brainlogs Alles hängt mit allem zusammen

Keine Angst vor dem Sterben, aber davor zu "krepieren".......

von Monika Armand, 09. Juli 2008, 15:44

Wichtiger Nachtrag (21.07.2008) angesichts der zunehmenden "Spardiskussionen" bezüglich der vom Gesundheitssystem geplanten Leistungseinschränkungen für chronisch Kranke und Schwerstkranke: Immer mehr führen statistische Kosten-Nutzen-Berechnungen zu (un-)sinnigen Behandlungsbeschränkungen. Die Einschätzungen über einen "erhöhten" Nutzen angesichts finanzieller Mehrbelastungen sind oft objektiven Beurteilungsmöglichkeiten entzogen. Ein als gering eingeschätzes "Mehr" an Nutzen führt daher zu Streichungen von Arzneimitteln und Behandlungsmöglichkeiten.....

Ethische Fragen scheinen diese Entwicklungen nicht aufzuwerfen.......das Sterben wird sich noch weiter verändern...(siehe "Nachtrag 21.07.2008" weiter unten)

Je mehr Informationen zum Thema vorliegen, desto mehr stellt sich die Frage, wie wir in Deutschland mit alten und kranken Menschen umgehen. Anstatt bester Voraussetzungen wird immer wieder vom Pflegenotstand in Altenheimen und Krankenhäusern berichtet......

Zu Recht wurde in einem Kommentar im vorigen Beitrag kritisiert, dass um "Sterbehilfe" diskutiert wird. Ein hässliches Wort, welches nicht im Entferntesten das beschreibt, worum es eigentlich geht:

Wie gehen wir heute - angesichts der vorhandenen medizinischen Möglichkeiten und Grenzen - mit unserem Tod um?

Wir werden mit viel Bohei und Tamtam auf diesem Erdenball empfangen, die meisten zumindest.... Geburtsanzeige, Tauffeier, Geschenke usw....Wir stehen als junge Erdenbürger im Mittelpunkt des Interesses, umgeben von Fürsorge und Liebe....

Wir leben, wir versuchen für andere da zu sein, wir leisten unseren Beitrag in dieser Gesellschaft. Der Staat gibt viel Geld aus, wenn es um Kultur, bestimmte Forschungszweige,und andere Dinge, welche keinen unmittelbaren "Nutzen" haben, geht....

Wir dürfen nach unserem Arbeitsleben ein "Rentnerleben" leben, manche aber auch "fristen"........ Wir werden kränklich, nur die Wenigsten "verabschieden" sich von einem Moment auf den anderen, plötzlich und unerwartet, aus dem "vollen" Leben. Für die Betroffenen der schönste Tod, für die Angehörigen nur schwer zu tragen.

Viele erwartet in dieser "modernen" Zeit bei Krankheit oder im (hohen) Alter, eine Zeit des Leidens, eine Zeit des Vegetierens und in der Regel das meist schmerzvolle Warten auf den Tod in einem Krankenhausbett. Bildquelle Pixelio: (c) Paul-Georg Meister

Wer großes Glück hat, kann sich noch von seinen Lieben verabschieden. Wer noch größeres Glück hat, der stirbt in den liebevollen Armen eines Angehörigen..... Viele sterben ohne Begleitung......  

Die Gedanken von Ingrid Sander im Spiegel-Interview stimmen nachdenklich.....:

"Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber Angst vor dem Krepieren. Aber meine Ärzte lehnen es ab, Sterbehilfe zu leisten." (Zitat aus dem Interview"Meinen Todestag möchte ich selbst bestimmen")


Ausgehend von solchen Überlegungen, stelle ich die Frage:
"Ist es nicht an der Zeit eine "Kultur des Sterbens", eine Möglichkeit des liebe- und würdevollen Abschied nehmens zu schaffen?"

Wie könnte eine "Sterbekultur" aussehen. 
  Nachtrag 21. Juli 2008
 
Die Einschränkungen im Gesundheitswesen in der Behandlung chronisch Kranker und Schwerstkranker -  und seit heute aktuell in der Diskussion: die Einschränkung in der Behandlung Krebskranker -   führt zu einem Lebensqualitätsverlust für die Betroffenen. Das zunehmende Leid und Leiden der Kranken und Schwerstkranken beeinflussen deren Lebenswillen. Einerseits wird in der politischen Debatte hervorgehoben, dass "Sterbehilfe" unethisch sei, während in der politischen Umsetzung aus Kostengründen längst "Leidenshilfe" geleistet wird. Ich denke, dass man nicht darauf hinweisen muss, dass das verstärkte Leiden auch zu einer "indirekten" Sterbehilfe führen kann........
 
