch nicht angehen, daß dermaßen in das Recht der persönlichen Selbstverwirklichung eingegriffen und Zensur betrieben werden kann. *grrr* Diese Hexenjagd regt mich echt auf!

  6. Michael Wald Relevanz
    12.04.2009 | 16:11

    @ Monika Armand

    Ich wollte nichts vermischen oder vergleichen.

    Es ging mir darum, fest zu stellen dass die Argumentation "Ich tuh nur so als ob ich jemand mit ner Kettensäge den Kopf abrasiere" für mich nicht schlüssig ist (Aussagelogik). Und dabei handelt es sich auch um strafbare Handlungen!

    Siehe auch:
    http://www.youtube.com/watch?v=2TUAcPTpXo8

  7. adenosine
    12.04.2009 | 17:15

    Na ja, Sündenbock ist eine mögliche Bezeichnung, Handlungsfeld wäre aber richtiger. Nach spektakulären Vorkommnissen besteht nun mal die Erwartung an Politiker etwas zu tun und das muss in diesem Fall irgendetwas mit Jugend und Gewalt zu tun haben. Andere Medien mit Gewalt zu beschränken hat keine Akzeptanz, da dort Wähler und Rentner ärgerlich werden könnten. Da bieten sich Comuterspiele einfach an. Wenn man eine Möglichkeit finden würde, Jugendgewalt zu besteuern, wäre das natürlich eine ernsthafte Alternative.

  8. Thomas Hartmann Differenzierungen
    12.04.2009 | 17:30

    Die Gewaltdarstellungen aus Computerspielen in den von Michael Wald angeführten Videos sind ohne Zweifel widerlich, obwohl ARD und ZDF in ihren Beiträgen zum Thema „Killerspiele“ gern eine tendenziöse Auswahl treffen, die alles auf solche brutalstmöglichen Szenen zu reduzieren neigt. Dennoch ist es wahr, dass derartige Games in den Händen von Kindern sind, und das ist schlichtweg skandalös. Allerdings macht auch diese Tatsache die jungen Menschen nicht zu realen „Killern“, es hindert sie aber daran, sich mit altersgemäßen, sie fördernden Inhalten zu beschäftigen. Ob man solche Spiele, so lange sie nicht die verfassungsgemäßen Rechte (etwa mit der Darstellung oder gar Verherrlichung von Nazi-Symbolen und Gräueltaten) überschreiten, auch Erwachsenen zu entziehen versuchen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Wie in meinem Beitrag gesagt, auch die Literatur, das Theater und andere kulturelle Formen sind voller grausamer Gewalt, es gehört offensichtlich zum gesellschaftlichen Code, sich damit auch auf recht drastische Weise beschäftigen und „unterhalten“ zu dürfen.
    Kinderpornografie im selben Atemzug zu nennen gibt der Diskussion darüber einen mehr als üblen Beigeschmack. Denn jede Form von Kinderpornografie - auch in der Literatur, auf der Bühne oder im Film - ist zu Recht strengstens verboten und strafrechtlich sanktioniert. Hier geht es um den konkreten und präventiven Schutz unserer Kinder, die in keiner Weise - weder in bildlichen Darstellungen noch gar real - zu Opfern von perversen Impulsen kranker Menschen werden sollen.
    Das Video über das Second Life ist übrigens fast zwei Jahre alt. Inzwischen hat die 3D-Lebenssimulation (die kein Spiel ist!) deutlich an öffentlicher Aufmerksamkeit und Interesse der User verloren. Dennoch muss die Administration solcher Online-Angebote alles tun, um kinderpornografische wie auch andere strafbare Handlungen zu unterbinden, das gilt selbstverständlich auch im virtuellen Raum. Dass sich hier die Staatsanwaltschaft einschaltet bzw. notfalls von den Betreibern informiert wird, ist dringend erforderlich.
    Aber man sollte die Argumentationsebenen nicht vermischen: Computerspiele sind keine Kinderpornografie! Auch wenn dort in der Realität verbotene Handlungen möglich sind, müssen diese - im Unterschied zu kinderpornografischen Vorgängen - im virtuellen Raum keineswegs illegal sein. Ob sie noch geschmackvoll und zu irgendetwas Gutem förderlich sind, darüber allerdings muss diskutiert werden. Mit den Konsumenten, ggf. den Erziehungsberechtigten und Pädagogen der Gamer, aber auch mit den Entwicklern und Anbietern solcher Spiele. Verbote werden es aber nicht richten!

