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Neuromythos: Speak limbic und schon trifft man die richtigen Worte.....

von Monika Armand, 10. April 2009, 09:51

Im aktuellen Magazin Gehirn & Geist 5/2009 in der Rubrik "Besser Denken - Praxistipps von Trainern und Beratern" ist ein Beitrag von Anita Hermann-Ruess erschienen. Es geht um Kommunikation und laut Überschrift darum, "die richtigen Worte zu finden":

"Menschen haben verschiedene Denkstile und Wertesysteme. Wer sie kennt, kann sich in Gesprächen seinem Gegenüber anpassen und erreicht so leichter sein Ziel - egal, ob man Arbeitskollegen überzeugen oder einen Kunden für ein Produkt erwärmen will"

Das klingt vielversprechend und sehr einfach und so werden in bekannter BWL-typischer Rezeptologie Menschen in vier Denkstilkategorien eingeteilt, welche es zu erkennen gilt, um dann kunstvoll ihr "limbisches" System zu überlisten....

Damit diese küchenpsychologische und pseudoneurowissenschaftlich angehauchte Rezeptologie den notwendigen "wissenschaftlichen Touch" erhält wird das limbische System als reines "Emotionssystem" bemüht: "Das limbische System "schätze" die Aussagen ein, bewerte sie und leite erst dann die Information, verknüpft mit der passenden Emotion, an das Großhirn weiter." Diese Erklärung ist zwar nicht grundlegend falsch, sie reduziert allerdings die tatsächlichen Vorgänge darauf, dass nur Eingang findet, was zuvor emotional als bedeutsam eingestuft wird. Das Problem beginnt in diesem Erklärungsmodell an der Stelle, dass "Bedeutsamkeit" dann in der Wiederspiegelung an vier uneindeutigen "Denkstilen" festgemacht wird:

Die Autorin suggeriert, man könne vier Denkstile eines Menschen unterscheiden und um die "richtigen" Worte zu treffen, gelte es auf diese vier Denkstile einzugehen:

  • logischer (auf persönlichen Gewinn ausgerichtet)
  • experimenteller (an neuen Erfahrungen interessiert)
  • strukturierter (Sicherheit steht an erster Stelle)
  • gefühlvoller (Verbundenheit und Beziehungen stehen im Mittelpunkt)


Mit dieser extrem vereinfachenden pseudo-persönlichkeits-kognitionspsychologischen Erklärung werden dann noch vereinfachte Vorstellungen über das limbische System bemüht und dem Leser wird suggeriert, man müsse jetzt nur noch die Informationen denkstilgerecht, d.h. im Sinne dieser vier Denkstile "verpacken", damit das denkstiltypische "limbische" System unseres Gegenübers unsere Worte dann auch verstünde.

So wird das Denken eines Menschen in "Schubladen-Denksystem-Manier" in seiner Komplexität drastisch minimiert und das limbische System wird kurzerhand - und entgegen aktuellen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen - auf ein reines "Emotionsdenkstilkontrollsystem" reduziert....

(Limbisches System "Das limbische System ist eine Funktionseinheit des Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient. Dem limbischen System werden auch intellektuelle Leistungen zugesprochen. Die Sichtweise, bestimmte Funktionen (wie die Triebe) nur auf das limbische System zu beziehen und als vom Rest des Gehirns funktionell abgegrenzt zu betrachten, gilt heute als veraltet.")

Mag jeder an sich selbst überprüfen, ob er - wie dies das Modell suggeriert - vornehmlich logisch, experimentell, strukturiert oder gefühlvoll denkt.
Vier Schubladen, in welche wir Menschen gepresst werden, um dann daraus Schlüsse zu ziehen, wie man mit uns spricht?

Ein schönes, praktikables und einfaches Modell ?