Hintergrundinformationen: 
 

Nachtrag 12. Juli 2008:

Ich habe eine kleine Internetrecherche zur Frage einer "Sterbekultur" gemacht. Leider gibt es dazu wenig ausführliches Material. Zwei Links mögen eine erste Vorstellung vermitteln, in welche Richtung eine Sterbekultur gehen könnte: 

Patientenberatungsstelle Aachen zum Patientenwillen und Sterbekultur
Patientenwille gehört zur Sterbekultur

Uniklinikum Heidelberg zu Maximen einer Sterbekultur
Medizinische Psychologie: Maximen einer Sterbekultur - Universitätsklinikum Heidelberg
"Maximen einer achtsamen Sterbekultur: In der Begleitung Sterbender lassen sich kulturübergreifende anthropologische Konstanten festlegen. Ihre Beachtung oder Mißachtung beeinflussen den Kristallisationsprozeß der jeweiligen Sterbekulturen prägend. Sie......."


Ähnliche Artikel:


antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. Martin Huhn Hospiz
    10.07.2008 | 08:06

    "Ist es nicht an der Zeit eine "Kultur des Sterbens", eine Möglichkeit des liebe- und würdevollen Abschied nehmens zu schaffen?"

    Gibt es das nicht schon? Hospiz Mir scheint da haben sich einige schon lange vorher, ehe das Thema so populär wurde, Gedanken drüber gemacht.

  2. Monika Armand Sterbekultur im Hospiz
    10.07.2008 | 08:42

    Oh ja, der Hospizgedanke ist schön. Es ist quasi ein "Mini-Krankenhaus" mit engagierten Pflegekräften, welche den Kontakt zum Sterbenden intensiv gestalten. Dennoch liegen die Sterbenden alleine in einem Zimmer, mit viel Glück können sie nach draußen in eine schöne Umgebung vom Bett aus schauen. Sie bekommen Medikamente und ärztliche Versorgung, wenn das Haus gut geführt ist, ist die Pflege und Zuwendung optimal. Dennoch sind die Sterbenden viel mit sich allein......

    Sterben im Hospiz so sagt Ingrid Sander im Interview, löst ihr Problem nicht, weil die Wahrheit, man könne ohne Qualen sterben auch von den Ärzten im Hospiz verschwiegen wird..... Sie wünscht sich daher die Möglichkeit ihren Todeszeitpunkt selbst wählen zu dürfen........

    Mein Mann und ich haben eine alleinstehende Frau beim Sterben im Hospiz begleitet. Ja, es ist für Alleinstehende eine gute Lösung, wenn es darum geht in den Wochen vor dem Sterben nicht alleine zu sein......Wie im Interview mit Ingrid Sander deutlich wird, fängt das "würdevollere" Sterben dann aber erst 3 Wochen vor dem Tod an. Für die Wochen oder Monate zuvor gibt es keine Möglichkeit einen Hospizplatz zu bekommen (gemäß jener Info)...und bei vielen weiß man ja nicht so recht, wie lange das Leiden dauern wird...

    In Deutschland gibt es das Problem, dass die vorhandenen Hospizplätze den Bedarf überhaupt nicht decken können und in vielen Fällen werden zu spät Hospizplätze frei.......

    Es ist also ein Glücksfall dort zu "landen"....

  3. Martin Huhn
    10.07.2008 | 09:17

    Also wäre schonmal vielen geholfen, wenn man die Stellen in den Hospizen ausbaut. Dann müßte man sich überlegen, wie es gefördert werden kann und damit meine ich nicht nur mehr Geld.

    Zu den Schmerzen von Ingrid Sander kann ich nichts sagen, damit kenne ich mich nicht aus. Und bloß weil etwas im Spiegel steht nehme ich es nicht unbedingt für bare Münze. Zudem habe ich nach wie vor Probleme so einen speziellen Fall zu verallgemeinern. Spezielle Fälle müssen auch speziell betrachtet und behandelt werden.

    Und zum Abschluß meines Kommentares. Wir leben in einer Welt voll von Schmerz und Leid. Das durchzieht alle Bereiche des Lebens. Die eine bekommen mehr davon ab, andere weniger, aber Erfahrungen von Leid kennt jeder und wir können das Leid vielleicht verringern, aber wir bekommen es nicht aus der Welt.