  9. Michael Friedrich Seit drei Generationen das Gleiche
    12.04.2009 | 20:32

    Es ist doch eigentlich immer die gleiche Leier, etwas Neues etabliert sich und schon rufen die Angehörigen der Generationen, die nichts damit anfangen können, dass es die Jugend verdirbt. Erst war es der Rock'n Roll, dann das Fernsehen, später Videos und jetzt natürlich Videospiele. Die letzten drei Generationen von Menschen müssten eigentlich nur noch degenerierte Gewaltzombies sein, wenn man den Warnungen der jeweiligen Elterngeneration glauben darf. Was daran am meisten verwundert ist, dass komischerweise keine Generation von ihren Erfahrungen aus der eigenen Jugend lernt und das Verhalten ihrer Kinder lockerer nimmt.
    Es ist wohl die Angst vor dem Neuen und das Unverständnis dessen, was dort passiert. Ich bin mir sicher, dass die durchschnittliche Mitarbeiterin eines Jugendamtes wenig von Technik und Computern versteht (und bestimmt auch noch stolz davon im Freundeskreis erzählt). Das macht es für Jugendliche interessant und für all die anderen, die nichts davon verstehen, einfach, darauf einzuprügeln. Und technikferne Rentner und Sozialarbeiter sind nunmal eine grössere Wählergruppe als 15-16 jährige.
    Vielleicht sollte man all diese netten Gewaltverhinderer einmal darauf aufmerksam machen, dass die schlimmsten Gewaltexzesse in Geschichte (Hitler und Stalin) und Gegenwart (z.B. Ruanda) nicht von Menschen ausgeführt wurden, die am Computer gespielt haben.

  10. Monika Armand Computerspiele und Friedenspädagogik...
    12.04.2009 | 21:52

    Sogar dieses Arbeitspapier (Seiten 8 - 10!) des Institutes für Friedenspädagogik Tübingen e.V.
    M_2 Computerspiele
    tritt einer undifferenzierten Betrachtung von Computerspielen entgegen und verneint eine Beziehung von Computerspielen als "Gewaltauslöser". Ich denke, dass bei einer Übertragung derselben Frage auf Life-Rollenspiele auch das Institut für Friedenspädagogik zu demselben Ergebnis kommen würde.....

    Möglich, dass die eine Friedenspädagogik nicht gleich die andere Friedenspädagogik ist....???

  11. Jürgen Bolt @michael friedrich
    13.04.2009 | 07:30

    Seid drei Generationen? Ich vermute, daß schon die Eltern von Lascaux ihre Kinder ermahnt haben, lieber draußen spielen zu gehen als die Höhle mit Tierzeichnungen vollzuschmieren.

    Daß sich Heranwachsende eine Gegenkultur gegen Erwachsene schaffen und daß diese repressiv darauf reagieren, ist doch normal.

    Erstaunlich ist wirklich, wie Sie bemerken, daß keine Elterngeneration ihre Jugenderfahrungen nutzen kann, um diesen Konflikt zu versehen und lockerer zu nehmen. Stattdessen kommen Rationalisierungen, zur Zeit eben angebliche Gewaltförderung durch Killerspiele.

    Übrigens zeigt ein Blick in Homers Ilias, daß minutiöse Gewaltdarstellungen in den Medien auch nicht wirklich neu sind, inklusive Verhöhnung der Opfer, Schändung der Leiche etc. Wenn es wirklich um Gewalt ginge und nicht, wie Sie richtig schreiben, um die Angst vor Neuem, würde das Dortmunder Jugendamt diese Wurzel unserer Kultur sofort verbieten müssen.

  12. Sascha Morlok @Michael Wald
    11.05.2009 | 21:35

    Das sie gerade diesen Panorama-Beitrag zitieren, welcher gerade der Stein des Anstosses und Sinnbild für tendenziöse Berichterstattung ist, und dieses gerade gar als Untermauerung ihrer Thesen benutzen stößt bei mir etwas sauer auf. Gerade dieser Beitrag ist voller falscher Darstellung und teils gar böswilliger Unterstellung, dass er als "Quelle" nicht wirklich taugt. Es ist niemand gezwungen so etwas "toll" zu finden, jedoch ist ihre Schlussfolgerung falsch, zumal sie gegenläufig zum momentanen Forschungsstand ist.

    (Hierzu interessant folgender Link, samt Kommentare: http://www.gamestudies.at/2009/03/zum-mythos-der-t%C3%B6tungshemmung.html )

    Der "Tod" in einem Spiel und der Tod in der Realität zwei verschiedene Bedeutungskontexte. Und wie Herr Hartmann schon sagte, kann der Mensch durchaus zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, auch bei Gewaltdarstellungen. Wenn ihnen diese Argumentation nicht einleuchtet, sollten Sie vielleicht erstmal einige dieser Spiele (ich empfehle Bioshock) spielen um einige der Konzepte zu "begreifen" (hier durchaus auch wörtlichen nehmen).

    Sollten Sie nach dem durchspielen eines dieser Spiele immernoch Bedenken haben, könne man gerne weiter argumentieren. Jedoch währe dies eine ethisch/moralische Diskussion über Gewaltdarstellung ansich, und keine kriminologische.

szmtag