Weit gefehlt, denn selbst bei diesem linearen und stark vereinfachenden Kausalitätsdenken steckt der Teufel im Detail:

So stolpere ich über den Gedanken: Was ist der Unterschied zwischen einem logischen und einem strukturierten Denkstil? Was natürlich fehlt und wir vergeblich in dem Beitrag suchen, ist eine saubere Definition dazu, wie sich denn "logisch" von "strukturiert" unterscheidet?....... So "schlage" ich bei Wikipedia nach:

"Logik ":"(griechisch ἡ λογική (τέχνη) he logiké téchne „die denkende [Kunst, Vorgehensweise]“) ist die Lehre des vernünftigen (Schluss-)Folgerns."

"Struktur":" (von lat.: structura = ordentliche Zusammenfügung, Bau, Zusammenhang; bzw. lat.: struere = schichten, zusammenfügen) versteht man das Muster von Systemelementen und ihrer Wirk-Beziehungen (Relationen) untereinander, also die Art und Weise, wie die Elemente eines Systems aufeinander bezogen sind (durch Beziehungen „verbunden“ sind), so dass ein System bzw. Organismus funktioniert (entsteht und sich erhält). und weiter:
In den Geisteswissenschaften bedeutet Struktur meist eine logische Ordnung von zusammenwirkenden Elementen; in der Mathematik z. B. eine algebraische oder topologische Ordnungsstruktur, in der Psychologie etwa das Gefüge zusammenwirkender geistig-seelischer Anlagen wie Begabungen oder Charaktereigenschaften."

und komme damit nicht weiter! Aber auch die Erläuterung der Autorin "auf persönlichen Gewinn ausgerichtet" für den logischen Denkstil bzw. "Sicherheit steht an erster Stelle" für den strukturierten Denkstil, erscheint mir dazu wenig ergiebig. Wie soll man nun den logischen und den strukturierten Denkstil im Gespräch voneinander unterscheiden und wie fabriziere ich dann "passend" meine richtigen Worte ???

Die Antwort dazu findet der Leser auf der dritten Seite und er wird überrascht sein, dass die Bezeichnungen der Denkstile von den Grundbedeutungen der Worte deutlich abweicht:

Der "logische" Denkstil sei auf den reinen "Gewinn" ausgerichtet, während der strukturierte Denkstil auf "Sicherheit" ausgerichtet sei. Der experimentelle Denkstil sei auf "Entdeckungen" aus, der gefühlvolle auf "Verbundenheit. Die Verwirrung wird dann noch perfekt, wenn wir uns dazu die "typischen Checkfragen" ansehen.

Über 40 Checkfragen, d.h. pro "Denkstil" ca. 10 Fragen sollen mich hier weiterbringen.Ich stelle anhand der Fragen für mich fest, dass ich wohl wenigstens drei Denkstile gleichzeitig praktiziere. Immerhin sind mir in meinem Denken die Fragen aus fast jeder Kategorie vertraut. Glaube ich der Autorin, dann scheinen meine Mitmenschen denkmässig "sparsam" und "einseitig" ausgestattet zu sein...... Warum konnte ich aber diese Einseitigkeit bislang noch nicht erkennen? Warum hat die Kognitionspsychologie diese "Einfachheit" menschlicher Denkstruktur bislang weder erforscht, noch erkannt?

Wie erkenne ich einen Gesprächspartner der "experimentell" denkt, an neuen Erfahrungen interessiert ist? Wie unterscheidet er sich von dem der einen logischen Denkstil hat ? Bin ich nun ein Exotin, wenn ich glaube von allen Denkstilen etwas zu haben, mal den einen und dann wieder den anderen Denkstil etwas stärker betone, aber mich keinesfalls in einem der Denkstile wieder finde?

Aber die Autorin geht noch weiter, ja, sie glaubt an meiner Büroeinrichtung erkennen zu können, wie mein...... nein eigentlich der Denkstil ihrer Mitmenschen ist. Oh wie peinlich, wenn jetzt meine Leser sähen, wie mein Büro gerade aussieht, dann passt keiner der Denkstile mehr und ich wäre denkmässig in einem Zustand der "Verwirrtheit" gelandet - zumindest im Moment ;-) ......