  4. Monika Armand Grenzen medizinischer Hilfe.....
    10.07.2008 | 09:52

    "Also wäre schonmal vielen geholfen, wenn man die Stellen in den Hospizen ausbaut."
    ....Ich frage mich, ob ich einmal vom Krankenhaus in ein Hospiz zum Sterben gehen wollte...Der Ausbau von Hospizen bedeutet ja auch eine gewisse "Kommerzialisierung". Lässt sich die liebevolle Atmosphäre eines von sehr engagierten Menschen geführten Hospizes auf ein größeres Angebot übertragen?

    Sterben im Hospiz anstatt im vertrauten Heim, umgeben von der eigenen Familie, ist das wirklich eine gute "Sterbekultur" oder vielleicht doch nur ein "Abschieben" in fremde Hände.....

    "Zu den Schmerzen von Ingrid Sander kann ich nichts sagen, damit kenne ich mich nicht aus."

    Dazu kann ich aus eigenem Erleben Stellung beziehen. Vor meiner Gallen-OP sagte mir der Anästhesist ich müsse keine Schmerzen aushalten, ich solle Bescheid sagen, falls ich Schmerzen hätte.

    Ich habe das Pech zu jenem Kreis zu gehören, welches das Narkosemittel "Propofol" nicht verträgt. Ich hatte unerträgliche Schmerzen nach der OP, welche das sog. Propofol-Syndrom verursacht. Keine Hilfe war möglich, denn es hieß ich sei bereits bis zur "Halskrause" mit Schmerzmittel vollgepumpt......

    Bei der nächsten Anwendung von Propofol (erst hier stellte sich die Unverträglichkeit heraus) hielten diese Schmerzen nicht nur 2 Tage an, sondern 4 Tage....am 4. Tag wollte ich sterben, falls diese Schmerzen nicht mehr aufhörten...

    2006 hatte ich eine schwere Lungenentzündung. Für eine Asthmatikerin der Super-Gau...Ich hatte wochenlang schwerste Atemnot verbunden mit starken Schmerzen, welche nur begrenzt gelindert werden konnte.......Ich habe Glück gehabt, dass das Antibiotikum gewirkt hat, welches mir einen qualvollen Erstickungstod erspart hat. Wochenlang in diesem Zustand im Krankenhaus zu liegen unter nicht einfachen Umständen (Dreibettzimmer ohne Toilette,alle "Geschäfte" auf dem Stuhl - immer mit der Möglichkeit, dass Besuch mich dort gerade "erwischt", überfordertes Pflegepersonal, gestresste Ärzte, langes Warten bei Akutsituationen auf Hilfe.....) sorgt dann noch für zusätzliches Leiden....Mein Sohn tröstete mich mit den Worten, dass ich doch Glück hätte im Zimmer und nicht in einem Notbett auf dem Flur in einer großen Klinik mit unpersönlicher Atmosphäre liegen zu müssen....

    Angesichts dessen, dass zunehmend kleine Krankenhäuser geschlossen werden und die Bevölkerung immer älter wird, wird es immer wahrscheinlicher, dass Betroffene sich mit einem "Notbett" im Flur zum Sterben begnügen müssen.....

    Für andere Menschen sind solche Situationen nicht nur auf ein paar Monate beschränkt......Leider klären die Götter in "Weiß" nur ungerne darüber auf, wo ihre Grenzen liegen (d.h. auch der Palliativmedizin...) Und die Schmerzen und Atemnot, sowie deren Ausmaß lässt sich bis heute noch nicht messen...Die kennt nur, wer sie selbst erlebt hat.....

    Deshalb halte ich hier "Aufklärung" für wichtig. Leider trifft das zu, was Frau Sanders im Spiegel-Interview mitteilt....und sie ist eine von vielen...

    Solange Kranke Hoffnung auf eine Besserung haben, lassen sich - auch - qualvolle Schmerzen geduldig aushalten. Irgendwann sind die Kräfte der Betroffenen zu Ende und sie wünschen sich würdevoll verabschieden zu dürfen.....

  5. Ralf Sterben im "vertrauten Heim"
    22.07.2008 | 07:44

    Liebe Monika,

    Du schreibst: "... Sterben im Hospiz anstatt im vertrauten Heim, umgeben von der eigenen Familie, ist das wirklich eine gute "Sterbekultur" oder vielleicht doch nur ein "Abschieben" in fremde Hände ..."