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Kommentare

  1. Helmut Wicht @ Armand
    10.04.2009 | 12:37

    Der Kritik an der umstandlosen Gleichsetzung von "limbischem System" und "Emotionalität" kann ich mich aus neurowissenschaftlicher Sicht nur vorbehaltos anschliessen. Das sind längst widerlegte Hypothesen aus den 3Oer Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der "Limbus" ist zumindest AUCH ein zentraler Bestandteil des deklarativen Gedächtnisses und AUCH ein Bestandteil der subcorticalen motorischen Systeme.

  2. Martin Huhn
    10.04.2009 | 14:59

    "Ich stelle anhand der Fragen für mich fest, dass ich wohl wenigstens drei Denkstile gleichzeitig praktiziere."

    Naja, Du bist ja auch eine Frau und Frauen ändern bekanntlich sehr schnell ihre Meinung. Das wird wohl an den sich abwechselnden Denkstilen liegen.

    Kleiner Scherz am Rande. ;-)

  3. Monika Armand @ Martin
    10.04.2009 | 17:20

    Gratulation, Du hast voll in mein limbisches System getroffen...... wobei ....Deine Bemerkung als eine Mischung zwischen dem experimentellen mit dem gefühlvollen Denkstil interpretierbar sein könnte ;-)

    Meine Diagnose: Du passt hier auch nicht nur in eine Denkstilkategorie? ;-)))

  4. Monika Armand @ Helmut
    10.04.2009 | 17:28

    Sooo alt schon ! Ich hätte geschätzt, dass man so in den 70ern dachte, denn aus dieser Zeit stammt das hinter den o.g. "Denkstilmodell" liegende H.D.I-Modell =
    "Ned Herrmann - das Herrmann Dominanz-Modell"

    (Zitat)"In den 70er Jahren entwickelte der Amerikaner Ned Herrmann eine Methode, um individuell unterschiedliche Denk- und Verhaltensstile sichtbar und damit vergleichbar zu machen. Auf der Grundlage der modernen Gehirnforschung entstand so das nach ihm benannte Herrmann-Dominanz-Modell."

    Damit wäre das Modell auch damals schon jämmerlich veraltet gewesen........

  5. Hartwig Hanser Gekennzeichnete G&G-Rubrik
    11.04.2009 | 08:39

    Liebe Frau Armand,

    erlauben Sie mir als zuständigem Redakteur für diesen Text eine kleine Anmerkung: Der Artikel fällt in unsere Rubrik „Besser Denken“, die klar gekennzeichnet ist als „Praxistipps von Trainern und Beratern“. Es geht hier also im Unterschied zu allen übrigen Artikeln im Heft weniger um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um anwendungsbezogene Hinweise, wobei die Autoren auch keine Forscher, sondern Coachs o.ä. sind. Entsprechend ist es korrekt, aber durchaus auch „im Sinne des Erfinders“ sprich der Redaktion, dass etwaige Querverweise zur Welt der Wissenschaft sehr knapp und vereinfacht gehalten sind. Von Pseudowissenschaft würde ich da nicht unbedingt sprechen, unter dieses Etikett fallen meiner Ansicht nach eher Dinge wie Astrologie oder Pendeln.

    Ihre Schwierigkeit, sich einem einzigen Denkstil zuzuordnen, kann ich hingegen gut nachvollziehen, auch bei mir treffen wohl drei der vier mehr oder weniger gleichermaßen zu. Allerdings wird auch im Text betont, dass sich die wenigsten Menschen nur einem Denkstil zuordnen lassen, bei den meisten seien zwei oder drei ausgeprägt.

    Viele Grüße,

    Hartwig Hanser

  6. Monika Armand Anwendung contra Wissenschaft?......
    11.04.2009 | 09:52

    Lieber Herr Hanser,

    vielen Dank für Ihre Antwort. Damit landen wir aus meiner Sicht bei einem grundsätzlichen Problem: Wie steht das Verhältnis von Theorie und Praxis?