    Vergiß bitte nicht, daß es immer mehr ältere Menschen die - wie z.B. ich - gar keine Familie (mehr) haben. Außerdem erfahre ich von immer mehr Menschen, daß sie entweder mit ihren Familien zerstritten und/oder daß die Familienmitglieder in alle Welt zerstreut sind!

    Und selbst wenn es in Familien noch Harmonie gibt: hat jede dieser Familien noch ein Zimmerchen für den Sterbenskranken und haben die Familienmitglieder immer Zeit, Kraft und Geld, um den Sterbenden zu begleiten?

    Fragen über Fragen in einer sich zersplitternden Welt ...

  6. Monika Armand Singles & Krankheit & Abschied vom Leben
    22.07.2008 | 14:39

    Lieber Ralf, vielen Dank, dass Du hier auf ein überaus wichtiges Problem aufmerksam machst.Und ich musste feststellen, dass sich mein Beitrag tatsächlich auf die "klassische Familienvorstellung" beschränkte und ich hier den Blick über den eigenen "Tellerrand" sträflichst vernachlässigt habe......
    Schon für eine passende "Überschrift" im Betreff hatte ich so meine Probleme: Darf ich das so ausdrücken? Eigentlich schon, oder nicht. Man sollte das "Kind" beim Namen nennen. Wie geht unsere Gesellschaft mit alten und sterbenden, (alleinstehenden) Menschen um?

    Da wird vergessen, dass sie meist vom Leben ausgeschlossen sind, wenn sie chronisch krank und "älter" werden. Da reicht es auch nicht aus, dass irgend ein anonymer Pflegedienst jeden Tag einmal - unter Zeitdruck - vorbei schaut und es reicht nicht aus, dass 3 Wochen vor dem Tod - sofern sie dann überhaupt zum Kreis der "Berechtigten" zählen eine "fiktive" Möglichkeit besteht in ein Hospiz zu gehen.

    Wer sorgt für diesen Kreis der Betroffenen, wer organisiert neben der notwendigen Pflege die menschliche Zuwendung und wer sorgt beizeiten, dass auch diese Betroffenen im Alter liebevoll begleitet und im Sterben einen lieben Menschen an ihrer Seite haben, welcher in den letzten Stunden die Hand hält und für einem würdevollen Abschied seinen Beitrag leistet?

    Solange in unserer Gesellschaft weder die "Bildung" von Kindern, noch die Unterstützung und Betreuung der "Alten" und "Kranken" einen deutlich höheren Stellenwert in der Politik und der Öffentlichkeit haben, so fürchte ich, wird sich wenig ändern.....

    Ich fürchte, solange das "alt" werden und "sterben" keine Fragen sind, mit welchen sich unsere Gesellschaft ernsthaft auseinander setzt, werden jene auf Menschen angewiesen sein, welche nicht nur von "Nächstenliebe" sprechen, sondern sie auch umsetzen.......

    Leider ist tätige "Nächstenliebe" in unserer Gesellschaft und oftmals auch in der institutionalisierten Kirche kein Thema mehr....In manchen wissenschaftlichen Kreisen wagen viele gläubige Christen sich kaum noch zu "outen". Oft scheint für überzeugte Atheisten der Glaube ein "Merkmal" mangelnder wissenschaftlicher Kompetenz zu sein.........

  7. Monika Armand Abschaffung der Leidenden .....
    01.09.2008 | 12:44

    schafft das Leid nicht ab. "Sterbehilfe"-Debatte im Hallenser St.-Elisabeth-Krankenhaus:
    "Ich bin für aktive Sterbehilfe", sagt Diplom-Theologe Heinrich Pera, einer der Pioniere der Hospizbewegung. Er provoziert. Rasch fügt er hinzu: "Nur, wenn sich in unserer Gesellschaft nichts ändert. Wir alle sind füreinander verantwortlich bis zum Lebensende. Wir müssen uns umeinander kümmern. Nicht der Bundestag, nicht nur die Hospizbewegung." Jeder Mensch müsse die Chance haben, durch menschliche Zuwendung und durch Schmerztherapie bis zuletzt leben zu können.
    mehr: Abschaffung der Leidenden schafft das Leid nicht ab "Sterbehilfe"-Debatte im Hallenser St.-Elisabeth-Krankenhaus

szmtag