    Braucht die Praxis "wissenschaftlich" fundiertes Wissen oder reichen hier "Neuerfindungen" und fernab aktueller Erkenntnisse aus der Psychologie und Hirnforschung, eigens entwickelte Mutmaßungen.....?

    Meine Argumentation stützt sich darauf, dass ich auch für praktische Anwendungsfelder erwarte, dass wissenschaftliche Erkenntnisse korrekt wieder gegeben werden. Frau Anita Hermann-Ruess stützt ihre "Begründung" für Ihre "Kommunikationsempfehlung" auf überholte Erkenntnisse aus der Hirnforschung und präsentiert ein "Denkstilmodell", welches weder von der Persönlichkeitspsychologie, noch in der Kognitionspsychologie irgendwelche Entsprechungen findet.

    Für mich besteht ein Unterschied, ob ich Wissenschaft lediglich "vereinfache"( wie dies z.B. ein Lehrer machen muss, will er seinen Schülern mit geringen Vorkenntnissen, aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft nahebringen), oder ob eine Vereinfachung - wie hier - zu einer Verfälschung der tatsächlichen, wissenschaftlichen Erkenntnisse führt.

    Dem "Denkstile-Modell" liegt das sog. Herrmann-Dominanz-Modell zugrunde. Dieses Modell beansprucht wiederum, angeblich "aktuelle" Ergebnisse aus der Hirnforschung zu verwerten:
    "Grundlage für sein Herrmann-Dominanz-Modell waren insbesondere Erkenntnisse der beiden Gehirnforscher Roger Sperry und Paul D. MacLean über die funktionalen Unterschiede der linken und rechten Gehirnhälfte sowie über die Dreiteilung des Gehirns in Großhirn, Zwischenhirn und Stammhirn."

    Das Herrmann-Dominanz-Modell präsentiert die von Frau Hermann-Ruess genannten Denkstile sogleich auch als "Persönlichkeitsmodell", siehe: "Das H.D.I.® - Unsere vier unterschiedlichen Ichs"

    Ob nun das HDI-Modell in Form von Denkstilen oder Persönlichkeitsmerkmalen: all das hat mit kognitions- und persönlichkeitspsychologischen Erkenntnissen nichts mehr gemein.

    Obwohl Frau Hermann-Ruess über "Kommunikation" referiert, ignoriert sie Erkenntnisse aus der Kommunikationspsychologie, welche nicht markenrechtliche geschützte theoretische Modelle beansprucht: wie z.B. Karl Bühler oder Schulz von Thun, zwar gleichfalls sehr vereinfachend, jedoch im Modell in weitaus logischerer, differenzierterer und in sich schlüssigerer Form, bestehende Kommunikationsprozesse wiederspiegeln: Die vier Seiten einer Nachricht - ein Modell der zwischenmenschlichen Kommunikation

    Es kommt nicht von ungefähr, dass das HDI-Modell keinen Eingang in die Kommunikationswissenschaft gefunden hat, weswegen es aus meiner Sicht legitim erscheint, sowohl das Modell, als auch seine Derivate als "Pseudowissenschaft"[(griech. ψεύδω, pseudo, „ich täusche vor“) ist ein Begriff für Behauptungen, Theorien, Praktiken und Institutionen, die sich den Anschein der Wissenschaftlichkeit geben, ohne diesen Anspruch zu erfüllen.]zu bezeichnen.

    Nachtrag: Über widersprechende Kommentare (natürlich auch bestätigende) zu meinen Ansichten würde ich mich sehr freuen ;-)))
  7. Hartwig Hanser @Wicht
    22.04.2009 | 11:36

    Sorry, hab Ihre Notiz jetzt erst gesehen. Klein rechtfertigende Anmerkung: Natürlich weiß ich, was das limbische System so alles treibt. Für diesen Artikel waren jedoch nur seine emotionalen Aufgaben relevant, daher hab ich das der Autorin durchgehen lassen. Es steht ja nirgends, dass es nicht auch noch andere Jobs hätte.

szmtag